Börse

Wahlpatt in Israel: Die Börsen reagieren

Netanjahu liegt vorn, doch eine Regierungsmehrheit ist nicht in Sicht. Schekel und Aktien geraten unter Druck – während der Iran-Konflikt die Ölpreise beeinflusst.

8 Min.

28.10.2026

Die politische Nähe zu Donald Trump ist unübersehbar: Impressionen von der Wahlparty der Likud-Partei am 28.10.2026. Nach der Parlamentswahl bleibt die Regierungsmehrheit offen – und die Finanzmärkte reagieren nervös.

Die Parlamentswahl in Israel hat zunächst keine eindeutigen Mehrheitsverhältnisse geschaffen. Ministerpräsident Benjamin Netanjahu liegt mit seinem Lager nach den vorläufigen Ergebnissen vorn, verfehlt aber die erforderliche Mehrheit. An den Finanzmärkten wächst die Unsicherheit: Aktienkurse und der Schekel geben nach. Die politische Entwicklung trifft auf hohe Verteidigungsausgaben, ein erhebliches Haushaltsdefizit und neue Eskalationsrisiken im Nahen Osten. Für Investoren stellt sich damit eine Frage, die weit über den israelischen Aktienmarkt hinausreicht: Wie stabil bleibt die wirtschaftliche Erholung in einer Region, deren Sicherheitslage weiterhin angespannt ist?

Israel wählt – aber eine Mehrheit fehlt

Die Parlamentswahl in Israel vom 27. Oktober 2026 hat die politische Unsicherheit vorerst nicht beendet. Nach den am Mittwochvormittag veröffentlichten Teilergebnissen liegt das Lager von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu zwar vorn. Für die Bildung einer Regierung reicht das Ergebnis bislang jedoch nicht aus.

Nach Angaben der israelischen Wahlkommission entfielen bei 76,8 Prozent ausgezählten Wahlurnen rechnerisch 54 der insgesamt 120 Knesset-Sitze auf das Lager des amtierenden Ministerpräsidenten. Das Oppositionslager um den ehemaligen Generalstabschef Gadi Eisenkot kam auf 47 Sitze. Die arabischen Parteien erreichten zusammen 19 Mandate.

Für eine parlamentarische Mehrheit sind 61 Sitze erforderlich. Damit hängt die Regierungsbildung maßgeblich davon ab, welche Parteien zur Zusammenarbeit bereit sind.

Die vorläufigen Zahlen können sich mit der weiteren Auszählung noch verändern. Insbesondere die Stimmen von Soldaten und andere gesondert erfasste Wahlunterlagen werden erst später berücksichtigt. Mit einem endgültigen Ergebnis wird frühestens gegen Ende der Woche gerechnet.

Die Wahlbeteiligung lag bei 77,7 Prozent und erreichte damit den höchsten Stand seit mehr als zwei Jahrzehnten.

Sollte keine tragfähige Koalition zustande kommen, könnte sich die Regierungsbildung über Wochen hinziehen. Netanjahu bliebe währenddessen geschäftsführend im Amt. Diese Ungewissheit beschäftigt auch die Finanzmärkte.

Aktien und Schekel reagieren mit Verlusten

Die ersten Marktreaktionen auf das vorläufige Wahlergebnis fallen negativ aus.

Am Mittwochvormittag verlor der israelische Leitindex TA-125 an der Börse in Tel Aviv zeitweise 1,7 Prozent. Der TA-35, der die größten börsennotierten Unternehmen abbildet, gab um 1,5 Prozent nach. Bei den mittelgroßen Unternehmen des TA-90 fiel der Rückgang mit drei Prozent noch deutlicher aus.

Auch Versicherungsaktien gerieten unter Druck. Der entsprechende Branchenindex verlor zwischenzeitlich 4,1 Prozent.

Parallel wertete die israelische Landeswährung ab. Der Schekel verlor gegenüber dem US-Dollar rund ein Prozent und notierte zeitweise bei etwa 3,08 Schekel je Dollar.

Die Angaben beziehen sich auf den Vormittag des 28. Oktober und können sich im weiteren Tagesverlauf verändern.

