Es brauchte noch keinen einzigen zusätzlichen Barrel auf dem Markt. Bereits die Aussicht darauf reichte. Europas Diesel-Futures fielen am Freitag zeitweise fast sechs Prozent, nachdem bekannt wurde, dass EU-Staaten über die Freigabe von 50 Millionen Barrel aus ihren Notfallbeständen beraten. Gleichzeitig könnten die Mitglieder der Internationalen Energieagentur weitere 50 Millionen Barrel Rohöl bereitstellen. Noch ist nichts beschlossen. Doch die Reaktion der Märkte zeigt, wie angespannt die Lage inzwischen ist.
Allein die Aussicht drückt den Preis
Der europäische Benchmark für Diesel, der Gasoil-Future, fiel am Freitag zeitweise auf rund 1.364 Dollar je Tonne. Das entsprach einem Rückgang von annähernd sechs Prozent.
Auch Rohöl gab deutlich nach. Brent verlor zeitweise rund drei Prozent und fiel wieder unter die Marke von 100 Dollar je Barrel. West Texas Intermediate sank zeitweise um mehr als vier Prozent.
Auslöser war ein französischer Vorschlag, den die EU-Mitgliedstaaten am Freitag diskutierten. Demnach könnten europäische Länder 50 Millionen Barrel Diesel aus strategischen Beständen freigeben. Parallel sollen IEA-Mitglieder weitere 50 Millionen Barrel Rohöl auf den Markt bringen.
Das Volumen wäre erheblich. Die 50 Millionen Barrel Diesel entsprechen nach Berechnungen von Reuters rund 17 Prozent der europäischen Notfallbestände und etwa drei Prozent des jährlichen Verbrauchs.
Dass der Preis bereits auf die Diskussion reagiert, zeigt, wie stark Händler derzeit jede zusätzliche verfügbare Menge gewichten.
Washington erhöht den Druck
Hinter den europäischen Beratungen steht erheblicher Druck aus den USA.
Die Regierung von Präsident Donald Trump hat insbesondere Deutschland und Frankreich aufgefordert, größere Mengen Diesel aus ihren strategischen Beständen freizugeben. Nach übereinstimmender Berichterstattung soll Washington zeitweise eine Freigabe von mindestens 100 Millionen Barrel innerhalb von 20 Tagen gefordert haben.
Trump erwägt zugleich, amerikanische Diesel-Exporte einzuschränken, um die Preise im eigenen Land zu senken. Darin liegt Europas Problem.
Die USA sind für Europa nach dem Rückgang russischer Lieferungen und den Ausfällen im Nahen Osten zu einem wichtigen Lieferanten raffinierter Ölprodukte geworden. Ein Exportstopp könnte den europäischen Markt zusätzlich verknappen.
Bei den EU-Beratungen wurde deshalb nach Reuters-Informationen darüber gesprochen, eine Freigabe eigener Reserven an eine Zusage der USA zu knüpfen, keine einseitigen Exportbeschränkungen einzuführen.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron drängt auf eine koordinierte Lösung innerhalb der G7. Exportbeschränkungen sollen nach französischer Vorstellung vermieden werden.
Diesel ist inzwischen das größere Problem
Die aktuelle Energiekrise unterscheidet sich in einem wichtigen Punkt von klassischen Ölpreisschocks. Rohöl ist knapp und teuer. Noch angespannter ist jedoch der Markt für bestimmte raffinierte Produkte – allen voran Diesel.
Der Krieg zwischen den USA und Iran hat Lieferungen aus dem Nahen Osten beeinträchtigt. Russland hat nach ukrainischen Angriffen auf Raffinerien seine Diesel-Exporte eingeschränkt. Gleichzeitig haben chinesische Raffinerien ihre Kraftstoffexporte für Oktober ausgesetzt, um die heimischen Bestände zu sichern. Damit fehlen gleichzeitig mehrere große Angebotsquellen.
Die europäischen Raffinerien können diese Lücke kaum einfach schließen. Nach Angaben der EU-Kommission laufen sie bereits nahe ihrer maximalen Kapazität. Die kommerziellen Bestände im wichtigen Raffinerie- und Handelszentrum Amsterdam-Rotterdam-Antwerpen liegen zugleich unter dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre.
Die EU betont dennoch, dass die physische Versorgung aktuell stabil sei. Das Problem ist vor allem der Preis.
