Deutschland hat über Jahre Fortschritte bei der Besetzung seiner Führungsgremien gemacht. Nun ist die Entwicklung weitgehend zum Stillstand gekommen. Der neue Women-on-Board-Index zeigt zugleich erstaunlich deutlich: Dort, wo verbindliche Regeln gelten, sind Frauen erheblich stärker vertreten als in Unternehmen, die ihre Ziele selbst festlegen dürfen.
Der langjährige Aufwärtstrend ist beendet
Der Frauenanteil in den Vorständen großer börsennotierter Unternehmen ist erstmals wieder gesunken. Von den insgesamt 773 Vorstandsmitgliedern der 183 untersuchten Unternehmen waren zum Stichtag 148 Frauen. Das entspricht einem Anteil von 19,1 Prozent – nach 19,9 Prozent im Vorjahr.
Ausgewertet wurden die 160 Unternehmen aus DAX, MDAX und SDAX sowie 23 weitere börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Unternehmen des regulierten Marktes. Die Daten wurden bis zum 1. Mai 2026 aktualisiert.
Auch in den Aufsichtsräten geht es nicht mehr voran. Dort stagniert der Frauenanteil bei 37 Prozent. Neun Unternehmen besitzen weiterhin ein vollständig männlich besetztes Kontrollgremium. Gleichzeitig stieg allerdings die Zahl der Unternehmen mit mindestens paritätisch besetztem Aufsichtsrat von 25 auf 28.
In den operativen Führungsetagen fällt die Bilanz schlechter aus. Die Zahl der Unternehmen ohne eine einzige Frau im Vorstand erhöhte sich von 70 auf 73.
Damit ist in vier von zehn untersuchten Unternehmen die gesamte Unternehmensführung weiterhin männlich besetzt.
Frauen gehen – und Männer rücken nach
Der Rückgang ist nach Angaben der Initiative Frauen in die Aufsichtsräte, kurz FidAR, vor allem darauf zurückzuführen, dass weibliche Vorstandsmitglieder ausgeschieden sind. Ihre Positionen wurden entweder mit Männern neu besetzt oder die jeweiligen Vorstandsgremien verkleinert.
Die Entwicklung ist damit nicht nur das Ergebnis zufälliger Schwankungen.
Unternehmen standen vor konkreten Personalentscheidungen – und entschieden sich dabei häufig nicht erneut für eine Frau.
Besonders deutlich zeigt sich der Rückstand im SDAX. Dort sind nur 29 von insgesamt 244 Vorstandsmitgliedern weiblich. Das entspricht einem Anteil von 11,9 Prozent. 45 der 70 SDAX-Unternehmen besitzen eine frauenfreie Vorstandsetage.
Im MDAX liegt der Frauenanteil bei 20 Prozent. Der DAX entwickelt sich als einziges Börsensegment noch leicht positiv und erreicht inzwischen 26 Prozent. Vor elf Jahren waren dort lediglich 8,4 Prozent der Vorstandsmitglieder Frauen.
Die größten deutschen Konzerne sind damit zwar ebenfalls weit von einer paritätischen Besetzung entfernt. Sie liegen aber deutlich vor den kleineren Börsenunternehmen.
Die Quote macht einen messbaren Unterschied
Der Women-on-Board-Index liefert auch eine klare Antwort auf die Frage, ob gesetzliche Vorgaben tatsächlich wirken.
Für 101 der untersuchten Unternehmen gilt die feste Geschlechterquote im Aufsichtsrat. Sie erreichen dort im Durchschnitt einen Frauenanteil von 39 Prozent.
Bei den 82 Unternehmen, die nicht unter diese Quote fallen, liegt der Anteil lediglich bei 31,2 Prozent. Seit 2024 ist er in dieser Gruppe sogar um 2,2 Prozentpunkte gesunken.
Ein ähnliches Bild zeigt sich in den Vorständen.
Bei den Unternehmen, die der Aufsichtsratsquote unterliegen, liegt der Frauenanteil in der Chefetage bei 22,1 Prozent. Bei den Unternehmen ohne diese Vorgabe erreicht er lediglich 14,4 Prozent.
Die Aufsichtsratsquote wirkt dabei offenbar über das Kontrollgremium hinaus. Aufsichtsräte entscheiden über die Berufung und Abberufung von Vorstandsmitgliedern. Wo Frauen stärker an diesen Entscheidungen beteiligt sind und das Unternehmen bereits Erfahrung mit gemischt besetzten Gremien besitzt, werden auch häufiger Frauen in die operative Führung berufen.
Seit 2016 gilt für große börsennotierte und paritätisch mitbestimmte Unternehmen eine verbindliche Frauenquote von 30 Prozent im Aufsichtsrat. Seit August 2022 müssen bei betroffenen Unternehmen mit mehr als drei Vorstandsmitgliedern außerdem mindestens eine Frau und ein Mann im Vorstand vertreten sein.
