XPeng CEO He Xiaopeng und XPengs humanoider KI-Roboter IRON auf der Auto Shanghai 2025
Erst wurde künstliche Intelligenz zum Softwareboom. Dann floss immer mehr Kapital in Chips, Rechenzentren und Stromversorgung. Nun reicht die Investmentgeschichte weiter in die physische Welt. Xpeng sammelt für seine Robotersparte in der ersten externen Finanzierungsrunde mehr als 900 Millionen Dollar ein und erhält dafür eine Bewertung von über 6,3 Milliarden Dollar. Figure AI wird bereits mit 39 Milliarden Dollar bewertet, Apptronik mit mehr als 5 Milliarden. Und Unitree zeigte an der Börse innerhalb weniger Tage, wie schnell Begeisterung in Spekulation umschlagen kann. Hinter den Milliarden steht ein Begriff, der in den kommenden Jahren häufiger fallen dürfte: Physical AI.
Xpeng bekommt Milliarden für ein Geschäft, das erst anläuft
Der aktuelle Anlass kommt aus China.
Der Elektroautohersteller Xpeng hat für seine Robotiksparte Dogotix mehr als 900 Millionen US-Dollar eingesammelt. Die erste externe Finanzierungsrunde bewertet das Geschäft nach Abschluss der Transaktion mit mehr als 6,3 Milliarden Dollar. Angeführt wird die Runde von IDG Capital; auch Tencent und Alibaba gehören zu den strategischen Investoren. Nach Angaben von Xpeng handelt es sich um die bislang größte einzelne private Finanzierungsrunde im chinesischen Bereich der sogenannten Embodied AI.
Das Geld soll in Hardware und Software, das Training eigener Physical-AI-Modelle, Datengewinnung, Produktionsanlagen und die internationale Expansion fließen.
Xpeng plant, seinen humanoiden Roboter IRON bis Ende 2026 in die Serienproduktion zu bringen. Erste Einsätze sind zunächst in eigenen Geschäften und auf Unternehmensgeländen vorgesehen. Ab 2027 sollen Auslieferungen an externe Kunden in China und im Ausland beginnen.
Noch existiert also kein breit ausgerolltes Robotergeschäft. Die Milliardenbewertung schon.
Der Autokonzern selbst schreibt wieder höhere Verluste
Dass Investoren der Robotiksparte trotzdem einen solchen Wert zugestehen, wird vor dem Hintergrund der Xpeng-Bilanz noch interessanter.
Der Konzern setzte im zweiten Quartal 19,74 Milliarden Yuan um und erreichte eine Bruttomarge von 20,7 Prozent. Gleichzeitig weitete sich der Nettoverlust auf 1,34 Milliarden Yuan aus – nach rund 480 Millionen Yuan im Vorjahresquartal. Die Forschungs- und Entwicklungsausgaben stiegen um gut 32 Prozent auf 2,91 Milliarden Yuan, unter anderem wegen neuer Fahrzeugmodelle und KI-Technologien.
Die Kapitalmärkte bewerten damit zwei Zeithorizonte gleichzeitig.
Das bestehende Autogeschäft muss heute bessere Ergebnisse liefern.
Die Robotiksparte bekommt Kapital für einen Markt, dessen große Erträge erst morgen erwartet werden.
Analysten von Goldman Sachs verwiesen darauf, dass die 6,3-Milliarden-Dollar-Bewertung der Robotiktochter bereits rund 53 Prozent der gesamten Xpeng-Börsenbewertung vom 21. August entsprach. Morgan Stanley bezeichnete die Bewertung als hoch im Vergleich zu vielen anderen nicht börsennotierten Humanoiden-Anbietern.
Damit wird aus einem Entwicklungsprojekt plötzlich ein relevanter Teil der Equity Story des gesamten Konzerns.
Physical AI ist größer als der humanoide Roboter
Der Begriff sollte dabei nicht mit Humanoiden gleichgesetzt werden.
