Für Ferrari war der 25. Mai 2026 mehr als eine weitere Fahrzeugpräsentation. Mit dem Luce hat der Sportwagenhersteller erstmals ein vollelektrisches Serienmodell vorgestellt und damit eine Grenze überschritten, die lange als unantastbar galt. Seit der Gründung durch Enzo Ferrari standen Hochdrehzahlmotoren, V8- und V12-Triebwerke sowie der charakteristische Motorsound im Zentrum der Markenidentität. Nun fährt erstmals ein Ferrari ohne Verbrennungsmotor auf die Bühne.
Der Luce ist dabei alles andere als ein klassischer Sportwagen. Ferrari positioniert das Modell als luxuriösen Viertürer mit 5 Sitzen, mehr als 1.000 PS Leistung, über 500 Kilometern Reichweite und einem Preis von rund 550.000 Euro. Die Auslieferung soll Ende 2026 beginnen.
Mehr als ein Auto
Der Luce ist für Ferrari vor allem ein strategisches Projekt. Die Marke versucht damit, den Spagat zwischen Tradition und Zukunft zu schaffen. Während viele Hersteller ihre Elektrostrategien zuletzt zurückgeschraubt haben, investiert Ferrari bewusst in ein Segment, das bislang nicht zu den Kernkompetenzen der Marke gehörte. Gleichzeitig soll das Fahrzeug neue Zielgruppen ansprechen – insbesondere wohlhabende, technologieaffine Käufer in Märkten wie China, wo Elektromobilität deutlich stärker akzeptiert wird als in vielen westlichen Ländern.
Dabei setzt Ferrari auf eine ungewöhnliche Kombination aus Hightech und Tradition. Die Gestaltung entstand gemeinsam mit Jony Ive, dem ehemaligen Apple-Chefdesigner. Im Innenraum finden sich zwar große digitale Displays, gleichzeitig aber bewusst wieder physische Schalter und Bedienelemente – ein Gegenentwurf zum reinen Touchscreen-Trend vieler Elektroautos.
Die Börse reagiert nervös
Während Ferrari den Luce als Beginn einer neuen Ära feiert, fiel die Reaktion der Kapitalmärkte deutlich kühler aus. Die Aktie verlor nach der Präsentation zeitweise mehr als acht Prozent. Anleger äußerten Zweifel daran, ob der Luce die Erwartungen erfüllen kann und ob Ferrari mit dem neuen Design tatsächlich die richtige Richtung eingeschlagen hat.
Besonders die Optik sorgte für Diskussionen. Viele Kommentatoren bemängelten, dass das Fahrzeug eher wie ein luxuriöser Gran Turismo oder Crossover wirke als wie ein klassischer Ferrari. Auch ehemalige Führungskräfte äußerten sich zurückhaltend. Der frühere Ferrari-Chef Luca Cordero di Montezemolo zeigte sich enttäuscht und stellte die Frage, ob der neue Wagen noch ausreichend die DNA der Marke widerspiegele.
Ein Risiko für die Marke
Die Kritik zeigt das eigentliche Dilemma. Ferrari verkauft nicht nur Autos, sondern Emotionen. Käufer erwerben nicht allein Leistung oder Technik, sondern ein Lebensgefühl, das eng mit Klang, Design und Motorsportgeschichte verbunden ist.
Genau deshalb ist die Elektrifizierung für Ferrari schwieriger als für viele andere Hersteller. Ein Elektroauto kann mühelos mehr als 1.000 PS liefern. Beschleunigung allein ist längst kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Die Herausforderung besteht darin, das Ferrari-Gefühl in eine Technologie zu übertragen, die viele Fans bisher eher mit Tesla oder chinesischen Herstellern verbinden.
Ferrari versucht dies unter anderem durch künstlich erzeugte Klang- und Vibrationssysteme. Der Luce soll sich trotz Elektroantrieb emotional wie ein Ferrari anfühlen. Ob das gelingt, wird letztlich nicht die Technik entscheiden, sondern die Kundschaft.
SK