Normalerweise leben in Wacken weniger Menschen, als bei einem größeren Konzert vor einer einzigen Bühne stehen. Ab heute übernehmen jedoch 85.000 Metal-Fans das schleswig-holsteinische Dorf. Für vier Tage entsteht auf Äckern und Wiesen eine temporäre Stadt – mit eigener Infrastruktur, internationaler Strahlkraft und einem beträchtlichen Wirtschaftskreislauf.
Der »Holy Ground« öffnet wieder
Am heutigen Mittwoch beginnt das 35. Wacken Open Air. Traditionell stimmt zunächst die Feuerwehrkapelle des Ortes die Fans ein, bevor am Nachmittag das Infield und damit der sogenannte »Holy Ground« offiziell geöffnet werden.
Bis zum 1. August treten 154 Bands auf. Zu den bekanntesten Namen gehören Judas Priest, Def Leppard, Powerwolf, In Flames, Saxon und Arch Enemy. Das Festival ist mit rund 85.000 Besuchern ausverkauft. Am ersten Tag stehen unter anderem Lacuna Coil, Kadavar und Rose Tattoo auf dem Programm.
Die Anreise begann bereits am Sonntag. Das mehrgleisige Verkehrskonzept verhinderte bislang größere Staus; die Polizei sprach vor dem offiziellen Start von einer insgesamt ruhigen Einsatzlage.
Statt des berüchtigten Wacken-Schlamms erwartet die Fans zunächst hochsommerliches Wetter. Zum Auftakt werden Temperaturen um 30 Grad, am Donnerstag sogar bis zu 32 Grad erwartet.
Knapp 30 Millionen Euro allein aus Tickets
Ein reguläres Ticket für die 35. Ausgabe kostete 349 Euro. Darin enthalten sind der Festivalbesuch vom 29. Juli bis 1. August, Camping, der Zugang zu allen Bühnen und ein kostenloser Shuttlebus vom Bahnhof Itzehoe.
Bei 85.000 verkauften Eintrittskarten ergibt sich rechnerisch ein Bruttowert von knapp 29,7 Millionen Euro – noch bevor Buchungsgebühren, Speisen, Getränke, Merchandise und zusätzliche Campingangebote berücksichtigt werden.
Der tatsächliche Umsatz lässt sich daraus nicht direkt ableiten. Künstlergagen, Technik, Personal, Sicherheit, Energie, Flächenmieten und Logistik verursachen enorme Kosten. Die Rechnung zeigt jedoch, welche wirtschaftliche Dimension das frühere Dorffest inzwischen erreicht hat.
Und der Konsum endet längst nicht mehr beim Festivalbändchen. Neben dem klassischen Zeltplatz bietet Wacken reservierte Flächen, Blockhütten, Wohncontainer und hotelähnliche »Moshtels« mit eigenem Gastronomiebereich und Wellnessangeboten. Für besonders komfortable Pakete können bis zu 2.400 Euro zusätzlich fällig werden.
Aus der früheren Grundausstattung aus Zelt, Bier und Gummistiefeln ist eine gestaffelte Erlebnisökonomie geworden: Jeder Besucher kann selbst entscheiden, wie viel Komfort er seinem Metal-Abenteuer hinzufügen möchte.
Aus Landwirtschaft wird Festivalinfrastruktur
Das Festivalgelände umfasst mehr als 400 Hektar und gehört 19 Landwirten. Für wenige Tage im Jahr werden ihre Flächen zu Campingplätzen, Zufahrtswegen, Parkflächen und Konzertarealen.
Einige Betriebe haben ihre Bewirtschaftung inzwischen auf das Festival abgestimmt. Auf dem unmittelbaren »Holy Ground« wurde die frühere Ackerfläche etwa durch eine Grasnarbe ersetzt. Sie ist für Fahrzeuge besser befahrbar und verringert das Brandrisiko.
Für die Landwirte ist die Vermietung finanziell attraktiv, sie bringt jedoch auch Aufwand und Risiken mit sich. Nach dem Festival müssen die Flächen auf Zeltheringe, Dosenlaschen und andere Metallteile untersucht werden, bevor dort wieder Tiere weiden oder Futtermittel gewonnen werden können.
Wacken zeigt damit besonders anschaulich, wie eine Fläche zeitweise völlig unterschiedliche wirtschaftliche Funktionen erfüllen kann: An 360 Tagen dient sie der Landwirtschaft, an wenigen Sommertagen wird sie zum Fundament einer internationalen Veranstaltungsstadt.
