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Shein weist unmittelbar vor seinem geplanten Börsengang einen Quartalsverlust aus. Der beruht größtenteils auf einem bilanziellen Sondereffekt. Für Anleger ist eine andere Entwicklung wichtiger: Das Unternehmen wächst deutlich langsamer, während Zölle und Paketgebühren genau den Kostenvorteil angreifen, auf dem sein Aufstieg beruht.
Erstmals öffnet Shein seine Bücher
Shein gewährt erstmals einen umfassenderen Einblick in seine Geschäftszahlen. Der in Singapur ansässige Onlinehändler hat einen Börsenprospekt für die geplante Notierung in Hongkong veröffentlicht.
Darin weist das Unternehmen für das erste Quartal 2026 einen Nettoverlust von 99 Millionen Dollar aus. Im gleichen Zeitraum des Vorjahres hatte Shein noch 395 Millionen Dollar verdient.
Der Verlust kommt zu einem heiklen Zeitpunkt. Nach gescheiterten Anläufen in New York und London unternimmt Shein in Hongkong bereits den dritten Versuch, an die Börse zu gehen. Die chinesische Wertpapieraufsicht erteilte dafür am 10. Juli ihre Zustimmung. Der Börsenprospekt enthält bislang jedoch weder den Ausgabepreis noch das geplante Volumen oder einen verbindlichen Termin.
Für Schlagzeilen sorgt nun vor allem der Sprung in die Verlustzone.
Er vermittelt allerdings ein dramatischeres Bild, als das operative Geschäft rechtfertigt.
Der Verlust ist vor allem ein Bilanzereignis
Shein verbuchte im ersten Quartal einen nicht zahlungswirksamen Bewertungsaufwand von 328 Millionen Dollar. Er betrifft wandelbare, rückzahlbare Vorzugsaktien früherer Investoren, die im Zuge eines Börsengangs in gewöhnliche Aktien umgewandelt werden können.
Ihr bilanzieller Wert muss regelmäßig neu bestimmt werden. Die daraus entstandene Belastung bedeutet nicht, dass Shein im Quartal 328 Millionen Dollar an seine Investoren überwiesen hätte oder dieser Betrag aus dem laufenden Geschäft abgeflossen wäre.
Ohne diesen Sondereffekt blieb Shein profitabel. Der bereinigte Quartalsgewinn sank jedoch um 42 Prozent auf rund 229 Millionen Dollar. Das Unternehmen befindet sich damit operativ nicht in einer existenziellen Verlustkrise. Die Profitabilität verschlechtert sich aber deutlich.
Für Anleger ist genau diese Entwicklung wichtiger als das ausgewiesene Nettoergebnis.
Der Umsatz wächst nur noch um 1,1 Prozent
Shein steigerte seinen Umsatz im ersten Quartal lediglich um 1,1 Prozent auf rund 9 Milliarden Dollar.
Der operative Gewinn sank gleichzeitig um 26 Prozent auf 258 Millionen Dollar. Die operative Marge fiel von 3,9 auf 2,9 Prozent. Höhere Kosten für Marketing und die Abwicklung von Bestellungen trafen damit auf nahezu stagnierende Erlöse.
Auch im Gesamtjahr 2025 war das Muster bereits erkennbar.
Der Umsatz wuchs um acht Prozent auf 41,85 Milliarden Dollar. Der Nettogewinn ging jedoch um 38,7 Prozent auf 2,06 Milliarden Dollar zurück. Im Jahr zuvor hatte Shein seine Erlöse noch um mehr als 20 Prozent gesteigert.
Das Unternehmen wächst weiterhin. Die Phase, in der es seine Umsätze in enormem Tempo ausweiten konnte, scheint jedoch vorerst beendet.
Für einen Börsengang ist das ein entscheidender Unterschied. Investoren bezahlen hohe Bewertungen nicht nur für Größe, sondern vor allem für die Aussicht auf künftiges Wachstum und steigende Gewinne.
Shein muss nun erklären, weshalb beides trotz höherer Handelsbarrieren wieder deutlich zunehmen soll.
Das Billigmodell beruhte auch auf einer Zollausnahme
Sheins Erfolg basiert auf einer besonders schnellen und flexiblen Lieferkette.
