Wissen

Deutschland zahlt erstmals mehrheitlich bargeldlos

Die neue Bundesbank-Studie zeigt: Karte, Smartphone und Onlineverfahren holen auf – doch Bargeld bleibt an der Ladenkasse stark

5 Min.

18.06.2026

Deutschland erreicht beim Bezahlen einen historischen Kipppunkt: Erstmals wurden 2025 mehr tägliche Einkäufe bargeldlos als mit Bargeld bezahlt. Karte, Smartphone und Internetbezahlverfahren gewinnen weiter an Bedeutung. Doch Bargeld bleibt das meistgenutzte einzelne Zahlungsmittel an der Ladenkasse – und für viele Menschen ein Stück Wahlfreiheit.
 

Deutschland zahlt anders. Zum ersten Mal wurden alltägliche Einkäufe im Jahr 2025 häufiger bargeldlos bezahlt als mit Scheinen und Münzen. Nach der neuen Bundesbank-Studie zum Zahlungsverhalten entfielen 55 Prozent aller erfassten Einkäufe auf bargeldlose Verfahren. Bargeld kam noch auf 45 Prozent.

Damit ist ein psychologischer Schwellenwert erreicht. Deutschland galt lange als besonders bargeldaffin. Während in vielen anderen europäischen Ländern Karten- und Smartphonezahlungen längst dominieren, hielten Verbraucher hierzulande auffällig stark am Bargeld fest. Nun setzt sich der Trend zum bargeldlosen Bezahlen auch in Deutschland sichtbar durch.

Trotzdem ist Bargeld nicht verschwunden. Im Gegenteil: Als einzelnes Zahlungsmittel bleibt es an der Ladenkasse weiterhin am häufigsten genutzt. Die Debitkarte liegt mit 26 Prozent der Zahlungen auf Platz zwei, wobei die Girocard weiterhin die mit Abstand wichtigste Debitkarte ist. Mobile Bezahlverfahren wie Smartphone-Zahlungen erreichen inzwischen zehn Prozent aller Zahlungen.

Der Alltag wird digitaler

Die Zahlen zeigen, wie stark sich der Zahlungsalltag verändert. Wer früher vor allem mit Bargeld oder Girocard zahlte, nutzt heute zunehmend Smartphone, digitale Geldbörse, App, Onlinebezahldienst oder kontaktlose Karte. Mobile Verfahren legten gegenüber 2023 um vier Prozentpunkte zu. Internetbezahlverfahren verdoppelten ihren Anteil auf sechs Prozent.

Noch deutlicher wird die Verschiebung beim Blick auf die bezahlten Beträge. Nach Umsatzanteilen liegt die Debitkarte mit 28 Prozent vorn. Bargeld und Überweisungen kommen jeweils auf 23 Prozent und teilen sich damit Platz zwei. Das bedeutet: Bei größeren Beträgen spielen Karten und digitale Verfahren eine stärkere Rolle, während Bargeld bei kleineren Alltagszahlungen weiter präsent bleibt.

Der Trend ist also eindeutig. Bezahlen wird digitaler, schneller und vielfältiger. Klassische Verfahren wie Überweisung, Lastschrift und Kartenzahlung bleiben wichtig, aber digitale Wallets, App-Zahlungen und Internetbezahlverfahren gehören inzwischen fest zum Alltag.

Bargeld bleibt soziale Infrastruktur

Die Bundesbank macht aber deutlich, dass Digitalisierung nicht alle Menschen gleichermaßen erreicht. Ältere Personen, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, niedrigem Einkommen oder geringer digitaler Erfahrung nutzen häufiger Bargeld. Genau deshalb ist Bargeld mehr als Nostalgie.

Es ist ein inklusives Zahlungsmittel. Man braucht kein Smartphone, keine App, keine stabile Internetverbindung, kein Kartenlimit und keine digitale Routine. Gerade für Menschen, die sich im digitalen Zahlungsverkehr unsicher fühlen oder ihre Ausgaben besser kontrollieren wollen, bleibt Bargeld wichtig.