Mehr Rohöl bedeutet nicht automatisch mehr Diesel
Damit wird eine Besonderheit des Marktes wichtig, die häufig übersehen wird. Rohöl und Diesel sind nicht austauschbar.
Zusätzliches Rohöl hilft nur dann gegen eine Dieselknappheit, wenn ausreichend Raffineriekapazität vorhanden ist, um daraus die benötigten Produkte herzustellen. Sind Raffinerien bereits ausgelastet oder fallen Anlagen aus, kann ein Markt trotz vorhandenen Rohöls unter einem Mangel an Diesel leiden.
Deshalb ist die geplante Kombination interessant: Europa würde direkt fertigen Diesel freigeben, während andere IEA-Staaten zusätzlich Rohöl bereitstellen könnten. Ein Hinweis darauf, wie sehr sich die Krise inzwischen vom reinen Rohölmarkt in die Raffineriestufe verlagert hat.
Hohe Rohölpreise bedeuten nicht automatisch hohe Raffineriemargen – und umgekehrt können Engpässe bei Diesel oder Kerosin Raffinerien außergewöhnlich hohe Margen ermöglichen, selbst wenn sich der Rohölpreis stabilisiert. Die IEA meldete bereits im August Rekordmargen für Raffinerien im Atlantikraum, besonders getrieben durch Diesel.
Der größte Reserveneinsatz der Geschichte läuft bereits
Europa würde dabei nicht zum ersten Mal in diesem Jahr auf strategische Bestände zurückgreifen. Bereits im März beschlossen die 32 Mitgliedstaaten der Internationalen Energieagentur, insgesamt 400 Millionen Barrel Öl aus ihren Notfallreserven verfügbar zu machen.
Es war die größte koordinierte Freigabe strategischer Ölbestände in der Geschichte der IEA.
Anlass waren die massiven Lieferausfälle infolge des Nahostkonflikts. Seit Februar sind nach Angaben der IEA weltweit mehr als 500 Millionen Barrel aus beobachteten Lagerbeständen verschwunden. Allein im August gingen weitere 95 Millionen Barrel verloren.
Notfallreserven erfüllen deshalb inzwischen gleichzeitig zwei Funktionen. Sie sollen eine physische Versorgungskrise verhindern – und über zusätzliches Angebot extreme Preisbewegungen begrenzen. Beides ist allerdings nicht dasselbe.
Jeder freigegebene Barrel fehlt beim nächsten Schock
Strategische Reserven wirken genau deshalb auf die Märkte, weil sie nicht unbegrenzt zur Verfügung stehen. Je häufiger Staaten ihre Bestände einsetzen, desto kleiner wird der Puffer für eine weitere Verschärfung der Krise.
Die EU schreibt ihren Mitgliedstaaten deshalb Mindestreserven vor. Sie müssen grundsätzlich Bestände in Höhe von mindestens 90 Tagen der Nettoimporte oder 61 Tagen des inländischen Verbrauchs vorhalten – maßgeblich ist jeweils die höhere Vorgabe.
Deutschland und Frankreich halten gemeinsam einen besonders großen Anteil der europäischen Dieselreserven.
Eine Freigabe von 50 Millionen Barrel würde die Versorgungssicherheit nicht unmittelbar gefährden. Sie wäre aber groß genug, um den europäischen Puffer spürbar zu reduzieren.
Und die geopolitischen Risiken sind keineswegs verschwunden. Die Lieferlage im Nahen Osten bleibt unsicher, Russland hält seine Exportbeschränkungen aufrecht und China hat seine Produktexporte zunächst gestoppt.
Die Reserve wird damit eingesetzt, während der Grund der Krise noch besteht.
Sie kann einen kurzfristigen Engpass abfedern und spekulativen Preisspitzen entgegenwirken. Sie kann jedoch keine beschädigten Raffinerien ersetzen, keine zusätzliche Raffineriekapazität schaffen und keine dauerhaft unterbrochenen Lieferketten reparieren.
Deshalb dürfte für die weitere Preisentwicklung entscheidend sein, ob sich das physische Angebot tatsächlich verbessert – insbesondere bei raffinierten Produkten. Die Märkte haben am Freitag zunächst darauf gewettet, dass mehr Diesel verfügbar werden könnte.
Ob daraus eine nachhaltige Entspannung entsteht, hängt jedoch nicht von den Reserven allein ab.
Stefanie S. Klief