Börse

Eine Million Dollar Umsatz – und 300 Milliarden Dollar Fantasie

Fahrerlose Lastwagen könnten die Logistik verändern. Doch damit sich die Aktie verfünfundzwanzigfacht, muss nahezu jede optimistische Annahme aufgehen.

10 Min.

23.07.2026

Sterling Anderson, Co-Founder und Produktchef von Aurora, hält eine Keynote auf der Consumer Electronics Show (CES) in Las Vegas, Nevada, am 08.01.2025

Aurora Innovation bringt Lastwagen ohne Fahrer auf amerikanische Fernstraßen. Ein renommierter Investor sieht darin das Potenzial für einen Börsenwert von 300 Milliarden Dollar. Noch liegen zwischen dieser Vision und der Realität jedoch eine Million Dollar Quartalsumsatz, hohe Verluste und eine industrielle Skalierung, die erst begonnen hat.

Die Prognose klingt wie aus einer anderen Börsenzeit

2400 Prozent Kurspotenzial: Mit dieser Zahl sorgt derzeit eine Prognose zur Aktie von Aurora Innovation für Aufmerksamkeit.

Sie stammt von David Giroux, Investmentchef bei T. Rowe Price und langjähriger Teilnehmer der Investorenrunde des US-Finanzmagazins »Barron’s«. Giroux hält es für möglich, dass Aurora innerhalb von acht oder neun Jahren einen Börsenwert von 300 Milliarden Dollar erreicht.

Aktuell ist das Unternehmen rund 12,9 Milliarden Dollar wert. Die Aktie notierte am 23. Juli bei etwa 6,61 Dollar. Ein Anstieg auf das von Giroux beschriebene Niveau würde den Unternehmenswert ungefähr verfünfundzwanzigfachen. Aus einem investierten Dollar würden rechnerisch 25 Dollar – entsprechend einem Kursgewinn von rund 2400 Prozent.

Eine derart genaue Zahl kann allerdings eine Sicherheit vortäuschen, die es nicht gibt.

Giroux nennt kein klassisches Kursziel für die kommenden zwölf Monate. Er beschreibt ein mögliches Szenario für das Jahr 2035 – und dieses Szenario setzt voraus, dass sich der amerikanische Güterverkehr grundlegend verändert.

Aurora hat die Testphase verlassen

Aurora Innovation entwickelt ein autonomes Fahrsystem für schwere Lastwagen. Das Unternehmen wurde 2017 gegründet. Mitgründer und Vorstandschef Chris Urmson leitete zuvor das Projekt für selbstfahrende Autos bei Google, aus dem später Waymo hervorging.

Anders als viele frühere Börsenhoffnungen rund um das autonome Fahren verfügt Aurora inzwischen über ein kommerziell eingesetztes Produkt.

Seit 2025 transportieren Lastwagen mit dem »Aurora Driver« Güter auf öffentlichen US-Straßen, ohne dass ein Fahrer hinter dem Steuer sitzt. Bis Ende Juni 2026 legte das System nach Unternehmensangaben fast 440.000 vollständig fahrerlose Meilen zurück. Das kommerzielle Netz umfasst inzwischen zehn Strecken im sogenannten Sun Belt der USA.

Am 22. Juli stellte Aurora die zweite Generation seiner fahrerlosen Lastwagen vor. Sie basiert auf dem International LT, einem schweren Fernverkehrsmodell des Herstellers International Motors.

Die neue Hardware soll leistungsfähiger sein, eine Lebensdauer von einer Million Meilen erreichen und die Kosten gegenüber der bisherigen Technik deutlich senken. Der Produktionspartner Roush soll bis Ende 2026 in der Lage sein, jährlich 1000 Fahrzeuge auszurüsten.

Damit erreicht Aurora einen entscheidenden Übergang: aus einzelnen technisch erfolgreichen Fahrzeugen soll erstmals eine industriell skalierbare Flotte werden.

Warum autonome Lastwagen wirtschaftlich interessant sind

Der Fernverkehr eignet sich besser für die Automatisierung als der Stadtverkehr mit Pkw.