Das erklärt auch die hohe Zustimmung zur Bargeldoption. 80 Prozent der Befragten halten es für wichtig, weiterhin bar bezahlen zu können. Das ist bemerkenswert, weil es nicht nur die tatsächliche Nutzung misst, sondern den Wunsch nach Wahlfreiheit.

Wahlfreiheit ist noch nicht überall Realität

Genau diese Wahlfreiheit ist laut Bundesbank aber nicht überall gegeben. Bargeld wird zwar bei Einkäufen vor Ort nahezu flächendeckend akzeptiert: In 94 Prozent der Fälle konnten Befragte bar zahlen. Probleme gibt es jedoch etwa im öffentlichen Personennahverkehr und an Selbstbedienungskassen im Einzelhandel.

Umgekehrt bestehen auch bei bargeldlosen Zahlungen noch Lücken. Bei 86 Prozent der aufgezeichneten Käufe vor Ort war eine bargeldlose Zahlung möglich. Das sind fünf Prozentpunkte mehr als 2023, aber eben noch keine vollständige Abdeckung. Rund ein Viertel der Befragten gab an, im vergangenen Monat mindestens einmal nicht wie gewünscht bargeldlos bezahlt haben zu können.

Damit ist die Lage paradoxer, als die einfache Überschrift »Bargeldlos überholt Bargeld« vermuten lässt. Deutschland wird digitaler, aber weder Barzahlung noch bargeldloses Zahlen funktionieren überall problemlos.

Europa sucht eigene Bezahllösungen

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Abhängigkeit von außereuropäischen Zahlungsanbietern. Bei mobilen Zahlungen ist Apple Pay laut Bundesbank das meistgenutzte Verfahren an der Ladenkasse. In digitalen Geldbörsen sind häufig Karten von Visa und Mastercard hinterlegt. Bei Internetbezahlverfahren dominiert Paypal mit einem Marktanteil von rund 86 Prozent.

Das ist wirtschaftlich und politisch relevant. Zahlungsverkehr ist Infrastruktur. Wer Zahlungssysteme kontrolliert, kontrolliert Daten, Schnittstellen und einen wichtigen Teil des digitalen Alltags. Deshalb verweist die Bundesbank auf europäische Alternativen wie Wero und perspektivisch den digitalen Euro.

Eine große Mehrheit der Befragten hält es laut Studie für erforderlich, dass Europa im Zahlungsverkehr unabhängiger wird. Das passt zur aktuellen Debatte über digitale Souveränität. Europa will nicht nur eigene Cloudlösungen, Chips und KI-Modelle stärken, sondern auch im Zahlungsverkehr weniger abhängig von US-Konzernen sein.

Nicht Bargeld gegen digital – sondern beides

Die Studie zeigt deshalb keinen einfachen Kulturkampf zwischen Bargeldfreunden und Digitalzahlern. Sie zeigt vielmehr eine Übergangsphase. Deutschland zahlt immer häufiger bargeldlos, will aber Bargeld als Option behalten.

Für Banken, Handel und Politik heißt das: Die Zukunft des Bezahlens darf nicht nur effizient sein. Sie muss auch zugänglich, robust und souverän bleiben. Digitale Verfahren müssen einfacher, sicherer und breiter akzeptiert werden. Gleichzeitig darf Bargeld nicht durch schleichende Akzeptanzverluste aus dem Alltag gedrängt werden.

Der entscheidende Satz kommt deshalb von der Bundesbank selbst: Am Ende sollen die Menschen frei wählen können, wie sie bezahlen möchten.

Genau das ist der Kern der neuen Zahlungsrealität in Deutschland. Bargeld verliert die Mehrheit. Aber es bleibt Teil der Freiheit.

SK

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben