Wirtschaft

Eine Milliarde Euro am Tag – Europas China-Problem eskaliert

Brüssel sucht Schutz vor Chinas Exportdruck und riskiert damit den Gegenschlag

7 Min.

05.10.2026

Am 8. und 9. Oktober treffen sich EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič und Chinas Handelsminister Wang Wentao in Peking. Offiziell geht es um ein ausgewogeneres Handelsverhältnis, Marktzugang, Exportkontrollen und die Regeln der Welthandelsorganisation. Hinter diesen Begriffen steckt inzwischen ein wesentlich härterer Konflikt: Europa will seine Industrie gegen immer mehr chinesische Waren schützen. China warnt vor neuen Handelsbarrieren und verfügt seinerseits über wirksame Druckmittel. Für die EU entsteht daraus ein Dilemma, das sich nicht mehr allein mit Freihandelsrhetorik lösen lässt.

359,8 Milliarden Euro Defizit

Die Zahlen erklären, warum Brüssel nervös wird.

2025 importierte die Europäische Union Waren im Wert von 559,4 Milliarden Euro aus China. In die Gegenrichtung gingen lediglich 199,6 Milliarden Euro.

Das Defizit erreichte damit 359,8 Milliarden Euro – fast eine Milliarde Euro pro Tag.

Noch wichtiger ist die Richtung der Entwicklung: Während die europäischen Exporte nach China gegenüber dem Vorjahr um 6,5 Prozent zurückgingen, stiegen die chinesischen Lieferungen in die EU um 6,4 Prozent.

Im zweiten Quartal 2026 verschärfte sich das Ungleichgewicht weiter. Das Handelsdefizit erreichte innerhalb von drei Monaten 103 Milliarden Euro – den höchsten Quartalswert seit 2022.

Ein Handelsdefizit ist für sich genommen noch kein Beweis für unfairen Wettbewerb. Staaten importieren Waren, weil diese günstiger, besser oder im eigenen Land nicht ausreichend verfügbar sind.

Doch in Brüssel wächst die Sorge, dass hinter den Zahlen mehr steckt als normale Spezialisierung.

Chinas schwacher Binnenmarkt drückt Waren nach Europa

Die Europäische Kommission sieht eine Kombination aus zwei Entwicklungen.

Chinas heimische Nachfrage bleibt schwach. Gleichzeitig hat das Land in zahlreichen Industrien enorme Produktionskapazitäten aufgebaut.

Was im Inland nicht verkauft wird, sucht Absatzmärkte außerhalb Chinas.

Die Kommission bezeichnet gerade diese Kombination aus schwacher chinesischer Nachfrage und steigendem Exportdruck inzwischen als eine dauerhafte Herausforderung für die europäischen Volkswirtschaften.

Betroffen sind längst nicht nur Elektroautos oder Solarmodule. Brüssel beobachtet starke Importzuwächse unter anderem bei Maschinen, Textilien, Basismetallen und Chemieprodukten.

Damit erreicht der Konflikt immer mehr Branchen der klassischen europäischen Industrie.

Die Schutzmauer wächst bereits

Europa beginnt darauf zu reagieren.

Für batterieelektrische Autos aus China gelten bereits zusätzliche Ausgleichszölle wegen staatlicher Subventionen. Gleichzeitig häufen sich Anti-Dumping- und Anti-Subventionsverfahren in anderen Branchen.

Allein 2026 eröffnete die EU bis Anfang Oktober bereits 27 neue Handelsschutzuntersuchungen. Insgesamt laufen Dutzende Verfahren – viele davon gegen chinesische Produkte.

Im Chemiesektor wird zusätzlich über breitere Schutzmaßnahmen nachgedacht.

Für Europa markiert das einen politischen Wandel. Die EU verstand sich jahrzehntelang als Verteidiger offener Märkte und regelgebundenen Handels. Nun wächst die Bereitschaft, industrielle Kapazitäten ausdrücklich vor Importdruck abzuschirmen.

Der Grund ist nicht nur ökonomisch. Wer Photovoltaik, Batterien, Chemikalien, Maschinenkomponenten oder strategische Rohstoffe fast vollständig aus anderen Weltregionen beziehen muss, besitzt im geopolitischen Konflikt weniger Handlungsspielraum.

Handelspolitik wird damit zunehmend Sicherheitspolitik.

Deutschland und Frankreich denken über ein schärferes Instrument nach

Besonders weit geht ein Vorschlag, an dem Deutschland und Frankreich nach Reuters-Informationen arbeiten. Beide Länder sollen ein europäisches Instrument nach dem Vorbild der amerikanischen »Section 301« prüfen.

In den USA erlaubt diese Regel der Regierung, gegen aus ihrer Sicht unfaire Handelspraktiken anderer Staaten mit weitreichenden Maßnahmen vorzugehen.

Wie eine europäische Variante konkret aussehen könnte, ist bislang nicht beschlossen. Allein die Diskussion ist jedoch politisch bemerkenswert. Klassische Anti-Dumping-Verfahren untersuchen bestimmte Produkte, Unternehmen und Preisstrukturen. Ein breiteres Instrument könnte stärker gegen systemische Praktiken eines Handelspartners gerichtet werden.

