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Fünf Prozent mehr Lohn – in einer Industrie mit zwei Gesichtern

Die IG Metall startet ihre Tarifrunde zwischen Stellenabbau und Auftragsboom und versucht, beides in einen Abschluss zu bekommen

7 Min.

24.09.2026

Stahlcoils in der Produktion: Die IG Metall fordert für 3,7 Millionen Beschäftigte der Metall- und Elektroindustrie fünf Prozent mehr Lohn.

Fünf Prozent mehr Geld für zwölf Monate: Auf den ersten Blick klingt die Forderung der IG Metall nach einer klassischen Tarifrunde. Doch diesmal geht es um mehr als die Höhe eines Lohnabschlusses. Denn unter dem gemeinsamen Dach der Metall- und Elektroindustrie liegen Unternehmen, deren wirtschaftliche Lage kaum unterschiedlicher sein könnte. Während in Teilen der Autoindustrie und im Maschinenbau Stellen verschwinden, melden Luft- und Raumfahrt, Rüstung oder Schienenfahrzeugbau volle Auftragsbücher. Die Gewerkschaft versucht deshalb etwas Schwieriges: einen Flächentarifvertrag zu erhalten, der gleichzeitig Krise und Boom abbilden kann.

Fünf Prozent für 3,7 Millionen Beschäftigte

Der Vorstand der IG Metall hat am 23. September seine Forderungen für die Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie beschlossen.

Die Entgelte sollen um fünf Prozent bei einer Laufzeit von zwölf Monaten steigen. Beschäftigte in unteren Entgeltgruppen sollen zusätzlich stärker berücksichtigt werden. Daneben fordert die Gewerkschaft Vereinbarungen zur Sicherung von Arbeitsplätzen und Standorten sowie eine tarifliche Gewinnbeteiligung in wirtschaftlich besonders erfolgreichen Unternehmen.

Betroffen sind mehr als 3,7 Millionen Beschäftigte. Die regional geführten Tarifverhandlungen beginnen ab dem 7. Oktober. Ende Oktober läuft die Friedenspflicht aus; ab dem 1. November wären Warnstreiks möglich.

Damit steht eine der wirtschaftlich bedeutendsten Tarifrunden des Jahres bevor.

Die fünf Prozent erzählen nur die halbe Geschichte

Die Forderung fällt in eine ungewöhnliche wirtschaftliche Situation.

Deutschland insgesamt wächst inzwischen stärker als noch im Frühjahr erwartet. In der Metall- und Elektroindustrie ist von einer einheitlichen Erholung jedoch wenig zu sehen.

Nach einer aktuellen Betriebsrätebefragung der IG Metall berichten 63 Prozent von einer guten oder sehr guten Kapazitätsauslastung; 58 Prozent erwarten für die kommenden drei bis sechs Monate eine gute oder sehr gute Entwicklung. Besonders positiv beurteilt die Gewerkschaft die Lage in Luft- und Raumfahrt, Rüstung, Schiffbau, Schienenfahrzeugbau und Medizintechnik. Deutlich schwieriger ist die Situation dagegen unter anderem in Teilen der Autoindustrie und des Maschinenbaus.

Auch die Beschäftigten selbst erleben diese Spaltung. Bei einer Befragung von 267.000 Menschen bezeichneten 14,5 Prozent die Lage ihres Betriebs als sehr gut und 31,7 Prozent als gut. Rund ein Fünftel bewertete sie dagegen als schlecht oder sehr schlecht.

Aus diesem Nebeneinander erklärt sich der ungewöhnlich breite Forderungskatalog.

Krisenbetriebe sollen Jobs sichern – Boomunternehmen Gewinne teilen

Die IG Metall will nicht, dass alle Unternehmen wirtschaftlich gleich behandelt werden.

Bei Unternehmen in Schwierigkeiten sollen bestehende tarifliche Instrumente zur Beschäftigungs- und Standortsicherung überprüft und gegebenenfalls erweitert werden. In besonders erfolgreichen Unternehmen soll dagegen zusätzlich eine tarifliche Gewinnbeteiligung möglich werden.

Das ist tarifpolitisch interessant. Klassische Flächentarifverträge beruhen gerade darauf, für eine ganze Branche weitgehend gemeinsame Bedingungen festzulegen. Doch je stärker sich einzelne Teilbranchen auseinanderentwickeln, desto schwieriger wird dieses Prinzip.

Zahlt ein gut ausgelasteter Rüstungskonzern dieselbe Entgelterhöhung wie ein Automobilzulieferer, der gerade Werke schließt?

Die IG Metall versucht dieses Problem nun über zusätzliche Komponenten innerhalb des gemeinsamen Tarifrahmens zu lösen. Der Sockel – fünf Prozent mehr – soll für alle gelten. Die Reaktion auf die wirtschaftliche Lage soll stärker auf Betriebsebene erfolgen.

Die Arbeitgeber sehen eine Industrie in der Krise

Auf der Arbeitgeberseite fällt die Diagnose wesentlich düsterer aus.