Lastwagen bewegen sich über lange Strecken auf Autobahnen. Die Fahrumgebung ist dort strukturierter als in Innenstädten mit Fußgängern, Radfahrern, Kreuzungen und ständig wechselnden Verkehrssituationen.

Gleichzeitig sind die wirtschaftlichen Anreize erheblich.

Ein menschlicher Fahrer muss gesetzliche Lenk- und Ruhezeiten einhalten. Ein autonomer Lastwagen kann theoretisch einen deutlich größeren Teil des Tages unterwegs sein. Damit steigt die Auslastung des Fahrzeugs, während Lieferzeiten sinken.

Hinzu kommen der Mangel an Fernfahrern, hohe Personalkosten und eine starke Fluktuation in der Branche. Autonome Systeme könnten vor allem die langen Autobahnetappen übernehmen. Für die Abholung und Zustellung auf der letzten Meile könnten zunächst weiterhin Menschen eingesetzt werden.

Aurora verkauft dabei nicht lediglich einen umgebauten Lastwagen. Das Unternehmen will sein Fahrsystem langfristig als Dienstleistung anbieten. Transportunternehmen sollen die Fahrzeuge besitzen und für die Nutzung des »Aurora Driver« bezahlen.

Gelingt dieses Modell, könnte Aurora an jeder gefahrenen Meile verdienen, ohne sämtliche Lastwagen selbst finanzieren und betreiben zu müssen.

So entsteht die 300-Milliarden-Dollar-Rechnung

Giroux geht von einem amerikanischen Markt mit jährlich rund 200 Milliarden gefahrenen Meilen im schweren Güterverkehr aus.

Sein Szenario beruht anschließend auf mehreren Schritten:

Bis 2035 könnten autonome Fahrzeuge 20 Prozent dieser Fahrleistung übernehmen. Innerhalb dieses Teilmarkts könnte Aurora wiederum einen Marktanteil von 50 Prozent erreichen.

Damit würde das System des Unternehmens bei rund 20 Milliarden gefahrenen Meilen eingesetzt. Giroux leitet daraus einen möglichen Jahresumsatz von 20 Milliarden Dollar und Margen ab, die eher einem Softwareunternehmen als einem klassischen Fahrzeughersteller entsprechen.

Würde die Börse Aurora dann mit dem 15-Fachen des Jahresumsatzes bewerten, ergäbe sich ein Unternehmenswert von 300 Milliarden Dollar.

Die Rechnung ist mathematisch einfach.

Wirtschaftlich besteht sie jedoch aus einer Kette ausgesprochen anspruchsvoller Annahmen.

Annahme eins: Jeder fünfte Kilometer wird autonom gefahren

Dass autonome Lastwagen technisch auf einzelnen Strecken funktionieren, bedeutet noch nicht, dass sie innerhalb weniger Jahre einen erheblichen Teil des gesamten US-Fernverkehrs übernehmen.

Aurora muss sein Streckennetz erweitern, weitere Wetter- und Verkehrssituationen beherrschen und nachweisen, dass die Technik auch bei stark wachsender Flotte zuverlässig funktioniert.

Der erfolgreiche Betrieb auf Autobahnen in Texas, Arizona oder Oklahoma ist ein wichtiger Schritt. Schwieriger werden Regionen mit Schnee, Eis, Bergen, engen Baustellen oder besonders dichtem Verkehr.

Zudem unterscheiden sich die rechtlichen Vorgaben zwischen den US-Bundesstaaten. Ein landesweites Netz erfordert deshalb nicht nur technische, sondern auch regulatorische Fortschritte.

Annahme zwei: Aurora gewinnt die Hälfte des Marktes

Selbst wenn sich autonome Lastwagen durchsetzen, muss Aurora nicht automatisch der größte Gewinner sein.

Der Markt zieht Technologieunternehmen, Lastwagenhersteller und finanzstarke Investoren an. Neben Aurora entwickeln unter anderem Kodiak Robotics, Plus und weitere Anbieter Systeme für den fahrerlosen Güterverkehr. Auch etablierte Hersteller können eigene Lösungen entwickeln oder Partnerschaften mit anderen Technologieunternehmen eingehen.

