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Der Mann hinter Kühne+Nagel wird seine Oper nicht mehr sehen

Klaus-Michael Kühne prägte Logistik, Luftfahrt, Schifffahrt und seine Heimatstadt Hamburg – nun müssen andere sein letztes großes Projekt vollenden

9 Min.

24.08.2026

Klaus-Michael Kühne mit seiner Ehefrau Christine bei der Eröffnung des Luxushotels The Fontenay im März 2018. Seine Frau begleitete ihn über Jahrzehnte auch bei zahlreichen Kultur- und Stiftungsprojekten. Nach seinem Tod rückt die Kühne-Stiftung noch stärker ins Zentrum seines Vermächtnisses.

Fast sieben Jahrzehnte war Klaus-Michael Kühne mit dem Unternehmen verbunden, das seinen Namen trägt. Er machte aus einer mittelständischen Spedition einen globalen Logistikkonzern, investierte später Milliarden in Schifffahrt, Luftfahrt und andere Unternehmen und wurde zu einem der reichsten Deutschen. Am Montag ist Kühne im Alter von 89 Jahren an seinem Schweizer Wohnort Schindellegi gestorben. Sein wirtschaftliches Lebenswerk ist weitgehend vollendet. Eines seiner sichtbarsten letzten Vorhaben dagegen befindet sich noch auf dem Papier: Eine neue Oper für Hamburg könnte frühestens 2034 eröffnen. Ob sie gebaut wird, entscheidet nun eine Stiftung, die Kühne bewusst darauf vorbereitet hatte, ihn zu überdauern.

Aus einer Spedition wurde ein globales Netzwerk

Klaus-Michael Kühnes unternehmerische Leistung lässt sich am deutlichsten an der Entwicklung von Kühne+Nagel ablesen.

1958 trat er in das Familienunternehmen ein. 1966, mit 29 Jahren, wurde er CEO. Später führte er den Konzern als Verwaltungsratspräsident und blieb ihm seit 2011 als Ehrenpräsident verbunden.

Das Unternehmen selbst war damals keineswegs neu. August Kühne und Friedrich Nagel hatten die Spedition bereits 1890 in Bremen gegründet. Unter Klaus-Michael Kühne erhielt sie jedoch jene internationale Ausrichtung, die das Geschäft bis heute prägt.

Sein Ziel war ein weltumspannendes Logistiknetzwerk. Daraus entstand ein Konzern mit inzwischen mehr als 1.300 Standorten in nahezu 100 Ländern und rund 88.000 Beschäftigten. Kühne+Nagel gehört weltweit zu den führenden Unternehmen in der See- und Luftfracht sowie der Kontraktlogistik.

Diese Internationalisierung dürfte seine wichtigste unternehmerische Errungenschaft bleiben. Denn Kühne erkannte früh, dass mit wachsender Arbeitsteilung nicht nur der Transport von Waren wichtiger werden würde, sondern die Organisation kompletter Lieferketten. Aus einer klassischen Spedition wurde ein Unternehmen, das globale Warenströme koordiniert.

Kühne wurde vom Unternehmer zum Großinvestor

Später baute Kühne neben dem Familienunternehmen ein Beteiligungsportfolio auf, das weit über die ursprüngliche Logistikfirma hinausreicht.

Über die Kühne Holding hält sein Unternehmensgeflecht weiterhin die Mehrheit an Kühne+Nagel. Hinzu kommen 30 Prozent an der Containerreederei Hapag-Lloyd, rund 20 Prozent an Lufthansa und mehr als 20 Prozent am Chemiedistributeur Brenntag. Auch an Flix ist die Holding wesentlich beteiligt.

Die Investments folgten häufig einem gemeinsamen Muster. Kühne investierte bevorzugt in Unternehmen, deren Geschäft er verstand: Transport, Logistik, Mobilität und zunehmend angrenzende Bereiche.

Besonders folgenreich wurde sein Engagement bei Hapag-Lloyd. Ab 2009 baute Kühne dort seine Beteiligung aus und investierte nach Medienberichten rund eine Milliarde Euro. Sein Engagement trug wesentlich dazu bei, dass die traditionsreiche Reederei ihre Verankerung in Hamburg behielt. Heute hält die Kühne Holding 30 Prozent des Unternehmens.

Auch bei Lufthansa blieb Kühne kein stiller Finanzinvestor. Seit 2022 stieg seine Holding zum größten Einzelaktionär auf. Zuletzt lag die Beteiligung bei rund 20 Prozent. Kühne äußerte sich öffentlich wiederholt kritisch über Strategie, Markenvielfalt und Servicequalität des Konzerns.

Damit hatte er sich in seinen letzten Lebensjahren von einem Logistikunternehmer zu einem der einflussreichsten privaten Investoren in Europas Transportwirtschaft entwickelt.

