Nachrichten

Deutschland wächst wieder – aber die private Wirtschaft zieht noch nicht mit

Warum die neue Wachstumsprognose von 1,2 Prozent noch keine Entwarnung für den Standort bedeutet

8 Min.

21.09.2026

Noch im Frühjahr rechnete das Institut der deutschen Wirtschaft für Deutschland mit gerade einmal 0,4 Prozent Wachstum. Jetzt werden daraus knapp 1,2 Prozent. Auch andere Institute haben ihre Prognosen deutlich angehoben. Nach Jahren der Stagnation ist das eine gute Nachricht. Ein genauerer Blick zeigt allerdings eine ungewöhnlich geteilte Erholung: Das Wachstum kommt derzeit vor allem aus dem Ausland und vom Staat. Unternehmen und private Haushalte tragen bislang deutlich weniger dazu bei.

Aus 0,4 werden plötzlich 1,2 Prozent

Die deutsche Wirtschaft entwickelt sich in diesem Jahr besser als noch vor wenigen Monaten erwartet. Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) hebt seine Prognose für das reale Bruttoinlandsprodukt 2026 von 0,4 auf knapp 1,2 Prozent an. Hauptgrund ist ein überraschend starkes erstes Halbjahr.

Das ist keine isolierte optimistische Prognose. Auch das ifo Institut hat seine Erwartung inzwischen auf 1,4 Prozent erhöht. Das gewerkschaftsnahe IMK rechnet mit 1,3 Prozent. Die Einschätzungen unterscheiden sich im Detail, gemeinsam ist ihnen aber die Erkenntnis, dass die deutsche Wirtschaft 2026 robuster läuft als im Frühjahr angenommen.

Die bereits vorliegenden Zahlen stützen diese Neubewertung. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt im ersten Quartal saison- und kalenderbereinigt um 0,4 Prozent gegenüber dem Vorquartal und im zweiten Quartal um weitere 0,3 Prozent.

Nach mehreren Jahren, in denen Deutschland immer wieder am Rand der Rezession entlanglief, ist das mehr als ein statistisches Detail.

Trotzdem lohnt sich die Frage, woher dieses Wachstum eigentlich kommt.

Der erste Wachstumsmotor steht im Ausland

Einer der wichtigsten Treiber war der Export.

Im gesamten ersten Halbjahr wurden nominal 3,7 Prozent mehr Waren aus Deutschland ausgeführt als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Im Juni erreichten die saisonbereinigten Exporte mit 139,3 Milliarden Euro sogar einen neuen Monatsrekord.

Auch preisbereinigt zeigt sich die Belebung. Das IW erwartet für das Gesamtjahr ein Exportplus von 2,8 Prozent. Im zweiten Quartal lagen die realen Warenexporte nach seinen Berechnungen fünf Prozent über dem Vorjahresniveau.

Ein Teil davon beruht allerdings auf einem Effekt, der sich kaum beliebig fortschreiben lässt.

Nach Einschätzung des IW reagierten Unternehmen auf drohende Lieferengpässe infolge des Krieges im Nahen Osten und bauten vorsorglich Lagerbestände auf. Besonders Chemie- und Elektroprodukte aus Deutschland waren gefragt. Das brachte zusätzliche Bestellungen in die Industrie – und damit Wachstum, das teilweise vorgezogen worden sein dürfte.

Schon für das zweite Halbjahr erwartet das Institut deshalb eine geringere Exportdynamik.

Damit ähnelt ein Teil des aktuellen Aufschwungs einem Vorschuss: Die Nachfrage ist real, aber nicht jeder zusätzliche Auftrag des ersten Halbjahres wiederholt sich automatisch im zweiten.

Der zweite Wachstumsmotor ist der Staat

Noch auffälliger wird die Zusammensetzung beim Blick auf den Konsum.

Der preisbereinigte Staatskonsum lag im ersten Halbjahr 2026 nach Berechnungen des IW 3,4 Prozent über dem Vorjahresniveau. Der private Verbrauch nahm dagegen lediglich um 0,3 Prozent zu.

