Samsung-Chairman Lee Jae-yong (2. v. l.), Südkoreas Präsident Lee Jae Myung (M.), Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Mistral-CEO Arthur Mensch (r.) bei einer Unterzeichnungszeremonie in Paris am 8. September 2026.
Drei Jahre nach seiner Gründung ist Mistral AI mehr als 21 Milliarden Euro wert. Das französische KI-Unternehmen hat drei Milliarden Euro frisches Kapital eingesammelt – nach eigenen Angaben die größte Eigenkapitalrunde, die ein europäisches Technologieunternehmen bislang abgeschlossen hat. Angeführt wird sie ausgerechnet von Samsung Electronics. Der südkoreanische Konzern investiert dabei nicht nur finanziell: Er will Mistrals Modelle künftig auch in der eigenen Chipentwicklung und -produktion einsetzen. An der Börse ist Mistral bislang nicht handelbar. Die neue Bewertung liefert dennoch einen bemerkenswerten Maßstab dafür, welchen Preis Investoren inzwischen für Europas Hoffnung auf eine eigene KI-Infrastruktur bezahlen.
Aus 11,7 werden mehr als 21 Milliarden Euro
Noch vor einem Jahr wurde Mistral bei einer Finanzierungsrunde mit rund 11,7 Milliarden Euro bewertet. Damals investierte der niederländische Chipmaschinenhersteller ASML 1,3 Milliarden Euro und wurde mit rund elf Prozent zum größten Anteilseigner. Jetzt liegt die sogenannte Post-Money-Bewertung – also einschließlich des neu eingeworbenen Kapitals – bei mehr als 21 Milliarden Euro. Binnen zwölf Monaten hat sich der Unternehmenswert damit nahezu verdoppelt.
Die neue Series-D-Runde umfasst drei Milliarden Euro. Samsung Electronics führt sie an, gemeinsam mit dem von EQT verwalteten europäischen Scaleup Europe Fund und dem bisherigen Investor PSG Equity. Neu hinzu kommen unter anderem Advent, von BlackRock verwaltete Fonds sowie das Großherzogtum Luxemburg. Bestehende Geldgeber wie ASML, Nvidia, Andreessen Horowitz, Bpifrance, General Catalyst und Salesforce Ventures investieren erneut.
Damit steht hinter dem erst 2023 gegründeten Unternehmen mittlerweile eine ungewöhnliche Mischung aus klassischen Risikokapitalgebern, europäischen Institutionen und börsennotierten Technologiekonzernen.
Samsung kauft nicht nur einen Platz auf der Gesellschafterliste
Besonders interessant ist Samsungs Rolle. Der südkoreanische Konzern führt nicht nur Mistrals neue Drei-Milliarden-Euro-Finanzierungsrunde an, sondern verbindet die Beteiligung unmittelbar mit dem eigenen operativen Geschäft. Samsung will Mistrals KI-Technologie einschließlich des Flaggschiffmodells Mistral Large in seiner Halbleiterentwicklung und -produktion einsetzen. Geplant sind maßgeschneiderte On-Premise-Systeme, bei denen sensible Daten innerhalb der eigenen Infrastruktur verbleiben können.
Wie strategisch die Partnerschaft inzwischen eingeordnet wird, zeigte sich am 8. September im Élysée-Palast in Paris. Dort trat Mistral-Chef Arthur Mensch gemeinsam mit Samsung-Chairman Lee Jae-yong im Rahmen des Staatsbesuchs des südkoreanischen Präsidenten Lee Jae Myung bei Emmanuel Macron auf. Frankreich und Südkorea vereinbarten eine deutlich engere Zusammenarbeit unter anderem bei künstlicher Intelligenz, Halbleitern und Quantentechnologien. Auch die Investitionsvereinbarung zwischen Samsung und Mistral gehört zu den im Umfeld des Gipfels geschlossenen Abkommen. Seoul bezeichnet Samsung darin ausdrücklich als »strategischen Investor« von Mistral.
Damit bekommt die Finanzierungsrunde eine zusätzliche Dimension. Hier investiert nicht einfach ein asiatischer Technologiekonzern in ein europäisches Start-up. Die Kooperation wird Teil einer staatlich flankierten Technologiepartnerschaft zwischen Frankreich und Südkorea. Beide Länder wollen gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte in KI, Halbleitern und Quantentechnologie vorantreiben und ihre Zusammenarbeit bei Industriepolitik, Handel und Lieferketten vertiefen.
Das ähnelt dem Einstieg von ASML im vergangenen Jahr. Auch der niederländische Chipmaschinenhersteller wollte Mistrals Technologie für eigene Produkte und Prozesse nutzen. Für Mistral sind Samsung und ASML deshalb mehr als Geldgeber: Zwei Schlüsselunternehmen der globalen Halbleiterindustrie verknüpfen ihre operative Strategie mit dem französischen KI-Anbieter.
Eine Milliarde Umsatz – oder doch noch nicht?
