Rüstungsproduktion in Kassel, Fast Fashion in Hongkong und Smartphones aus Kalifornien haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Für Anleger erzählen Rheinmetall, Shein und Apple an diesem Dienstag dennoch dieselbe Geschichte. Börsenkurse entstehen nicht allein aus Umsätzen und Gewinnen der Gegenwart. Sie sind vor allem Wetten darauf, welche Unternehmen ihre Versprechen für die Zukunft tatsächlich einlösen können.
Rheinmetall plant für Aufträge in historischer Dimension
Bei Rheinmetall geht es derzeit vor allem um zukünftiges Geschäft. Der Düsseldorfer Rüstungskonzern bereitet seinen Standort Kassel auf eine massive Ausweitung der Panzerproduktion vor. Im Rahmen des Bundeswehr-Projekts »Arminius« rechnet das Unternehmen nach einem Bericht des Handelsblatts mit Aufträgen von insgesamt fast 40 Milliarden Euro.
Wichtig ist dabei die Unterscheidung: Rheinmetall investiert nicht selbst 40 Milliarden Euro in ein neues Werk. Die Summe bezeichnet das mögliche Volumen erwarteter Bundeswehr-Bestellungen.
In einer ersten Beschaffungsrunde könnte Rheinmetall einen Auftrag über 12,4 Milliarden Euro für mehr als 1.500 Boxer-Radpanzer erhalten. Weitere Rahmenvereinbarungen im Umfang von 14 bis 26 Milliarden Euro könnten folgen. Insgesamt wären damit Bestellungen von mehr als 5.000 Boxer-Fahrzeugen möglich. Der Standort Kassel könnte laut Konzernchef Armin Papperger dadurch bis mindestens 2040 ausgelastet sein und zum größten Panzerwerk Europas werden.
Die Belegschaft soll von derzeit etwa 2.200 auf 3.000 Beschäftigte bis Ende 2028 wachsen, die mögliche Produktionskapazität auf bis zu 500 Boxer jährlich. Der Jahresumsatz des Standorts könnte von derzeit rund 1,5 Milliarden auf etwa fünf Milliarden Euro steigen. Die endgültigen Details der geplanten Bestellung sind allerdings noch nicht beschlossen.
Gerade für die Börse ist diese Einschränkung wichtig. Rheinmetall wird seit Jahren nicht nur für das bezahlt, was der Konzern bereits verdient, sondern für die erwartete langfristige Aufrüstung Europas. Neue Milliardenprogramme bestätigen diese Wachstumsthese – müssen die mittlerweile hohen Erwartungen aber auch immer wieder übertreffen.
Entsprechend fiel die unmittelbare Kursreaktion trotz der spektakulären Auftragsperspektive verhalten aus. Am Dienstagvormittag verlor die Rheinmetall-Aktie rund zwei Prozent und notierte zeitweise bei etwa 1.088 Euro. Vom 52-Wochen-Hoch von gut 2.000 Euro ist das Papier damit inzwischen erheblich entfernt.
Das ist keine Absage an die Wachstumsgeschichte. Es zeigt vielmehr, wie viel davon der Kapitalmarkt bereits vorausgenommen hat.
Bei Shein wird aus einer 100-Milliarden-Story eine 26-Milliarden-Aktie
Wie brutal der Kapitalmarkt frühere Erwartungen korrigieren kann, demonstriert am selben Tag Shein.
Der Fast-Fashion-Konzern hat nach jahrelangen Anläufen endlich den Sprung an die Börse geschafft. Statt New York oder London wurde es Hongkong. Der Ausgabepreis lag bei 48,56 Hongkong-Dollar, das Unternehmen nahm rund 1,7 Milliarden Dollar ein und wurde zum Börsenstart mit etwa 26,5 Milliarden Dollar bewertet.
Noch 2022 hatten private Investoren Shein zeitweise einen Wert von fast 100 Milliarden Dollar zugeschrieben.
Damit hatte das Unternehmen bereits vor dem ersten Handelstag nahezu drei Viertel seiner einstigen Bewertung verloren. Und auch die Börse zeigte sich nicht begeistert: Die Aktie fiel zeitweise rund zehn Prozent unter den Ausgabepreis und beendete ihren ersten Handelstag mit 46,62 Hongkong-Dollar rund vier Prozent im Minus.
Dahinter steckt mehr als schlechte Stimmung an einem einzelnen Handelstag.