Das Unternehmen lässt zunächst kleine Stückzahlen neuer Produkte herstellen. Erst wenn die Nachfrage über App und Onlineshop sichtbar wird, werden erfolgreiche Artikel in größeren Mengen nachproduziert. Dadurch kann Shein ständig neue Mode anbieten und zugleich das Risiko unverkaufter Lagerbestände begrenzen.
Mehr als 90 Prozent der Erlöse entfielen 2025 auf Waren, die zunächst in zentralen chinesischen Lagern aufbewahrt wurden. Viele Bestellungen wurden anschließend als einzelne kleine Pakete direkt an Kunden im Ausland verschickt.
Dieses System war nicht nur technologisch effizient.
Es profitierte ebenso von Zollregeln, die geringwertige Sendungen bevorzugten.
In den USA konnten Pakete mit einem Warenwert von weniger als 800 Dollar lange ohne reguläre Einfuhrabgaben ins Land gelangen. Diese sogenannte De-minimis-Regel machte es möglich, einzelne Kleider, Schuhe oder Accessoires direkt aus China zu sehr niedrigen Preisen anzubieten.
Seit Mai 2025 gilt diese Befreiung für entsprechende chinesische Sendungen nicht mehr.
Je nach Produkt müssen Shein und seine Händler nun mit Abgaben zwischen zehn und 87,5 Prozent rechnen. Das Unternehmen versucht, zumindest einen Teil dieser Mehrkosten durch höhere Verkaufspreise weiterzugeben.
Der Umsatz in den USA bricht ein
Die Folgen sind bereits sichtbar.
Sheins Umsatz in den USA sank im ersten Quartal um rund 14 Prozent auf etwa 2 Milliarden Dollar. Der Anteil des Landes am Gesamtgeschäft fiel auf 22,5 Prozent. Im Jahr 2023 waren noch 29,4 Prozent der Erlöse auf den US-Markt entfallen.
Damit zeigt sich, wie empfindlich das Geschäftsmodell auf eine vergleichsweise kleine Veränderung der Handelsbedingungen reagiert.
Shein kann die zusätzlichen Kosten selbst tragen. Dann sinkt die Marge.
Das Unternehmen kann sie an seine Kunden weiterreichen. Dann verliert es einen Teil seines Preisvorteils und möglicherweise Nachfrage.
Oder es kann mehr Waren in größeren Mengen importieren und in regionalen Lagern bereithalten. Dadurch fallen zwar nicht mehr für jede Kundenbestellung die bisherigen Einfuhrbedingungen an. Gleichzeitig steigt jedoch das Risiko, auf unverkauften Beständen sitzen zu bleiben.
Alle drei Möglichkeiten schwächen zumindest teilweise jene Struktur, die Shein groß gemacht hat.
Europa ist inzwischen der größte Markt
Besonders brisant ist die Entwicklung, weil Shein seine schwächeren US-Geschäfte zuletzt durch starkes Wachstum in Europa ausgleichen konnte.
Der europäische Umsatz stieg von 10,2 Milliarden Dollar im Jahr 2023 auf 14,8 Milliarden Dollar im Jahr 2025. Damit entfielen zuletzt 35,4 Prozent der weltweiten Erlöse auf Europa. Die Region hatte die Vereinigten Staaten bereits 2024 als größten Einzelmarkt abgelöst.
Ausgerechnet dort gelten seit dem 1. Juli ebenfalls neue Abgaben.
Die Europäische Union erhebt vorübergehend einen Zoll von 3 Euro auf unterschiedliche Warenkategorien in Paketen mit einem Gesamtwert von höchstens 150 Euro. Enthält eine Sendung Produkte aus mehreren Zollkategorien, kann die Gebühr mehrfach anfallen. Bei fünf unterschiedlich eingestuften Artikeln könnten somit beispielsweise 15 Euro fällig werden.
Für einen klassischen Onlineeinkauf mit einem Warenwert von 100 Euro ist eine solche Belastung überschaubar.
Bei einem T-Shirt für 3 Euro oder mehreren extrem günstigen Artikeln verändert sie dagegen die gesamte Preisrechnung.
Shein selbst warnt vor stärkeren Folgen als in den USA
Im Börsenprospekt räumt das Unternehmen ein, dass die europäischen Gebühren ähnliche oder sogar stärkere Auswirkungen haben könnten als das Ende der Zollbefreiung in den Vereinigten Staaten.
Diese Warnung ist bemerkenswert.
Europa und die USA stehen zusammen für mehr als die Hälfte des Shein-Umsatzes. In beiden Märkten wird nun genau jener Direktversand verteuert, der es dem Unternehmen ermöglichte, seine Waren ohne ein dichtes Netz regionaler Geschäfte und großer Lagerbestände anzubieten.
Shein reagiert bereits.
Der Konzern erweitert unter anderem seine Lagerkapazitäten im polnischen Breslau und importiert besonders häufig nachgefragte Produkte in größeren Mengen. Zugleich wurden die Werbeausgaben in Europa reduziert, während das Unternehmen beobachtet, wie Kunden auf die höheren Endpreise reagieren.
Damit beginnt ein Umbau des Geschäftsmodells.
Aus einem nahezu ausschließlich aus China gesteuerten Direktversender soll zumindest teilweise ein regionaler Händler mit eigenen Lagerbeständen werden.
Das könnte Lieferzeiten verkürzen und Zollkosten begrenzen. Es macht das Geschäft aber kapitalintensiver und weniger flexibel.
Der Wettbewerbsvorteil wird nicht vollständig verschwinden
Sheins Modell beruht nicht allein auf einer Zollbefreiung.
Das Unternehmen arbeitet mit rund 7500 Produktionspartnern zusammen und nutzt Daten aus Suchanfragen, Bestellungen und Nutzerverhalten, um neue Trends schnell zu erkennen. Die Produktion kleiner Anfangsmengen reduziert Fehlplanungen, während erfolgreiche Artikel binnen kurzer Zeit nachgefertigt werden können.
Auch nach höheren Zöllen und Paketgebühren kann Shein deshalb günstiger und schneller auf Modetrends reagieren als viele traditionelle Händler.
Zudem erweitert das Unternehmen seine Einnahmequellen.
Neben dem Verkauf eigener Waren gewinnt der Marktplatz an Bedeutung, auf dem externe Händler Produkte anbieten. Die Dienstleistungserlöse stiegen zwischen 2023 und 2025 von 868 Millionen auf 4,7 Milliarden Dollar. Der Anteil klassischer Produktverkäufe am Gesamtumsatz sank dadurch auf knapp 90 Prozent.
Shein wird damit schrittweise von einem reinen Modehändler zu einer Handelsplattform.
Servicegebühren können attraktiver sein als der direkte Warenverkauf, weil das Unternehmen nicht bei jedem Produkt selbst das Lager- und Absatzrisiko trägt.
Dieser Wandel benötigt jedoch Zeit. Noch stammt der weitaus größte Teil des Geschäfts aus dem Verkauf günstiger Waren.
Aus 98 Milliarden werden möglicherweise 40 Milliarden Dollar
Die zunehmenden Zweifel spiegeln sich bereits in Sheins Bewertung.
Bei einer Finanzierungsrunde im Jahr 2022 wurde das Unternehmen mit 98,2 Milliarden Dollar bewertet. Zwei Jahre später waren es noch etwa 64 Milliarden Dollar.
Für den Börsengang strebt Shein nach Reuters-Informationen inzwischen eine Bewertung zwischen 40 und 50 Milliarden Dollar an. Damit hätte sich der Wert gegenüber dem Höhepunkt mindestens halbiert.
Eine Bewertung von 40 Milliarden Dollar wäre für einen Händler mit mehr als 40 Milliarden Dollar Jahresumsatz auf den ersten Blick nicht außergewöhnlich hoch.
Entscheidend ist jedoch, welche Gewinne dauerhaft aus diesen Erlösen entstehen.
Sheins operative Marge lag in den vergangenen Jahren lediglich zwischen 2,5 und 4,3 Prozent. Gleichzeitig wächst das Unternehmen langsamer, während Handelskosten, Regulierung und Konkurrenz zunehmen.
