Wirtschaft

40 Industriekonzerne warnen vor CO₂-Kostenlawine

BASF, Thyssenkrupp, ArcelorMittal und weitere Unternehmen fordern von der EU einen Kurswechsel beim Emissionshandel

5 Min.

18.06.2026

Rund 40 große Industriekonzerne fordern von der EU einen Kurswechsel beim Emissionshandel. In einem Brandbrief an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident António Costa warnen sie vor steigenden CO₂-Kosten, Produktionsverlagerungen und Werksschließungen. Der Streit zeigt, wie hart der Konflikt zwischen Klimazielen und industrieller Wettbewerbsfähigkeit geworden ist.
 

Rund 40 große Industriekonzerne erhöhen den Druck auf die EU. In einem Brandbrief an EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und EU-Ratspräsident António Costa fordern sie ein entschlossenes Eingreifen beim europäischen Emissionshandel. Das bestehende System führe zu einer Eskalation der CO₂-Kosten und gefährde die industrielle Basis Europas.

Zu den Unterzeichnern gehören unter anderem BASF, Evonik, Covestro, Thyssenkrupp und ArcelorMittal. Die Unternehmen warnen vor Produktionsverlagerungen, Werksschließungen, Arbeitsplatzverlusten, rückläufigen Investitionen und schwächerem Wirtschaftswachstum, wenn die EU ihren Kurs nicht ändere.

Der Emissionshandel gilt als zentrales Klimaschutzinstrument der EU. Unternehmen müssen für ihre CO₂-Emissionen Zertifikate vorweisen. Je knapper diese Zertifikate werden, desto höher steigt der Preis für CO₂. Genau dieser Mechanismus soll Investitionen in klimafreundliche Technologien auslösen. Doch die Industrie argumentiert nun: Solange Europa deutlich strengere Regeln und höhere Energiekosten hat als andere Weltregionen, wird aus Klimaschutz ein Wettbewerbsnachteil.

Der CO₂-Preis trifft energieintensive Branchen besonders hart

Besonders betroffen sind Stahl, Chemie, Zement, Aluminium und andere energieintensive Industrien. Diese Branchen können ihre Produktion nicht einfach schnell emissionsfrei umstellen. Sie brauchen große Mengen Strom, Wasserstoff, CO₂-Abscheidung, neue Anlagen, Netze und Infrastruktur. Viele dieser Voraussetzungen existieren in Europa aber noch nicht in ausreichendem Maß.

Die Unternehmen kritisieren deshalb nicht nur den Preis selbst, sondern die fehlenden Alternativen. Klimaneutrale Produktion sei politisch gewollt, aber die industrielle Realität hinke hinterher: Wasserstoff ist knapp und teuer, CO₂-Infrastruktur steht erst am Anfang, Strompreise bleiben hoch, und viele Kunden sind nicht bereit, deutlich mehr für klimafreundliche Produkte zu zahlen.

Damit entsteht ein gefährlicher Zwischenzustand. Die alte Produktion wird über CO₂-Kosten verteuert, die neue ist aber noch nicht in industriellem Maßstab bezahlbar. Genau in dieser Lücke fürchtet die Industrie den Verlust von Standorten.

Kosten in Europa, Konkurrenz aus dem Ausland

Der zentrale Vorwurf lautet: Europäische Unternehmen zahlen für Emissionen, während Wettbewerber in anderen Weltregionen häufig nicht denselben Belastungen unterliegen. Dadurch können importierte Produkte günstiger sein, obwohl sie unter weniger strengen Klimastandards hergestellt wurden.

Eigentlich soll der CO₂-Grenzausgleich CBAM dieses Problem entschärfen. Er soll Importe bestimmter Produkte mit einem CO₂-Preis belegen und damit gleiche Wettbewerbsbedingungen schaffen. Ab 2026 beginnt die definitive Phase des Mechanismus. Gleichzeitig werden kostenlose Emissionszertifikate für betroffene Branchen schrittweise abgebaut.

