Es war einer dieser Sätze, die einer Stadt ein Image schenken können. »Wir sind zwar arm, aber trotzdem sexy«, sagte der damalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit 2003 über Berlin. Mehr als zwei Jahrzehnte später scheint ausgerechnet das Sexy abhandenzukommen. Nur noch 31 Prozent der Deutschen halten Berlin laut einer neuen Allensbach-Umfrage für eine faszinierende Metropole. 2007 waren es noch 66 Prozent. Doch wer daraus schließt, niemand wolle mehr nach Berlin, übersieht einen bemerkenswerten Widerspruch: Die Hauptstadt zieht weiterhin Millionen Besucher an, ihre Clubs sind gut gefüllt und international bleibt die Marke stark. Vielleicht ist also weniger die Faszination verschwunden als die Vorstellung davon, was Berlin faszinierend macht.
Von 66 auf 31 Prozent
Das Institut für Demoskopie Allensbach befragte im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung zwischen dem 1. und 13. August 1.039 Menschen. Nur noch 31 Prozent bezeichneten Berlin als faszinierende Metropole, von der Ausstrahlung ausgehe. 36 Prozent widersprachen ausdrücklich.
Der langfristige Vergleich fällt noch deutlicher aus.
2007 hatten 66 Prozent der Befragten Berlin als faszinierende Metropole bezeichnet. Zwei Jahre später waren es immer noch 64 Prozent. Die Originaldaten aus dem Allensbacher Archiv zeigen, dass die Hauptstadt damals gerade einen Imagehöhepunkt erlebte.
Auch im direkten Städtevergleich liegt Berlin heute nicht mehr vorn. Auf die Frage, welche deutsche Großstadt einen besonderen Reiz ausübe, nannten 48 Prozent Hamburg und 47 Prozent München. Berlin kam auf 34 Prozent.
46 Prozent erklärten sogar, auf keinen Fall in Berlin leben zu wollen. Gleichzeitig würden 13 Prozent die Hauptstadt als Wohnort bevorzugen – Platz drei hinter München und Hamburg.
Berlin polarisiert also noch. Nur fasziniert es längst nicht mehr so selbstverständlich wie früher.
»Arm, aber sexy« war nie nur ein Spruch über Geld
Um zu verstehen, was sich verändert hat, lohnt der Blick zurück.
Wowereits berühmte Formulierung stammt aus dem Jahr 2003. Damals steckte Berlin finanziell tief in Schwierigkeiten. Zugleich war die Stadt voller Freiräume. Der Regierende Bürgermeister warb in London mit billigen Grundstücken und einer »unfertigen Stadt«, in der Investoren noch mitgestalten könnten.
Genau dieses Unfertige war ein Teil des Reizes. Berlin nach der Wiedervereinigung besaß leerstehende Gebäude, Brachen, vergleichsweise niedrige Mieten und Räume, in denen Clubs, Galerien, Ateliers und alternative Projekte entstehen konnten, ohne zunächst einen perfekten Businessplan vorlegen zu müssen.
»Sexy« bedeutete deshalb nie bloß Nachtleben. Es stand für eine Mischung aus Freiheit, Improvisation, kulturellem Experiment und der Möglichkeit, mit wenig Geld mitten in einer europäischen Hauptstadt zu leben.
Eine Stadt musste dafür nicht schön sein. Sie musste Möglichkeiten offenlassen.
Das billige Berlin gibt es kaum noch
Gerade an dieser Stelle hat sich die Hauptstadt fundamental verändert.
2025 lag die mittlere Angebotsmiete für eine Berliner Wohnung bei 15,78 Euro pro Quadratmeter. In vielen Innenstadtlagen wurden überwiegend mindestens 20 Euro verlangt. Die Investitionsbank Berlin spricht trotz inzwischen stagnierender Angebotsmieten ausdrücklich von einem weiterhin hohen Niveau.
Das ist etwas völlig anderes als die viel niedrigeren Bestandsmieten vieler Berliner. Es beschreibt jene Preise, mit denen gerade Neuankömmlinge und Wohnungssuchende konfrontiert werden. Damit trifft der Wandel genau jene Gruppe, die Berlins früheres Image mitprägte.
Künstler, Studierende, junge Kreative oder Gründer müssen heute erheblich mehr Einkommen mitbringen, um sich dieselben Viertel leisten zu können, die früher gerade deshalb interessant waren, weil dort nicht jeder Quadratmeter maximal ökonomisch verwertet wurde.
Das bedeutet nicht, dass Kreativität automatisch mit niedrigen Mieten verschwindet. Aber Freiraum besitzt inzwischen einen Preis. Und je höher er wird, desto schwieriger wird das spontane Experiment.
Ausgerechnet die Clubkultur zeigt den Widerspruch
Wie komplex dieser Wandel ist, zeigt die Berliner Clubszene besonders deutlich. Die Clubs sind keineswegs leer. Eine im August vorgestellte Untersuchung der Clubcommission kommt sogar zu dem Ergebnis, dass die Nachfrage weiterhin hoch ist. 83 Prozent der befragten Clubs und Veranstalter erreichen eine Auslastung von mindestens 50 Prozent, ein Drittel sogar mehr als 75 Prozent.
Wirtschaftlich hilft das vielen trotzdem nicht genug.