Bei den Geschäftszahlen ist allerdings Präzision nötig. Mistral-Finanzchef Johan Bergqvist sagte Reuters, das Unternehmen sei auf dem Weg, bis Ende 2026 eine Milliarde Dollar Annual Recurring Revenue, kurz ARR, zu erreichen. Das bedeutet nicht, dass Mistral in diesem Jahr bereits eine Milliarde Dollar Umsatz erzielt hat. ARR ist eine hochgerechnete Kennzahl für wiederkehrende Erlöse und kann bei schnell wachsenden Softwareunternehmen erheblich vom tatsächlich realisierten Jahresumsatz abweichen.
Für die Bewertung ist diese Zahl trotzdem aufschlussreich. Reuters Breakingviews errechnet – unter Herausrechnung des frisch eingeworbenen Geldes – einen Unternehmenswert von ungefähr dem 21-Fachen der erwarteten ARR. Das ist teuer. Überraschend ist jedoch, dass dieser Multiplikator im internationalen KI-Vergleich nicht völlig aus dem Rahmen fällt. Breakingviews kommt für Anthropic bei dessen jüngster Finanzierung auf etwa das 19-Fache, für OpenAI auf rund das 30-Fache.
Mit anderen Worten: Investoren bewerten Mistrals Geschäft gemessen an seinen erwarteten wiederkehrenden Erlösen bereits ungefähr in derselben Größenordnung wie die weltweit führenden KI-Anbieter.
Technologisch sieht der Abstand sehr viel größer aus
Hier beginnt die interessante Diskrepanz. Bei der Leistungsfähigkeit der Modelle spielt Mistral derzeit nicht in derselben Liga wie OpenAI oder Anthropic. Auf einem von Reuters Breakingviews herangezogenen Benchmark von Artificial Analysis erreichten führende US-Modelle zuletzt Werte von 53 beziehungsweise 54, das stärkste chinesische Modell 45 – Mistrals bestes Ergebnis lag bei 15.
Auch bei den Unternehmensbewertungen liegen Welten zwischen ihnen. Mistral kommt auf gut 24 Milliarden Dollar. Anthropic wird inzwischen mit rund 965 Milliarden Dollar bewertet, OpenAI mit etwa 852 Milliarden Dollar. Beide US-Unternehmen bereiten nach Reuters-Angaben Börsengänge vor.
Mistral ist damit kein europäisches OpenAI im Kleinformat. Das Unternehmen verfolgt zunehmend eine andere Strategie.
Investoren bezahlen für Unabhängigkeit
Mistral setzt auf sogenannte Open-Weight-Modelle. Kunden können diese auf eigenen Servern betreiben, anpassen und sensible Daten innerhalb ihrer eigenen Infrastruktur halten. Das Unternehmen baut zudem Rechenkapazitäten und Cloud-Angebote auf und will damit vom reinen Modellanbieter zum vollständigen KI-Infrastrukturanbieter werden. Mehr als 125 Großunternehmen nutzen Mistral nach Unternehmensangaben inzwischen, darunter Airbus, ASML und HSBC; Mistral ist in 20 Ländern aktiv.
Damit trifft das Unternehmen einen Nerv, der mit der geopolitischen Entwicklung immer wichtiger wird. Europäische Regierungen und Unternehmen fragen zunehmend, wie abhängig sie sich bei zentraler KI-Infrastruktur von US-amerikanischen oder chinesischen Konzernen machen wollen. Mistral verkauft deshalb nicht ausschließlich Rechenleistung oder ein Sprachmodell. Es verkauft auch die Möglichkeit, Daten, Modelle und Infrastruktur unter eigener Kontrolle zu halten.
Für Samsung aus Südkorea oder ASML aus den Niederlanden besitzt das einen strategischen Wert, der sich nicht unmittelbar in klassischen Umsatzkennzahlen ablesen lässt.
Mistral wird damit für seine Investoren ein Stück weit zu einer Wette auf technologische Souveränität.
Der Börsengang bleibt vorerst Theorie
Dass eine Bewertung von mehr als 21 Milliarden Euro irgendwann an der Börse getestet werden könnte, liegt nahe. Mistral-Finanzchef Bergqvist bezeichnete einen IPO ausdrücklich als mögliche Option für die Zukunft. Konkrete Gespräche gebe es derzeit jedoch nicht.
Das unterscheidet Mistral derzeit noch von OpenAI und Anthropic. Private Finanzierungsrunden bestimmen den Unternehmenswert, ohne dass täglich Millionen Anleger darüber abstimmen können, ob sie diesen Preis tatsächlich bezahlen wollen.
Gerade deshalb ist die jetzige Runde so interessant. Samsung, ASML, Nvidia, BlackRock und andere professionelle Investoren akzeptieren eine Bewertung, die sich innerhalb eines Jahres beinahe verdoppelt hat – obwohl Mistral bei der reinen Modellleistung seinen größten Konkurrenten deutlich hinterherläuft.
Sie wetten offenbar darauf, dass der KI-Markt langfristig nicht ausschließlich nach dem leistungsfähigsten Modell entscheidet, sondern auch danach, wer die Infrastruktur kontrolliert, auf der es läuft.
Stefanie S. Klief