Genau daran entzündet sich der Streit. Die Industrie fürchtet, dass der Schutz durch CBAM nicht schnell, breit und wirksam genug greift, während die Entlastung durch kostenlose Zertifikate bereits reduziert wird. Aus Sicht der Unternehmen entsteht dadurch ein doppelter Druck: höhere CO₂-Kosten im Inland und weiterhin harter Wettbewerb durch günstigere Importe.

Die EU will Reformen – aber zu Bedingungen

Die Europäische Kommission prüft bereits Änderungen am Emissionshandel. Im Gespräch sind mehrere Modelle: kostenlose Zertifikate könnten länger gewährt, anders ausgestaltet oder stärker an Investitionen in klimafreundliche Technologien gekoppelt werden. Genau letzteres ist politisch besonders umstritten.

Aus Sicht der EU wäre es schwer vermittelbar, Unternehmen dauerhaft zu entlasten, ohne verbindliche Gegenleistungen für Dekarbonisierung zu verlangen. Aus Sicht der Industrie wiederum können zusätzliche Investitionspflichten zur nächsten Belastung werden, wenn Kapital, Infrastruktur und Absatzmärkte fehlen.

Der Konflikt ist damit nicht einfach »Industrie gegen Klima«. Viele Unternehmen wollen klimafreundlicher produzieren, haben bereits Milliarden investiert oder planen große Umbauten. Aber sie verlangen, dass der politische Rahmen nicht schneller verschärft wird, als die industrielle Transformation praktisch möglich ist.

Gewerkschaften warnen vor falscher Richtung

Auch Arbeitnehmervertreter blicken mit Sorge auf die Entwicklung. Die IG Metall warnt allerdings vor einem bloßen Rückschritt beim klimaneutralen Umbau. Aus ihrer Sicht stehen Zehntausende Arbeitsplätze auf dem Spiel – aber nicht nur wegen zu hoher CO₂-Kosten, sondern auch, wenn Europa den industriellen Wandel verschleppt.

Das macht die Debatte besonders schwierig. Wer den Emissionshandel zu stark entschärft, riskiert weniger Klimadruck und weniger Transformationsdynamik. Wer ihn ohne ausreichende Industriepolitik verschärft, riskiert Abwanderung, Jobverluste und eine Schwächung der europäischen Wertschöpfung.

Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, ob Europa Klimaschutz oder Industrie braucht. Es braucht beides. Aber der aktuelle Streit zeigt, dass die Balance nicht stimmt.

Europa steht vor einem Industrietest

Der Brandbrief kommt zu einem kritischen Zeitpunkt. Die EU will bis 2050 klimaneutral werden und zugleich ihre industrielle Basis stärken. Nach Energiekrise, schwacher Konjunktur, hohen Standortkosten und zunehmendem Druck aus China und den USA ist die Geduld vieler Unternehmen jedoch aufgebraucht.

Für Brüssel wird der Emissionshandel damit zum Industrietest. Das Instrument hat in der Stromwirtschaft und Industrie bereits erheblich zur Emissionsminderung beigetragen. Nach Angaben der EU-Kommission sind die Emissionen der vom EU-ETS erfassten Anlagen seit 2005 deutlich gefallen. Doch die nächste Phase ist schwieriger: Jetzt geht es nicht mehr nur um Effizienz und Stromerzeugung, sondern um tiefgreifenden Umbau ganzer Produktionsketten.

Genau dafür braucht Europa mehr als steigende CO₂-Preise. Es braucht günstige Energie, schnelle Genehmigungen, Wasserstoffnetze, CO₂-Infrastruktur, Investitionssicherheit, funktionierende Grenzausgleiche und Märkte für grüne Grundstoffe.

Der Brandbrief der Konzerne ist deshalb kein bloßes Lobby-Manöver. Er ist ein Warnsignal. Wenn Klimapolitik industrielle Realität ignoriert, verliert Europa womöglich beides: Wettbewerbsfähigkeit und Akzeptanz für den klimaneutralen Umbau.

SK

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