Börse

Die Börsen steigen – und fürchten trotzdem den nächsten Zinsschritt

KursSpuren – Was die Börsenwoche hinterlässt

DAX, Wall Street und Europas Aktienmärkte legen zu, Nvidia bestätigt den KI-Boom und Deutschlands Wirtschaft sendet Lebenszeichen. Doch Jackson Hole macht deutlich: Ausgerechnet die robuste Konjunktur könnte den Märkten zum Problem werden

10 Min.

29.08.2026

Die Börsenwoche vom 24. bis 28. August brachte überraschend gute Nachrichten aus Unternehmen und Konjunktur. Doch Fed-Chef Kevin Warsh stellte in Jackson Hole klar, dass die Inflation noch nicht besiegt ist. Damit verändert sich die wichtigste Rechnung für Aktien erneut.

Die Börsen haben in dieser Woche etwas Bemerkenswertes geschafft: Sie stiegen, obwohl sich eine ihrer wichtigsten Grundannahmen verschlechterte.

Der DAX beendete den Freitag bei 26.569,99 Punkten und gewann auf Wochensicht 1,66 Prozent. Damit lag er praktisch wieder auf Höhe seines bisherigen Rekords. Auch Europas STOXX 600 schloss die Woche leicht im Plus. An der Wall Street gewannen S&P 500 und Dow Jones jeweils rund 0,5 Prozent, der Nasdaq legte 0,8 Prozent zu.

Das klingt nach einer unspektakulär guten Börsenwoche. Doch unterhalb der Indexstände verschob sich etwas Entscheidendes.

Am Freitag stiegen die amerikanischen Anleiherenditen deutlich, der Dollar gewann, Gold brach um rund 3 Prozent ein und die Aktienmärkte drehten nach einer zunächst freundlichen Sitzung ins Minus. Auslöser war die erste Jackson-Hole-Rede des neuen Fed-Chefs Kevin Warsh.

Warsh stellte klar, dass die US-Notenbank bei anhaltend hoher Inflation bereit ist, die Geldpolitik weiter zu straffen. Damit kehrt eine Frage zurück, die Anleger zeitweise bereits abgehakt hatten:

Was passiert, wenn die Wirtschaft gar nicht schwach genug wird, damit die Zinsen sinken können?

Nvidia beseitigt einen Zweifel – aber nicht den anderen

Das wichtigste Unternehmensereignis der Woche lieferte Nvidia. Der Chipkonzern erzielte im abgelaufenen Quartal einen Umsatz von 96,2 Milliarden Dollar. Das waren 106 Prozent mehr als ein Jahr zuvor und 18 Prozent mehr als im Vorquartal. Die Bruttomarge lag bei 75 Prozent.

Noch wichtiger war der Ausblick. Nvidia erwartet für das laufende Quartal rund 108 Milliarden Dollar Umsatz und stellte für das kommende Geschäftsjahr ein Wachstum von etwa 70 Prozent in Aussicht. Gemeinsam mit Amazon Web Services sollen 2027 und 2028 weitere 2 Millionen GPUs installiert werden.

Damit beantwortete Nvidia zumindest vorläufig eine der großen Fragen an den Aktienmärkten: Der KI-Investitionsboom läuft weiter.

Die Aktie sprang nach Vorlage der Zahlen zeitweise kräftig an und zog insbesondere asiatische Halbleiterwerte mit nach oben. Taiwan profitierte ebenso wie japanische Technologiewerte. Doch die Zahlen lösen ein zweites Problem nicht.

Rechenzentren, Chips und Energieinfrastruktur verschlingen enorme Investitionssummen. Je höher die Finanzierungskosten bleiben, desto höher muss langfristig auch die Rendite dieser Investitionen ausfallen.

Der KI-Boom kann deshalb gleichzeitig real sein und für Anleger schwieriger werden. Genau diese Trennung dürfte für die kommenden Monate entscheidend sein: Eine boomende Technologie rechtfertigt nicht automatisch jeden Aktienpreis.

Jackson Hole verändert die Zinsrechnung

Am Freitag rückte deshalb Nvidia innerhalb weniger Stunden in den Hintergrund.

Fed-Chef Kevin Warsh nutzte seinen Auftritt in Jackson Hole für eine deutlich restriktivere Botschaft als von Teilen des Marktes erhofft. Die Inflation liege weiterhin zu hoch. Sollte insbesondere die Kerninflation nicht überzeugend Richtung 2-Prozent-Ziel zurückkehren, habe die Fed noch Arbeit vor sich.

Die Reaktion war unmittelbar. Die Rendite zweiähriger US-Staatsanleihen sprang von 4,22 auf rund 4,35 Prozent. Die am Terminmarkt eingepreiste Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im September stieg von etwa 35 auf knapp 60 Prozent. Das erklärt auch die vergleichsweise moderate Reaktion der Aktienmärkte.

Der S&P 500 verlor am Freitag lediglich 0,2 Prozent, der Nasdaq 0,5 Prozent. Das ist kein Ausverkauf. Aber die Marktlogik verändert sich.

