Börse

Der KI-Boom bekommt neue Gewinner

Speicher- und Chipaktien laufen Big Tech davon – doch die neue Macht der Halbleiter schafft ein anderes Börsenrisiko

9 Min.

28.08.2026

Wer auf den KI-Boom an der Börse setzen wollte, kam lange an Nvidia, Microsoft oder den anderen großen US-Technologiekonzernen kaum vorbei. 2026 hat sich das Bild verändert. Während einige Big-Tech-Aktien nur mäßig zulegen, steigen Halbleiterhersteller teilweise dreistellig. Besonders spektakulär ist der Aufstieg von Micron. Dahinter steckt nicht bloß eine neue Börsenmode: Mit immer größeren KI-Rechenzentren verschiebt sich ein entscheidender Engpass von der reinen Rechenleistung hin zu Speicher und Infrastruktur.

Micron steigt in die Billionenliga auf

Rund 220 Prozent hat die Micron-Aktie seit Jahresbeginn zugelegt. Die Börsenbewertung des amerikanischen Speicherchip-Herstellers liegt inzwischen bei mehr als einer Billion Dollar. Noch Ende 2025 waren es gut 320 Milliarden Dollar.

Damit gehört ausgerechnet ein Unternehmen zu den spektakulärsten Gewinnern des KI-Jahres, dessen Produkte lange als vergleichsweise zyklisches Halbleitergeschäft galten.

Micron produziert unter anderem DRAM- und NAND-Speicher. Besonders begehrt ist inzwischen jedoch sogenannter High Bandwidth Memory, kurz HBM. Anders als herkömmliche Speicherchips werden dabei mehrere DRAM-Schichten übereinandergestapelt und sehr nah am eigentlichen KI-Prozessor angebunden. Dadurch können enorme Datenmengen mit hoher Geschwindigkeit zwischen Speicher und Recheneinheit bewegt werden. Genau das ist für das Training und den Betrieb großer KI-Modelle entscheidend.

Ein leistungsfähiger Grafikprozessor allein genügt schließlich wenig, wenn er auf die benötigten Daten warten muss.

Diese technische Verschiebung wird inzwischen in den Geschäftszahlen sichtbar.

Micron meldete für sein drittes Geschäftsquartal einen Umsatz von 41,46 Milliarden Dollar. Im entsprechenden Vorjahresquartal waren es lediglich 9,3 Milliarden Dollar gewesen. Der Nettogewinn stieg auf 28,24 Milliarden Dollar. Für das vierte Quartal erwartet das Unternehmen sogar rund 50 Milliarden Dollar Umsatz und eine Bruttomarge von etwa 86 Prozent.

Das sind Größenordnungen, die erklären, warum Anleger ein ehemals stark zyklisches Speicherunternehmen inzwischen vollkommen anders bewerten.

Nicht nur Micron läuft Big Tech davon

Die Verschiebung reicht weit über einen einzelnen Konzern hinaus.

Eine aktuelle Auswertung von CNN zeigt, wie groß die Unterschiede inzwischen geworden sind. Marvell Technology lag demnach seit Jahresbeginn rund 185 Prozent im Plus, Intel etwa 150 Prozent. Ein breit aufgestellter Halbleiter-ETF legte rund 70 Prozent zu. Ein ETF auf die sogenannten Magnificent Seven – Alphabet, Amazon, Apple, Meta, Microsoft, Nvidia und Tesla – kam dagegen lediglich auf etwa vier Prozent.

Dabei ist Big Tech keineswegs generell eingebrochen. Microsoft lag zum Zeitpunkt der Auswertung rund vier Prozent im Plus, Alphabet etwa acht und Amazon elf Prozent. Apple kam auf ungefähr 16 Prozent.

Aber gemessen an den spektakulären Kursanstiegen einiger Halbleiterwerte sehen diese Renditen plötzlich bescheiden aus.

Selbst Nvidia, weiterhin das zentrale Unternehmen des KI-Chipmarktes, hatte vor seinen jüngsten Zahlen 2026 lediglich rund 22 Prozent zugelegt. Die außergewöhnlich starken Quartalszahlen änderten das Bild am Donnerstag allerdings schlagartig: Die Aktie sprang um 8,7 Prozent, nachdem Nvidia einen Umsatzanstieg von rund 70 Prozent für das kommende Geschäftsjahr in Aussicht gestellt hatte. Der Nasdaq gewann daraufhin 1,57 Prozent, der S&P 500 0,72 Prozent.

Die Reaktion zeigt zugleich, wie empfindlich der Gesamtmarkt inzwischen auf Nachrichten aus der KI-Infrastruktur reagiert.

Die Milliarden von Big Tech landen bei den Zulieferern

Hinter dem neuen Kräfteverhältnis steckt ein einfacher wirtschaftlicher Zusammenhang.