Hinzu kommen die steigenden staatlichen Investitionen in Infrastruktur und Verteidigung. Durch die Lockerung der Verschuldungsregeln und zusätzliche staatliche Ausgaben fließt inzwischen erheblich mehr öffentliches Geld in die Wirtschaft.

Dass dieser Impuls relevant ist, hatte die Bundesbank bereits in ihrer Juni-Prognose hervorgehoben. Sie erwartete, dass die expansive Finanzpolitik die deutsche Wirtschaftsleistung in den kommenden Jahren deutlich stützen wird. Anfang September erklärte Bundesbankpräsident Joachim Nagel erneut, Exporte und expansive Finanzpolitik hätten die Konjunktur im ersten Halbjahr getragen.

Das ist zunächst kein Makel.

Öffentliche Investitionen in Schienen, Straßen, Netze, Digitalisierung oder Verteidigung erhöhen ebenfalls die Nachfrage und können zugleich die langfristigen Produktionsmöglichkeiten einer Volkswirtschaft verbessern.

Entscheidend wird aber sein, ob daraus private Investitionen folgen.

Denn die Unternehmen investieren noch immer zu wenig

Hier beginnt der schwächere Teil der neuen Prognose.

Während die staatliche Investitionstätigkeit steigt, blieb die privatwirtschaftliche Kapitalbildung auch im ersten Halbjahr rückläufig. Insgesamt lagen die Bruttoanlageinvestitionen nach IW-Berechnungen noch 0,5 Prozent unter dem ohnehin schwachen Vorjahresniveau.

Auch die amtlichen Daten zeigen die Zurückhaltung. Im zweiten Quartal gingen die Bruttoanlageinvestitionen gegenüber dem Vorquartal um 0,2 Prozent zurück. In Maschinen, Fahrzeuge und andere Ausrüstungen wurde sogar 1,4 Prozent weniger investiert.

Das ist für die langfristige Bewertung der Konjunktur entscheidender als ein einzelnes starkes Exportquartal.

Investitionen bestimmen, welche Produktionskapazitäten in einigen Jahren vorhanden sind. Neue Maschinen, automatisierte Fabriken, Software, Forschung und zusätzliche Standorte erhöhen die Produktivität. Bleiben Unternehmen bei solchen Entscheidungen zurückhaltend, kann eine Volkswirtschaft kurzfristig wachsen, ohne ihr langfristiges Wachstumspotenzial entsprechend zu verbessern.

Das IW nennt weiterhin hohe Kosten, geopolitische Belastungen und ein schwaches Investitionsklima als Hemmnisse. Beim Export kommen Protektionismus und der steigende chinesische Wettbewerbsdruck hinzu.

Am Bau ist vom Aufschwung wenig zu sehen

Besonders deutlich zeigt sich die Spaltung beim Bau.

Die Bauinvestitionen lagen im ersten Halbjahr 2,2 Prozent unter dem Vorjahresniveau. Für das Gesamtjahr erwartet das IW trotz der staatlichen Infrastrukturprogramme noch ein Minus von einem Prozent. Vor allem der Wohnungsbau leidet unter gestiegenen Bau- und Finanzierungskosten.

Auch im zweiten Quartal fiel die Erholung schwach aus: Nach dem witterungsbedingt schlechten Jahresbeginn stiegen die Bauinvestitionen gegenüber dem ersten Quartal lediglich um 0,1 Prozent.

Damit treffen zwei Entwicklungen aufeinander, die auf den ersten Blick widersprüchlich wirken: Der Staat stellt hohe Summen für Infrastruktur bereit, während ein wesentlicher Teil der privaten Bauwirtschaft weiter in der Krise steckt.

Das zeigt zugleich, warum zusätzliche staatliche Milliarden nicht automatisch zu einem flächendeckenden Investitionsboom führen.

Auch bei den Verbrauchern kommt der Aufschwung kaum an

Der zweite schwache private Wachstumsmotor ist der Konsum.

Für das gesamte Jahr erwartet das IW lediglich ein reales Plus von 0,3 Prozent. Höhere Energiepreise haben die Inflation wieder auf mehr als 2,5 Prozent gedrückt und belasten die Kaufkraft. Gleichzeitig wirken Arbeitsplatzsorgen auf die Konsumbereitschaft.

