Börse

SpaceX verliert nach dem Börsenstart den Schub

Nur fünf Wochen nach dem größten Börsengang der Geschichte liegt die SpaceX-Aktie unter ihrem Ausgabepreis – und die eigentlichen Risiken kommen erst noch.

9 Min.

20.07.2026

Der größte Börsengang der Geschichte sollte SpaceX Milliarden für Raketen, Satelliten und künstliche Intelligenz liefern. Nach nur fünf Wochen liegt die Aktie unter ihrem Ausgabepreis. Das ist noch kein Scheitern – aber der Moment, in dem aus einer gigantischen Zukunftserzählung ein überprüfbares Börsenunternehmen wird.

Vom Rekordstart zum Kursverlust

SpaceX brachte seine Aktien am 12. Juni zu einem Preis von 135 Dollar an die Nasdaq. Das Unternehmen verkaufte 555,56 Millionen neue Aktien und nahm dadurch 75 Milliarden Dollar ein. Die anfängliche Bewertung lag bei rund 1,77 Billionen Dollar.

Bereits der erste Handelstag übertraf die hohen Erwartungen. Die Aktie eröffnete bei 150 Dollar und beendete den Tag bei 160,95 Dollar. SpaceX war damit mehr als 2 Billionen Dollar wert. Wenige Tage später erreichte der Kurs 225,64 Dollar.

Dieser Anstieg bedeutete nicht, dass sich das operative Geschäft innerhalb weniger Tage entsprechend verbessert hatte. Er spiegelte vor allem die enorme Nachfrage nach einer Aktie wider, auf die Anleger jahrelang gewartet hatten.

Inzwischen hat sich das Bild deutlich verändert. Am Freitag schloss die Aktie bei 123,99 Dollar. Damit lag sie rund 45 Prozent unter ihrem Höchststand und erstmals klar unter dem Ausgabepreis. Der Unternehmenswert betrug noch etwa 1,63 Billionen Dollar.

Selbst nach diesem Rückgang bleibt SpaceX eines der wertvollsten Unternehmen der Welt.

Der Starship-Abbruch traf einen nervösen Markt

Am 16. Juli sollte Starship zu seinem 13. Testflug starten. Die Triebwerke begannen bereits zu zünden, doch vier der 33 Raptor-Motoren blieben aus. Das automatische Startsystem brach den Vorgang unmittelbar vor dem Abheben ab.

Technisch betrachtet funktionierte damit eine entscheidende Sicherheitseinrichtung. Ein Start mit zu wenigen Triebwerken hätte zu einem schweren Fehlflug oder zur Zerstörung der Rakete führen können.

An der Börse überwog dennoch die Enttäuschung. Die Aktie verlor nach dem Abbruch rund 6 Prozent, etwa 100 Milliarden Dollar Börsenwert verschwanden. SpaceX will am 23. Juli einen neuen Versuch unternehmen und hat nach eigenen Angaben Änderungen am Antriebssystem vorgenommen.

Der Kurs reagierte so stark, weil Starship für weit mehr steht als für Musks Marspläne.

Das vollständig wiederverwendbare Raketensystem soll künftig die Startkosten massiv reduzieren, größere Starlink-Satelliten transportieren, NASA-Astronauten zum Mond bringen und möglicherweise sogar Rechenzentren im All ermöglichen.

SpaceX erklärte im Börsenprospekt, noch 2026 erstmals Starlink-Satelliten mit Starship in eine Umlaufbahn bringen zu wollen. Regelmäßige Einsätze sollen anschließend folgen.

Jede Verzögerung berührt damit mehrere Wachstumsgeschichten gleichzeitig.

SpaceX ist längst mehr als ein Raketenunternehmen

Die Bewertung von SpaceX stützt sich heute vor allem auf drei Geschäftsbereiche: Raumfahrt, satellitengestützte Kommunikation und künstliche Intelligenz.

Das klassische Raumfahrtgeschäft erzielte 2025 einen Umsatz von rund 4,1 Milliarden Dollar. Der operative Verlust lag bei 657 Millionen Dollar. Darin stecken unter anderem Raketenstarts, Raumfahrzeuge, staatliche Aufträge sowie die Entwicklung von Starship.

Das wirtschaftliche Rückgrat ist inzwischen Starlink. Der Bereich Connectivity erwirtschaftete 2025 einen Umsatz von rund 11,4 Milliarden Dollar und einen operativen Gewinn von 4,4 Milliarden Dollar. Der Umsatz stieg gegenüber dem Vorjahr um knapp 50 Prozent.

