Börse

US-Wahlpoker: Was für die Börsen auf dem Spiel steht

Wettmärkte sehen Demokraten bei den Zwischenwahlen vorn – doch die Folgen für Aktien, Gold und Anleihen sind keineswegs eindeutig

10 Min.

26.10.2026

US-Zwischenwahlen 2026: Der demokratische Senatskandidat James Talarico trifft am 23. Oktober in Austin, Texas, auf Unterstützer. Ein möglicher Machtwechsel im Kongress könnte auch die wirtschaftspolitischen Spielräume von Präsident Donald Trump verändern.

Die amerikanischen Zwischenwahlen am 3. November könnten das politische Kräfteverhältnis in Washington erheblich verändern. An den Prognosemärkten Polymarket und Kalshi werden demokratische Mehrheiten im Kongress derzeit mit hohen Wahrscheinlichkeiten gehandelt. Für Investoren geht es jedoch um weit mehr als einen möglichen Machtverlust der Republikaner: Neue Mehrheiten könnten Trumps Steuer- und Ausgabenpolitik begrenzen, die Regulierung großer Technologiekonzerne beeinflussen und die Perspektiven für Gold, Dollar und US-Staatsanleihen verändern. Ein eindeutiges Börsensignal ergibt sich daraus allerdings nicht.

Wettmärkte erwarten eine Veränderung der Machtverhältnisse

Acht Tage vor den amerikanischen Zwischenwahlen richten sich die Blicke der Finanzmärkte zunehmend auf den 3. November. An diesem Tag werden sämtliche 435 Sitze im Repräsentantenhaus und 35 Senatssitze neu beziehungsweise nachgewählt.

Das Ergebnis entscheidet darüber, wie viel politischen Handlungsspielraum US-Präsident Donald Trump während der verbleibenden zwei Jahre seiner Amtszeit besitzt.

An den Prognosemärkten werden inzwischen deutliche Veränderungen gehandelt. Auf Polymarket lag der aus den Kontraktpreisen abgeleitete Wert für eine demokratische Mehrheit im Repräsentantenhaus am Morgen des 26. Oktober bei rund 92 Prozent. Für eine Mehrheit im Senat wurden etwa 65 Prozent angezeigt.

Die konkurrierende Plattform Kalshi meldete zur selben Zeit ungefähr 90 Prozent für das Repräsentantenhaus und 63 Prozent für den Senat.

Dabei handelt es sich nicht um Wahlergebnisse oder repräsentative Meinungsumfragen. Die Werte spiegeln die Preise handelbarer Kontrakte wider, bei denen Marktteilnehmer auf bestimmte politische Ereignisse setzen.

Die Preise ändern sich fortlaufend, sobald neue Informationen eintreffen oder Händler ihre Positionen verändern. Trotz der hohen Werte für die Demokraten wäre es deshalb falsch, einen bestimmten Wahlausgang als sicher darzustellen. Auch für die Börsen bedeutet eine hohe eingepreiste Wahrscheinlichkeit keineswegs, dass sich daraus unmittelbar eine bestimmte Kursentwicklung ableiten lässt.

Warum Prognosemärkte keine gewöhnlichen Wahlumfragen sind

Polymarket und Kalshi ermöglichen den Handel mit Ereigniskontrakten. Anleger erwerben beispielsweise eine Position, die bei einer bestimmten politischen Entwicklung ausgezahlt wird.

Der Preis eines solchen Kontrakts kann als marktbasierte Wahrscheinlichkeit interpretiert werden. Anders als bei einer klassischen Wahlumfrage entsteht dieser Wert jedoch nicht durch die repräsentative Befragung von Wählern, sondern durch Angebot und Nachfrage.

Befürworter der Prognosemärkte argumentieren, dass finanzielle Anreize die Marktteilnehmer dazu bewegen, verfügbare Informationen besonders sorgfältig auszuwerten. Doch auch solche Märkte haben Schwächen. Sie können durch große Einzelpositionen, geringe Liquidität in bestimmten Kontrakten und einseitige Erwartungen beeinflusst werden.