Ein niedriger Bewertungsmultiplikator kann deshalb nicht automatisch als Schnäppchen gelten.
Wenn die Margen weiter sinken, kann selbst ein scheinbar günstiger Börsenwert ambitioniert sein.
Wie viel Shein tatsächlich wert ist, bleibt offen
Reuters Breakingviews hat in einer Modellrechnung untersucht, wie empfindlich Sheins Wert auf weitere Margenverluste reagieren könnte.
Sollte die Nettomarge durch die europäischen Paketgebühren nahezu verschwinden, könnte der Gewinn 2026 auf weniger als 500 Millionen Dollar sinken. Bei einer Bewertung, die sich an anderen asiatischen Onlinehändlern orientiert, ergäbe sich daraus theoretisch nur ein Unternehmenswert von etwa 5 Milliarden Dollar.
Auch in einem weniger pessimistischen Szenario kommt die Modellrechnung auf weniger als 10 Milliarden Dollar.
Diese Werte sind keine Prognosen und keine belastbaren Kursziele.
Sie zeigen jedoch, warum wenige Prozentpunkte bei der Marge einen enormen Unterschied machen. Bei einem Händler mit Milliardenumsätzen entscheidet bereits eine kleine Veränderung der Kosten darüber, ob am Ende mehrere Milliarden Dollar oder fast kein Gewinn übrig bleiben.
Shein muss potenzielle Aktionäre daher nicht nur vom Umsatzpotenzial überzeugen.
Es muss zeigen, dass das Geschäftsmodell auch ohne flächendeckende Zollprivilegien profitabel bleibt.
Der Börsengang hat bereits zwei Anläufe nicht geschafft
Hinzu kommen politische und regulatorische Risiken.
Shein wollte ursprünglich in New York an die Börse gehen. Anschließend versuchte das Unternehmen eine Notierung in London. Beide Vorhaben scheiterten unter anderem am politischen Widerstand und an offenen Fragen zur chinesischen Lieferkette.
In Hongkong trifft Shein nun auf ein vertrauteres regulatorisches Umfeld. Dennoch bleiben die internationalen Probleme bestehen.
Das Unternehmen steht wegen der Arbeitsbedingungen bei Lieferanten, möglicher Verstöße gegen europäische Plattformregeln, des hohen Ressourcenverbrauchs der Fast-Fashion-Branche und der Herkunft verwendeter Rohstoffe in der Kritik.
Shein erklärt, Verstöße gegen Arbeitsstandards nicht zu tolerieren und in Prüf- sowie Kontrollsysteme zu investieren. Im aktuellen Börsenprospekt werden mögliche Risiken durch negative Berichterstattung allgemein beschrieben. Der Streit um mögliche Baumwolle aus der chinesischen Region Xinjiang wird dagegen nicht ausdrücklich genannt.
Für Investoren bedeutet das: Der Börsenwert hängt nicht nur von Mode, Preisen und Verkaufszahlen ab.
Politische Entscheidungen können den Zugang zu ganzen Märkten oder die Kosten des Geschäfts innerhalb kurzer Zeit verändern.
Wofür Shein das Geld benötigt
Wie viele Aktien verkauft und wie viel Kapital eingesammelt werden soll, hat Shein noch nicht bekannt gegeben.
Frühere Berichte gehen von einem möglichen Emissionsvolumen zwischen 2 und 3 Milliarden Dollar aus. Der endgültige Umfang hängt jedoch von der Nachfrage der Investoren und der angestrebten Bewertung ab.
Das Unternehmen will die Einnahmen unter anderem in Technologie, Markenbekanntheit, internationale Expansion und Maßnahmen zur gesellschaftlichen Verantwortung investieren.
Der Börsengang dient damit nicht nur den bisherigen Anteilseignern als Möglichkeit, ihre Beteiligungen handelbar zu machen.
Shein benötigt Kapital, um sein Modell an veränderte Handelsbedingungen anzupassen: mit zusätzlichen Lagern, regionaleren Lieferketten und neuen Dienstleistungen für Händler.
Je stärker sich das Unternehmen von seinem ursprünglichen Direktversandmodell entfernt, desto mehr Geld könnte dieser Umbau erfordern.
SK