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Deutschlands Pisa-Problem ist größer als ein schlechter Durchschnitt

Jeder dritte Jugendliche verfehlt Basiskompetenzen – und die soziale Herkunft entscheidet stärker denn je

8 Min.

08.09.2026

Deutschland schneidet bei Pisa so schlecht ab wie nie – und liegt trotzdem ungefähr im OECD-Durchschnitt. Dieser scheinbare Widerspruch erzählt viel über die neue Studie: Auch in zahlreichen anderen Industrieländern sinken die Leistungen. Das eigentlich Beunruhigende für Deutschland steckt deshalb tiefer in den Daten. Immer mehr Jugendliche erreichen grundlegende Kompetenzen nicht mehr, die Gruppe der besonders Leistungsstarken schrumpft – und die Kluft zwischen sozial privilegierten und benachteiligten Schülern ist größer als jemals zuvor seit Beginn der Pisa-Erhebungen.

So schlecht wie nie – und trotzdem Durchschnitt

Die nackten Punktzahlen sehen zunächst ernüchternd aus.

15-Jährige in Deutschland erreichen bei Pisa 2025 in den Naturwissenschaften durchschnittlich 486 Punkte, beim Lesen 465 Punkte und in Mathematik 464 Punkte. In allen drei Bereichen sind das die niedrigsten deutschen Werte seit Beginn der Pisa-Untersuchungen. Sie liegen sogar unter dem Niveau der ersten Erhebungen vor rund 25 Jahren.

Trotzdem ist Deutschland international nicht abgestürzt.

Der OECD-Durchschnitt liegt bei 482 Punkten in den Naturwissenschaften, 461 beim Lesen und 463 in Mathematik. Aufgrund der statistischen Unsicherheiten zählt Deutschland damit in allen drei Bereichen nur noch zum OECD-Mittelfeld. Gegenüber den EU-Staaten liegt Deutschland in Naturwissenschaften und Lesen noch leicht über dem Durchschnitt, in Mathematik ebenfalls lediglich auf europäischem Durchschnittsniveau.

Das liegt auch daran, dass die Leistungen in vielen Industriestaaten zurückgehen. Besonders beim Lesen beobachtet die OECD einen breiten internationalen Abwärtstrend. Deutschland hat also nicht allein ein Problem. Das macht das deutsche Problem allerdings nicht kleiner.

Jeder dritte Jugendliche scheitert an grundlegenden Anforderungen

Denn ein Durchschnittswert kann verdecken, wie sich die Leistungen innerhalb eines Landes verteilen. Und dort werden die neuen Ergebnisse alarmierend.

In Deutschland erreicht inzwischen etwa ein Drittel der 15-Jährigen beim Lesen und in Mathematik nicht das grundlegende Kompetenzniveau. In den Naturwissenschaften betrifft dies ungefähr jeden Vierten. Rund ein Fünftel der Jugendlichen verfügt sogar in keinem der drei Bereiche über ausreichende Basiskompetenzen.

Dabei geht es nicht darum, ob ein Schüler komplizierte Gleichungen auswendig lösen oder eine bestimmte Gedichtinterpretation beherrschen kann.

Pisa will messen, ob Jugendliche Wissen in realen Situationen anwenden können. Beim Lesen kann das etwa bedeuten, eine längere Nachricht zu verstehen und die relevante Information herauszufiltern. In Mathematik geht es beispielsweise darum, Preise zu vergleichen oder quantitative Probleme des Alltags zu lösen. Naturwissenschaftliche Kompetenz umfasst unter anderem die Fähigkeit, Daten und Belege zu beurteilen.

Damit erhält der Begriff »Basiskompetenz« eine ziemlich konkrete Bedeutung. Wer diese Schwelle nicht erreicht, hat nicht einfach eine schlechte Pisa-Note. Ihm fehlen Fähigkeiten, die für Ausbildung, Beruf und selbstständige gesellschaftliche Teilhabe benötigt werden.

Die Gruppe der Schwächsten wächst seit Jahren

Noch 2022 lagen rund 30 Prozent der deutschen Jugendlichen in Mathematik unter Kompetenzstufe zwei, beim Lesen waren es etwa 26 Prozent und in den Naturwissenschaften rund 23 Prozent. Bereits diese Werte waren gegenüber früheren Erhebungen deutlich gestiegen. 2025 setzt sich die Entwicklung fort.

Der längerfristige Vergleich zeigt die Verschärfung besonders deutlich: Seit 2015 hat sich der Anteil der Jugendlichen ohne ausreichende Basiskompetenzen in Lesen und Mathematik ungefähr verdoppelt.

Gleichzeitig schrumpft die andere Seite des Leistungsspektrums.

In Mathematik gehörten 2015 noch rund 13 Prozent der deutschen 15-Jährigen zur besonders leistungsstarken Gruppe. 2022 waren es knapp neun Prozent, inzwischen sind es nur noch etwa acht Prozent. Lediglich rund drei Prozent erreichen in allen drei untersuchten Bereichen die höchsten Kompetenzstufen.

Das deutsche Bildungssystem produziert damit nicht einfach insgesamt etwas niedrigere Werte.

Es schafft es zunehmend schlechter, schwache Jugendliche auf ein solides Grundniveau zu bringen – während gleichzeitig weniger Schüler die Spitze erreichen.

Und dann kommt das Elternhaus

Noch deutlicher wird das Problem, wenn die Forscher die Leistungen mit der sozialen Herkunft vergleichen.

Die Kultusministerkonferenz fasst den neuen Befund ungewöhnlich klar zusammen: Die Kompetenzunterschiede zwischen sozial benachteiligten und privilegierten Schülern seien inzwischen so groß wie zu keinem anderen Zeitpunkt seit Beginn der Pisa-Erhebungen im Jahr 2000.