Eine von Reuters im Oktober veröffentlichte Auswertung der Anti-Corruption Data Collective verdeutlicht die Konzentration des Handels. Demnach entfielen bei den untersuchten Kongresswetten auf der internationalen Polymarket-Plattform rund 70 Prozent des Handelsvolumens auf lediglich ein Prozent der beteiligten Wallets.

Die Marktpreise können deshalb ein interessantes Stimmungsbild liefern. Sie ersetzen jedoch keine unabhängige Wahlforschung. Für Investoren kommt eine weitere Einschränkung hinzu: Selbst wer den späteren Wahlausgang richtig einschätzt, muss damit noch lange nicht die Reaktion der Finanzmärkte richtig vorhersehen.

Ein geteilter Kongress könnte Trumps Wirtschaftsagenda bremsen

Eine demokratische Mehrheit in einer oder beiden Parlamentskammern würde die politischen Handlungsmöglichkeiten der Regierung verändern.

Der US-Kongress entscheidet unter anderem über Bundesausgaben, Steuergesetze und wesentliche Teile der wirtschaftlichen Regulierung.

Solange die Republikaner beide Kammern kontrollieren, lassen sich politische Vorhaben der Regierung innerhalb der Partei abstimmen. Mit einer demokratischen Mehrheit im Repräsentantenhaus müsste Trump bei zahlreichen Gesetzesvorhaben dagegen parteiübergreifende Kompromisse suchen. Besonders betroffen wären größere Steuersenkungen, neue Ausgabenprogramme und Veränderungen des Bundeshaushalts.

Finanzmarktexperten sprechen in solchen Situationen häufig von einem sogenannten Gridlock, also einer politischen Blockade zwischen Regierung und Parlament. Ein solcher Zustand kann aus Sicht von Anlegern unterschiedliche Wirkungen haben.

Einerseits verringert er die Wahrscheinlichkeit umfangreicher neuer Gesetze, die Unternehmen oder Kapitalmärkte belasten könnten. Andererseits erschwert er wirtschaftspolitische Reformen und schafft zusätzlichen Verhandlungsbedarf beim Bundeshaushalt.

Auch wiederkehrende Auseinandersetzungen über die Finanzierung staatlicher Einrichtungen können die Unsicherheit erhöhen. Hinzu kommt, dass Trump weiterhin über exekutive Befugnisse verfügt. Nicht jede Maßnahme seiner Handels-, Außen- oder Regulierungspolitik benötigt einen neuen Kongressbeschluss.

Ein demokratisch kontrolliertes Parlament würde die wirtschaftspolitische Handlungsfähigkeit des Präsidenten deshalb einschränken, aber nicht vollständig aufheben.

Staatsanleihen: Weniger Ausgaben bedeuten nicht automatisch niedrigere Zinsen

Für den Anleihemarkt ist vor allem die Entwicklung des amerikanischen Haushaltsdefizits entscheidend. Könnte der Kongress große zusätzliche Ausgabenprogramme oder weitere Steuersenkungen verhindern, würde dies möglicherweise die erwartete Neuverschuldung begrenzen.

Der Staat müsste dann unter sonst gleichen Bedingungen weniger zusätzliche Anleihen ausgeben. Eine geringere Angebotsmenge könnte die Renditen von US-Staatsanleihen unter Druck setzen.

Sinkende Anleiherenditen wären grundsätzlich auch für Aktien interessant, da Unternehmen günstiger Kapital aufnehmen könnten und zukünftige Gewinne bei der Bewertung weniger stark abgezinst würden.

Allerdings ist diese Wirkung keineswegs garantiert. Bereits bestehende Ausgabenverpflichtungen, steigende Zinszahlungen und die langfristige Entwicklung der Staatsfinanzen bestehen unabhängig vom Wahlausgang fort.