Die amtlichen Zahlen für das zweite Quartal passen dazu: Die privaten Konsumausgaben stiegen gegenüber dem Vorquartal lediglich um 0,1 Prozent.

Das ist deshalb relevant, weil eine robuste Erholung normalerweise breiter wird, wenn steigende Einkommen und wachsende Beschäftigung den privaten Konsum verstärken.

Davon ist Deutschland bislang noch entfernt.

Die Wirtschaft wächst – die Beschäftigung schrumpft

Am Arbeitsmarkt wird der ungewöhnliche Charakter des Aufschwungs besonders sichtbar.

Das IW rechnet im Jahresdurchschnitt mit rund 200.000 Erwerbstätigen weniger als 2025. Die Zahl der Arbeitslosen dürfte um etwa 39.000 auf knapp drei Millionen steigen; die Arbeitslosenquote wird mit 6,3 Prozent veranschlagt.

Dass die Arbeitslosigkeit trotz des Beschäftigungsrückgangs nur begrenzt zunimmt, hängt auch mit der Demografie zusammen. Wenn ältere Beschäftigte aus dem Arbeitsmarkt ausscheiden und weniger Nachwuchs nachrückt, kann die Zahl der Erwerbstätigen sinken, ohne dass im gleichen Umfang zusätzliche Arbeitslose entstehen.

Damit ergibt sich ein ungewöhnliches Bild: Das Bruttoinlandsprodukt wächst wieder spürbarer, gleichzeitig gibt es weniger Beschäftigte.

Auch deshalb wäre es voreilig, aus der höheren Wachstumsrate bereits einen klassischen Aufschwung abzuleiten.

Die 1,2 Prozent sind trotzdem eine echte Verbesserung

Die Risiken der Prognose ändern nichts daran, dass die Ausgangslage besser ist als noch im Frühjahr angenommen.

Deutschland hat zwei Quartale in Folge zugelegt. Der Export funktioniert derzeit besser, die Industrieproduktion hatte sich im zweiten Quartal erholt und die öffentlichen Investitionen sorgen für zusätzliche Nachfrage. Das ifo Institut spricht von ersten Lichtblicken für die Industrie.

Auch die Bundesbank bewertet die aktuelle Entwicklung grundsätzlich positiver. Sie erwartet zwar für das dritte Quartal nur ein leichtes Wachstum, sieht die Wirtschaft aber weiter auf Erholungskurs. Das schwächere Quartal führt sie unter anderem auf das Niedrigwasser am Rhein und eine vorübergehend geringere Exportdynamik zurück.

Das unterscheidet die gegenwärtige Lage von den vergangenen Jahren: Die Frage lautet nicht mehr nur, ob Deutschland überhaupt wächst.

Sie lautet zunehmend, wie tragfähig dieses Wachstum wird.

Der nächste Test beginnt jetzt

Eine nachhaltige Erholung wäre erreicht, wenn sich die derzeitigen staatlichen und außenwirtschaftlichen Impulse auf die Binnenwirtschaft übertragen.

Unternehmen müssten wieder stärker investieren. Der Wohnungsbau müsste sich stabilisieren. Beschäftigung und verfügbare Einkommen müssten den privaten Konsum tragen. Und der Export müsste auch dann wettbewerbsfähig bleiben, wenn Sondereffekte aus Lageraufbau und geopolitischen Engpässen verschwinden.

Die neue IW-Prognose ist deshalb gleichzeitig deutlich besser und weniger beruhigend, als die Verdreifachung der Wachstumszahl zunächst vermuten lässt.

1,2 Prozent wären nach den schwachen vergangenen Jahren ein spürbarer Fortschritt. Ob daraus eine dauerhafte wirtschaftliche Erholung wird, entscheidet sich aber weniger daran, ob der Staat noch mehr Geld ausgibt oder Unternehmen kurzfristig ihre Lager auffüllen.

Entscheidend wird sein, ob Deutschlands private Wirtschaft wieder selbst zum Wachstumsmotor wird.

Stefanie S. Klief

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben