Russland hat die Ukraine erneut mit einem groß angelegten Raketen- und Drohnenangriff überzogen. Nach ukrainischen Angaben wurden in der Nacht zum 24. Mai 2026 zahlreiche Städte und Regionen attackiert, darunter auch Kiew und das Umland der Hauptstadt. Mehrere Menschen wurden getötet, Dutzende verletzt. In Kiew wurden Wohngebäude, Infrastruktur und weitere zivile Objekte beschädigt. Reuters berichtet von mindestens 4 vier Toten und zahlreichen Verletzten in der Hauptstadt und ihrer Umgebung.
Besonders brisant ist der mutmaßliche Einsatz der russischen Oreschnik-Rakete. Selenskyj erklärte, Russland habe diese Waffe bei dem Angriff auf Bila Zerkwa in der Region Kiew abgefeuert. Auch AP berichtet, Russland habe bei dem massiven Angriff eine hyperschallschnelle Oreschnik-Rakete eingesetzt; es wäre demnach der 3. bekannte Einsatz dieser Waffe im Krieg.
Bereits am Vortag hatte Selenskyj vor einem möglichen Oreschnik-Angriff gewarnt. Nach Angaben aus Kiew lagen entsprechende Hinweise von ukrainischen, amerikanischen und europäischen Geheimdiensten vor. Reuters berichtete am 23. Mai, Russland bereite möglicherweise einen kombinierten Angriff unter Einsatz verschiedener Waffentypen vor, darunter auch die Oreschnik.
Eine Rakete mit politischer Botschaft
Die Oreschnik ist keine gewöhnliche Rakete. Russland beschreibt sie als hyperschallschnelle ballistische Mittelstreckenrakete, die mit konventionellen oder nuklearen Sprengköpfen bestückt werden kann. Putin hatte die Waffe bereits mehrfach als nahezu nicht abfangbar dargestellt. Nach Reuters bedeutet der Name übersetzt etwa „Haselbaum“; militärisch handelt es sich um eine Waffe, die Reichweite, Geschwindigkeit und strategische Abschreckung miteinander verbindet.
Genau deshalb hat ihr Einsatz eine Bedeutung, die über den konkreten Treffer hinausgeht. Moskau demonstriert damit nicht nur militärische Fähigkeiten, sondern setzt ein Signal der Einschüchterung. Die Botschaft richtet sich an die Ukraine, aber auch an europäische Staaten und die USA: Russland ist bereit, Waffen einzusetzen, die an der Schwelle zwischen konventioneller Kriegführung und nuklearer Abschreckung liegen.
Bereits nach einem früheren Einsatz im Januar 2026 hatte Reuters analysiert, Putin wolle mit der Oreschnik ein Signal militärischer Stärke an die Ukraine, Europa und die USA senden. Der erneute Einsatz nahe der Hauptstadtregion verstärkt diese Lesart.
Eskalation nahe Kiew
Dass die Rakete diesmal nach ukrainischen Angaben in der Region Kiew eingesetzt wurde, erhöht die politische Wirkung zusätzlich. Bila Zerkwa liegt südlich der Hauptstadt. Damit rückt der Einsatz einer strategisch bedeutsamen Mittelstreckenwaffe näher an das politische Zentrum der Ukraine heran.
Die Financial Times berichtet, der Angriff auf Bila Zerkwa sei der bislang nächste bekannte Oreschnik-Einsatz in Richtung Kiew gewesen. Der Angriff sei Teil einer massiven russischen Attacke mit mehr als 90 Raketen und rund 600 Drohnen gewesen.
Für die ukrainische Führung ist der Einsatz der Oreschnik deshalb mehr als ein weiterer Angriff. Selenskyj warnte, der Einsatz solcher Waffen setze einen gefährlichen globalen Präzedenzfall. Wenn Russland mit dieser Art von Eskalation durchkomme, könne das auch andere autoritäre Regime ermutigen.
Abschreckung und Überforderung der Luftabwehr
Militärisch passt der Einsatz in ein Muster russischer Großangriffe, bei denen Drohnen, Marschflugkörper und ballistische Raketen kombiniert werden. Solche Angriffe sollen die ukrainische Luftverteidigung überfordern, Ressourcen binden und zugleich maximale psychologische Wirkung entfalten.
Die Oreschnik verschärft dieses Problem. Ihre hohe Geschwindigkeit und mögliche Mehrfachsprengkopf-Struktur machen sie nach Einschätzung westlicher Experten besonders schwer abzufangen. Reuters hatte bereits nach früheren Einsätzen berichtet, dass die Waffe wegen ihrer Konstruktion und Geschwindigkeit besondere Aufmerksamkeit bei Militäranalysten ausgelöst hat.
Für die Ukraine bedeutet das: Selbst moderne westliche Luftverteidigungssysteme stoßen bei bestimmten Waffentypen an Grenzen. Jeder weitere Einsatz solcher Raketen erhöht den Druck auf Kiew, aber auch auf die westlichen Unterstützer, zusätzliche Abwehrsysteme und Munition bereitzustellen.
Signal an Europa und die USA
Der Angriff fällt in eine Phase, in der militärische und diplomatische Signale eng ineinandergreifen. Russland begründet seine Angriffe regelmäßig mit angeblichen Vergeltungsmaßnahmen für ukrainische Attacken auf russisches oder russisch besetztes Gebiet. Moskau erklärte nach dem jüngsten Angriff, man habe militärische Infrastruktur in der Ukraine attackiert.
Gleichzeitig sendet der Einsatz der Oreschnik eine Botschaft an den Westen. Die Rakete berührt die alte Debatte über Mittelstreckenwaffen in Europa, nukleare Abschreckung und strategische Verwundbarkeit. Gerade weil sie nuklear bestückbar ist, wirkt ihr Einsatz auch dann als Drohung, wenn sie konventionell verwendet wird.
Für Europa ist das besonders relevant. Der Krieg in der Ukraine bleibt nicht auf ukrainisches Territorium begrenzt, wenn er sicherheitspolitische Gleichgewichte verschiebt. Jede neue russische Eskalationsstufe erhöht den Druck auf NATO-Staaten, Luftverteidigung, Abschreckung und eigene industrielle Verteidigungsfähigkeit zu stärken.
SK