Andy Burnham am 29.09.2026 bei seiner ersten Parteitagsrede als Labour-Chef
Zehn Jahre nach dem Brexit-Referendum bekommt eine lange politisch kaum vorstellbare Frage in Großbritannien wieder offiziellen Raum: Wie eng soll sich das Land künftig an die Europäische Union binden? Premierminister Andy Burnham will das Verhältnis grundsätzlich überprüfen und nennt ausdrücklich vier Möglichkeiten – den derzeitigen Status quo, eine Zollunion, die Rückkehr in den Binnenmarkt oder schließlich eine erneute EU-Mitgliedschaft. Eine Entscheidung ist damit noch lange nicht gefallen. Wirtschaftlich wäre jedoch bereits jeder Zwischenschritt bedeutsam, denn die EU ist trotz Brexit weiterhin einer der mit Abstand wichtigsten Märkte für britische Unternehmen.
Burnham nennt erstmals wieder die Vollmitgliedschaft als Option
Der neue britische Premier äußerte sich nach seiner Rede auf dem Labour-Parteitag in Liverpool ungewöhnlich offen.
Brexit habe Großbritannien seiner Auffassung nach »more harm than good« gebracht. Deshalb müsse das Land nun nüchtern prüfen, welches Verhältnis zur Europäischen Union langfristig im eigenen Interesse liege.
Burnham nannte dabei eine ganze Spannbreite möglicher Modelle.
Großbritannien könne am heutigen Verhältnis festhalten. Es könne sich einer Zollunion mit der EU annähern, wie dies unter anderem der frühere konservative Finanzminister George Osborne vorgeschlagen hat. Eine weitere Möglichkeit sei eine Rückkehr in den europäischen Binnenmarkt. Und schließlich könne das Land »den ganzen Weg gehen« und erneut Mitglied der Europäischen Union werden.
Burnham stellte keine dieser Varianten als bereits beschlossene Regierungspolitik dar.
Er kündigte vielmehr an, Vor- und Nachteile prüfen zu lassen und die verschiedenen Optionen im Umfeld des nächsten britisch-europäischen Gipfels im November vorzulegen. Und das darf man als politischen Kurswechsel bezeichnen.
Unter Starmer galten drei dieser Optionen noch als ausgeschlossen
Labour war 2024 mit einer deutlich enger gezogenen roten Linie in die Regierungsverantwortung gegangen.
Unter Keir Starmer sollte Großbritannien zwar wieder enger mit Brüssel zusammenarbeiten. Eine Rückkehr in den Binnenmarkt, eine Zollunion und die Wiedereinführung der Personenfreizügigkeit wurden jedoch ausdrücklich ausgeschlossen. Auch ein erneuter EU-Beitritt stand nicht zur Debatte.
Starmer begann stattdessen einen schrittweisen sogenannten Reset der Beziehungen. Großbritannien trat wieder dem Forschungsprogramm Horizon Europe bei, verhandelte über Erleichterungen beim Lebensmittelhandel und suchte eine engere Zusammenarbeit bei Verteidigung, Energie und Jugendmobilität.
Burnham, der am 20. Juli 2026 das Amt des Premierministers übernahm, setzt diesen Annäherungskurs fort – stellt nun aber erstmals auch die grundsätzliche institutionelle Beziehung wieder zur Diskussion. Die britische Regierung spricht seit seinem Amtsantritt wiederholt davon, die Beziehungen zur EU vertiefen zu wollen.
Wirtschaftlich ist der Brexit längst nicht abgeschlossen
Der politische Streit trifft auf eine wirtschaftliche Realität, in der Großbritannien eng mit der Europäischen Union verbunden geblieben ist.
2025 exportierte das Vereinigte Königreich nach Angaben der House of Commons Library Waren und Dienstleistungen im Wert von 384 Milliarden Pfund in die EU. Das entsprach 41 Prozent sämtlicher britischer Exporte.
Umgekehrt kamen Waren und Dienstleistungen im Wert von 472 Milliarden Pfund aus der Europäischen Union – rund die Hälfte aller britischen Importe.