Noch am Dienstag hatte der Schekel zugelegt. Anleger hatten auf ein Wahlergebnis gesetzt, das eine zügige Regierungsbildung ermöglichen könnte.

Nun stellt sich die Frage, wie lange die politischen Verhandlungen dauern werden und welche wirtschaftspolitischen Prioritäten eine neue Regierung setzen könnte.

Ronen Menahem, Chefmarktökonom der israelischen Mizrahi-Tefahot-Bank, erklärte gegenüber der Times of Israel, Investoren warteten auf eine stabile Koalition, die eine verlässliche Finanzpolitik verfolgen und wachstumsfördernde Haushaltsentscheidungen treffen könne.

Die aktuellen Kursverluste sind damit zunächst Ausdruck politischer Unsicherheit. Aus den Bewegungen eines einzelnen Handelstages lässt sich noch kein längerfristiger Markttrend ableiten.

Eine bemerkenswerte Börsenentwicklung seit 2023

Die Nervosität nach der Wahl steht in einem auffälligen Gegensatz zur längerfristigen Entwicklung der israelischen Finanzmärkte.

Trotz des Hamas-Angriffs vom 7. Oktober 2023, des anschließenden Gazakrieges und weiterer militärischer Auseinandersetzungen im Nahen Osten haben israelische Aktien erhebliche Kursgewinne erzielt.

Nach Berechnungen von Reuters legte der israelische Aktienmarkt seit Oktober 2023 bis unmittelbar vor der Wahl um rund 130 Prozent zu. Der Schekel gewann gegenüber dem US-Dollar etwa 25 Prozent an Wert.

Damit entwickelte sich der Kapitalmarkt bemerkenswert robust, obwohl die wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Belastungen erheblich waren. Eine wichtige Rolle spielt dabei die Struktur der israelischen Wirtschaft.

Das Land verfügt über einen international bedeutenden Technologie- und Softwaresektor. Zahlreiche Unternehmen erwirtschaften einen erheblichen Teil ihrer Umsätze außerhalb Israels. Ihre wirtschaftliche Entwicklung hängt deshalb nicht ausschließlich von der israelischen Binnenkonjunktur ab. Gleichzeitig blieb die Nachfrage internationaler Investoren nach ausgewählten israelischen Unternehmen und Technologieinvestitionen bestehen.

Der bisherige Kursanstieg bedeutet allerdings nicht, dass geopolitische Risiken für die Finanzmärkte bedeutungslos geworden wären. Vielmehr müssen Investoren unterscheiden zwischen der Ertragskraft einzelner Unternehmen, der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes und den Risiken, die sich aus politischen oder militärischen Entscheidungen ergeben.

Hohe Kriegskosten belasten den Staatshaushalt

Unabhängig vom Wahlausgang steht die nächste israelische Regierung vor erheblichen finanzpolitischen Herausforderungen.

Die Bank of Israel erwartet für das laufende Jahr ein Haushaltsdefizit von 4,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Für 2027 prognostiziert die Notenbank einen Fehlbetrag von 4,6 Prozent. Die Staatsverschuldung dürfte Ende 2026 rund 68 Prozent der Wirtschaftsleistung erreichen und im kommenden Jahr bei etwa 66,5 Prozent liegen.

Diese Prognosen berücksichtigen bereits eine anhaltend hohe Belastung durch Verteidigungsausgaben. Israel musste seit Oktober 2023 erhebliche zusätzliche Mittel für militärische Operationen, die Mobilisierung von Reservisten sowie Sicherheitsmaßnahmen bereitstellen. Solche Ausgaben beanspruchen öffentliche Mittel, die nicht gleichzeitig für andere staatliche Aufgaben eingesetzt werden können.

Hinzu kommen wirtschaftliche Auswirkungen durch den zeitweisen Ausfall von Arbeitskräften und Einschränkungen in einzelnen Branchen. Die Zentralbank rechnet zwar mit einer konjunkturellen Erholung. Für die Wirtschaftsleistung ohne Produktion im Ausland erwartet sie 2026 ein Wachstum von 3,4 Prozent und 2027 von 5,1 Prozent.