Zudem könnte eine politische Blockade notwendige Haushaltsentscheidungen verzögern oder die Unsicherheit über die Zahlungsfähigkeit beziehungsweise Finanzierungsstrategie der Regierung erhöhen. Die Vermögensverwaltung DWS weist in einer am 26. Oktober veröffentlichten Analyse deshalb ausdrücklich darauf hin, dass politische Blockaden nicht automatisch zu einer nachhaltig besseren Haushaltslage führen.

Anleger müssten vielmehr beobachten, ob sich die Erwartungen an Defizite, Anleiheemissionen und Inflation tatsächlich verändern.

Gold zwischen Haushaltsdisziplin und politischer Unsicherheit

Auch beim Goldpreis sind die möglichen Auswirkungen widersprüchlich.

In einer Analyse vom 22. Oktober untersucht der World Gold Council mehrere wirtschaftspolitische Szenarien nach den Zwischenwahlen.

Eine stärkere Begrenzung staatlicher Defizite könnte demnach die Attraktivität amerikanischer Staatsanleihen erhöhen und den US-Dollar stützen. Das wäre unter sonst gleichen Bedingungen ein möglicher Belastungsfaktor für Gold, das keine laufenden Zinsen abwirft.

Gleichzeitig könnten politische Konflikte zwischen dem Weißen Haus und einem demokratisch kontrollierten Kongress zusätzliche Unsicherheit erzeugen. Wenn Anleger wegen unberechenbarer Entscheidungen, gerichtlicher Auseinandersetzungen oder geopolitischer Risiken nach Absicherung suchen, kann Gold davon profitieren.

Hinzu kommen mögliche Veränderungen bei der Finanzierung militärischer Einsätze sowie bei der amerikanischen Handelspolitik.

Eine Entspannung geopolitischer Konflikte könnte beispielsweise die Energiepreise und damit die Inflationserwartungen senken. Auch dies könnte Auswirkungen auf Anleiherenditen, Dollar und Gold haben.

Der World Gold Council hält unter mehreren der untersuchten Szenarien eine Unterstützung des Goldpreises für möglich. Zugleich betont die Organisation, dass historische Wahlergebnisse für sich genommen keinen konsistenten Einfluss auf die Goldentwicklung hatten.

Für Investoren ist deshalb weniger entscheidend, welche Partei eine Mehrheit erhält, sondern welche wirtschaftspolitischen Veränderungen daraus tatsächlich entstehen.

KI-Aktien könnten besonders empfindlich reagieren

Eine der wichtigsten Branchenfragen betrifft den amerikanischen Technologiesektor. Die hohen Investitionen in künstliche Intelligenz und Rechenzentren haben maßgeblich zur Entwicklung vieler großer US-Technologieaktien beigetragen.

Unternehmen wie Microsoft, Alphabet, Amazon und Meta investieren enorme Summen in die dafür notwendige Infrastruktur. Die Bewertung zahlreicher Technologiekonzerne hängt inzwischen auch von der Erwartung ab, dass sich diese Investitionen langfristig in zusätzliche Umsätze und Gewinne verwandeln.

Eine veränderte Mehrheit im Kongress könnte die politische Kontrolle des Sektors verstärken. Im Mittelpunkt stehen dabei nicht nur die Entwicklung leistungsfähiger KI-Systeme, sondern auch der Energieverbrauch, die Stromversorgung und die wirtschaftlichen Auswirkungen neuer Rechenzentren.

Nach einer Reuters-Analyse vom 22. Oktober wächst in mehreren amerikanischen Bundesstaaten der Widerstand gegen große Rechenzentrumsprojekte. Anwohner und lokale Politiker befürchten unter anderem höhere Strompreise, zusätzliche Belastungen der Netze und Auswirkungen auf die Umwelt.

Eine verstärkte Regulierung könnte Planungs- und Genehmigungsverfahren verlängern und die Kosten neuer Anlagen erhöhen. Allerdings wäre eine demokratische Mehrheit im Kongress nicht automatisch mit einem umfassenden Verbot oder einer deutlichen Einschränkung des KI-Ausbaus verbunden.