Der Austritt hat diesen Handel nicht beendet. Er hat jedoch seine Bedingungen verändert.
Seit Anfang 2021 liegt Großbritannien außerhalb von Binnenmarkt und Zollunion. Das Handels- und Kooperationsabkommen verhindert zwar grundsätzlich Zölle und Mengenbeschränkungen für Waren, die die jeweiligen Ursprungsregeln erfüllen.
Unternehmen müssen jedoch zusätzliche Zollformalitäten, Herkunftsnachweise, regulatorische Kontrollen und bei bestimmten Produkten Gesundheits- und Sicherheitsprüfungen bewältigen. Für kleinere Exporteure oder Unternehmen mit komplexen Lieferketten können diese nichttarifären Handelshemmnisse erheblich sein.
Das britische Haushaltsamt rechnet langfristig mit einem Brexit-Effekt
Wie groß der ökonomische Schaden tatsächlich ist, gehört seit Jahren zu den umstrittensten Fragen der britischen Wirtschaftspolitik.
Das unabhängige Office for Budget Responsibility arbeitet weiterhin mit einer langfristigen Annahme, nach der das gegenwärtige Handelsverhältnis zur EU die britische Produktivität um rund vier Prozent niedriger ausfallen lässt, als sie bei einem Verbleib in der Union gewesen wäre.
Das ist keine Messung eines bereits exakt eingetretenen Verlustes.
Es handelt sich um eine Modellannahme für die langfristige Entwicklung. Das OBR begründet sie vor allem mit höheren nichttarifären Handelsschranken, die Handel, Investitionen und Spezialisierung erschweren.
Andere Effekte lassen sich erheblich schwerer isolieren. Pandemie, Energiekrise, Inflation, Zinsentwicklung und globale Handelskonflikte haben die britische Wirtschaft gleichzeitig beeinflusst.
Deshalb lässt sich nicht jede schwache oder starke Konjunkturzahl unmittelbar dem Brexit zurechnen.
Eine Zollunion wäre noch keine Rückkehr in die EU
Die vier von Burnham genannten Modelle hätten wirtschaftlich sehr unterschiedliche Konsequenzen. Eine Zollunion wäre zunächst vor allem für den Warenhandel relevant.
Großbritannien müsste sich dabei enger an den gemeinsamen Außenzoll der EU binden. Im Gegenzug könnten unter anderem Ursprungsprüfungen und Teile der Zollbürokratie entfallen.
Das könnte insbesondere Unternehmen helfen, deren Produktionsketten mehrfach zwischen Großbritannien und der EU verlaufen. Der Preis wäre ein Verlust an handelspolitischer Eigenständigkeit. Eigene Zollabkommen mit Drittstaaten ließen sich nicht mehr in derselben Form unabhängig gestalten.
Exakt diese Freiheit gehörte zu den wirtschaftspolitischen Kernargumenten der Brexit-Befürworter.
Der Binnenmarkt würde wesentlich weiter gehen
Eine Rückkehr in den europäischen Binnenmarkt wäre ein deutlich größerer Schritt. Der Binnenmarkt beruht auf den vier Freiheiten für Waren, Dienstleistungen, Kapital und Personen. Damit verbunden sind gemeinsame Regeln und Standards, die verhindern sollen, dass nationale Vorschriften selbst zu Handelsbarrieren werden.
Für die britische Wirtschaft wäre das besonders bei Dienstleistungen relevant.
Großbritannien ist eine ausgeprägte Dienstleistungsökonomie. Finanzdienstleistungen, Unternehmensberatung, Technologie, Kreativwirtschaft und andere Branchen spielen für die Exporte eine zentrale Rolle. 2025 erzielte das Vereinigte Königreich insgesamt einen Überschuss von mehr als 200 Milliarden Pfund im Dienstleistungshandel.
Eine stärkere Binnenmarktintegration könnte regulatorische Hindernisse reduzieren. Sie würde zugleich die Frage aufwerfen, wie weit Großbritannien europäische Regeln übernehmen und die damit verbundenen Freiheiten akzeptieren müsste.