Hamburg blieb seine zweite große Bühne

Dabei lebte Kühne seit Jahrzehnten in der Schweiz. Die Familie hatte den Unternehmenssitz Ende der 1960er- beziehungsweise Anfang der 1970er-Jahre auch aus steuerlichen Gründen dorthin verlagert. Seine Bindung an seine Geburtsstadt Hamburg blieb dennoch ungewöhnlich stark.

Sie zeigte sich wirtschaftlich bei Hapag-Lloyd, emotional beim Hamburger SV und sichtbar in Kultur, Bildung und Immobilien.

2010 gründete seine Stiftung die Kühne Logistics University in Hamburg. Was mit rund 30 Studenten begann, entwickelte sich zu einer international ausgerichteten Wirtschaftshochschule mit Schwerpunkt Logistik, Operations und Supply-Chain-Management. Die KLU besitzt inzwischen die internationale AACSB-Akkreditierung, die nur rund fünf Prozent der Business Schools weltweit tragen, und eröffnete 2025 einen zweiten Campus in Vietnam.

Auch die Elbphilharmonie unterstützten Klaus-Michael und Christine Kühne bereits während des Baus. Später förderte die Stiftung unter anderem Eröffnungskonzerte, Festivals und den laufenden Konzertbetrieb. Und mit dem Luxushotel The Fontenay ließ Kühne sich schließlich selbst ein weithin sichtbares Gebäude an der Hamburger Außenalster errichten. Rund 130 Millionen Euro soll das Projekt gekostet haben.

Sein letztes großes Projekt steht noch nicht

Doch das wohl monumentalste Hamburger Projekt Kühnes existiert bislang nur als Planung und Architekturentwurf. Auf dem Baakenhöft in der HafenCity soll ein neues Opernhaus entstehen.

Die Hamburger Bürgerschaft stimmte dem Vertrag zwischen Stadt und Kühne-Stiftung im November 2025 mit großer Mehrheit zu. Der Entwurf stammt von der Bjarke Ingels Group. Vorgesehen ist ein Opernhaus mit einer öffentlich begehbaren Dachlandschaft unmittelbar an der Elbe.

Die Konstruktion der Finanzierung ist für Kühnes Mäzenatentum charakteristisch. Die Stadt trägt einen gedeckelten Betrag von 147,5 Millionen Euro für standortspezifische Mehrkosten wie Gründung und Flutschutz. Die Kühne-Stiftung soll die übrigen Planungs- und Baukosten sowie die damit verbundenen Risiken übernehmen. Nach Fertigstellung sollen die Anteile der Stiftung an der Projektgesellschaft und damit letztlich das Opernhaus an die Stadt übergehen.

Kühne selbst wird dieses Geschenk an seine Heimatstadt nicht mehr sehen. Mehr noch: Der eigentliche Bau ist bislang nicht endgültig beschlossen.

Zunächst laufen die detaillierten Planungen und Kostenberechnungen. Voraussichtlich im ersten Quartal 2028 soll die Kühne-Stiftung auf dieser Grundlage endgültig entscheiden, ob sie das Opernhaus finanziert. Ein Baubeginn wäre Anfang 2030 möglich, die Fertigstellung bei reibungslosem Verlauf Mitte 2034.

Das macht Kühnes Tod für dieses Projekt besonders interessant. Aus einer persönlichen Vision wird nun endgültig eine institutionelle Aufgabe.

Die Stiftung war als Nachfolger längst vorgesehen

Dass dieser Moment kommen würde, hatte Kühne lange vorbereitet.

Seine Ehe mit Christine Kühne blieb kinderlos. Statt ein klassisches Familienerbe an die nächste Generation weiterzugeben, sollte sein Vermögen zunehmend in dauerhaften Strukturen gebündelt werden.

Die bereits 1976 gemeinsam mit seinen Eltern gegründete Kühne-Stiftung ist inzwischen eine der großen europäischen Stiftungen. Fast 800 Mitarbeiter arbeiten nach eigenen Angaben weltweit in Projekten zu Logistik, Medizin, Klima und Kultur. Die Stiftung ist in 42 Ländern aktiv. Für 2026 stellt sie aus eigenen Mitteln rund 65 Millionen Schweizer Franken bereit; einschließlich weiterer Finanzierungen umfasst ihr Projektbudget etwa 135 Millionen Franken.

Kühne hatte zudem festgelegt, dass sein gesamtes Vermögen letztlich auf die Stiftung übertragen werden soll. Das unterscheidet seinen Tod wirtschaftlich von dem vieler anderer Familienunternehmer.

Es beginnt kein klassischer Erbstreit mehrerer Nachkommen um einzelne Beteiligungen. Stattdessen wird die Frage sein, ob die von Kühne geschaffenen Institutionen seine sehr persönliche Form des Unternehmertums und Mäzenatentums dauerhaft fortsetzen können.

