Wirtschaft

Saudi-Arabien gehen die Ausweichrouten fürs Öl aus

Hormus gestört, Pipeline angegriffen, Rotes Meer unsicher: Das Sicherheitsnetz des weltgrößten Ölexporteurs bekommt Löcher

8 Min.

12.09.2026

Symbolbild

Eine Pipeline wird abgeschaltet, der Ölpreis steigt – das klingt zunächst nach einer weiteren Episode des seit Monaten eskalierenden Nahostkonflikts. Wirtschaftlich ist der Vorgang brisanter. Saudi-Arabiens Ost-West-Pipeline ist kein beliebiger Transportweg. Sie wurde gerade in den vergangenen Monaten zum wichtigsten Instrument, um die weitgehend gestörte Straße von Hormus zu umgehen. Nun ist ausgerechnet diese Ausweichroute nach mehreren Drohnenangriffen vorsorglich außer Betrieb. Wie lange, ist noch unklar.

Die Pipeline ist Teil von Saudi-Arabiens Versicherung gegen Hormus

Die sogenannte East-West Pipeline oder Petroline verläuft über rund 1.200 Kilometer quer durch Saudi-Arabien. Sie verbindet die großen Fördergebiete im Osten des Landes mit dem Hafen Yanbu am Roten Meer.

Ihre strategische Funktion ist einfach: Öl muss nicht erst durch die Straße von Hormus, um auf den Weltmarkt zu gelangen.

Unter normalen Bedingungen besitzt die Leitung eine Kapazität von rund fünf Millionen Barrel täglich, kurzfristig lässt sie sich auf bis zu sieben Millionen Barrel erweitern. Genau das tat Saudi Aramco nach Beginn der schweren Störungen in Hormus. Im ersten Quartal 2026 lief die Pipeline nach Unternehmensangaben zeitweise mit ihrer maximalen Kapazität von sieben Millionen Barrel pro Tag. Aramco bezeichnete sie ausdrücklich als entscheidende Versorgungsader während des Energie- und Schifffahrtsschocks.

In den vergangenen Monaten wurden nach Schätzungen von Schiffsbeobachtern und Analysten noch etwa vier bis fünf Millionen Barrel täglich durch die Leitung transportiert. Das entspricht rund vier bis fünf Prozent des weltweiten Ölangebots.

Mehrere Drohnen trafen die Infrastruktur

Nach Angaben des saudischen Energieministeriums wurde die Leitung am Donnerstagmorgen in den Regionen Riad und Medina mehrfach angegriffen. Saudi-Arabien schaltete sie anschließend vorsorglich ab. Bei den Angriffen wurden Menschen verletzt; technische Teams prüfen derzeit die Schäden und die Sicherheit der Anlage. Ein Termin für die Wiederinbetriebnahme wurde bislang nicht genannt.

Das saudische Außenministerium erklärte später, die eingesetzten Drohnen seien aus dem Irak gekommen. Wer sie gestartet hat, teilte Riad nicht mit. Im Irak operieren mehrere mit Iran verbundene Milizen. Saudi-Arabien will nach eigenen Angaben zunächst auf einen Gegenschlag verzichten und der irakischen Regierung Gelegenheit geben, die Verantwortlichen zu ermitteln und weitere Angriffe zu verhindern.

Für den Ölmarkt ist weniger entscheidend, wer die Drohnen geschickt hat, als was sie getroffen haben.

Eine beschädigte Pumpstation lässt sich nicht zwangsläufig so schnell reparieren wie ein einzelnes Leck in einer Rohrleitung. Pumpen, Stromversorgung, Steuerungssysteme und Sicherheitstechnik können betroffen sein. Das tatsächliche Schadensausmaß ist bislang nicht öffentlich bekannt.

Hormus hat bereits einen Großteil seiner Bedeutung verloren – unfreiwillig

Wie wichtig die Pipeline geworden ist, zeigen Daten der US-Energiebehörde EIA.

Im vierten Quartal 2025 wurden noch durchschnittlich 21,6 Millionen Barrel Rohöl und andere flüssige Erdölprodukte täglich durch die Straße von Hormus transportiert. Im zweiten Quartal 2026 waren es nur noch 4,9 Millionen Barrel.

Saudi-Arabien reagierte darauf mit einer massiven Umleitung nach Westen.

Gleichzeitig stieg die durch Bab al-Mandab am südlichen Ende des Roten Meeres transportierte Ölmenge von 5,4 auf 8,1 Millionen Barrel täglich. Allein bei Rohöl und Kondensaten war es ein Sprung von 3,2 auf 6,1 Millionen Barrel. Die EIA führt diese Entwicklung wesentlich darauf zurück, dass saudisches Öl über die Ost-West-Pipeline zum Roten Meer geleitet wurde.

Die Pipeline hat damit tatsächlich einen erheblichen Teil dessen aufgefangen, was durch Hormus nicht mehr zuverlässig transportiert werden konnte.

Das Rote Meer ist nicht nur eine Route

Dabei ist eine geografische Unterscheidung wichtig.

Von Yanbu aus kann saudisches Öl nach Norden über den Suezkanal Richtung Europa transportiert werden. Dafür muss es Bab al-Mandab nicht passieren.

Soll es dagegen von der saudischen Westküste zu den großen asiatischen Kunden gelangen, führt der Seeweg nach Süden – durch Bab al-Mandab in den Golf von Aden und weiter in den Indischen Ozean.