Ohne Starlink wäre die heutige SpaceX-Bewertung kaum zu begründen.

Gleichzeitig hat sich das Unternehmen durch die Übernahme beziehungsweise Zusammenführung mit Musks KI-Geschäft deutlich verändert. Der KI-Bereich erzielte 2025 einen Umsatz von rund 3,2 Milliarden Dollar, verursachte aber einen operativen Verlust von mehr als 6,3 Milliarden Dollar. Insgesamt wies SpaceX für das Jahr einen Nettoverlust von rund 4,6 Milliarden Dollar aus.

Allein im ersten Quartal 2026 investierte das Unternehmen dem Börsenprospekt zufolge rund 7,7 Milliarden Dollar in den KI-Bereich. Für Raumfahrt und Starlink zusammen waren es im selben Zeitraum rund 2,4 Milliarden Dollar.

Die Börse bewertet damit nicht nur Raketen und Satelliten. Sie finanziert auch ein äußerst kapitalintensives KI-Experiment.

Der Börsengang brachte 75 Milliarden Dollar – und neuen Finanzierungsbedarf

Die gewaltige Kapitalaufnahme war deshalb kein Zufall.

SpaceX benötigt Milliarden für Starship, neue Starlink-Satelliten, Bodenstationen, Rechenzentren, Chips, Energieversorgung und mögliche KI-Infrastruktur im All. Der Börsengang verschafft dem Unternehmen erheblichen finanziellen Spielraum.

Er verändert aber auch die Erwartungen.

Als privates Unternehmen konnte SpaceX Entwicklungsprobleme weitgehend außerhalb täglicher Kursbewegungen bewältigen. Fehlstarts gehörten zum erklärten Prinzip, möglichst schnell zu testen, Fehler zu analysieren und die nächste Rakete zu bauen.

Als börsennotiertes Unternehmen wird nun jeder größere Test zugleich zum Kapitalmarktereignis.

Ein abgebrochener Start bedeutet nicht nur technische Verzögerung. Er kann Zweifel daran auslösen, ob geplante Satellitenstarts, NASA-Termine, Umsatzziele und Investitionspläne erreichbar sind.

Die Börse übersetzt Entwicklungszeit in Geld.

Nur ein kleiner Teil der Aktien war tatsächlich verfügbar

Die extreme Kursentwicklung nach dem IPO erklärt sich auch durch die ungewöhnliche Angebotsstruktur.

Beim Börsengang kamen lediglich rund 5 Prozent der gesamten SpaceX-Aktien frei auf den Markt. Die Nachfrage traf damit auf einen sehr kleinen Streubesitz.

Ein knappes Angebot kann Kurse stark nach oben treiben – vor allem, wenn gleichzeitig Privatanleger, institutionelle Fonds und Indexanbieter dieselbe Aktie kaufen wollen.

SpaceX wurde bereits am 7. Juli in den Nasdaq-100 aufgenommen, weniger als einen Monat nach dem Börsengang. Nach Schätzungen von JPMorgan konnte allein die Aufnahme Käufe indexgebundener Fonds von mehr als 4 Milliarden Dollar auslösen.

ETF-Anbieter und Fonds, die den Index abbilden, mussten die Aktie erwerben – unabhängig davon, ob sie die Bewertung für vernünftig hielten.

Der erste Kursanstieg beruhte daher nicht ausschließlich auf einer Einschätzung des Unternehmenswerts. Er wurde zusätzlich durch Knappheit und mechanische Nachfrage verstärkt.

Nun droht das Angebot deutlich zu steigen

Diese Unterstützung könnte bald in die Gegenrichtung wirken.

SpaceX hat gestaffelte Haltefristen vereinbart. Bereits am zweiten Handelstag nach der ersten Quartals- beziehungsweise Ergebnisveröffentlichung dürfen Beschäftigte und frühe Investoren bis zu 911,5 Millionen bisher gesperrte Aktien verkaufen. Das entspräche beim Ausgabepreis einem Volumen von mehr als 123 Milliarden Dollar.

Weitere 455,8 Millionen Aktien könnten unter bestimmten Kursbedingungen ebenfalls früher freigegeben werden. Bis zum 8. Dezember könnten insgesamt bis zu 40 Prozent der Anteile handelbar werden. Musks Aktien und weitere Beteiligungen sollen dagegen länger gesperrt bleiben.

