Vertreter aus Politik und Tech-Branche beim Treffen zur »Superintelligenz« im Weißen Haus am 29. September.
Donald Trump verfolgt bei künstlicher Intelligenz bislang einen klaren Kurs: möglichst viel Tempo, möglichst wenig Regulierung. Nun schafft das Weiße Haus eine eigene Taskforce, die ausgerechnet untersuchen soll, welche Risiken die Technologie birgt und welche Verantwortung der Staat dabei übernehmen muss. Geleitet wird die »Super Intelligence Force« von Geheimdienstchef Jay Clayton. Für ihren Bericht bekommt sie 120 Tage. Die Konstruktion zeigt einen politischen Balanceakt: Amerika soll bei KI schneller sein als seine Rivalen – aber möglichst nicht die Kontrolle über das verlieren, was es dabei entwickelt.
Der Geheimdienstchef wird zum KI-Zaren
Jay Clayton leitet seit August die amerikanischen Nachrichtendienste. Nun kommt eine zweite Aufgabe hinzu: Nach Informationen des Wall Street Journal übernimmt er den Vorsitz der neuen White-House-Taskforce und wird damit faktisch zum zentralen KI-Koordinator der Regierung.
Ihr Auftrag reicht über eine allgemeine Bestandsaufnahme hinaus. Die Gruppe soll Risiken und Chancen fortgeschrittener KI untersuchen, bestehende Meldestrukturen für Sicherheitsvorfälle, Hacks und andere Zwischenfälle überprüfen und Vorschläge machen, wie die Bundesregierung innerhalb ihrer vorhandenen Befugnisse besser reagieren kann.
Claytons Begründung folgt dabei nicht primär der klassischen Logik einer Regulierungsbehörde. Er warnt vor allem vor dem Risiko, technologisch nicht an erster Stelle zu stehen. Darin steckt der politische Kern des Projekts.
Für die Trump-Regierung sind Sicherheit und technologische Dominanz keine Gegensätze. Washington argumentiert vielmehr, dass Rückstand selbst ein Sicherheitsrisiko wäre – insbesondere gegenüber China.
Eine Taskforce voller Machtzentren
Die Zusammensetzung unterstreicht diesen Anspruch.
Zu den drei stellvertretenden Vorsitzenden gehören Emil Michael aus dem Verteidigungsministerium, der Chef der Bundespersonalbehörde Scott Kupor sowie der Vorsitzende der Federal Trade Commission, Andrew Ferguson.
Zur Gruppe zählen außerdem Vizepräsident JD Vance, Verteidigungsminister Pete Hegseth, Finanzminister Scott Bessent und Stabschefin Susie Wiles. Als externe Berater sind unter anderem der frühere KI-Berater David Sacks sowie die ehemalige Außenministerin Condoleezza Rice vorgesehen.
Damit sitzen nicht nur Technologie- oder Sicherheitsbeamte am Tisch. Verteidigung, Wirtschaftspolitik, Wettbewerbsaufsicht, Personal und das Weiße Haus selbst werden zusammengeführt.
KI wird damit endgültig zu einem Querschnittsthema amerikanischer Machtpolitik.
Trump nennt KI inzwischen »Super Intelligence«
Schon der Name der Taskforce ist politisches Programm.
Ende September verfügte Trump per Executive Order, dass Bundesbehörden den Begriff »Artificial Intelligence« möglichst durch »Super Intelligence« ersetzen sollen. Die Regierung begründet das damit, dass die neuen Systeme weit über herkömmliche Vorstellungen künstlicher Intelligenz hinausgingen und enorme Chancen eröffneten.
Rechtlich verändert die Umbenennung zunächst wenig. Die zugrunde liegende gesetzliche Definition bleibt vorerst bestehen.
Politisch ist die Botschaft dennoch eindeutig: Die Technologie soll nicht primär mit Gefahr, Automatisierung oder Kontrollverlust verbunden werden, sondern mit Fortschritt und amerikanischer Führungsrolle.
Ausgerechnet wenige Tage später richtet dieselbe Regierung nun eine Taskforce ein, die systematisch die Risiken dieser Technologie untersuchen soll.
Das ist kein vollständiger Kurswechsel. Aber es ist ein gewichtiger Zusatz zum bisherigen Kurs.
Big Tech soll sich zunächst selbst kontrollieren
Denn Trump hält gleichzeitig an einer möglichst leichten Regulierung fest.
Nur wenige Tage vor Bekanntwerden der neuen Taskforce traf er sich im Weißen Haus mit Spitzenvertretern von Nvidia, OpenAI, Anthropic, Meta, Google und weiteren Technologieunternehmen.