Noch vor wenigen Monaten diskutierten Anleger darüber, wann die Fed ihre Geldpolitik wieder lockern könnte. Jetzt steht erstmals wieder ernsthaft eine weitere Zinserhöhung im Raum. Und ausgerechnet gute Wirtschaftsdaten machen sie wahrscheinlicher.

Deutschland überrascht plötzlich positiv

Besonders deutlich zeigt sich dieses Paradox derzeit in Deutschland.

Das ifo-Geschäftsklima stieg im August überraschend kräftig von 86,7 auf 88,8 Punkte. Die Unternehmen bewerteten sowohl ihre aktuelle Lage als auch ihre Erwartungen besser. Besonders im verarbeitenden Gewerbe hellte sich die Stimmung deutlich auf; Unternehmen rechnen dort mit steigender Produktion in den kommenden drei Monaten.

Auch die ausführlichen Zahlen zum deutschen Bruttoinlandsprodukt bestätigten, dass sich die Wirtschaft im zweiten Quartal besser entwickelt hat als zunächst angenommen. Destatis weist inzwischen ein Wachstum von 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal aus.

Damit wächst die deutsche Wirtschaft zum dritten Quartal in Folge. Nach Jahren der Stagnations- und Rezessionsdebatte ist das keine Kleinigkeit.

Der Arbeitsmarkt passt allerdings noch nicht vollständig in dieses freundlichere Bild. Im August waren 3,061 Millionen Menschen arbeitslos gemeldet, 54.000 mehr als im Juli und 36.000 mehr als ein Jahr zuvor. Saisonbereinigt fiel der Anstieg mit 4.000 Personen deutlich geringer aus. Die Bundesagentur für Arbeit spricht weiterhin von wenig Dynamik.

Deutschland befindet sich damit nicht plötzlich in einem neuen Boom. Aber die Daten sprechen zunehmend gegen die Vorstellung eines ungebremsten wirtschaftlichen Abstiegs.

Der DAX handelt bereits die Erholung

Für den Aktienmarkt ist dieser Unterschied erheblich. Der DAX stand am Freitag zeitweise unmittelbar an seinem Rekordhoch und beendete die Woche mit einem Plus von 1,66 Prozent.

Dabei profitieren deutsche Aktien von mehreren Entwicklungen gleichzeitig. Die Konjunkturerwartungen verbessern sich. Die Industrie sendet erste Erholungssignale. Und der Ölpreis, der in den vergangenen Wochen eine der größten Belastungen dargestellt hatte, gab deutlich nach.

Brent verlor über die Woche mehr als 5 Prozent, WTI mehr als 4 Prozent. Hoffnungen auf Fortschritte bei einer möglichen Wiederöffnung beziehungsweise Normalisierung des Verkehrs durch die Straße von Hormus sorgten für Entspannung.

Das ist gerade für Deutschland wichtig. Kaum eine große Volkswirtschaft reagiert aufgrund ihrer industriellen Struktur so empfindlich auf hohe Energiepreise. Sinkendes Öl verbessert deshalb gleich 2 Rechnungen: die Kostenrechnung der Unternehmen und die Inflationsrechnung der Europäischen Zentralbank.

Der Ölpreis bleibt der geopolitische Zinshebel

Entwarnung gibt es trotzdem nicht.

Brent notierte zum Wochenschluss weiterhin in der Nähe von 90 Dollar je Barrel. Der Verkehr durch die Straße von Hormus hat sich zwar teilweise erholt, bleibt aber weit vom Normalzustand entfernt. Durch die Meerenge läuft unter normalen Bedingungen rund ein Fünftel des weltweiten Ölhandels.

Damit bleibt der Iran-Konflikt wirtschaftlich vor allem eines: ein Inflationsrisiko.

Steigt Öl erneut, verteuern sich Energie, Transport und Produktion. Unternehmen geben einen Teil dieser Kosten an Verbraucher weiter. Notenbanken müssen darauf achten, dass aus einem zunächst externen Energieschock dauerhafte Preissteigerungen entstehen.

Frankreich lieferte am Freitag ein aktuelles Beispiel. Die harmonisierte Inflationsrate stieg im August vorläufig von 2,4 auf 2,7 Prozent. Verantwortlich war insbesondere die Verteuerung von Energie.

Deshalb beobachten die Märkte Hormus inzwischen beinahe wie einen zusätzlichen geldpolitischen Indikator.

  • Eine geopolitische Meldung kann den Ölpreis bewegen.
  • Der Ölpreis verändert die Inflationserwartungen.
  • Die Inflationserwartungen bewegen die Anleiherenditen.
  • Und die Anleiherenditen verändern die Bewertung von Aktien.

Gold zeigt, wie schnell sich die Stimmung drehen kann

Besonders eindrucksvoll war dieser Mechanismus am Goldmarkt zu beobachten. Noch am Dienstag war Gold auf mehr als 4.696 Dollar je Feinunze und damit auf den höchsten Stand seit mehr als 3 Monaten gestiegen.

Nach Warshs Rede brach der Spotpreis am Freitag um rund drei Prozent ein und fiel zeitweise auf etwa 4.567 Dollar. Auf Wochensicht verlor Gold knapp drei Prozent. Das wirkt zunächst ungewöhnlich.

Schließlich gelten geopolitische Spannungen und Inflationsrisiken normalerweise als Argumente für Gold. Doch Gold zahlt keine Zinsen.

Wenn Anleger mit steigenden Leitzinsen rechnen, werden verzinste Anlagen attraktiver. Gleichzeitig stärkte Warshs Rede den Dollar, wodurch Gold für Käufer außerhalb des Dollarraums teurer wird. Der Rückgang zeigt deshalb exemplarisch, wie dominant die Geldpolitik derzeit selbst gegenüber geopolitischen Risiken ist.

Kapital fließt bereits vorsichtiger

Unterhalb der Indexstände lässt sich diese Vorsicht bereits erkennen. In der Woche bis zum 26. August zogen Anleger netto 22,33 Milliarden Dollar aus amerikanischen Aktienfonds ab – der stärkste Abfluss seit März. Weltweit endete damit eine Serie von 13 Wochen mit Nettozuflüssen in Aktienfonds.

Gleichzeitig flossen weiter Milliarden in Anleihefonds. Interessant ist dabei die Laufzeit. Besonders gefragt waren kürzer laufende Staats- und Unternehmensanleihen. Das passt zur aktuellen Unsicherheit: Anleger möchten Zinsen verdienen, ohne sich langfristig auf ein bestimmtes Zinsniveau festlegen zu müssen.

Auch Gold- und Edelmetallfonds erhielten trotz des Kursrückgangs kräftige Zuflüsse. Der Markt flieht also nicht aus Risikoanlagen. Er verteilt das Risiko neu.

Die eigentliche Geschichte dieser Woche ist deshalb kein Widerspruch

Auf den ersten Blick passen die Nachrichten kaum zusammen.

  • Nvidia verdoppelt seinen Umsatz.
  • Der DAX nähert sich seinem Rekord.
  • Deutschlands Unternehmen werden optimistischer.
  • Die deutsche Wirtschaft wächst.
  • Öl wird billiger.

Und trotzdem diskutieren Anleger wieder über Zinserhöhungen. Darin liegt jedoch die gemeinsame wirtschaftliche Klammer.

Die Weltwirtschaft erweist sich trotz Krieg, Energiepreisschock, Handelskonflikten und hohen Finanzierungskosten als erstaunlich widerstandsfähig. Das verhindert bislang einen starken Einbruch der Unternehmensgewinne. Es verhindert möglicherweise aber auch die geldpolitische Entlastung, auf die viele Aktienbewertungen gebaut waren.

Damit verschiebt sich die Börsenfrage erneut.

2025 und zu Beginn dieses Jahres lautete sie häufig: Wann sinken die Zinsen?

Jetzt lautet sie zunehmend:

Wie hoch können Zinsen bleiben oder noch steigen, ohne die Konjunktur und die Unternehmensgewinne abzuwürgen?

Nvidia zeigt, dass zumindest ein Teil der Weltwirtschaft enorme Wachstumsraten verkraftet.

Deutschland zeigt, dass selbst ein lange schwächelnder Industriestandort wieder Lebenszeichen senden kann.

Und Jackson Hole erinnert daran, dass genau diese Widerstandsfähigkeit ihren Preis haben kann.

Was in der kommenden Woche wichtig wird

Die neue Woche beginnt deshalb mit einem Datenmarathon, der unmittelbar über die nächste Zinsdebatte entscheiden kann.

In Europa stehen neue Inflationsdaten im Mittelpunkt. Nach dem erneuten Energiepreisschub werden insbesondere die deutschen und europäischen Verbraucherpreise zeigen, wie stark der Ölpreisanstieg inzwischen in der Realwirtschaft angekommen ist. Auch chinesische Einkaufsmanagerindizes liefern zum Wochenauftakt Hinweise auf die Verfassung der zweitgrößten Volkswirtschaft.

In den USA folgen zunächst neue Daten zu offenen Stellen sowie die Einkaufsmanagerindizes.

Der wichtigste Termin kommt am Freitag. Am 4. September veröffentlicht das US-Arbeitsministerium den Arbeitsmarktbericht für August. Nach Warshs Rede besitzt dieser Bericht besonderes Gewicht.

Ein überraschend starker Arbeitsmarkt würde der Fed zusätzlichen Spielraum für eine Zinserhöhung geben. Schwache Beschäftigungszahlen könnten dagegen die gerade erst gestiegenen Zinserwartungen wieder zurückdrängen.

Und über allem bleibt der Ölpreis. Denn solange der Konflikt um Iran und die Straße von Hormus ungelöst ist, kann eine einzige geopolitische Nachricht die Inflations- und Zinsrechnung erneut verändern.

Die kommende Börsenwoche beginnt damit genau dort, wo diese aufgehört hat: mit der Frage, ob gute Wirtschaftsnachrichten für Aktien tatsächlich noch uneingeschränkt gute Nachrichten sind.

Stefanie S. Klief

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