Microsoft, Amazon, Alphabet und Meta investieren enorme Summen in Rechenzentren, Server und KI-Kapazitäten. Für sie sind diese Investitionen zunächst Ausgaben. Für Hersteller von Prozessoren, Speicherchips, Netzwerktechnik und anderer Rechenzentrums-Hardware sind dieselben Milliarden dagegen Umsatz.

Das erklärt, warum Anleger aktuell teilweise diejenigen Unternehmen stärker belohnen, die den Ausbau ermöglichen, als diejenigen, die ihn finanzieren.

Wie groß diese Investitionswelle inzwischen ist, zeigen nicht nur die laufenden Budgets. Microsoft, Meta, Oracle, Amazon und Alphabet haben sich laut einer Reuters-Analyse bereits zu künftigen Zahlungen für Rechenzentren im Umfang von rund 1,09 Billionen Dollar verpflichtet. Ein erheblicher Teil dieser Kapazitäten ist noch gar nicht in Betrieb und taucht deshalb bislang nicht vollständig als klassische Leasingverbindlichkeit in den Bilanzen auf.

Diese Investitionen sichern Herstellern von KI-Infrastruktur eine außergewöhnlich hohe Nachfrage.

Doch sie erzeugen zugleich einen entscheidenden Abhängigkeitsmechanismus: Die heutigen Gewinner verdienen daran, dass Big Tech weiterhin Milliarden ausgibt.

Der Speicher wird zum Engpass

Ausgerechnet der lange wenig glamouröse Speichermarkt illustriert diese Entwicklung besonders deutlich.

KI-Prozessoren können immer mehr Rechenoperationen gleichzeitig ausführen. Damit steigt jedoch auch die Menge an Daten, die ihnen schnell genug zur Verfügung gestellt werden muss. HBM sitzt deshalb unmittelbar neben beziehungsweise gemeinsam mit dem Prozessor in hochintegrierten Systemen.

Die Herstellung ist deutlich komplexer als bei konventionellem Arbeitsspeicher. Mehrere sehr dünne Speicherchips werden vertikal gestapelt und über Tausende elektrische Verbindungen miteinander gekoppelt. Entsprechend begrenzt ist die Produktionskapazität.

Die Folge sind Engpässe und hohe Preise.

Micron erklärte im Juni, dass das Angebot an Speicherchips voraussichtlich auch über 2027 hinaus angespannt bleiben werde. Der südkoreanische Marktführer SK Hynix geht inzwischen sogar davon aus, dass die Knappheit bis 2030 reichen könnte. Das Unternehmen investiert allein mehr als vier Milliarden Dollar in eine neue HBM-Fabrik im US-Bundesstaat Indiana und plant darüber hinaus Investitionen von umgerechnet rund 38,3 Milliarden Dollar bis 2031.

Für Anleger ist das ein bemerkenswerter Wandel. Speicherchips gehörten jahrzehntelang zu den klassischen Schweinezyklen der Technologiebranche: Steigende Preise führten zu neuen Fabriken, zusätzliches Angebot irgendwann zum Preisverfall – und anschließend begann das Spiel von vorn.

KI hat diesen Zyklus nicht abgeschafft. Sie hat aber vorerst eine Nachfrage geschaffen, mit deren Geschwindigkeit die Produktionskapazitäten kaum Schritt halten.

37 Prozent des S&P-Zuwachses kommen von Chipaktien

Die Folge ist inzwischen auf Indexebene sichtbar.

Der S&P 500 hat 2026 bislang etwa 13 Prozent gewonnen und dadurch rund 7,6 Billionen Dollar zusätzlichen Börsenwert aufgebaut. Nach Berechnungen des Marktstrategen Mike O'Rourke von JonesTrading entfielen 37 Prozent dieses Wertzuwachses auf Chipaktien. Halbleiterunternehmen stehen nach Angaben der Investmentbank Stifel inzwischen für annähernd ein Drittel der gesamten Marktkapitalisierung des S&P 500. Im Nasdaq 100 machen Chip- und Hardwareunternehmen zusammen fast 45 Prozent aus.

Das ist die Kehrseite der Rally.

Die Börse ist nicht unabhängiger vom KI-Thema geworden, nur weil Microsoft, Meta oder Alphabet nicht mehr allein die Kursentwicklung bestimmen. Das Gewicht hat sich innerhalb des KI-Komplexes verschoben.

Wie extrem dieser Effekt sein kann, zeigte der Donnerstag nach den Nvidia-Zahlen. Nvidia gewann 8,7 Prozent und erhöhte seine Börsenbewertung allein an diesem Tag um rund 440 Milliarden Dollar. Während der klassische S&P 500 stieg, gab ein gleichgewichteter S&P-500-ETF nach – ein Hinweis darauf, dass ein kleiner Kreis sehr großer Unternehmen einen erheblichen Teil der Indexbewegung erzeugte.