Natürlich werden nicht sämtliche Berechtigten sofort verkaufen.

Schon die Möglichkeit verändert jedoch das Verhältnis von Angebot und Nachfrage. Beschäftigte und frühe Investoren haben teilweise seit vielen Jahren auf die Gelegenheit gewartet, ihre Beteiligungen zu Geld zu machen. Bei einer Bewertung von mehr als einer Billion Dollar können selbst geringe Verkaufsquoten erhebliche Summen freisetzen.

Der bisherige Streubesitz war ein Flaschenhals.

Nun könnte daraus ein breiterer Markt werden – mit deutlich realistischeren Preisen, aber auch mit erheblichem Verkaufsdruck.

Shortseller setzen Milliarden gegen Musk

Der Kursrückgang hat Leerverkäufer angelockt. Nach Berechnungen des Analyseunternehmens Ortex lagen ihre rechnerischen Gewinne seit dem Börsengang Mitte Juli bei rund 8,7 Milliarden Dollar. Etwa 49 Prozent der frei handelbaren Aktien waren demnach ausgeliehen, wobei ein großer Teil für Shortpositionen genutzt worden sein dürfte.

Das ist eine außergewöhnlich hohe Quote.

Leerverkäufer leihen Aktien, verkaufen sie und hoffen, sie später zu einem niedrigeren Preis zurückkaufen zu können. Steigt der Kurs entgegen ihrer Erwartung stark, müssen sie sich möglicherweise schnell wieder eindecken. Das kann einen sogenannten Short Squeeze auslösen und den Kurs abrupt nach oben treiben.

Die hohe Shortquote ist deshalb nicht nur ein Misstrauensvotum.

Sie erhöht die Wahrscheinlichkeit heftiger Bewegungen in beide Richtungen. Jede Kursänderung um einen Dollar verändert den rechnerischen Gewinn oder Verlust der Shortseite nach Ortex-Schätzungen um mehr als 300 Millionen Dollar.

SpaceX könnte damit zu einer der volatilsten Großaktien der Welt werden.

Die Bewertung bleibt selbst nach dem Absturz gewaltig

Der Kursrückgang macht die Aktie nicht automatisch günstig.

Reuters zufolge wurde SpaceX Mitte Juli noch mit ungefähr dem 49-Fachen seines Jahresumsatzes bewertet. Tesla kam im Vergleich auf etwa das 15-Fache.

Solche Vergleiche haben Grenzen. SpaceX besitzt mit Starlink eine einzigartige Infrastruktur, dominiert große Teile des westlichen Raketenmarkts und verfügt über langfristige staatliche Aufträge. Der Konzern könnte bei erfolgreicher Umsetzung seiner Pläne neue Märkte erschließen, die heute kaum existieren.

Doch genau darin liegt das Bewertungsproblem.

Ein erheblicher Teil des heutigen Börsenwerts hängt nicht an gegenwärtigen Gewinnen, sondern an künftigen Möglichkeiten:

  • vollständig wiederverwendbare Schwerlastraketen,
  • globale Satellitenkommunikation,
  • direkte Mobilfunkverbindungen über Satellit,
  • militärische und staatliche Dateninfrastruktur,
  • KI-Rechenzentren am Boden,
  • möglicherweise Rechenzentren im Weltraum,
  • Mond- und Marsmissionen.

Je mehr Zukunft bereits im Kurs steckt, desto stärker wird jede Verzögerung bestraft.

Der nächste Härtetest ist nicht allein der Raketenstart

Der neue Starship-Start am 23. Juli wird viel Aufmerksamkeit erhalten. Ein erfolgreicher Flug könnte Vertrauen zurückbringen. Ein erneuter Abbruch oder Fehlflug dürfte den Kurs weiter belasten.

Für die langfristige Bewertung ist jedoch die erste Ergebnisvorlage nach dem Börsengang wichtiger.

Analysten erwarten sie Anfang August. Dann muss SpaceX erstmals als börsennotiertes Unternehmen zeigen, wie sich Umsätze, Verluste, Investitionen, Starlink-Nutzerzahlen und KI-Ausgaben entwickelt haben.

Direkt danach könnte die erste große Welle bisher gesperrter Aktien handelbar werden.

Damit treffen drei Faktoren aufeinander:

  • die tatsächlichen Geschäftszahlen,
  • die Bewertung der Zukunftspläne,
  • und ein plötzlich größeres Aktienangebot.

Erst dann beginnt die eigentliche Preisfindung.

SK

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