Samuel Greiff, wissenschaftlicher Leiter von Pisa in Deutschland, vergleicht den Zusammenhang mit Kanada.

In Deutschland sei der Zusammenhang zwischen sozioökonomischem Status und Bildungserfolg etwa dreimal so stark. Besonders plastisch macht er das an den Leistungsspitzen: Unter 100 sozial benachteiligten Jugendlichen seien lediglich etwa zwei leistungsstark, unter 100 sozial privilegierten dagegen 25.

Die Aussage bedeutet nicht, dass Einkommen oder Bildungsstand der Eltern automatisch die Leistung eines einzelnen Kindes bestimmen.

Pisa beschreibt statistische Zusammenhänge auf Bevölkerungsebene. Aber gerade deren Stärke ist für ein Bildungssystem entscheidend. Schule soll schließlich nicht ausschließlich Wissen vermitteln, sondern zumindest teilweise ausgleichen, mit welchen Voraussetzungen Kinder ins Leben starten. Das gelingt Deutschland im internationalen Vergleich offenbar besonders schlecht.

Die Unterschiede beginnen schon vor dem ersten Schultag

Dass dieses Problem nicht erst in der weiterführenden Schule entsteht, zeigt eine Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem vergangenen Jahr.

Die Forscher verglichen Sprach- und Mathematikkompetenzen von Kindern bereits beim Schuleintritt in mehreren Ländern. In Deutschland waren die sprachlichen Fähigkeiten stärker mit der sozialen Herkunft verbunden als in allen untersuchten Vergleichsländern. Auch bei Mathematik gehörte der Zusammenhang zu den stärksten. Damit tritt Schule bereits mit einer schwierigen Ausgangslage an.

Kinder wachsen mit unterschiedlichen Mengen an Büchern, Sprache, Zeit, finanziellen Möglichkeiten und Unterstützung auf. Sie besuchen unterschiedlich ausgestattete Betreuungseinrichtungen und bringen beim Schulstart unterschiedliche Sprach- und Lernerfahrungen mit.

Ein leistungsfähiges Bildungssystem müsste einen erheblichen Teil dieser Unterschiede anschließend verkleinern. Wenn sie stattdessen bis zum Alter von 15 Jahren besonders groß bleiben oder sogar wachsen, wird aus sozialer Ungleichheit Bildungsungleichheit.

Corona erklärt den Absturz nicht mehr allein

Beim vorherigen Pisa-Test 2022 lag eine Erklärung besonders nahe: Die getesteten Jugendlichen hatten die Schulschließungen während der Corona-Pandemie erlebt.

Die deutschen Ergebnisse waren damals massiv eingebrochen. Zwischen 2018 und 2022 sank der Mathematikwert von 500 auf 475 Punkte, beim Lesen von 498 auf 480 und in den Naturwissenschaften von 503 auf 492 Punkte.

Doch schon damals war die Pandemie keine vollständige Erklärung. Die OECD fand keinen einfachen Zusammenhang zwischen der Dauer der Schulschließungen und dem Umfang der Leistungseinbußen. Länder mit langen Schließzeiten konnten teilweise vergleichsweise stabile Leistungen halten, andere mit kürzeren Schließungen verloren stärker. Und nun sinken die deutschen Werte erneut.

Greiff verweist deshalb auf einen deutlich längeren Trend. Nach dem ersten Pisa-Schock im Jahr 2000 habe Deutschland zunächst erhebliche Reformkräfte mobilisiert und seine Leistungen verbessert. Seit ungefähr 2015 sei jedoch ein deutlicher Knick zu beobachten. Nach seiner Einschätzung entstand möglicherweise der Eindruck, die große Aufholjagd sei geschafft – Bildungspolitik verlor an Dringlichkeit.

Hinzu kommen Lehrkräftemangel, eine heterogener gewordene Schülerschaft und die Frage, ob Schulen ausreichend Ressourcen erhalten, um sehr unterschiedliche Lernvoraussetzungen tatsächlich auszugleichen.

Das eigentliche Pisa-Problem steckt nicht im Ranking

Ob Deutschland im internationalen Vergleich auf Platz zwölf, 20 oder 25 liegt, eignet sich hervorragend für Schlagzeilen. Für die gesellschaftliche Bedeutung der Studie ist es vergleichsweise nebensächlich. Wichtiger ist, was mit den Jugendlichen geschieht, die innerhalb dieses Durchschnitts verschwinden.

Wenn etwa jeder dritte 15-Jährige Schwierigkeiten mit grundlegender Mathematik oder dem Verstehen von Texten hat, betrifft das wenige Jahre später Ausbildung, Hochschulen und Arbeitsmarkt. Wenn gleichzeitig die leistungsstarke Gruppe schrumpft, trifft es auch jene Qualifikationen, auf die eine wissensintensive Volkswirtschaft angewiesen ist.

Und wenn die Wahrscheinlichkeit, zu einer dieser Gruppen zu gehören, so stark vom Elternhaus abhängt, entsteht daraus noch ein anderes Problem:

Begabung und Potenzial werden nicht zuverlässig genutzt.

Deutschland diskutiert deshalb nach Pisa 2025 nicht nur darüber, ob seine Schüler im internationalen Vergleich noch mithalten können.

Die schwierigere Frage lautet:

Wie kann ein Bildungssystem leistungsfähiger werden, wenn es diejenigen, die mit schlechteren Voraussetzungen starten, immer weniger zuverlässig mitnimmt?

Pisa liefert darauf keine einfache Antwort. Aber die neue Studie zeigt ziemlich deutlich, wo die Suche beginnen müsste.

Stefanie S. Klief

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