Eine Kleinstadt für wenige Tage
Für die acht beziehungsweise neun Bühnen werden rund 1.000 Tonnen Bühnenmaterial verbaut. Hinzu kommen Strom- und Wasserversorgung, Sanitäranlagen, Mobilfunktechnik, Sicherheitsdienste, Sanitätsversorgung, Reinigung, Abfallentsorgung und ein ausgefeiltes Verkehrssystem.
Davon profitieren nicht nur die Veranstalter. Hotels, Ferienwohnungen, Tankstellen, Supermärkte, Gastronomie, Busunternehmen und zahlreiche Dienstleister in der Region erleben während der Festivalwoche eine außergewöhnlich hohe Nachfrage.
Auch der Markenwert reicht weit über die eigentlichen Veranstaltungstage hinaus. Wacken ist inzwischen weltweit als Herkunftsort des Festivals bekannt. Fans reisen aus zahlreichen Ländern an, besuchen den Ort auch außerhalb des Festivals und kaufen Produkte, auf denen der Name des kleinen Dorfes zur globalen Metalmarke geworden ist.
Selbst gesellschaftliche Organisationen nutzen die Reichweite. Seit Beginn der Zusammenarbeit mit der DKMS im Jahr 2014 haben sich mehr als 13.000 Festivalbesucher als mögliche Stammzellspender registrieren lassen. 2026 ist die Organisation erstmals mit zwei Standorten vertreten.
Vom Dorfprojekt zum internationalen Anlagegut
Die wirtschaftliche Entwicklung lässt sich auch an den Eigentumsverhältnissen ablesen.
Seit 2019 verkauften die Gründer Thomas Jensen und Holger Hübner den Großteil ihrer Anteile an den internationalen Festivalbetreiber Superstruct Entertainment. Beide halten heute noch jeweils gut 15,5 Prozent.
Superstruct wurde 2024 für rund 1,3 Milliarden Euro vom US-Finanzinvestor KKR übernommen. Zum Portfolio gehören rund 80 große Festivals, die zusammen jährlich etwa sieben Millionen Besucher erreichen. Neben Wacken zählen dazu unter anderem Sónar und Boardmasters.
Für einen Finanzinvestor liegt der Reiz auf der Hand: Live-Erlebnisse lassen sich nicht vollständig digital ersetzen. Starke Festivalmarken besitzen loyale Zielgruppen, wiederkehrende Einnahmen und zahlreiche Möglichkeiten, den Umsatz pro Besucher zu erhöhen.
Doch genau darin liegt auch die Herausforderung. Wacken lebt nicht allein von seinem Line-up, sondern von der Erzählung eines gemeinschaftlichen Festivals, das auf einem Dorfacker entstand. Wird die Kommerzialisierung zu sichtbar oder zu teuer, könnte sie jene Glaubwürdigkeit beschädigen, die den wirtschaftlichen Wert der Marke überhaupt erst geschaffen hat.
Dass der Kartenverkauf 2026 länger dauerte als in früheren Jahren, ist daher ein Warnsignal. Während manche Ausgaben innerhalb weniger Stunden ausverkauft waren, meldeten die Veranstalter diesmal erst kurz vor Beginn, dass sämtliche Tickets vergriffen seien.
Neben dem Preis spielt auch der Generationswechsel eine Rolle. Viele langjährige Fans sind mit dem Festival älter geworden. Gleichzeitig müssen jüngere Bands und Besucher gewonnen werden, damit Wacken nicht allein von der Strahlkraft alter Metal-Legenden lebt.
Was bleibt
Wacken ist längst mehr als ein Musikfestival.
Für 4 Tage entsteht aus Äckern und Wiesen eine Stadt mit 85.000 Bewohnern, internationalem Programm und einer eigenen Konsum- und Infrastrukturwelt. Knapp 30 Millionen Euro stecken rechnerisch allein in den Eintrittskarten. Hinzu kommen Ausgaben für Anreise, Verpflegung, Merchandise und Komfortangebote.
Das Festival schafft Einkommen für Landwirte, Dienstleister und Unternehmen in der Region. Zugleich ist es Teil eines globalen Veranstaltungskonzerns geworden, hinter dem mit KKR einer der größten Finanzinvestoren der Welt steht.
Trotzdem bleibt der wirtschaftlich wertvollste Bestandteil schwer in Zahlen zu fassen:
das Gefühl, für einige Tage zu einer Gemeinschaft zu gehören, die Jahr für Jahr denselben Acker zum »Holy Ground« erklärt.
Solange die Veranstalter dieses Gefühl bewahren, ist Wacken nicht nur ein Festival.
Es ist eine der erfolgreichsten Lifestylemarken, die jemals aus einem norddeutschen Dorf hervorgegangen sind.
SK