Deutschland wird in den kommenden 15 Jahren rund 13,3 Millionen Erwerbspersonen verlieren, weil die Babyboomer das Rentenalter erreichen. Gleichzeitig wird es für junge Menschen immer schwieriger, überhaupt in den Arbeitsmarkt hineinzukommen. Seit dem Boomjahr 2022 ist das Angebot an Einstiegsjobs um mehr als zwei Drittel eingebrochen. Unternehmen reagieren damit auf die schwache Konjunktur – riskieren aber, aus einer kurzfristigen Sparmaßnahme ein langfristiges Nachwuchsproblem zu machen.
Der Stellenmarkt schrumpft – Berufsanfänger trifft es doppelt
Die Lage auf dem deutschen Arbeitsmarkt hat sich deutlich eingetrübt. Im zweiten Quartal 2026 gab es nach der Stellenerhebung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nur noch rund eine Million offene Stellen. Abgesehen von den Corona-Lockdowns 2020 war die Arbeitskräftenachfrage damit seit 2016 nicht mehr so niedrig.
Für Berufseinsteiger ist die Entwicklung allerdings erheblich drastischer.
Indeed definiert Einstiegsstellen unter anderem über Begriffe wie »Junior«, »Berufseinstieg« oder »Trainee« im Stellentitel. Solche Ausschreibungen lagen im Juli 2026 bereits 46 Prozent unter dem Durchschnitt des Jahres 2019. Der gesamte Stellenmarkt lag dagegen trotz seiner Schwäche noch acht Prozent über dem damaligen Niveau.
Der Ausgangspunkt macht den Absturz noch deutlicher: Im Juli 2022 lagen die Einstiegsjobs zeitweise 75 Prozent über dem Niveau von 2019. Von diesem Rekord aus ist das Angebot inzwischen um mehr als zwei Drittel gefallen. Der Gesamtmarkt schrumpfte seit 2022 dagegen um rund 38 Prozent.
Berufsanfänger verlieren damit nicht einfach Stellen, weil überall weniger eingestellt wird. Ihre Stellen verschwinden überproportional.
Am härtesten trifft es die klassischen Wissensberufe
Besonders deutlich ist der Rückgang dort, wo viele Hochschulabsolventen ihre Karriere beginnen.
Bei Einstiegsjobs für IT-Anwendungen und -Lösungen sank das Angebot seit dem Höchststand 2022 um 77 Prozent. Im Marketing waren es 75 Prozent, im Projektmanagement 60 Prozent. Insgesamt verzeichneten 26 der 28 von Indeed untersuchten Berufsgruppen rückläufige Einstiegsangebote. In 23 Bereichen war der Rückgang stärker als am Gesamtmarkt.
Das verändert einen Karriereweg, der lange selbstverständlich erschien: Ausbildung oder Studium abschließen, anschließend über eine Juniorstelle Erfahrung sammeln und sich schrittweise spezialisieren.
Wenn Unternehmen weniger solche Stellen anbieten, fehlt ausgerechnet die erste Stufe dieser Leiter. Berufserfahrung wird weiterhin verlangt – nur die Gelegenheit, sie zu erwerben, wird knapper.
Ist KI schuld? Noch lässt sich das nicht belegen
Dass besonders IT-, Marketing- und Projektmanagementjobs betroffen sind, legt einen Verdacht nahe: Viele typische Einstiegsaufgaben lassen sich inzwischen zumindest teilweise durch künstliche Intelligenz unterstützen oder automatisieren.
Indeed findet tatsächlich einen Zusammenhang zwischen hoher KI-Exposition und schwacher Entwicklung bei Nachwuchsstellen. In Berufsgruppen, in denen mehr als 60 Prozent der Fähigkeiten und Aufgaben durch KI übernommen oder unterstützt werden könnten, gab es im Juli 2026 nur etwa halb so viele Einstiegs-, Praktikums- und Werkstudentenstellen wie 2019.
Als Beleg dafür, dass KI diese Jobs bereits vernichtet, reicht das allerdings nicht.
Der Rückgang begann im Frühjahr beziehungsweise Sommer 2022 – also noch bevor ChatGPT Ende desselben Jahres veröffentlicht wurde. Auch Indeed-Ökonomin Virginia Sondergeld warnt deshalb vor einer einfachen Erklärung. Derzeit spreche mehr dafür, dass die schwache Konjunktur Einstiegsstellen besonders hart trifft.
Das heißt nicht, dass KI künftig keine Rolle spielen wird. Es bedeutet nur: Der derzeitige Einbruch lässt sich nicht seriös allein ihr zuschreiben.
Warum Unternehmen zuerst beim Nachwuchs sparen
Aus Unternehmenssicht ist die Logik zunächst nachvollziehbar. Neue Mitarbeiter ohne Berufserfahrung müssen eingearbeitet werden. Sie brauchen Betreuung durch erfahrene Kollegen und erreichen häufig erst nach einiger Zeit ihre volle Produktivität. In einer Phase mit schwachen Auftragsbüchern und hoher Unsicherheit lässt sich eine offene Juniorstelle leichter verschieben als eine Position, von der bereits bestehende Abläufe abhängen.
Indeed fasst diesen Mechanismus so zusammen: In wirtschaftlich unsicheren Zeiten sparen Unternehmen besonders dort, wo sie zunächst in Nachwuchs investieren müssten. Kurzfristig reduziert das Kosten.
