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Kein V12, trotzdem 40 Millionen Dollar

Der vollelektrische Luce soll eine neue Generation von Luxuskunden erreichen. Ein 40-Millionen-Dollar-Rekord zeigt jetzt, dass der Traditionsbruch zumindest Neugier weckt

6 Min.

17.08.2026

Präsident Sergio Mattarella mit Benedetto Vigna, dem Vize-Präsidenten des Vertriebsmanagements von Ferrari Spa, während der Präsentation des Ferrari Luce am 25.05. 2026 in Rom

Ferrari ohne röhrenden Motor? Für Puristen klingt das ungefähr wie Champagner ohne Perlen. Und tatsächlich löste der Luce, Ferraris erstes vollelektrisches Modell, bei seiner Vorstellung heftige Diskussionen aus. Nun sorgt ausgerechnet dieser Traditionsbrecher für den nächsten Superlativ: Chassis 0 wurde während der Monterey Car Week für 40 Millionen Dollar versteigert. Hinter dem Rekord steckt allerdings eine viel interessantere Frage als der Preis: Wie verändert sich Luxus, wenn selbst eine Marke wie Ferrari ihre jahrzehntelang gepflegten Rituale neu erfinden muss?

Ferrari wagt sich an sein eigenes Heiligtum

Kaum eine Automarke lebt so stark von Emotionen wie Ferrari. Motorengeräusch, Schaltvorgänge, Vibrationen und die Verbindung zum Motorsport gehören ebenso zum Produkt wie Geschwindigkeit oder Design.

Der Luce bricht mit einem Teil dieser Tradition.

Er besitzt vier Elektromotoren, leistet im Boost-Modus mehr als 1.000 PS und beschleunigt in 2,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h. Die Höchstgeschwindigkeit liegt bei 310 km/h, die Reichweite bei mehr als 530 Kilometern. Die Batterie und wesentliche Komponenten des Antriebs entwickelt Ferrari selbst in Maranello.

Technisch fehlt es dem Stromer also kaum an Ferrari-Dramatik.

Emotional beginnt die schwierigere Aufgabe.

Was tun, wenn plötzlich der Sound fehlt?

Ferrari hat sich gegen einen künstlichen Verbrennermotor-Sound entschieden. Stattdessen werden natürliche Vibrationen des elektrischen Antriebs aufgenommen und verstärkt. Dadurch soll ein eigener, authentischer Klang entstehen, statt lediglich das Geräusch eines V8 oder V12 nachzuahmen.

Auch die bekannten Schaltwippen verschwinden nicht einfach. Weil ein Elektroauto keine klassischen Gänge benötigt, nutzt Ferrari sie beim Luce für eine andere Funktion: Über verschiedene Stufen können Fahrer Drehmomentabgabe und Rekuperation beeinflussen. So soll ein Teil jener mechanischen Interaktion erhalten bleiben, die Ferrari-Fahrer gewohnt sind.

Das ist fast symbolisch für das gesamte Auto. Ferrari versucht nicht, den Verbrenner elektrisch zu kopieren.

Die Marke versucht herauszufinden, wie sich Ferrari-Gefühl übersetzen lässt.

Auch optisch provoziert der Neue

Selbst das Design sorgte bei der Vorstellung im Mai für Diskussionen.

Der Luce ist kein klassischer 2-sitziger Supersportwagen, sondern ein großer 4-Türer mit 5 Sitzen und 600 Litern Gepäckraum. An seiner Gestaltung arbeitete auch LoveFrom, das Designstudio des früheren Apple-Chefdesigners Jony Ive.

Statt sich vollständig der digitalen Touchscreen-Ästhetik vieler Elektroautos anzuschließen, setzt Ferrari im Innenraum weiterhin auf Leder, Aluminium, Glas und physische Bedienelemente.

Auch darin steckt eine Botschaft: Elektrisch soll nicht automatisch digital-kühl bedeuten.

Ferrari möchte offenbar eine neue Technologie anbieten, ohne daraus ein rollendes Smartphone zu machen.

Eine Wette auf eine neue Generation

Der Zeitpunkt ist bemerkenswert. Andere Sportwagenhersteller haben ihre Elektropläne zuletzt teilweise zurückgefahren. Lamborghini verschob beziehungsweise verwarf frühere Ziele für ein vollelektrisches Modell, und auch Ferrari selbst reduzierte den für 2030 vorgesehenen Anteil reiner Elektrofahrzeuge in seiner Modellpalette von ursprünglich 40 auf 20 Prozent.