Physical AI bezeichnet KI-Systeme, die Informationen nicht nur verarbeiten und digitale Ergebnisse erzeugen, sondern ihre physische Umgebung wahrnehmen, daraus Schlüsse ziehen und darin handeln können.
Dazu gehören humanoide Roboter ebenso wie autonome Fahrzeuge, mobile Industrieroboter, Drohnen und andere selbstständig agierende Maschinen. Nvidia beschreibt Physical AI als Systeme, die wahrnehmen, verstehen, schlussfolgern und komplexe Handlungen in der realen Welt ausführen können.
Das unterscheidet sie von der ersten großen Welle generativer KI.
Ein Sprachmodell muss erkennen, welche Wörter sinnvoll aufeinanderfolgen.
Ein Roboter muss zusätzlich verstehen, dass eine Tasse zerbrechen kann, ein Mensch seinen Weg kreuzt oder ein Gegenstand anders reagiert als in der Trainingssimulation.
Die reale Welt ist weniger berechenbar als ein Chatfenster. Damit steigen Anforderungen an Sensoren, Daten, Modelle, Rechenleistung und Hardware gleichzeitig.
Warum ausgerechnet Autohersteller hier mitspielen
Dass Xpeng in dieser Branche auftaucht, ist weniger überraschend, als es zunächst klingt.
Ein modernes autonomes Fahrzeug ist selbst eine Form von Physical AI. Es nimmt seine Umgebung über Kameras und Sensoren wahr, verarbeitet enorme Datenmengen, prognostiziert Bewegungen anderer Verkehrsteilnehmer und steuert anschließend ein physisches System. Viele Bausteine lassen sich auf Robotik übertragen.
Xpeng entwickelt eigene Turing-KI-Chips und sogenannte World Foundation Models und verfügt zugleich über Erfahrung mit Batterien, Antriebssystemen, Sensorik, Fertigung und Lieferketten. Der Konzern bezeichnet sich inzwischen selbst als »Physical AI company« und ordnet intelligente Fahrzeuge, Robotaxis und Humanoide unter derselben Technologieplattform ein. Das ist Unternehmensmarketing – macht die strategische Verbindung aber sichtbar.
Xpeng ist damit nicht allein. Tesla arbeitet mit Optimus ebenfalls an humanoiden Robotern. Chery entwickelt über AiMOGA eigene Systeme und bereitet für seine Robotiksparte sogar einen Börsengang vor.
Aus dem Wettlauf der Autohersteller könnte damit zunehmend ein Wettlauf um autonome Maschinen werden.
39 Milliarden Dollar für Figure
Dass Kapital diesen Markt längst entdeckt hat, zeigt der Blick in die USA.
Figure AI sammelte im September 2025 in einer Series-C-Runde mehr als eine Milliarde Dollar ein. Die Bewertung nach der Finanzierungsrunde: 39 Milliarden Dollar.
Zu den Geldgebern gehören unter anderem Nvidia, Intel Capital, Salesforce, Qualcomm Ventures und Brookfield. Figure will das Kapital nutzen, um die Produktion seiner Humanoiden auszubauen, sein KI-System Helix weiterzuentwickeln und größere Mengen realer Trainingsdaten zu gewinnen.
Das Unternehmen testet seine Roboter bereits in realen industriellen Umgebungen. Figure meldete zuletzt unter anderem Einsätze bei BMW.
Auch Apptronik bekommt erhebliches Kapital. Das Unternehmen aus Austin hat seine Series-A-Finanzierung inzwischen auf insgesamt 935 Millionen Dollar ausgeweitet. Nach Informationen von TechCrunch lag die Bewertung zuletzt bei etwa 5,3 Milliarden Dollar. Zu den Investoren gehören Google, Mercedes-Benz und B Capital.
Noch deutlicher wird der Kapitalrausch jedoch in China.
Unitree zeigte, wie schnell aus Zukunftserwartung Spekulation wird
Beim Börsengang von Unitree schoss der Aktienkurs am ersten Handelstag um mehr als 460 Prozent nach oben. Der Schlusskurs entsprach einer Börsenbewertung von rund 50 Milliarden Dollar; zeitweise wurde der Robotikhersteller sogar mit rund 66 Milliarden Dollar bewertet.