Sechs große KI-Unternehmen verpflichteten sich dabei freiwillig zu gemeinsamen Sicherheitsprinzipien. Dazu gehören interne Kontrollen, die Überwachung besonders leistungsfähiger Systeme sowie unabhängige externe Prüfungen.
Trump bezeichnete die Vereinbarung als moralisch bindend.
Rechtlich bindend ist sie jedoch nicht.
Es gibt keine festgelegten Sanktionen, falls ein Unternehmen die Zusagen nicht einhält. Auch die Details der externen Prüfungen bleiben weitgehend den Unternehmen überlassen.
Damit bleibt das Grundmodell der Regierung bestehen: Die Industrie soll Innovation vorantreiben und sich zunächst weitgehend selbst kontrollieren; der Staat beobachtet, koordiniert und greift mit bestehenden Befugnissen ein.
Die Risiken lassen sich schwerer ignorieren
Warum also jetzt die Taskforce?
Ein Grund dürfte sein, dass die öffentliche Debatte in den USA deutlich schärfer geworden ist.
Nach einer Reuters/Ipsos-Umfrage vom September befürchten drei Viertel der Amerikaner, dass KI-Unternehmen nicht genug tun, um schwere gesellschaftliche Schäden zu verhindern.
Hinzu kommen reale Sicherheitsvorfälle und Warnungen aus der Branche selbst. Hochentwickelte KI-Agenten haben bereits gezeigt, dass sie sich in komplexen technischen Umgebungen unvorhersehbar verhalten können. Forscher und ehemalige Mitarbeiter großer KI-Unternehmen warnen zugleich zunehmend vor Risiken durch Cyberangriffe, autonome Systeme und immer leistungsfähigere Modelle.
Auch im Kongress wächst deshalb parteiübergreifend der Ruf nach stärkerer Kontrolle.
Für Trump entsteht daraus ein politisches Problem: Er will die Technologie nicht mit umfangreichen Vorschriften bremsen, kann ihre Risiken aber ebenfalls nicht mehr vollständig der Industrie überlassen.
Die neue Taskforce ist eine Antwort auf genau dieses Spannungsfeld.
China bleibt das entscheidende Gegenargument gegen Regulierung
Trumps Zurückhaltung gegenüber verbindlichen KI-Regeln hat einen zentralen Bezugspunkt: China.
Die Regierung argumentiert seit Monaten, dass zusätzliche regulatorische Lasten amerikanische Unternehmen im globalen Technologiewettbewerb schwächen könnten. Im Juni ordnete Trump bereits an, den Einsatz fortgeschrittener KI im nationalen Sicherheitsapparat zu beschleunigen.
Militär und Nachrichtendienste sollen möglichst schnell Zugang zu leistungsfähigen kommerziellen und offenen Modellen erhalten. Gleichzeitig sollen diese Systeme sicher, kontrollierbar und gegen Manipulation geschützt sein.
Die Logik dahinter ist dieselbe wie bei der neuen Taskforce.
Amerika soll Risiken nicht dadurch vermeiden, dass es langsamer entwickelt. Es soll Risiken beherrschen, während es möglichst schneller entwickelt als alle anderen.
Ob das funktioniert, bleibt offen.
Kontrolle ohne Bremse
Die Super Intelligence Force bekommt zunächst 120 Tage.
Danach könnte ihre Arbeit verlängert, in eine Behörde überführt oder in neue politische beziehungsweise gesetzgeberische Maßnahmen münden. Noch ist damit keineswegs entschieden, dass Washington tatsächlich strengere KI-Regeln einführen wird.
Im Gegenteil: Vieles deutet darauf hin, dass die Regierung zunächst versucht, bestehende staatliche Kompetenzen besser zu koordinieren, ohne eine neue umfassende Regulierungsarchitektur aufzubauen. Das macht die Taskforce politisch interessant.
Trump erkennt damit faktisch an, dass künstliche Intelligenz nicht mehr allein als Innovations- und Wachstumsthema behandelt werden kann. Cyberangriffe, nationale Sicherheit, kritische Infrastruktur und gesellschaftliche Risiken zwingen den Staat zunehmend in eine Rolle, die über reine Wirtschaftsförderung hinausgeht.
Der amerikanische KI-Kurs bleibt dennoch auf Geschwindigkeit ausgerichtet.
Die eigentliche Frage der kommenden 120 Tage lautet deshalb nicht, ob Washington die Entwicklung von KI bremsen will. Sondern ob sich eine Technologie, die immer autonomer und mächtiger wird, tatsächlich beaufsichtigen lässt, ohne ihren Wettlauf weiter zu beschleunigen.
Stefanie S. Klief