Gerade dort hat sich die Lage in den vergangenen Tagen ebenfalls verschärft. Die mit Iran verbündeten Huthi haben die strategische Insel Perim beziehungsweise Mayyun sowie weitere Positionen an der jemenitischen Küste eingenommen. Die Insel liegt mitten in der Meerenge und teilt Bab al-Mandab in zwei Schifffahrtskanäle.

Die Meerenge ist nicht geschlossen. Ein Huthi-Sprecher erklärte sogar, der internationale Schiffsverkehr bleibe grundsätzlich sicher – ausdrücklich ausgenommen seien allerdings saudische Schiffe.

Für Riyadhs Exportstrategie ist das kaum beruhigend.

Redundanz funktioniert nur, solange die Alternativen unabhängig voneinander bleiben

Energiesysteme werden gegen Krisen abgesichert, indem sie mehrere Transportwege besitzen. Fällt einer aus, übernimmt ein anderer.

Saudi-Arabien verfügte dafür über eine bemerkenswert starke Position: Öl konnte direkt vom Persischen Golf verschifft oder durch die Pipeline ans Rote Meer transportiert werden. Von dort existieren wiederum unterschiedliche maritime Wege.

Die vergangenen Monate zeigen jedoch, wie schnell aus mehreren Alternativen miteinander verbundene Risiken werden können.

Hormus ist massiv beeinträchtigt. Die Pipeline, die Hormus umgehen soll, ist angegriffen und vorerst abgeschaltet. Am südlichen Zugang des Roten Meeres haben die Huthi ihre militärische Position deutlich verbessert.

Damit entsteht kein vollständiger Exportstopp. Saudi-Arabien verfügt über Lagerbestände, Häfen und weitere logistische Möglichkeiten. Aber die Reservekapazität, mit der Ausfälle ausgeglichen werden können, wird kleiner.

Das ist am Ölmarkt besonders relevant, weil nicht allein die tatsächlich fehlende Menge zählt. Schon die Wahrscheinlichkeit weiterer Ausfälle wird in Preise eingerechnet.

Brent beendet die Woche über 100 Dollar

Am Freitag schloss ein Barrel Brent bei 104,61 Dollar. Zwischenzeitlich war der Preis deutlich höher gestiegen. Trotz des Rückgangs zum Handelsende legte Brent auf Wochensicht mehr als acht Prozent zu. WTI schloss bei 100,05 Dollar.

Analysten von Capital Economics halten bei größeren oder länger anhaltenden Schäden an der saudischen Pipeline einen Anstieg in Richtung 120 Dollar für möglich. Das ist keine Prognose, sondern ein Szenario, dessen Eintritt vor allem von Reparaturdauer, weiteren Angriffen und der Entwicklung der Schifffahrt abhängt.

Ende April hatte Brent im bisherigen Jahresverlauf zeitweise bereits rund 118 bis 126 Dollar erreicht, bevor sich die Lage vorübergehend entspannte. Die vergangenen Monate zeigen daher ebenso, wie schnell solche Risikoprämien wieder zurückgehen können, wenn Transportwege sicherer erscheinen oder diplomatische Fortschritte erwartet werden.

Deutschland spürt den Ölpreisschock bereits an der Tankstelle

Für Verbraucher ist der Effekt längst nicht mehr theoretisch.

Nach Angaben des ADAC kostete Super E10 Anfang September im bundesweiten Mittel 7,6 Cent mehr je Liter als eine Woche zuvor, Diesel verteuerte sich um 8,9 Cent. Für den 11. September nennt der ADAC wöchentliche Durchschnittspreise von rund 2,26 Euro für Benzin und 2,32 Euro für Diesel.

Der Rohölpreis ist dabei nur ein Faktor. Wechselkurs, Raffineriemargen, Steuern und Wettbewerb beeinflussen ebenfalls, was schließlich an der Zapfsäule verlangt wird. Ein dauerhafter Ölpreis oberhalb von 100 Dollar erhöht jedoch den Kostendruck für Raffinerien und Kraftstoffanbieter.

Und Öl wirkt weit über Autofahrer hinaus. Diesel treibt Lastwagen und landwirtschaftliche Maschinen an, Kerosin Flugzeuge, petrochemische Rohstoffe stecken in Kunststoffen und zahlreichen Industrieprodukten. Höhere Transport- und Energiekosten gelangen deshalb schrittweise in viele andere Preise.

Der Energieschock wird damit auch für die Geldpolitik relevant: Steigende Ölpreise erhöhen den Inflationsdruck genau in einer Phase, in der EZB und andere Notenbanken bereits wieder über höhere Zinsen gegen die Teuerung vorgehen.

Nicht der Ausfall einer Pipeline ist das größte Risiko

Saudi-Arabien kann Schäden reparieren. Auch eine Pipeline dieser Größenordnung muss nicht dauerhaft außer Betrieb bleiben.

Wirtschaftlich problematischer ist die Häufung der Störungen.

Die Ost-West-Pipeline sollte das Risiko von Hormus reduzieren. Das Rote Meer sollte zusätzliche maritime Flexibilität schaffen. Neue Transportwege machten das System robuster, solange ihre Risiken voneinander unabhängig waren.

Der aktuelle Konflikt greift inzwischen mehrere Ebenen dieses Sicherheitsnetzes gleichzeitig an.

Der Angriff auf die Pipeline zeigt einmal mehr, wie schnell ein globales Versorgungssystem verletzlich wird, wenn nicht die Hauptleitung ausfällt – sondern nach und nach auch ihre Umleitungen.

Stefanie S. Klief

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