Seit 2002 zeigen Euro-Banknoten erfundene Fenster, Tore und Brücken. Die nächste Generation könnte erstmals reale Persönlichkeiten oder heimische Vogelarten in den Mittelpunkt rücken. Die Entscheidung ist damit mehr als eine Frage des Geschmacks: Europa sucht nach einem Bild, das seine gemeinsame Identität ausdrücken soll.
Zehn Entwürfe für eine neue Banknotenserie
Wie soll ein Geldschein aussehen, der von Millionen Menschen in unterschiedlichen Ländern verwendet wird?
Die Europäische Zentralbank hat zehn mögliche Entwurfsreihen für die nächste Generation der Euro-Banknoten vorgestellt. Fünf folgen dem Thema »Europäische Kultur«, fünf dem Thema »Flüsse und Vögel«.
Jeder Vorschlag umfasst eine vollständige Serie mit Scheinen zu 5, 10, 20, 50, 100 und 200 Euro. Es wird also nicht für jede Stückelung einzeln zwischen allen möglichen Personen und Tieren gewählt. Die Teilnehmer bewerten zusammenhängende Gestaltungskonzepte, die jeweils über die gesamte Banknotenserie hinweg eine gemeinsame Geschichte erzählen.
Mehr als 1.200 Grafikdesignerinnen und Grafikdesigner aus der Europäischen Union hatten sich an dem Wettbewerb beteiligt. 25 von ihnen durften vollständige Entwürfe ausarbeiten. Eine unabhängige Jury mit 21 Fachleuten aus den Euro-Ländern wählte daraus die zehn Vorschläge aus, die nun der Öffentlichkeit präsentiert werden.
Beethoven, Curie und Leonardo auf Europas Geld
Das Thema »Europäische Kultur« würde den Euro-Scheinen erstmals prominente reale Gesichter geben.
Auf dem 5-Euro-Schein ist die Opernsängerin Maria Callas vorgesehen. Ludwig van Beethoven steht für den 10-Euro-Schein, die Physikerin und Chemikerin Marie Curie für 20 Euro. Miguel de Cervantes soll auf 50 Euro erscheinen, Leonardo da Vinci auf 100 Euro und die österreichische Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner auf 200 Euro.
Die Rückseiten zeigen keine weiteren historischen Persönlichkeiten, sondern Orte gelebter Kultur: Straßenkunst, gemeinsames Singen, Schulen und Universitäten, Bibliotheken, Museen und öffentliche Plätze.
Die Auswahl soll nicht eine Rangliste der bedeutendsten Europäer darstellen. Jede Persönlichkeit steht für einen kulturellen Bereich und zugleich für eine europäische Geschichte, die nicht an heutigen Staatsgrenzen endet.
Damit würde die Gemeinschaftswährung erstmals konkrete Menschen zeigen. Die bisherigen Banknoten vermeiden bewusst reale Bauwerke und nationale Symbole. Ihre Fenster, Tore und Brücken orientieren sich zwar an europäischen Baustilen, wurden aber eigens für die Scheine erfunden.
Der Eisvogel auf dem 10-Euro-Schein
Die zweite Themenwelt erzählt Europa nicht über berühmte Menschen, sondern über Natur, Bewegung und gemeinsame Lebensräume.
Die Motive folgen dem Lauf des Wassers von der Quelle bis zum Meer. Gleichzeitig verändert sich mit jeder Stückelung die dargestellte Vogelart:
Auf dem 5-Euro-Schein begleitet ein Mauerläufer eine Gebirgsquelle. Der 10-Euro-Schein zeigt einen Eisvogel an einem Wasserfall oder natürlichen Wasserbecken. Für 20 Euro ist eine Bienenfresser-Kolonie an einem Flusstal vorgesehen, für 50 Euro ein Weißstorch über einem mäandernden Fluss. Auf dem 100-Euro-Schein fliegt ein Säbelschnäbler über ein Wattgebiet an einer Flussmündung, auf dem 200-Euro-Schein ein Basstölpel über dem offenen Meer.
Auf den Rückseiten erscheinen europäische Institutionen. Beim Eisvogel-Entwurf für den 10-Euro-Schein ist dies die Europäische Kommission. Die übrigen Scheine zeigen unter anderem das Europäische Parlament, die Europäische Zentralbank und den Europäischen Gerichtshof.
Flüsse und Zugvögel eignen sich nach Auffassung der EZB besonders als europäische Symbole, weil sie keine Staatsgrenzen kennen. Sie stehen für Freiheit, Bewegung und gemeinsame Verantwortung für die natürlichen Lebensgrundlagen.
Wie und wo kann man abstimmen?
Die öffentliche Umfrage findet direkt auf der Website der Europäischen Zentralbank statt.
Auf der EZB-Seite »Künftige Banknoten« führt der Button »Nehmen Sie an der Umfrage teil!« zum Fragebogen. Auch der Beitrag der Deutschen Bundesbank verlinkt unmittelbar auf die Umfrage.