Sheins Geschäftsmodell gerät durch veränderte Zoll- und Einfuhrregeln in den USA und Europa unter Druck. Höhere Handels- und Logistikkosten treffen einen Konzern besonders empfindlich, dessen Wettbewerbsvorteil wesentlich auf extrem niedrigen Preisen und dem direkten Versand kleiner Pakete aus China beruhte. Zugleich haben sich Wachstum und Margen abgeschwächt.
Der Börsengang liefert damit einen selten klaren Blick darauf, was passiert, wenn private Unternehmensbewertungen auf einen öffentlichen Kapitalmarkt treffen.
2022 bezahlten Investoren noch für die Vorstellung eines nahezu ungebremsten globalen Wachstumsmodells. 2026 bewertet die Börse ein Unternehmen, dessen regulatorische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen sich grundlegend verändert haben.
Die Firma ist nicht um drei Viertel geschrumpft. Die Erwartungen an ihre Zukunft sind es.
Apple zeigt, warum Zukunftswetten trotzdem funktionieren können
Und dann ist da Apple.
Ausgerechnet heute, am 1. September, endet nach 15 Jahren die Ära Tim Cook als CEO. Der bisherige Hardware-Chef John Ternus übernimmt die operative Führung, Cook wechselt an die Spitze des Verwaltungsrats. Apple hatte die langfristig vorbereitete Nachfolge bereits im April angekündigt.
Für Anleger hinterlässt Cook eine außergewöhnliche Bilanz.
Seit seiner Übernahme im August 2011 stieg die Apple-Aktie um rund 2.200 Prozent. Der S&P 500 kam im selben Zeitraum auf etwa 560 Prozent. Aus einer damaligen Marktkapitalisierung von rund 350 Milliarden Dollar wurde ein Konzern, dessen Börsenwert inzwischen mehrere Billionen Dollar beträgt. Apples Umsatz wuchs von 108 Milliarden Dollar im Geschäftsjahr 2011 auf mehr als 416 Milliarden Dollar 2025.
Bemerkenswert ist, dass Cook diesen Wertzuwachs nicht durch ein zweites iPhone erzeugte.
Die zentralen Produktlinien iPhone, Mac und iPad blieben bestehen. Cook perfektionierte vielmehr die wirtschaftliche Maschine dahinter: eigene Chips, effizientere Lieferketten, höhere Margen und vor allem ein wachsendes Servicegeschäft mit App Store, iCloud, Apple Pay, Apple Music und weiteren Angeboten.
Aus rund 200 Millionen aktiv genutzten Apple-Geräten zu Beginn seiner Amtszeit wurden mehr als 2,5 Milliarden. Das Servicegeschäft erwirtschaftet inzwischen mehr als 100 Milliarden Dollar Jahresumsatz.
Apple liefert damit das Gegenstück zu Shein.
Auch die Apple-Aktie spiegelte über Jahre enorme Erwartungen wider. Der Unterschied ist: Das Unternehmen konnte einen großen Teil davon durch steigende Umsätze, Gewinne, Margen und wiederkehrende Erlöse rechtfertigen.
Anleger kaufen keine Gegenwart
Die drei Unternehmen stehen an vollkommen unterschiedlichen Punkten ihrer Börsengeschichte.
Rheinmetall muss beweisen, dass Europas angekündigte Verteidigungsausgaben tatsächlich in langfristige Aufträge und entsprechende Gewinne münden.
Shein muss zeigen, dass sein Geschäftsmodell auch dann funktioniert, wenn Zollprivilegien verschwinden, Regulierung zunimmt und Wachstum teurer wird.
Und Apples neuer CEO John Ternus übernimmt einen Konzern, bei dem gerade der Erfolg seines Vorgängers zur Belastung werden kann: Nach 2.200 Prozent Kursplus reicht es nicht, Apple lediglich so erfolgreich weiterzuführen wie bisher. Der Markt wird wissen wollen, woher die nächste Wachstumsphase kommt – insbesondere in einer Technologiebranche, die sich durch Künstliche Intelligenz gerade neu sortiert.
Genau darin liegt die Verbindung zwischen Panzerfabrik, Fast Fashion und iPhone.
An der Börse wird nicht bezahlt, wie beeindruckend eine Unternehmensgeschichte klingt. Bezahlt wird die Wahrscheinlichkeit, dass aus einer Geschichte künftig Cashflow wird.
Rheinmetall erhält gerade einen erheblichen Vertrauensvorschuss auf Europas Aufrüstung. Shein erlebt, wie schnell ein solcher Vorschuss verschwinden kann. Apple zeigt nach 15 Jahren Tim Cook, wie wertvoll es werden kann, wenn ein Unternehmen ihn tatsächlich verdient.
Stefanie S. Klief