Ein solcher Schritt wäre deshalb weit mehr als ein technisches Handelsabkommen.
Ein EU-Beitritt wäre noch einmal etwas völlig anderes
Am weitesten geht Burnhams vierte Option. Ein erneuter Beitritt Großbritanniens wäre nicht einfach eine Rücknahme des Brexit.
Rechtlich müsste London einen neuen Mitgliedsantrag nach Artikel 49 des EU-Vertrags stellen. Der Rat müsste einstimmig zustimmen, das Europäische Parlament seine Zustimmung erteilen, und ein Beitrittsvertrag müsste von sämtlichen Mitgliedstaaten nach deren jeweiligen verfassungsrechtlichen Verfahren ratifiziert werden.
Auch die Bedingungen einer neuen Mitgliedschaft müssten ausgehandelt werden. Großbritannien könnte daher nicht automatisch zu exakt denselben Sonderregelungen zurückkehren, die es vor dem Brexit besaß.
Der Weg wäre politisch und rechtlich entsprechend lang. Burnhams Aussage bedeutet deshalb nicht, dass Großbritannien unmittelbar vor einem EU-Beitritt steht. Sie bedeutet zunächst, dass diese Möglichkeit von der Regierung nicht mehr grundsätzlich aus der Debatte ausgeschlossen wird.
Die Wirtschaft drängt vor allem auf weniger Reibung
Für britische Wirtschaftsverbände ist die institutionelle Endfrage häufig weniger entscheidend als die praktische Wirkung.
Berichten zufolge begrüßten Vertreter der British Chambers of Commerce, der Confederation of British Industry und der Federation of Small Businesses Burnhams Ankündigung, einen klareren langfristigen Kurs gegenüber Europa entwickeln zu wollen.
Ihr Schwerpunkt liegt vor allem auf geringeren Handelsbarrieren, verlässlichen Regeln und weniger administrativem Aufwand. Das ist nachvollziehbar.
Unternehmen kalkulieren nicht in erster Linie mit politischen Symbolen. Sie kalkulieren mit Transportzeiten, Formularen, Zertifizierungen, regulatorischen Anforderungen und der Frage, ob Produkte und Dienstleistungen ohne zusätzliche Kosten einen Markt erreichen können. Daher können auch Vereinbarungen weit unterhalb einer vollständigen EU-Mitgliedschaft wirtschaftlich erheblich sein.
Der nächste EU-Gipfel wird zum ersten Test
Burnham hat bereits mehrfach Gespräche mit europäischen Regierungschefs und EU-Spitzen geführt.
Bei seinem Treffen mit Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen am Rande der UN-Generalversammlung am 22. September vereinbarten beide Seiten, auf ein erfolgreiches Ergebnis des nächsten britisch-europäischen Gipfels hinzuarbeiten.
Schon unter Starmer liefen Verhandlungen über eine engere Zusammenarbeit beim Lebensmittelhandel, bei den Strommärkten, bei Jugendprogrammen sowie in der Verteidigungs- und Technologiepolitik.
Burnham will daraus nun offenbar eine grundsätzlichere Debatte entwickeln.
Zehn Jahre nach dem Referendum verschiebt sich damit die politische Ausgangslage: Statt ausschließlich darüber zu verhandeln, wie die Folgen des Brexit innerhalb des bestehenden Systems gemildert werden können, stellt die britische Regierung erstmals wieder die Frage, ob dieses System selbst noch die richtige langfristige Lösung ist.
Für die Wirtschaft könnte diese Debatte fast wichtiger werden als das Etikett, das am Ende darauf steht. Denn zwischen dem heutigen Freihandelsabkommen und einer vollständigen EU-Mitgliedschaft liegen mehrere Stufen wirtschaftlicher Integration.
Welche Großbritannien davon wählt, entscheidet darüber, wie viel Reibung künftig zwischen Europas zweitgrößter Volkswirtschaft und ihrem wichtigsten Nachbarmarkt bestehen bleibt.
Stefanie S. Klief