Börse

Wenn 20 Milliarden Dollar die Börse nervös machen

Erst 70 Milliarden Dollar, dann nur 50 Milliarden: Neue Berichte über OpenAIs Umsatzentwicklung lösen einen Ausverkauf bei KI-Aktien aus.

10 Min.

09.10.2026

Eine Differenz von 20 Milliarden Dollar bei den Umsatzzahlen von OpenAI hat die amerikanischen Technologiebörsen unter Druck gesetzt. Nvidia, Oracle und weitere Profiteure des KI-Booms verloren deutlich an Wert. Doch neue Informationen legen nahe, dass die vermeintliche Umsatzlücke zumindest teilweise auf unterschiedlichen Berechnungsmethoden beruht. Der Vorgang macht sichtbar, wie empfindlich die Finanzmärkte inzwischen auf die Erwartungen an wenige große KI-Unternehmen reagieren.

Ein Bericht bringt die Nasdaq ins Rutschen

Am Donnerstag gerieten zahlreiche amerikanische Technologieaktien unter Verkaufsdruck. Der Nasdaq Composite verlor 1,25 Prozent, während der breiter gefasste S&P 500 um 0,47 Prozent nachgab. Besonders betroffen waren Unternehmen, deren Wachstumsaussichten eng mit dem Ausbau künstlicher Intelligenz verbunden sind.

Die Nvidia-Aktie büßte 2,9 Prozent ein, Oracle verlor rund 5,5 Prozent. Auch Broadcom, Micron und weitere Halbleiterunternehmen verzeichneten deutliche Kursrückgänge.

Auslöser war ein Bericht der Financial Times über die Umsatzentwicklung von OpenAI. Demnach erreichte der Entwickler von ChatGPT Ende September einen annualisierten Umsatz von annähernd 50 Milliarden Dollar. Zuvor hatten Medien unter Berufung auf Informationen aus Investorenkreisen eine Größenordnung von nahezu 70 Milliarden Dollar genannt.

Die Differenz von rund 20 Milliarden Dollar sorgte für erhebliche Irritationen. Schließlich gilt OpenAI als einer der wichtigsten Treiber des weltweiten KI-Booms. Das Unternehmen entwickelt nicht nur führende Sprachmodelle, sondern gehört auch zu den zentralen Nachfragern nach Rechenleistung, Cloud-Diensten und spezialisierter Hardware.

Wenn ausgerechnet dieser Kunde weniger Umsatz erzielt als erwartet, geraten damit auch die Wachstumsannahmen seiner zahlreichen Geschäftspartner unter Druck.

Allerdings war der OpenAI-Bericht nicht der einzige Belastungsfaktor an den Finanzmärkten. Steigende Ölpreise, Inflationssorgen und Unsicherheit über die weitere Zinsentwicklung verstärkten die Nervosität. Der Rückgang des Nasdaq lässt sich deshalb nicht ausschließlich auf die neuen Umsatzzahlen zurückführen.

50 Milliarden oder 70 Milliarden Dollar?

Die entscheidende Frage ist, was die beiden Zahlen tatsächlich beschreiben.

Bei den genannten 50 beziehungsweise 70 Milliarden Dollar handelt es sich nicht um bereits erwirtschaftete Jahresumsätze. Gemeint ist die annualisierte Umsatzrate, im Englischen Annualized Revenue Run Rate.

Diese Kennzahl rechnet die Einnahmen eines kürzeren Zeitraums auf ein ganzes Jahr hoch. Erzielt ein Unternehmen beispielsweise innerhalb eines Monats fünf Milliarden Dollar Umsatz, ergibt sich bei einer einfachen Multiplikation mit zwölf eine annualisierte Umsatzrate von 60 Milliarden Dollar.

Schnell wachsende Technologieunternehmen verwenden diese Kennzahl, um ihre aktuelle Geschäftsdynamik sichtbar zu machen. Bei einem Unternehmen, dessen Umsätze innerhalb weniger Monate stark steigen, kann die Hochrechnung deutlich größer ausfallen als der Umsatz, der in den vergangenen zwölf Monaten tatsächlich erwirtschaftet wurde.

Die Kennzahl hat deshalb einen erheblichen Informationswert, ist aber kein Ersatz für eine vollständige Gewinn- und Verlustrechnung.

Nach Angaben der Financial Times entstand die Differenz zwischen den bisher verbreiteten 70 Milliarden Dollar und den nun gemeldeten 50 Milliarden Dollar auch durch Versuche, die Geschäftszahlen von OpenAI und seinem Wettbewerber Anthropic unmittelbar miteinander zu vergleichen.

Die beiden Unternehmen berücksichtigen Umsätze aus dem Vertrieb über Cloudpartner demnach unterschiedlich. Während Anthropic Erlöse über Anbieter wie Amazon Web Services und Google Cloud in seine entsprechenden Angaben einbezieht, rechnet OpenAI solche Partnerumsätze nicht in gleicher Weise hinzu.

Versuche von Investoren, die Zahlen für einen Vergleich anzupassen, sollen zu höheren Umsatzschätzungen für OpenAI geführt haben.

Das bedeutet nicht, dass eine Differenz von 20 Milliarden Dollar tatsächlich in der Kasse fehlt. Vielmehr können unterschiedliche Abgrenzungen derselben wirtschaftlichen Aktivitäten zu erheblich voneinander abweichenden Kennzahlen führen.

Neue Informationen beruhigen die Märkte

Bereits heute folgte eine weitere Nachricht, die die ursprünglichen Befürchtungen relativierte.

Bloomberg berichtete unter Berufung auf mit den Finanzdaten vertraute Personen, OpenAI rechne weiterhin damit, bis Ende 2026 eine annualisierte Umsatzrate von mindestens 70 Milliarden Dollar zu erreichen. Ende September habe die entsprechende Kennzahl bei rund 50 Milliarden Dollar gelegen.

Anders als es die erste Marktreaktion vermuten ließ, müssen sich diese beiden Angaben also nicht widersprechen. Die eine beschreibt den Stand Ende September, die andere das für Jahresende erwartete Umsatzniveau.

Das Wachstum soll insbesondere aus dem Geschäft mit Unternehmenskunden kommen. Die Entwicklung würde bedeuten, dass OpenAI seine aktuelle monatliche Umsatzgeschwindigkeit innerhalb des letzten Quartals nochmals erheblich steigern müsste.

Ob dieses Ziel erreicht wird, ist damit allerdings nicht bewiesen. Die Angaben beruhen auf Informationen aus Investorenkreisen und nicht auf einem veröffentlichten, unabhängig geprüften Jahresabschluss.

Die neuen Berichte sorgten dennoch für Erleichterung. Die Futures auf den Nasdaq signalisierten am Freitag zeitweise eine deutliche Erholung.

Bemerkenswert bleibt, dass bereits die Diskussion über die Berechnung einer Umsatzkennzahl ausreichte, um erhebliche Kursbewegungen bei zahlreichen börsennotierten Unternehmen auszulösen.

Warum OpenAI den gesamten KI-Sektor bewegt

OpenAI selbst ist nicht an der Börse notiert. Trotzdem beeinflussen seine wirtschaftlichen Perspektiven inzwischen die Bewertung zahlreicher börsennotierter Technologiekonzerne.

Nvidia liefert die Hochleistungsprozessoren, die für das Training und den Betrieb großer KI-Modelle benötigt werden. Oracle investiert massiv in Cloud- und Rechenzentrumsinfrastruktur. Microsoft verbindet seine Cloud-Dienste und Softwareprodukte eng mit künstlicher Intelligenz und unterhält eine umfangreiche Partnerschaft mit OpenAI.