Ein steigender Index bedeutet daher nicht zwangsläufig, dass der gesamte Markt gleichermaßen steigt.

Aus Knappheit werden hohe Erwartungen

Für Halbleiterunternehmen ist die aktuelle Konstellation außergewöhnlich günstig: hohe Nachfrage, begrenzte Kapazitäten und Kunden mit milliardenschweren Investitionsbudgets.

Für ihre Aktien entsteht daraus allerdings eine zunehmend anspruchsvolle Rechnung.

Je höher die Kurse steigen, desto weniger genügt es, gute Ergebnisse vorzulegen. Unternehmen müssen immer höhere Erwartungen übertreffen. Marvell liefert dafür gerade ein anschauliches Beispiel. Der Chipdesigner erhöhte am Donnerstag seine Umsatzprognosen für die kommenden Geschäftsjahre und profitiert von wachsender Nachfrage nach kundenspezifischen KI-Chips. Trotzdem verlor die Aktie nachbörslich mehr als sechs Prozent, weil Anleger sich schnellere Beiträge aus einem großen Google-Geschäft erhofft hatten.

Ähnlich drastisch war die Reaktion bei Broadcom Anfang Juni. Als die Prognose für das Chipgeschäft die Erwartungen leicht verfehlte, verlor die Aktie innerhalb von zwei Handelstagen fast 20 Prozent.

Das fundamentale Geschäft kann also weiterhin wachsen, während die Aktie fällt – schlicht weil der Kurs bereits noch stärkeres Wachstum eingepreist hatte.

Und wenn Big Tech irgendwann weniger ausgibt?

Der wichtigste Risikofaktor liegt deshalb ausgerechnet bei jenen Unternehmen, denen die neuen Halbleiterstars ihren Aufstieg verdanken.

Amazon, Microsoft, Google und Meta investieren derzeit in einem Tempo, das den Bedarf an Prozessoren, Speicher und Rechenzentren immer weiter erhöht. Noch sprechen die Geschäftszahlen dafür, dass die Nachfrage nach KI-Rechenleistung hoch bleibt. Auch Nvidia bestätigte mit seinen jüngsten Zahlen erneut einen starken Wachstumspfad.

Doch die Investitionen müssen irgendwann wirtschaftliche Erträge erzeugen.

Eine Reuters-Auswertung kommt zu dem Ergebnis, dass die großen Cloudanbieter 2027 zwar rund 340 Milliarden Dollar mehr operativen Cashflow erwirtschaften könnten als 2025. Ihre Investitionsausgaben dürften im selben Zeitraum allerdings um etwa 534 Milliarden Dollar steigen. Vermögensverwalter diskutieren daher längst nicht mehr nur darüber, ob KI wächst, sondern darüber, welche Unternehmen dieses Wachstum langfristig tatsächlich in Gewinne umsetzen können.

Sollten die großen Cloudanbieter ihre Ausbaupläne irgendwann zurückfahren, würde der Effekt durch die Lieferkette laufen: weniger Rechenzentren, weniger Beschleuniger – und damit auch weniger HBM und andere Spezialchips.

Gerade diejenigen Unternehmen, deren Kurse derzeit am stärksten von Knappheit profitieren, könnten auf eine Normalisierung besonders empfindlich reagieren.

Die zweite Phase des KI-Booms

Die erste Börsenphase der generativen KI ließ sich vergleichsweise leicht erzählen. Nvidia lieferte die entscheidenden Prozessoren, Microsoft investierte in OpenAI, die großen Plattformkonzerne versprachen neue Produkte – und Anleger kauften die bekanntesten Namen.

Inzwischen wird die Geschichte komplizierter.

Der Aufbau der KI-Infrastruktur macht sichtbar, wie viele Engpässe hinter einem funktionierenden Modell liegen: Rechenleistung, Speicher, Netzwerke, Strom, Kühlung und Rechenzentren. Wo einer dieser Faktoren knapp wird, entstehen enorme wirtschaftliche Margen – und entsprechend neue Börsengewinner.

Microns Aufstieg ist deshalb weniger die Geschichte eines einzelnen überraschenden Aktienjahres als ein Hinweis darauf, dass sich der KI-Boom in eine zweite Phase bewegt.

Für Anleger wird damit allerdings auch die Auswahl schwieriger.

Denn die Frage lautet nicht mehr nur, ob Künstliche Intelligenz weiter wächst. Sie lautet zunehmend, welcher Engpass als Nächstes teuer wird – und wie lange er einer bleibt.

Stefanie S. Klief

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