Mit der heutigen niederschmetternden Prognose der Wirtschaftsweisen, ist eine Frage besonders interessant zu beantworten:
Steigern weniger gesetzliche Feiertage die Wirtschaftsleistung? Sie gehört zu den regelmäßig wiederkehrenden Debatten der Wirtschaftspolitik. Ausgangspunkt ist eine scheinbar einfache Logik: Wenn an mehr Tagen gearbeitet wird, steigt auch die Produktion – und damit das Bruttoinlandsprodukt. Tatsächlich zeigen Modellrechnungen, dass ein zusätzlicher Arbeitstag rechnerisch einen messbaren Effekt haben kann.
So geht das Institut der deutschen Wirtschaft davon aus, dass ein zusätzlicher Arbeitstag bis zu 0,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachen kann, was einer Größenordnung von mehreren Milliarden Euro entspricht. Auch statistische Faustregeln gehen davon aus, dass zusätzliche Arbeitstage grundsätzlich positiv auf das BIP wirken, wobei der Effekt je nach Zeitpunkt im Jahr unterschiedlich stark ausfallen kann.
Diese Sichtweise bildet die Grundlage für Forderungen, Feiertage zu streichen, um wirtschaftliches Wachstum zu stimulieren. Sie basiert auf der Annahme, dass Produktionskapazitäten vollständig ausgelastet sind und zusätzliche Arbeitszeit direkt in zusätzliche Wertschöpfung übersetzt werden kann.
Dem widersprechen jedoch mehrere empirische Analysen deutlich. Studien des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) zeigen, dass sich ein solcher Zusammenhang in der Praxis nicht nachweisen lässt. Untersuchungen realer Fälle, in denen Feiertage in Deutschland abgeschafft oder neu eingeführt wurden, kommen zu dem Ergebnis, dass es keinen systematischen positiven Effekt auf das Wachstum gibt.
Im Gegenteil: In etwa der Hälfte der untersuchten Fälle entwickelte sich die Wirtschaft in Regionen besser, in denen Feiertage beibehalten oder sogar ausgeweitet wurden. Auch die Hans-Böckler-Stiftung kommt zu dem Schluss, dass die Annahme eines direkten Wachstumsimpulses durch weniger Feiertage empirisch nicht haltbar ist.
Ein zentraler Grund liegt in der Funktionsweise moderner Volkswirtschaften. Produktion wird nicht allein durch verfügbare Arbeitszeit bestimmt, sondern vor allem durch Nachfrage, Investitionen und Produktivität. Laut IMK begrenzen häufig fehlende Aufträge die wirtschaftliche Aktivität stärker als ein Mangel an Arbeitszeit.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: Erholung. Gewerkschaften und arbeitsmarktnahe Institute argumentieren, dass arbeitsfreie Tage langfristig die Produktivität stabilisieren können, weil sie zur Regeneration beitragen. Weniger Freizeit könnte dagegen zu sinkender Leistungsfähigkeit oder veränderten Arbeitszeitmodellen führen, etwa durch eine stärkere Verlagerung in Teilzeit.
Auch branchenspezifische Unterschiede spielen eine Rolle. In vielen Bereichen lässt sich ausgefallene Arbeit nachholen oder vorziehen, wodurch der Effekt einzelner Feiertage nivelliert wird. In anderen Branchen wiederum hängt die Produktion stark von äußeren Faktoren wie Wetter oder Nachfragezyklen ab, sodass zusätzliche Arbeitstage nicht automatisch zu mehr Output führen.
Die Debatte zeigt damit zwei unterschiedliche Perspektiven: Während theoretische Modelle kurzfristige Effekte zusätzlicher Arbeitstage berechnen, verweist die empirische Forschung auf komplexere Zusammenhänge, in denen Arbeitszeit nur ein Faktor unter vielen ist.
Insgesamt bleibt die Frage offen, ob die Abschaffung von Feiertagen tatsächlich ein geeignetes Mittel zur Steigerung der Wirtschaftsleistung ist. Klar ist jedoch: Die einfache Gleichung »mehr Arbeit gleich mehr Wachstum« greift in einer modernen, stark vernetzten Volkswirtschaft zu kurz.
SK