Hinzu kommen Halbleiterhersteller, Netzwerkausrüster, Energieversorger und Unternehmen, die Rechenzentren planen, finanzieren und betreiben.

Ihre wirtschaftlichen Perspektiven hängen zwar nicht ausschließlich von OpenAI ab. Die Nachfrage nach KI-Infrastruktur wird auch von anderen Entwicklern, großen Technologiekonzernen und zahlreichen Unternehmenskunden getragen. Doch OpenAI zählt zu den sichtbarsten Unternehmen dieses Marktes und steht im Zentrum mehrerer bedeutender Infrastrukturvorhaben.

Für Anleger entsteht dadurch eine besondere Situation: Sie können nicht unmittelbar in die Aktien des privaten Unternehmens investieren, wohl aber in zahlreiche Zulieferer und Geschäftspartner, deren erwartete Gewinne vom Wachstum der KI-Nachfrage abhängen.

Die Aktienkurse dieser Unternehmen spiegeln daher nicht nur gegenwärtige Erträge wider, sondern auch Annahmen über das künftige Wachstum der gesamten Branche.

Werden diese Erwartungen infrage gestellt, kann sich die Neubewertung schnell auf mehrere Unternehmen gleichzeitig ausweiten.

Die Investitionen müssen sich erst noch rechnen

Der Ausbau künstlicher Intelligenz gehört zu den kapitalintensivsten Investitionsprogrammen der Technologiegeschichte.

Große Sprachmodelle benötigen erhebliche Rechenkapazitäten. Für ihren Betrieb entstehen Kosten durch spezialisierte Prozessoren, Server, Netzwerktechnik, Stromversorgung, Kühlung und den Bau neuer Rechenzentren.

Hinzu kommen die Ausgaben für Forschung, Personal und die Weiterentwicklung neuer Modellgenerationen.

Während Softwareunternehmen traditionell häufig von vergleichsweise geringen zusätzlichen Kosten für weitere Nutzer profitieren können, ist die Bereitstellung moderner KI-Dienste zunächst mit einem beträchtlichen laufenden Ressourcenverbrauch verbunden.

Die Wirtschaftlichkeit hängt deshalb nicht allein davon ab, wie viele Menschen ChatGPT oder vergleichbare Anwendungen nutzen. Entscheidend ist ebenso, welche Einnahmen diese Nutzung erzeugt und welche Kosten für die Bereitstellung der erforderlichen Rechenleistung entstehen.

Besonders anspruchsvoll wird diese Rechnung, wenn Unternehmen große Teile ihrer künftigen Infrastruktur bereits heute finanzieren müssen, obwohl die erwarteten Erlöse erst in späteren Jahren anfallen sollen.

Morgan Stanley hat für den weltweiten Ausbau der KI-Infrastruktur in einer mehrjährigen Betrachtung einen Investitionsbedarf von rund 2,9 Billionen Dollar ermittelt. Nach Einschätzung der Bank könnte davon eine Finanzierungslücke von etwa 1,5 Billionen Dollar entstehen, die durch externes Kapital geschlossen werden müsste.

Diese Summe ist keine Prognose für Verluste. Sie beschreibt den voraussichtlichen Bedarf an Finanzierung außerhalb der Mittel, die große Technologieunternehmen selbst bereitstellen können.

Je stärker der Ausbau von Rechenzentren auf Fremdkapital angewiesen ist, desto bedeutender werden Zinsen, Finanzierungskonditionen und die Zuverlässigkeit künftiger Einnahmen.

Die Anleger betrachten deshalb inzwischen nicht mehr allein das technologische Potenzial künstlicher Intelligenz. Sie interessieren sich zunehmend dafür, wann und in welchem Umfang die gewaltigen Investitionen wirtschaftliche Erträge erwirtschaften werden.

Eine Bewertung von 1,4 Billionen Dollar

Die Diskussion über die Umsatzzahlen fällt in eine Phase, in der OpenAI erneut erhebliches Kapital einwerben will.