Alle derzeit 61 Unternehmen, für die dieses Mindestbeteiligungsgebot gilt, erfüllen die Vorgabe.
Immer mehr Unternehmen planen mit null Frauen
Noch aufschlussreicher ist der Umgang jener Unternehmen, die nicht unter eine feste Vorgabe fallen.
Sie müssen eigene Zielgrößen für den Frauenanteil in ihren Führungsgremien festlegen und veröffentlichen. Dabei dürfen sie auch einen Wert von null angeben – müssen diesen jedoch begründen.
Von dieser Möglichkeit machen inzwischen wieder mehr Unternehmen Gebrauch.
Die Zahl der Konzerne, die für ihren Vorstand ausdrücklich die Zielgröße null festgelegt haben, stieg innerhalb eines Jahres von 23 auf 27. Diese Unternehmen erklären damit öffentlich, dass sie auch für den festgelegten Planungszeitraum keine Frau in ihrer Chefetage anstreben.
Gleichzeitig geht die Zahl der Unternehmen zurück, die überhaupt konkrete Zielgrößen festlegen.
Das Instrument, mit dem freiwillige und transparente Fortschritte erzielt werden sollten, verliert damit an Wirkung. Während verbindliche Vorgaben erfüllt werden, nutzen manche Unternehmen ihren Spielraum, um am bestehenden Zustand nichts zu verändern.
Die Zahlen widersprechen deshalb dem häufig vorgebrachten Argument, gesetzliche Quoten seien unnötig, weil sich gemischte Führungsgremien mit der Zeit von selbst durchsetzen würden.
Der Fortschritt setzt sich gerade nicht automatisch fort.
Es fehlt nicht an qualifizierten Frauen
Die Entwicklung der Aufsichtsräte zeigt zugleich, dass ausreichend Kandidatinnen vorhanden sind.
Seit Einführung der Quote im Jahr 2015 stieg der Frauenanteil in den Kontrollgremien der untersuchten Unternehmen um 17,1 Prozentpunkte auf 37 Prozent. 80 Unternehmen erreichen inzwischen bereits einen Anteil von mindestens 40 Prozent, obwohl die deutsche Regelung nur 30 Prozent verlangt.
Um sämtliche 183 Aufsichtsräte auf mindestens 30 Prozent Frauenanteil zu bringen, wären rechnerisch noch 51 zusätzliche Frauen erforderlich. 36 davon entfallen allein auf SDAX-Unternehmen.
FidAR fordert daher, die verbindliche Aufsichtsratsquote auf 40 Prozent anzuheben und die gesetzlichen Vorgaben auf weitere börsennotierte Unternehmen auszuweiten. Auch für Vorstände verlangt die Initiative eine feste Quote statt der bisherigen Mindestregel, die bei großen Gremien bereits mit einer einzigen Frau erfüllt ist.
Mehr Vielfalt darf nicht von guten Zeiten abhängen
Der Rückgang fällt in eine Phase, in der zahlreiche Unternehmen Kosten senken, Strukturen verkleinern und Führungsgremien neu ordnen.
Gerade solche Umbrüche können langjährige Fortschritte wieder zunichtemachen. Scheidet eine der wenigen Frauen aus einem Vorstand aus, sinkt der Anteil in einem kleinen Gremium sofort erheblich. Wird ihre Position anschließend gestrichen oder mit einem Mann besetzt, kann ein Unternehmen innerhalb weniger Monate in eine vollständig männliche Führung zurückfallen.
Das zeigt, wie wenig stabil die bisher erreichte Entwicklung ist.
Solange Frauen nur einzelne Plätze in überwiegend männlich besetzten Gremien einnehmen, hängt der Gesamtfortschritt stark von wenigen Personalentscheidungen ab. Erst eine breitere und dauerhaft aufgebaute Führungspipeline könnte verhindern, dass wirtschaftlicher Druck oder ein Wechsel im Vorstand sofort zu einem Rückschritt führt.
Was bleibt
Der neue Women-on-Board-Index zeigt nicht nur, dass der Frauenanteil in Deutschlands Chefetagen sinkt.
Er zeigt auch, warum.
Dort, wo klare Vorgaben gelten, werden sie erfüllt und der Frauenanteil ist deutlich höher. Dort, wo Unternehmen selbst entscheiden dürfen, stagniert die Entwicklung – oder sie kehrt sich um. Manche Konzerne erklären sogar ausdrücklich, weiterhin ohne Frau im Vorstand planen zu wollen.
Damit wird aus einer Gleichstellungsfrage auch eine Frage unternehmerischer Verbindlichkeit.
Die deutsche Wirtschaft betont regelmäßig, dass sie angesichts von Fachkräftemangel und Transformation auf die besten Talente angewiesen sei. Gleichzeitig bleiben vier von fünf Vorstandsposten mit Männern besetzt.
Die Quote hat das Problem nicht gelöst.
Die aktuellen Zahlen zeigen jedoch ziemlich eindeutig, dass ohne sie noch weniger geschehen wäre.
SK