Die Begeisterung hielt nicht lange.
Bis zum 25. August verlor die Aktie rund 45 Prozent gegenüber ihrem Niveau nach dem Börsendebüt. Rund 30 Milliarden Dollar Börsenwert verschwanden wieder. Reuters wertete die Entwicklung als Auslöser einer zunehmend offenen Debatte darüber, ob sich im chinesischen Robotikmarkt bereits eine spekulative Blase bildet.
Das Beispiel ist für Anleger besonders lehrreich. Die Technologie kann vielversprechend sein und eine Aktie trotzdem zu teuer.
Unitree ist kein Unternehmen ohne Produkte oder Umsätze. Seine vierbeinigen Roboter sind bereits kommerziell erfolgreich und das Unternehmen gehört zu den prominentesten Robotikherstellern Chinas. Doch die Erwartungen an humanoide Roboter reichen weit über das heutige Geschäft hinaus.
Die Börse bezahlt damit nicht ausschließlich für das, was Unitree bereits verkauft. Sie bezahlt für das, was daraus einmal werden könnte.
Der Markt bewertet den Durchbruch, bevor der Durchbruch da ist
Ausgerechnet Unitree-Chef Wang Xingxing mahnt beim technischen Fortschritt zu mehr Geduld.
Er erwartet zwar einen »ChatGPT-Moment« der Robotik, bei dem Roboter unbekannte Aufgaben selbstständiger verstehen und erledigen können. Wann dieser Durchbruch kommt, grenzt er allerdings nur auf einen Zeitraum von zwei bis zehn Jahren ein.
Auch heutige Humanoide seien Menschen bei vielen tatsächlichen Arbeiten noch unterlegen. Darin steckt das zentrale Spannungsfeld dieser Börsengeschichte.
Investoren bewerten Unternehmen heute bereits mit Milliardenbeträgen, obwohl selbst führende Vertreter der Branche nicht wissen, wann der entscheidende Technologiesprung erfolgt.
Das muss keine Fehlbewertung sein. Kapitalmärkte leben davon, zukünftige Entwicklungen vorwegzunehmen. Aber je weiter die erwarteten Gewinne in der Zukunft liegen, desto größer wird die Unsicherheit über ihre Höhe – und darüber, welche Unternehmen sie überhaupt erzielen werden.
China produziert bereits – aber nicht jede Nachfrage kommt vom Endkunden
Die Branche ist zugleich weiter als eine reine Zukunftsvision.
China hat sich in kurzer Zeit eine führende industrielle Position bei humanoiden Robotern aufgebaut. Reuters berichtete zuletzt von mehr als 40.000 ausgelieferten chinesischen Humanoiden allein im ersten Halbjahr 2026.
Doch auch diese Zahl benötigt Einordnung.
Ein erheblicher Teil der aktuellen Nachfrage stammt noch nicht aus Fabriken, Hotels oder privaten Haushalten, in denen Roboter bereits wirtschaftlich menschliche Arbeit ersetzen.
Die Financial Times berichtete über staatlich unterstützte Trainingszentren in China, die Humanoide kaufen, um mit ihnen reale Bewegungs- und Trainingsdaten zu erzeugen. Diese Daten werden anschließend teilweise wieder an Robotikunternehmen verkauft. Innerhalb von nur zwei Jahren sollen in China fast 370 Robotik-Startups entstanden sein.
Das System kann die technologische Entwicklung beschleunigen. Es erschwert aber die Beurteilung, wie groß die unabhängige kommerzielle Nachfrage bereits tatsächlich ist.
Auch auf der World Robot Conference in Peking lag der Fokus deshalb zunehmend weniger auf spektakulären Tänzen und Rückwärtssaltos als auf einer einfachen Frage: Kann der Roboter eine Aufgabe zuverlässig genug erledigen, um seinem Käufer Geld zu sparen oder zusätzlichen Umsatz zu ermöglichen? Erst dort beginnt ein tragfähiges Geschäftsmodell.