Trotzdem hält Maranello am Luce fest.

Ferrari setzt darauf, dass ein Teil der kommenden vermögenden Kundschaft weniger emotional an Zylinderzahlen hängt. Reuters beschreibt ausdrücklich eine Zielgruppe, die mit Technologie und künstlicher Intelligenz aufgewachsen ist und Elektromobilität wesentlich selbstverständlicher betrachtet. Gleichzeitig könnte der Luce Ferrari in Märkten wie China zusätzliche Kundschaft erschließen.

Der Luce soll also nicht unbedingt den V12 ersetzen. Er soll Menschen einen Ferrari anbieten, für die der V12 gar nicht mehr das Maß aller Dinge ist.

Dann kamen die 40 Millionen Dollar

Und nun dieses Ergebnis.

Bei RM Sotheby's wurde während der Monterey Car Week das erste Produktionschassis des Luce versteigert. Chassis 0 wurde über Ferraris Tailor-Made-Programm als Einzelstück gestaltet, unter anderem mit einer eigens entwickelten perlmuttfarbenen Lackierung und individuellen Details im Innenraum.

US-Investor und Ferrari-Sammler Herbert A. Wertheim zahlte dafür 40 Millionen Dollar.

Damit übertraf der Wagen den bisherigen Rekord für einen neuen Auktionswagen. Auch dessen Käufer war Wertheim: Für einen einmaligen Ferrari Daytona SP3 hatte er 2025 bereits 26 Millionen Dollar gezahlt.

Der reguläre Luce kostet rund 550.000 Euro.

Die 40 Millionen sind deshalb kein Beweis dafür, dass Ferrari-Kunden plötzlich massenhaft nach Elektroautos verlangen. Chassis 0 ist ein Einzelstück, und die Auktion hatte einen zusätzlichen Charity-Charakter: Ferrari spendet den vollständigen Erlös über seine Stiftung für Bildungsprojekte.

Trotzdem besitzt die Geschichte eine schöne Ironie.

Ausgerechnet das Modell, dessen Ferrari-Würdigkeit von Puristen infrage gestellt wurde, schreibt als erstes einen neuen Rekord.

Luxus muss offenbar nicht nostalgisch sein

Vielleicht liegt darin die interessantere Botschaft des Luce. Luxusmarken leben von Tradition. Doch sie können sich nicht ausschließlich von ihr ernähren.

Wer über Jahrzehnte begehrenswert bleiben will, muss irgendwann etwas verändern, obwohl ein Teil der Kundschaft gerade das Bekannte liebt.

Ferrari besitzt dabei einen ungewöhnlichen Vorteil: Die Marke verkauft nicht nur Technik. Sie verkauft Zugehörigkeit, Seltenheit, Design und Geschichte.

Deshalb muss ein elektrischer Ferrari vermutlich nicht genauso klingen oder funktionieren wie seine Vorgänger.

Er muss vor allem wieder etwas auslösen.

Ob der Luce das im Alltag schafft, wird sich erst zeigen, wenn die ersten regulären Fahrzeuge Ende 2026 ausgeliefert werden. Ferrari erklärte zuletzt, mit dem bisherigen Bestelleingang sehr zufrieden zu sein, veröffentlichte allerdings keine konkreten Zahlen.

Eine neue Form von Ferrari-Gefühl

Der Luce erzählt damit weniger vom Ende des Verbrennungsmotors als vom Wandel des Luxusbegriffs.

Vielleicht wird die nächste Generation vermögender Autokäufer einen V12 genauso bewundern wie eine mechanische Uhr – ohne ihn deshalb jeden Tag besitzen zu wollen. Vielleicht wird für sie technologische Raffinesse ebenso emotional wie Motorengeräusch.

Oder Ferrari stellt fest, dass sich manche Mythen tatsächlich nicht elektrifizieren lassen.

Noch ist alles offen. Nur eines lässt sich nach Monterey bereits sagen:

Der erste elektrische Ferrari musste nicht einmal einen Motor aufheulen lassen, um ziemlich viel Aufmerksamkeit zu bekommen.

40 Millionen Dollar haben dafür offenbar gereicht.

Stefanie S. Klief

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