China reagierte bereits scharf. Das Handelsministerium bezeichnete entsprechende Pläne als protektionistisch und unilateral und kündigte entschlossene Gegenmaßnahmen an, sollte Europa neue Beschränkungen gegen chinesische Unternehmen oder Waren verhängen.

Peking zeigt bereits, wie Gegenwehr aussehen kann

Nur wenige Tage später eröffnete Chinas Handelsministerium eine neue Anti-Dumping-Untersuchung gegen ein Chemieprodukt aus der Europäischen Union.

Es geht um p-Nitrotoluol, das unter anderem für Farbstoffe, Arzneimittel, Pestizide und Pigmente verwendet wird.

Die chinesischen Behörden verweisen auf einen Antrag heimischer Hersteller und untersuchen, ob europäische Anbieter das Produkt zu unfair niedrigen Preisen auf dem chinesischen Markt verkaufen. Dass das Verfahren tatsächlich eine politische Vergeltungsmaßnahme ist, lässt sich daraus nicht ableiten.

Der Zeitpunkt zeigt jedoch, wie schnell beide Seiten inzwischen mit denselben handelspolitischen Instrumenten gegeneinander vorgehen können. Zoll führt zu Untersuchung. Untersuchung führt zu Gegenuntersuchung. Schutzmaßnahme führt zu möglicher Vergeltung.

Ein Handelskonflikt entwickelt so eine eigene Dynamik.

Europa hat ein besonderes Problem: Es braucht China weiterhin

Europa will chinesische Abhängigkeiten reduzieren – benötigt aber gleichzeitig chinesische Produkte und Vorprodukte. Maschinenkomponenten, Elektronik, Batterietechnik, Solartechnik und zahlreiche industrielle Rohstoffe sind tief in europäischen Lieferketten verankert.

Besonders sensibel sind seltene Erden und andere strategische Materialien. Chinesische Exportkontrollen gehören deshalb ausdrücklich zu den Themen, über die Šefčovič und Wang verhandeln.

Neue Zölle können europäischen Herstellern Schutz vor besonders billigen Importen verschaffen. Sie können aber gleichzeitig Vorprodukte verteuern, die andere europäische Unternehmen benötigen. Darin liegt das Dilemma.

Eine Zollmauer schützt nicht einfach »Europa« gegen »China«. Innerhalb Europas gibt es Gewinner und Verlierer jeder Handelsmaßnahme.

Auch China ist verwundbar

Das bedeutet allerdings nicht, dass Peking alle Karten in der Hand hält.

Der europäische Binnenmarkt mit mehr als 400 Millionen Verbrauchern ist für chinesische Unternehmen enorm wichtig – gerade weil das Wachstum im eigenen Land schwach ist.

Wenn die USA ihre Märkte stärker abschotten und Europa ebenfalls neue Hürden errichtet, verliert China zwei seiner wichtigsten Absatzräume gleichzeitig.

Ein erheblicher Teil der chinesischen Industrieproduktion benötigt jedoch genau diese Auslandsmärkte.

Auch Peking hat deshalb ein Interesse daran, dass der Konflikt nicht vollständig eskaliert.

Das erklärt, warum beide Seiten trotz immer schärferer Rhetorik weiterverhandeln.

Die Verhandlungen laufen seit Juni

Im Juni richteten EU und China eigens neue Handels- und Investitionskonsultationen ein. Vier Arbeitsfelder wurden vereinbart: ein ausgeglicheneres Handels- und Investitionsverhältnis, Exportkontrollen, geistiges Eigentum und eine Reform der Welthandelsorganisation.

Dazu kam ein gemeinsamer Mechanismus zur Beobachtung der Handelsströme. Brüssel machte damals bereits klar, dass bis zum Herbst konkrete Ergebnisse erwartet würden.

Nun ist dieser Herbst da. Beim Treffen am 8. und 9. Oktober soll sich zeigen, ob aus den Arbeitsgruppen tatsächlich Zugeständnisse entstehen – etwa ein besserer Zugang europäischer Unternehmen zum chinesischen Markt oder eine Begrenzung besonders problematischer Exportströme.

Zölle können Zeit kaufen – Wettbewerbsfähigkeit nicht ersetzen

Selbst ein härterer europäischer Kurs löst allerdings das grundsätzliche Problem nicht. Zölle können verhindern, dass europäische Hersteller kurzfristig von massiv subventionierten Importen verdrängt werden.

  • Sie machen europäische Energie nicht billiger.
  • Sie beschleunigen keine Genehmigungsverfahren.
  • Sie schaffen keine Fachkräfte und erhöhen weder Produktivität noch Investitionen.

Auch die Europäische Kommission kommt inzwischen zu dem Ergebnis, dass chinesischer Exportdruck für Europa eine dauerhaftere Belastung darstellt als viele direkte Folgen amerikanischer Zölle.

Wenn Europas Industrie im internationalen Wettbewerb bestehen soll, reicht deshalb defensive Handelspolitik nicht aus.

Schutz kann Zeit verschaffen. Diese Zeit muss aber genutzt werden, um die eigene industrielle Wettbewerbsfähigkeit zu erhöhen.

Stefanie S. Klief

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