Präsident Trump könnte umfangreiche Bundesgesetze durch sein Vetorecht blockieren. Auf Ebene der Bundesstaaten und Kommunen bestehen dagegen andere Einflussmöglichkeiten. DWS sieht deshalb insbesondere in regionalen Wahlen und Entscheidungen über Infrastrukturprojekte ein möglicherweise unterschätztes Risiko für einzelne Technologieunternehmen.

Die Auswirkungen auf den gesamten Aktienmarkt könnten geringer ausfallen als die auf bestimmte Branchen oder Unternehmen.

Banken, Energie und Kryptowährungen im Blick

Neben dem Technologiesektor könnten auch Banken, Energieunternehmen und Anbieter digitaler Finanzprodukte von veränderten politischen Rahmenbedingungen betroffen sein.

Die republikanische Wirtschaftspolitik ist unter Trump unter anderem durch Deregulierung, eine stärkere Förderung heimischer Energieproduktion und eine gegenüber digitalen Vermögenswerten offenere Regulierung geprägt.

Demokratische Mehrheiten könnten eine strengere parlamentarische Kontrolle entsprechender Maßnahmen ermöglichen.

Insbesondere Banken und Unternehmen aus der Kryptowährungsbranche müssten dann mit einer intensiveren politischen Debatte über Aufsicht, Verbraucherschutz und regulatorische Zuständigkeiten rechnen.

Wie stark sich bestehende Vorschriften tatsächlich verändern würden, hinge allerdings von den konkreten Gesetzgebungsmöglichkeiten und den zuständigen Behörden ab.

Bei Kryptowährungen wirken außerdem zahlreiche Faktoren zusammen, die weit über die amerikanische Innenpolitik hinausgehen. Dazu gehören die internationale Liquidität, das Zinsumfeld, die Risikobereitschaft der Anleger und die Entwicklung des US-Dollars.

Ein bestimmter Wahlausgang lässt sich deshalb nicht unmittelbar in eine verlässliche Bitcoin-Kursprognose übersetzen.

Ähnliches gilt für Energieunternehmen. Während eine Fortsetzung republikanischer Mehrheiten bestehende politische Prioritäten unterstützen könnte, wären bei veränderten Mehrheiten neue Auseinandersetzungen über die Förderung fossiler Energieträger und Umweltauflagen möglich.

Die längerfristigen Aussichten der einzelnen Unternehmen hängen jedoch weiterhin von Energiepreisen, Investitionskosten und der tatsächlichen Nachfrage ab.

Warum frühere Zwischenwahlen keine sichere Börsenregel liefern

Historisch entwickelten sich amerikanische Aktien nach Zwischenwahlen häufig positiv. Daraus ist an den Finanzmärkten die Vorstellung entstanden, dass eine größere politische Klarheit nach dem Wahltag die Börsen entlasten könne. Die DWS warnt allerdings davor, solche historischen Durchschnittswerte als verlässliche Prognose zu verwenden.

Die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen waren bei früheren Wahlen sehr unterschiedlich. Inflationsraten, Geldpolitik, Unternehmensgewinne und internationale Krisen beeinflussten die Märkte jeweils auf eigene Weise.

Auch eine politische Blockade in Washington war nicht in jedem historischen Fall mit steigenden Aktienkursen verbunden. Besonders wichtig ist deshalb, welche Erwartungen bereits in den Kursen enthalten sind.

Wenn Anleger eine bestimmte politische Entwicklung weitgehend eingepreist haben, muss ihr tatsächliches Eintreten keine starke Marktreaktion auslösen.

Eine unerwartete Entwicklung kann dagegen erheblich mehr Bewegung verursachen, obwohl die langfristigen wirtschaftlichen Folgen noch gar nicht abzusehen sind. Hinzu kommt, dass knappe Wahlausgänge möglicherweise erst nach Nachzählungen oder juristischen Auseinandersetzungen endgültig feststehen.

Die Unsicherheit könnte damit über den 3. November hinaus anhalten.

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