2017 arbeiteten noch 79 Prozent mindestens kostendeckend. 2025 waren es nur noch 61 Prozent. 39 Prozent schrieben Verluste, und fast jeder vierte Befragte denkt darüber nach, den Betrieb innerhalb der kommenden zwölf Monate aufzugeben.
Steigende Personal-, Betriebs- und Mietkosten treffen auf ein verändertes Publikum. 73 Prozent der Betreiber beobachten sinkenden Alkoholkonsum, mehr als die Hälfte kürzere Aufenthaltszeiten. Früher finanzierte der Getränkeverkauf einen großen Teil des Kulturbetriebs mit. Heute stammt bereits der größte Umsatzanteil aus Eintrittsgeldern.
Das verändert nicht nur Geschäftsmodelle. Es verändert auch den Charakter des Ausgehens. Wenn ein Clubabend immer stärker kalkuliert werden muss, Eintrittspreise steigen und Spielstätten um ihre Mietverträge kämpfen, wird aus der improvisierten Nachtkultur zunehmend ein knappes Kulturprodukt.
Ausgerechnet Berlins berühmtes Nachtleben wird professioneller – und dadurch womöglich ein Stück weniger von dem, was seinen Mythos einst ausmachte.
Aber die Menschen kommen weiterhin
Von einem Niedergang zur bedeutungslosen Provinzmetropole kann trotzdem keine Rede sein. 2025 zählte Berlin 12,4 Millionen Gäste und 29,4 Millionen Übernachtungen. 41 Prozent der Besucher kamen aus dem Ausland. Die Hauptstadt gehört damit weiterhin zu den führenden europäischen Städtezielen.
Auch im ersten Halbjahr 2026 kamen 5,9 Millionen Gäste. Die Zahl blieb gegenüber dem Vorjahr nahezu stabil. Allerdings gingen die Übernachtungen um 2,7 Prozent zurück, bei internationalen Gästen sogar um 6,4 Prozent.
Die Zahlen erzählen also ebenfalls keine einfache Geschichte. Berlin wird weiterhin besucht. Aber die Dynamik ist schwächer geworden.
Gleichzeitig bleibt die Stadt Deutschlands führender Kongressstandort, besitzt eine international bekannte Kunst- und Musikszene und zählt mehr als 30.000 Unternehmen der Kreativwirtschaft. Das passt auf den ersten Blick schlecht zu einer Stadt, der angeblich die Ausstrahlung fehlt.
Vielleicht misst die Umfrage deshalb etwas anderes
Allensbach misst Wahrnehmung. Die Umfrage beweist nicht, dass hohe Mieten oder gefährdete Clubs den Imageverlust verursacht haben. Eine solche Kausalität lässt sich aus den Antworten nicht ableiten. Aber die parallele Entwicklung ist auffällig.
Berlin war besonders faszinierend, als es sich noch im Werden befand. Die Stadt nach der Jahrtausendwende war wirtschaftlich schwach, politisch chaotisch und infrastrukturell keineswegs vorbildlich. Gerade das machte sie für viele Menschen zum Gegenentwurf zu München, Hamburg, Paris oder London.
Heute ist Berlin wirtschaftlich erfolgreicher, internationaler und professioneller.
Das ist in vieler Hinsicht ein Erfolg. Nur kann Erfolg ausgerechnet jene Eigenschaften verändern, auf denen der ursprüngliche Erfolg beruhte.
Eine Stadt kann an ihrem eigenen Mythos wachsen
Berlin erlebt damit ein Phänomen, das viele attraktive Großstädte kennen. Ein Stadtteil wird interessant, weil Künstler, kleine Läden, Clubs und ungewöhnliche Lebensformen dort Raum finden. Dadurch steigt seine Attraktivität. Mehr Menschen wollen hin. Investitionen folgen. Immobilien werden wertvoller. Und irgendwann können sich gerade jene Menschen und Nutzungen den Ort schlechter leisten, die ihn attraktiv gemacht haben.
Dieser Mechanismus wird meist unter dem Begriff Gentrifizierung diskutiert. Für das Image einer ganzen Stadt bedeutet er noch etwas anderes. Das Besondere wird reproduzierbar. Wo früher eine improvisierte Bar stand, entsteht ein gastronomisches Konzept. Wo ein Club eine Industriebrache bespielte, konkurrieren inzwischen Kultur, Wohnungen, Büros und Investoren um dieselbe Fläche.
Das Neue verschwindet dadurch nicht. Aber es muss sich seine Nische erst wieder suchen.
Vielleicht ist Berlin einfach erwachsen geworden
Und womöglich liegt darin das eigentliche Problem mit dem Wort »sexy«. Der Satz funktionierte deshalb so gut, weil er einen Widerspruch enthielt.
Gerade nichts funktionierte perfekt, aber genau deshalb schien noch alles möglich. Heute ist die Hauptstadt wirtschaftlich stärker, voller Start-ups, internationaler Unternehmen, Hotels, Restaurants, Kulturangebote und Touristen. Sie ist damit in vieler Hinsicht erfolgreicher als jenes Berlin, das Wowereit 2003 vermarkten musste. Aber Erfolg ist nicht automatisch faszinierend.
Vielleicht zeigt die neue Allensbach-Umfrage deshalb weniger, dass Berlin seinen Reiz verloren hat, als dass sein altes Versprechen nicht mehr funktioniert.
Stefanie S. Klief