Fünf Billionen Dollar – aber erst 2050
Das mögliche Ziel des Marktes erklärt wiederum, weshalb Investoren trotzdem so früh Milliarden einsetzen.
Morgan Stanley schätzt, dass der Markt für Humanoide einschließlich damit verbundener Lieferketten, Wartung und Dienstleistungen bis 2050 ein Volumen von mehr als 5 Billionen Dollar erreichen könnte. Dann könnten weltweit annähernd eine Milliarde humanoide Roboter im Einsatz sein. Rund 90 Prozent davon erwartet die Bank in industriellen und kommerziellen Anwendungen.
Doch im selben Ausblick steckt eine Zahl, die für Börsianer mindestens ebenso wichtig ist: Morgan Stanley rechnet erst ab der zweiten Hälfte der 2030er-Jahre mit einer deutlich beschleunigten Verbreitung.
Zwischen Milliardenbewertungen im Jahr 2026 und einem möglichen Massenmarkt liegen damit noch viele Jahre. Und viele Möglichkeiten, sich zu irren.
Der Physical-AI-Boom ist nicht nur eine Roboterwette
Für Anleger reicht die mögliche Wertschöpfung zudem weit über die Hersteller der Maschinen hinaus.
Damit kann sich ein ähnliches Muster entwickeln wie bei generativer KI. Dort gehörten bislang nicht unbedingt die Anbieter der bekanntesten Chatbots zu den größten unmittelbaren Börsengewinnern. Ein erheblicher Teil der Wertschöpfung landete bei den Herstellern und Betreibern der Infrastruktur – allen voran bei Halbleiterunternehmen. Bei Physical AI könnte sich dieser Effekt wiederholen.
Der zukünftige Gewinner muss nicht zwangsläufig derjenige sein, dessen Roboter heute am menschlichsten aussieht. Vielleicht ist es der Produzent der Motoren in seinen Gelenken. Der Hersteller seiner Sensoren. Der Entwickler seines Weltmodells. Oder der Konzern, der die Maschinen am günstigsten in Millionenstückzahlen produzieren kann.
Die nächste KI-Erzählung beginnt
Damit verändert sich auch die Wahrnehmung dessen, was der KI-Boom überhaupt ist. Zunächst wurde künstliche Intelligenz vor allem als Softwaregeschichte bewertet. Dann wurde sichtbar, welche gewaltige Infrastruktur dafür gebaut werden muss.
Nun richtet sich Kapital zunehmend auf den nächsten Schritt: KI soll die digitale Umgebung verlassen und selbst in der physischen Wirtschaft handeln. Das Potenzial ist erheblich. Ein System, das einen Text schneller schreibt, steigert Produktivität. Eine Maschine, die selbstständig Material transportiert, Bauteile montiert, Waren kommissioniert oder Menschen fährt, greift unmittelbar in die reale Produktion ein.
Damit kann Physical AI irgendwann einen Markt erschließen, der erheblich größer ist als Software allein. Doch die Börse besitzt die unangenehme Angewohnheit, eine mögliche Zukunft bereits lange vor ihrem Eintreten zu bezahlen.
Unitree hat innerhalb weniger Tage gezeigt, wie teuer das werden kann. Xpeng zeigt nun die andere Seite: Investoren sind weiterhin bereit, enorme Summen bereitzustellen, bevor die industrielle Skalierung überhaupt begonnen hat.
Die Technologie ist real - der Fortschritt und das Kapital sind es auch. Der große kommerzielle Markt, den manche Bewertungen schon heute vorwegnehmen, muss erst noch entstehen.
Physical AI könnte die nächste große Stufe der künstlichen Intelligenz werden.
Für Anleger beginnt damit allerdings nicht nur die nächste Wachstumsstory. Sondern auch die nächste Frage, wie viel Zukunft man heute schon bezahlen sollte.
Stefanie S. Klief