Allerdings beruht die Prognose auf der Annahme, dass die Intensität der Kampfhandlungen vergleichsweise niedrig bleibt. Die Notenbank weist ausdrücklich darauf hin, dass weder mögliche wirtschaftspolitische Entscheidungen nach der Wahl noch eine erneute erhebliche Eskalation vollständig berücksichtigt werden können. Damit ist die politische Stabilität auch für die künftige Haushaltsplanung von Bedeutung.

Regierungsbildung entscheidet über wirtschaftliche Prioritäten

Unabhängig davon, welche Parteien künftig regieren, muss Israel zahlreiche finanzpolitische Entscheidungen treffen. Dazu gehören die Höhe des Verteidigungshaushalts, die Finanzierung öffentlicher Leistungen, mögliche steuerpolitische Maßnahmen und die Bedingungen für private Investitionen.

Auch der Arbeitsmarkt steht vor Herausforderungen.

Die wiederholte Mobilisierung von Reservisten hat zeitweise Arbeitskräfte aus Unternehmen und anderen Wirtschaftsbereichen abgezogen. Zugleich beeinflussen sicherheitspolitische Entwicklungen die Verfügbarkeit ausländischer Arbeitskräfte, unter anderem im Baugewerbe.

Die Bank of Israel sieht in einer Erholung des Arbeitsangebots einen wichtigen Faktor für die weitere wirtschaftliche Entwicklung. Eine länger andauernde Regierungsbildung könnte Entscheidungen über künftige Haushaltsprioritäten verzögern. Das bedeutet nicht zwangsläufig einen wirtschaftlichen Stillstand. Staatliche Institutionen und Unternehmen arbeiten auch während politischer Übergangsphasen weiter.

Für Anleger erhöht sich jedoch die Unsicherheit darüber, welche politischen Entscheidungen künftig getroffen und welche Belastungen der Staatshaushalt zusätzlich tragen muss.

Die Wahl verändert damit nicht unmittelbar die wirtschaftlichen Grundlagen Israels. Sie beeinflusst aber die Erwartungen an den künftigen politischen Handlungsspielraum.

Die Märkte warten auf politische Handlungsfähigkeit

Nach der Wahl stehen Israel und seine Finanzmärkte vor einigen miteinander verbundenen Herausforderungen – von der offenen Regierungsbildung über das Risiko erneuter Hamas-Angriffe bis zu den wirtschaftlichen Folgen des Krieges mit Iran.

Die Wirtschaft hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit gezeigt. Besonders der Technologiesektor und die Kursentwicklung an der Börse verdeutlichen, dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes trotz des Krieges erheblich geblieben ist.

Gleichzeitig sind die fiskalischen Belastungen hoch. Die Verteidigungsausgaben bleiben ein bedeutender Faktor für den Staatshaushalt, und die weitere wirtschaftliche Erholung hängt wesentlich von der Sicherheitslage ab. Das bislang unklare Wahlergebnis fügt dieser Ausgangslage einen weiteren Unsicherheitsfaktor hinzu.

Für Anleger stehen deshalb weniger die politischen Erklärungen der einzelnen Parteien im Mittelpunkt als die Frage, ob sich eine handlungsfähige Regierung bilden lässt und welche finanziellen Prioritäten sie anschließend setzt.

Die unmittelbaren Kursverluste bei Aktien und Schekel zeigen, dass diese Unsicherheit bereits an den Märkten angekommen ist.

Über den weiteren Verlauf entscheiden allerdings nicht nur die Koalitionsgespräche in Jerusalem.

Auch die Entwicklung im Gazastreifen, die Beziehungen zu Iran und die Stabilität der Energieversorgung im Nahen Osten bleiben von Bedeutung.

Damit ist die israelische Parlamentswahl nicht nur ein innenpolitisches Ereignis. Ihre wirtschaftlichen Folgen können weit über die Grenzen des Landes hinausreichen – auch wenn sich ihr tatsächliches Ausmaß erst mit der weiteren politischen Entwicklung beurteilen lässt.

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