Mit der Kühne Holding existiert dafür bereits eine professionell geführte Struktur. Sie bündelt die Unternehmensbeteiligungen, Immobilien und Finanzanlagen. Die operative Führung hatte Kühne schon vor Jahren zunehmend an Manager übertragen.

Vom HSV bis zur Medizin

Kühnes Interessen gingen dabei weit über Unternehmen hinaus.

Beim Hamburger SV wurde er zum wohl bekanntesten und zugleich umstrittensten privaten Geldgeber der jüngeren Vereinsgeschichte. Rund 100 Millionen Euro soll er insgesamt in den Club investiert haben. Zeitweise hielt er mehr als 20 Prozent an der HSV Fußball AG. Er finanzierte Transfers, erwarb Namensrechte am Stadion und äußerte sich mitunter so offensiv über Spieler und Verantwortliche, dass sein finanzieller Einfluss immer wieder Debatten über die Macht einzelner Investoren im Fußball auslöste.

Weniger öffentlichkeitswirksam, aber strukturell möglicherweise nachhaltiger, entwickelte sich das Engagement seiner Stiftung in Wissenschaft und Medizin.

Neben der KLU entstanden Programme für humanitäre Logistik, Forschung zu Allergien und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie ein Medizin-Campus in Davos. 2024 gründete die Stiftung zudem das Kühne Climate Center, das sich mit der Dekarbonisierung globaler Lieferketten beschäftigt.

Damit wurde aus dem Vermögen eines Logistikunternehmers schrittweise eine Infrastruktur für Forschung und Bildung.

Ein Lebenswerk mit einem schwierigen Kapitel

Eine Bilanz Kühnes wäre allerdings unvollständig, würde sie nur Unternehmenswachstum und Mäzenatentum betrachten.

Zur Geschichte von Kühne+Nagel gehört auch die Rolle des Unternehmens während der NS-Zeit.

Die Spedition war an der sogenannten M-Aktion beteiligt, bei der das Eigentum deportierter und geflohener jüdischer Familien aus den besetzten Ländern nach Deutschland transportiert wurde. Historische Recherchen dokumentieren zehntausende Bahnwaggons und hunderte Schiffsladungen geraubten Eigentums. Kühne+Nagel gehörte zu den Unternehmen, die daran wirtschaftlich profitierten.

Hinzu kommt die Geschichte des jüdischen Mitgesellschafters Adolf Maass, der 1933 aus dem Unternehmen gedrängt wurde und später gemeinsam mit seiner Frau Käthe deportiert und ermordet wurde.

Klaus-Michael Kühne selbst war damals noch nicht geboren beziehungsweise ein Kind und damit für diese Vorgänge nicht verantwortlich. Kritisiert wurde jedoch über Jahre sein späterer Umgang damit. Er lehnte eine umfassende unabhängige öffentliche Aufarbeitung der Unternehmensgeschichte ab. Diese Diskussion begleitete zuletzt auch das geplante Opernprojekt in Hamburg.

Auch dieser Konflikt gehört deshalb zu dem Vermächtnis, das nun andere übernehmen.

Die Oper wird zum Test für das System Kühne

Klaus-Michael Kühne hinterlässt keinen einzelnen Konzern. Er hinterlässt ein System.

Ein globales Logistikunternehmen. Bedeutende Beteiligungen an Hapag-Lloyd, Lufthansa und Brenntag. Eine Holding. Eine internationale Universität. Forschungsprogramme. Kulturförderung. Hotels. Und eine Stiftung, die ausdrücklich dafür geschaffen wurde, nach seinem Tod weiterzuarbeiten.

Dass er die neue Hamburger Oper nicht mehr erleben wird, bekommt vor diesem Hintergrund eine fast symbolische Bedeutung.

Denn bis zu seinem Tod stand hinter vielen dieser Projekte immer noch eine außergewöhnlich dominante Unternehmerpersönlichkeit, die Geld nicht nur bereitstellte, sondern Entscheidungen kommentierte, beeinflusste und häufig bis ins Detail verfolgen wollte.

Bei der Oper wird nun erstmals sichtbar werden, wie Kühnes Modell ohne Kühne funktioniert. Die Stiftung muss 2028 über die endgültige Finanzierung entscheiden. Andere müssen das Gebäude bauen. Andere werden 2034 möglicherweise die Türen öffnen.

Kühne wollte sein Vermögen so organisieren, dass sein Einfluss nicht mit seinem Leben endet. Ob ihm das gelungen ist, wird sich ausgerechnet an den Projekten zeigen, die er selbst nicht mehr vollenden konnte.

Stefanie S. Klief

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