Langfristig entsteht daraus allerdings ein Problem: Aus einem Berufseinsteiger wird erst durch Erfahrung eine erfahrene Fachkraft. Wer heute keinen Einstieg ermöglicht, kann denselben Mitarbeiter in einigen Jahren nicht plötzlich als Senior einstellen.
Ausgerechnet die Demografie macht das riskant
Dieser Zusammenhang bekommt durch die Altersstruktur des deutschen Arbeitsmarktes besondere Bedeutung.
Bis 2040 werden nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes rund 13,3 Millionen heutige Erwerbspersonen das gesetzliche Rentenalter überschritten haben. Das entspricht rund 30 Prozent des derzeit verfügbaren Erwerbspersonenpotenzials. Jüngere Generationen sind zahlenmäßig zu klein, um die ausscheidenden Babyboomer vollständig zu ersetzen.
Schon heute hat Deutschland die älteste Erwerbsbevölkerung innerhalb der Europäischen Union. Knapp ein Viertel der Erwerbstätigen im Alter von 15 bis 64 Jahren war 2024 bereits zwischen 55 und 64 Jahre alt.
Gleichzeitig zählt die Bundesagentur für Arbeit trotz der schwachen Konjunktur weiterhin 157 Berufsgattungen mit Fachkräfteengpässen. Besonders betroffen sind Pflege und medizinische Berufe, Bau und Handwerk, aber auch Erziehung, Berufskraftverkehr und Gastronomie.
Es existieren damit zwei Arbeitsmärkte gleichzeitig. In manchen Bereichen fehlen Arbeitskräfte schon heute. In anderen finden junge Bewerber kaum eine Einstiegsmöglichkeit. Der pauschale Satz vom »Fachkräftemangel« beschreibt diese Realität deshalb nur unzureichend.
Pflege und Gastronomie laufen gegen den Trend
Wie unterschiedlich die Lage ist, zeigt die Indeed-Auswertung besonders deutlich.
Nur zwei der 28 untersuchten Berufsgruppen verzeichneten seit 2022 mehr Einstiegsangebote: Pflege, Medizin und Pharmazie legten um 18 Prozent zu, Lebensmittel, Gastronomie und Hotellerie um zehn Prozent. Gesucht werden beispielsweise Pflegefachkräfte, Physiotherapeuten, Köche oder Fachkräfte für Systemgastronomie.
Das sind zugleich Bereiche, in denen der demografische Wandel den Personalbedarf besonders deutlich macht. In den typischen Büro- und Wissensberufen sieht die Lage dagegen vollkommen anders aus. Dort treffen konjunkturelle Zurückhaltung, Digitalisierung und möglicherweise künftig stärker auch KI auf vergleichsweise viele Bewerber.
Die Frage für junge Menschen lautet deshalb zunehmend nicht nur: Welche Qualifikation habe ich? Sondern: In welchem Teil des Arbeitsmarktes versuche ich damit einzusteigen?
Die Ausbildung hält sich erstaunlich gut
Einen bemerkenswerten Gegenpunkt liefert das duale Ausbildungssystem.
Auf Indeed lagen die Ausschreibungen für Ausbildungsplätze einschließlich dualer Studiengänge im Juli 2026 noch rund 50 Prozent über dem Niveau von 2019. Sie haben sich damit wesentlich robuster entwickelt als klassische Einstiegsstellen nach abgeschlossener Ausbildung oder Studium.
Das bedeutet nicht, dass der gesamte Ausbildungsmarkt boomt. Daten der Bundesagentur zeigen regional und bundesweit ebenfalls sinkende Angebote; in Nordrhein-Westfalen wurden beispielsweise 2026 bis Ende August 6,4 Prozent weniger betriebliche Ausbildungsstellen gemeldet als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig waren dort noch mehr als 23.000 Stellen unbesetzt.
Trotzdem zeigt der Vergleich ein interessantes Muster: Betriebe, die selbst ausbilden, scheinen in vielen Bereichen stärker bereit zu sein, Nachwuchs aufzubauen, als Unternehmen, die fertige Berufseinsteiger über den freien Stellenmarkt suchen. Das duale System könnte damit in der aktuellen Krise zu einem Vorteil werden.
Der erste Job prägt mehr als nur den Lebenslauf
Für die Betroffenen geht es bei einem schwierigen Berufseinstieg um mehr als einige zusätzliche Bewerbungen. Wer nach Ausbildung oder Studium über längere Zeit keine qualifikationsgerechte Stelle findet, verliert nicht nur Einkommen. Berufliche Erfahrungen werden später gesammelt, Netzwerke entstehen später und Gehaltsentwicklungen können sich verschieben.
Indeed spricht deshalb von der Gefahr eines Jahrgangs, der mit einem Startnachteil ins Erwerbsleben geht. Die Erwerbslosenquote der 15- bis 24-Jährigen ist in Deutschland zwar weiterhin deutlich niedriger als im EU-Durchschnitt, stieg aber laut der von Indeed herangezogenen internationalen Statistik von 5,9 Prozent im Jahr 2023 auf 7,1 Prozent 2025.
Noch ist Deutschland weit von einer Jugendarbeitslosigkeit entfernt, wie sie einige südeuropäische Länder seit Jahren kennen. Die Richtung sollte trotzdem aufmerksam machen.
Stefanie S. Klief