Aurora besitzt allerdings einen wichtigen Vorteil: Das Unternehmen arbeitet bereits mit einem breiten Netz etablierter Partner zusammen. Dazu zählen unter anderem Volvo, PACCAR, International Motors, Continental, Nvidia, FedEx, Uber Freight, Ryder und mehrere große Speditionen.

Diese Beziehungen erleichtern den Zugang zu Fahrzeugen, Kunden, Wartungsnetzen und industrieller Produktion.

Sie garantieren aber keinen Marktanteil von 50 Prozent.

Annahme drei: Aus Absichten werden Bestellungen

Besondere Aufmerksamkeit erhält eine Vereinbarung mit dem US-Logistikunternehmen Hirschbach.

Hirschbach plant, eine Flotte von 500 mit dem Aurora Driver ausgestatteten Lastwagen aufzubauen. Die Auslieferung könnte 2027 beginnen. Aurora spricht von einem möglichen Umsatzstrom im Umfang mehrerer Hundert Millionen Dollar über mehrere Jahre.

Die Formulierung ist entscheidend: Es handelt sich bislang um eine Absichtserklärung und nicht um eine feste Bestellung über sämtliche 500 Fahrzeuge.

Aurora weist selbst darauf hin, dass aus dem unverbindlichen Memorandum nicht zwingend verbindliche Aufträge entstehen müssen.

Für ein Unternehmen in der frühen Kommerzialisierung ist das Kundeninteresse dennoch ein wichtiges Signal. Es zeigt, dass die Technik nicht ausschließlich von Investoren und Entwicklern für relevant gehalten wird, sondern auch von möglichen Anwendern.

Die heutigen Zahlen erzählen eine andere Geschichte

Von einem Jahresumsatz von 20 Milliarden Dollar ist Aurora noch sehr weit entfernt.

Im ersten Quartal 2026 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von lediglich einer Million Dollar. Gleichzeitig entstanden Kosten von sechs Millionen Dollar unmittelbar im Zusammenhang mit diesem Umsatz.

Die Forschungs- und Entwicklungsausgaben beliefen sich auf 195 Millionen Dollar. Weitere 44 Millionen Dollar entfielen auf Vertrieb und Verwaltung. Unter dem Strich stand ein operativer Verlust von 244 Millionen Dollar und ein Nettoverlust von 223 Millionen Dollar.

Innerhalb von drei Monaten flossen 159 Millionen Dollar aus dem laufenden Geschäft ab. Das waren 17 Millionen Dollar mehr als im Vorjahreszeitraum. Aurora begründet den höheren Mittelverbrauch vor allem mit der Entwicklung der neuen Hardware und dem Aufbau der Flotte.

Dem standen Ende März liquide Mittel und kurz- sowie langfristige Anlagen von zusammen rund 1,28 Milliarden Dollar gegenüber. Die Finanzierung des unmittelbar bevorstehenden Ausbaus erscheint damit gesichert.

Das Unternehmen erklärt jedoch selbst, dass es weiterhin operative Verluste erwartet und wahrscheinlich zusätzliches Kapital aufnehmen wird, um die Kommerzialisierung in großem Maßstab zu finanzieren.

Neue Aktien finanzieren die Zukunft

Aurora hat sich bereits in erheblichem Umfang über die Ausgabe neuer Aktien finanziert.

Bis Ende März 2026 verkaufte das Unternehmen über ein laufendes Börsenprogramm rund 154 Millionen Aktien. Der durchschnittliche Verkaufspreis betrug 5,93 Dollar. Nach Kosten flossen Aurora dadurch 888 Millionen Dollar zu.

Für das Unternehmen ist diese Finanzierung sinnvoll: Solange Investoren an die langfristige Geschichte glauben, kann Aurora Kapital für Forschung, Fahrzeuge und Infrastruktur aufnehmen.