Nach Bloomberg-Informationen führt das Unternehmen Gespräche über eine Finanzierungsrunde von mindestens 30 Milliarden Dollar. Dabei steht eine Bewertung von rund 1,4 Billionen Dollar vor Zufluss des neuen Kapitals im Raum.

Eine solche Bewertung wäre Ausdruck außergewöhnlich hoher Erwartungen an die künftige Marktstellung und Ertragskraft des Unternehmens.

Sie sagt jedoch zunächst wenig über den heutigen Gewinn aus. Wie bei anderen stark wachsenden Technologieunternehmen bewerten Investoren nicht nur vorhandene Einnahmen, sondern vor allem die Möglichkeit, künftig einen bedeutenden Anteil an einem neuen Milliardenmarkt zu kontrollieren.

Für eine realistische Beurteilung sind deshalb neben dem Umsatzwachstum auch die Ausgaben für Rechenleistung, Forschung und Infrastruktur entscheidend. Ebenso relevant ist, welcher Anteil der Einnahmen nach Abzug dieser Kosten langfristig als Gewinn verbleiben kann.

Dass OpenAI seine annualisierte Umsatzrate innerhalb kurzer Zeit auf rund 50 Milliarden Dollar gesteigert haben soll, spricht für eine außergewöhnlich starke Nachfrage. Es beantwortet aber noch nicht die Frage, wann die hohen Investitionen zu nachhaltig positiven Ergebnissen führen.

Die Unsicherheit wird dadurch verstärkt, dass private Unternehmen erheblich weniger detaillierte Finanzinformationen veröffentlichen müssen als börsennotierte Konzerne.

Solange OpenAI keine umfassenden geprüften Finanzberichte vorlegt, sind Außenstehende bei der Beurteilung wesentlicher Kennzahlen auf Unternehmensangaben, Investoreninformationen und journalistische Recherchen angewiesen.

Der KI-Boom wird an seinen Einnahmen gemessen

Die jüngsten Kursbewegungen liefern keinen Beleg dafür, dass die Nachfrage nach künstlicher Intelligenz einbricht. Im Gegenteil: Selbst die nun berichtete annualisierte Umsatzrate von rund 50 Milliarden Dollar steht für ein enormes Geschäftswachstum.

Auch die unterschiedlichen Berechnungsmethoden erklären nicht automatisch, dass frühere Angaben bewusst falsch gewesen wären.

Der Vorgang macht jedoch deutlich, wie empfindlich die Finanzmärkte auf Informationen reagieren, die von den außergewöhnlich hohen Wachstumserwartungen abweichen.

Die wirtschaftliche Bedeutung künstlicher Intelligenz wird längst nicht mehr allein anhand neuer technologischer Fähigkeiten beurteilt. Entscheidend werden zunehmend messbare Umsätze, die Rentabilität der Geschäftsmodelle und die Frage, ob die wachsende Nachfrage die milliardenschweren Infrastrukturinvestitionen dauerhaft rechtfertigen kann.

Für die Börsen entsteht daraus ein Spannungsverhältnis: Die möglichen Gewinne durch künstliche Intelligenz sind enorm, doch ein erheblicher Teil dieser Erwartungen steckt bereits in den Bewertungen vieler Technologieunternehmen.

Die Korrektur vom Donnerstag und die anschließende Erholung zeigen, wie schnell sich die Marktstimmung verändern kann, obwohl sich die zugrunde liegende Technologie innerhalb eines Tages kaum verändert hat.

Das eigentliche Risiko besteht nicht darin, dass OpenAI derzeit weniger Umsatz erzielt als eine zuvor verbreitete Schätzung vermuten ließ. Es besteht darin, dass die Finanzmärkte die Entwicklung einer ganzen Industrie zunehmend an Wachstumszahlen messen, deren Berechnung und Vergleichbarkeit selbst noch erklärungsbedürftig sind.

Stefanie S. Klief

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