Gesamtmetall-Präsident Udo Dinglreiter wirft der Gewerkschaft vor, mit der Fünf-Prozent-Forderung die Tiefe der industriellen Krise zu unterschätzen. Nach Angaben des Arbeitgeberverbandes liegt die Produktion der Metall- und Elektroindustrie rund 15 Prozent unter dem Vorkrisenniveau; seit 2019 seien etwa 350.000 Arbeitsplätze verloren gegangen.

Allein im Juli gingen nach Darstellung von Gesamtmetall mehr als 10.000 weitere Stellen verloren. Der Verband erwartet für die Branche 2026 möglicherweise das dritte Rezessionsjahr in Folge.

Südwestmetall bezeichnet die Fünf-Prozent-Forderung entsprechend als überzogen und argumentiert, in der aktuellen Situation müsse die Senkung von Kosten und der Erhalt der industriellen Wettbewerbsfähigkeit Vorrang haben.

Damit verhandeln beide Seiten nicht nur über Löhne. Sie verhandeln bereits über die Beschreibung der wirtschaftlichen Realität.

Die Inflation liefert beiden Seiten Argumente

Für die Gewerkschaft spielt die Kaufkraft eine zentrale Rolle.

Im August lag die Inflationsrate in Deutschland bei 2,9 Prozent. Besonders Energie verteuerte sich kräftig; Kraftstoffe kosteten 27,7 Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

Bei einer nominalen Lohnerhöhung von fünf Prozent läge das Plus damit – sofern die Inflation nicht weiter steigt und sofern die Forderung vollständig durchgesetzt würde – oberhalb der aktuellen Teuerungsrate.

Allerdings ist eine Tarifforderung noch kein Tarifabschluss.

In der vorherigen Metallrunde hatte die IG Metall sieben Prozent verlangt. Vereinbart wurden schließlich 5,1 Prozent mehr Entgelt in zwei Stufen sowie weitere Komponenten. Die zweite Stufe von 3,1 Prozent wurde erst im April 2026 wirksam.

Die aktuelle Forderung fällt also moderater aus als 2024 – trifft aber auf eine Branche, deren wirtschaftliche Lage heute stärker auseinandergeht.

Und dann gibt es noch die 35-Stunden-Woche

Zusätzlichen Konfliktstoff liefert die Arbeitszeit.

Aus Teilen der Arbeitgeberseite kamen zuletzt Forderungen nach mehr Flexibilität und längeren Arbeitszeiten. Südwestmetall-Chef Peter Sebastian Krause hat eine generelle Abschaffung der 35-Stunden-Woche zwar nicht verlangt, will aber Möglichkeiten diskutieren, über längere Arbeitszeiten die Stückkosten zu senken.

Die IG Metall lehnt eine Aufweichung ihrer tariflichen Arbeitszeitstandards ab.

Damit könnte die Runde neben Geld und Beschäftigung einen dritten großen Streitpunkt bekommen: die Frage, ob höhere Wettbewerbsfähigkeit auch über längere Arbeitszeiten erreicht werden soll.

Der Flächentarif steht selbst auf dem Prüfstand

Darin steckt die größere wirtschaftliche Bedeutung dieser Tarifrunde.

Die Metall- und Elektroindustrie reicht vom kleinen Zulieferbetrieb über Maschinenbauer bis zu einigen der größten Industriekonzerne Europas. Wenn wirtschaftliche Lage, Auftragsbestand und Gewinnentwicklung immer weiter auseinanderlaufen, wird es schwieriger, gemeinsame Antworten für sämtliche Unternehmen zu finden.

Zu hohe einheitliche Kosten können schwache Betriebe zusätzlich belasten.

Zu niedrige Abschlüsse können Beschäftigte erfolgreicher Unternehmen dazu bringen, den Sinn eines gemeinsamen Tarifrahmens infrage zu stellen.

Die Idee von Beschäftigungssicherung auf der einen und Gewinnbeteiligung auf der anderen Seite ist deshalb mehr als ein Zusatz zur Fünf-Prozent-Forderung. Sie ist der Versuch, den Flächentarif flexibler zu machen, ohne ihn aufzugeben.

Am 7. Oktober beginnt deshalb mehr als ein Lohnpoker

In den kommenden Wochen werden zunächst die bekannten Prozentzahlen dominieren.

Die Gewerkschaft fordert fünf. Die Arbeitgeber werden weniger anbieten. Dazwischen liegen Warnstreiks, Verhandlungsrunden und am Ende vermutlich ein Kompromiss.

Wirtschaftlich interessanter wird jedoch sein, ob die Tarifparteien eine Antwort auf die extreme Spreizung innerhalb der Branche finden. Denn eine Industrie, in der einige Unternehmen Personal abbauen und andere wegen voller Auftragsbücher zusätzliche Kapazitäten brauchen, lässt sich immer schwerer mit einer einzigen Zahl beschreiben.

Die Tarifrunde 2026 muss deshalb nicht nur klären, wie viel mehr die Beschäftigten verdienen. Sie muss zeigen, ob ein gemeinsamer Tarifvertrag noch genügend Spielraum für Unternehmen bietet, deren wirtschaftliche Realität kaum gemeinsamer sein könnte.

Stefanie S. Klief

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