Für bestehende Aktionäre bedeutet sie jedoch Verwässerung. Steigt die Zahl der Aktien, verteilt sich ein künftiger Unternehmenswert auf mehr Anteilsscheine.

Die 300-Milliarden-Dollar-Prognose sagt deshalb noch nicht automatisch, welchen Kurs eine einzelne Aktie 2035 erreichen würde. Das hängt auch davon ab, wie viele neue Aktien Aurora bis dahin ausgibt.

Warum Aurora heute schon fast 13 Milliarden Dollar wert ist

Aurora wird an der Börse nicht anhand seines aktuellen Umsatzes bewertet.

Gemessen an einer Million Dollar Quartalsumsatz wäre eine Marktkapitalisierung von fast 13 Milliarden Dollar kaum zu erklären. Auch klassische Kennzahlen wie das Kurs-Gewinn-Verhältnis helfen nicht, da das Unternehmen hohe Verluste schreibt.

Investoren bewerten stattdessen drei Dinge:

die Wahrscheinlichkeit, dass autonomer Fernverkehr technisch funktioniert, Auroras mögliche Stellung innerhalb dieses Marktes und die später erzielbaren Margen.

Die Aktie ähnelt damit eher einer börsennotierten Wagniskapitalbeteiligung als einem etablierten Industrieunternehmen.

Anleger kaufen kein bewiesenes Geschäftsmodell. Sie kaufen eine Wahrscheinlichkeit.

Je größer das erwartete Marktpotenzial, desto höher darf diese Wahrscheinlichkeit bewertet werden. Fällt sie jedoch durch technische Rückschläge, Unfälle, regulatorische Eingriffe oder verlorene Kundenbeziehungen, kann der Börsenwert ebenso schnell einbrechen.

Der Vergleich mit Software ist entscheidend

Die optimistische Bewertung steht und fällt mit der Frage, welche Art Unternehmen Aurora einmal sein wird.

Muss Aurora dauerhaft eigene Lastwagen kaufen, betreiben und warten, wäre das Geschäft kapitalintensiv. Die Margen ähnelten eher denen einer Spedition oder eines Fahrzeugherstellers.

Kann das Unternehmen sein Fahrsystem dagegen an zahlreiche Flotten lizenzieren und pro gefahrener Meile abrechnen, wäre ein deutlich profitableres Plattformmodell denkbar.

Aurora müsste dann nicht den gesamten Wert eines Transports erhalten. Ein kleiner Anteil an einer sehr großen Zahl gefahrener Meilen könnte ausreichen.

Genau darauf zielt Giroux mit den erwarteten »softwareähnlichen Margen«.

Ob die Börse einem solchen Unternehmen im Jahr 2035 tatsächlich das 15-Fache seines Umsatzes zugesteht, ist dennoch offen. Bewertungsmultiplikatoren hängen von Wachstum, Wettbewerb, Zinsen und Marktstimmung ab.

Ein Unternehmen kann sämtliche operativen Ziele erreichen und trotzdem deutlich weniger wert sein als in einer früheren Prognose angenommen.

Kein gewöhnlicher Aktientipp

Aurora ist keine Aktie, bei der sich der faire Wert aus verlässlichen Gewinnen und Dividenden ableiten lässt.

Das Unternehmen steht am Anfang der kommerziellen Skalierung. Sein Produkt existiert, fährt ohne Menschen auf öffentlichen Straßen und hat namhafte Partner gefunden. Damit unterscheidet sich Aurora von vielen Börsenvisionen, deren Technik noch überwiegend aus Präsentationen besteht.

Gleichzeitig liegen zwischen 440.000 fahrerlosen Meilen und einem bedeutenden Anteil am gesamten amerikanischen Güterverkehr mehrere industrielle Größenordnungen.

Mehr Fahrzeuge bedeuten mehr Daten und mehr Umsatz. Sie bedeuten aber ebenfalls mehr seltene Verkehrssituationen, mehr Wartung, mehr regulatorische Aufmerksamkeit und ein größeres Risiko, dass einzelne Zwischenfälle das Vertrauen beeinträchtigen.

SK

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