Die Teilnahme ist bis zum 21. September 2026 um 23.59 Uhr mitteleuropäischer Zeit möglich. Der Fragebogen steht in allen 24 Amtssprachen der Europäischen Union zur Verfügung.
Teilnehmen kann grundsätzlich jeder – unabhängig von Alter, Staatsangehörigkeit oder Wohnort. Benötigt wird lediglich ein Smartphone, Tablet oder Computer mit Internetzugang. Eine Mitgliedschaft in einem Euro-Land ist nicht erforderlich.
Die Befragung ist anonym. Die EZB erhebt keine unmittelbar identifizierenden Angaben wie Name oder Kontaktadresse. Am Ende werden einige demografische Fragen gestellt; bei diesen kann jeweils die Antwort »Keine Angabe« gewählt werden. Das Verfahren ist technisch so gestaltet, dass die Präferenz eines Teilnehmers nur einmal gezählt wird.
Die Entwürfe tragen in der Befragung lediglich die Buchstaben A bis J. Die Namen und Herkunftsländer der Designer werden bewusst nicht genannt, damit Bekanntheit oder Nationalität die Bewertung möglichst wenig beeinflussen.
Die Umfrage ist keine verbindliche Volksabstimmung
Wer an der Befragung teilnimmt, entscheidet nicht allein über den späteren Sieger.
Der EZB-Rat will die Rückmeldungen der Öffentlichkeit bei seiner Auswahl berücksichtigen. Daneben fließen die Einschätzung der Fachjury, eine technische Prüfung und die Ergebnisse einer zusätzlichen repräsentativen Befragung in die Entscheidung ein.
Das letzte Wort hat der EZB-Rat. Er will das endgültige Gestaltungskonzept voraussichtlich gegen Ende 2026 auswählen. Die Resultate der öffentlichen und der repräsentativen Befragung sollen nach dieser Entscheidung veröffentlicht werden.
Die Online-Umfrage ist damit keine Wahl im rechtlichen Sinn. Sie gibt den Menschen jedoch die seltene Gelegenheit, direkt zu äußern, welches Bild Europa künftig täglich in Geldbörsen, Geschäften und Bankautomaten zeigen soll.
Warum die Scheine überhaupt neu gestaltet werden
Hinter dem Verfahren steht nicht allein der Wunsch nach einem zeitgemäßeren Erscheinungsbild.
Zentralbanken entwickeln regelmäßig neue Banknotenserien, um technischen Fortschritten bei Fälschungsmethoden voraus zu bleiben. Die künftigen Scheine sollen neue und verbesserte Sicherheitsmerkmale erhalten und von Bürgern leichter auf ihre Echtheit geprüft werden können.
Außerdem sollen die Stückelungen für Menschen mit Sehbeeinträchtigungen besser unterscheidbar werden. Vorgesehen sind unter anderem gut erkennbare Kontraste und ertastbare Merkmale. Die EZB will zugleich die Lebensdauer der Banknoten erhöhen und ihre Herstellung durch nachhaltigere Materialien und Produktionsverfahren umweltverträglicher machen.
Die bekannten Stückelungen von 5 bis 200 Euro sollen erhalten bleiben. Auch die jeweiligen Grundfarben und Größen dürften weitgehend gleich bleiben. Dadurch müssten Bankautomaten, Kassen- und Prüfgeräte weniger aufwendig umgerüstet werden.
Keine neuen Scheine zum Jahreswechsel
Auch nach der Entscheidung Ende 2026 werden die neuen Banknoten nicht sofort ausgegeben.
Das ausgewählte Konzept muss weiterentwickelt, mit Sicherheitsmerkmalen ausgestattet, technisch getestet und für die Serienproduktion vorbereitet werden. Nach Angaben der EZB wird es deshalb noch mehrere Jahre dauern, bis die ersten neuen Scheine in den Geldbörsen auftauchen. Ein konkretes Einführungsdatum steht noch nicht fest.
Die bisherigen Euro-Banknoten werden durch die Designentscheidung nicht wertlos. Sie behalten ihren Wert und sollen zunächst neben den neuen Scheinen weiter im Umlauf bleiben.
Was bleibt
Die Entscheidung zwischen Beethoven und dem Eisvogel ist keine Entscheidung zwischen Kultur und Natur. Beide Themen sollen unterschiedliche Seiten derselben europäischen Idee sichtbar machen.
Die Kulturentwürfe erzählen von Menschen und Orten, deren Bedeutung über nationale Grenzen hinausreicht. Die Naturentwürfe zeigen Landschaften und Tiere, die Grenzen ohnehin nicht wahrnehmen.
Damit stellt die EZB eine überraschend große Frage auf einem sehr kleinen Stück Papier:
Was verbindet Europa?
Sind es seine gemeinsame Geschichte, seine Kunst und seine Wissenschaft? Sind es seine Landschaften, Flüsse und natürlichen Lebensräume? Oder entsteht europäische Identität gerade aus der Verbindung von beidem?
Bis zum 21. September können die Menschen in Europa darauf ihre eigene Antwort geben.
SK