Börse

Apple liefert Rekorde – die Aktie stürzt trotzdem ab

Amazon verbrennt Geld – und überzeugt die Börse

11 Min.

31.07.2026

Apple verdient mehr, verkauft so viele iPhones wie noch nie in einem Juni-Quartal und übertrifft die Erwartungen – trotzdem verliert die Aktie vorbörslich zeitweise rund 8 Prozent. Amazon gibt derweil immer größere Summen für Rechenzentren aus, weist einen negativen freien Cashflow aus und wird dafür mit einem Kurssprung belohnt. Der scheinbare Widerspruch erklärt sich aus einer einfachen Börsenlogik: Entscheidend ist nicht das gerade abgeschlossene Quartal, sondern was die Zahlen über das künftige Wachstum verraten.

Apple und Amazon haben am Donnerstagabend beinahe zeitgleich starke Quartalszahlen vorgelegt. Die Reaktion der Anleger könnte dennoch kaum unterschiedlicher ausfallen.

Die Apple-Aktie verlor am Freitag vor Eröffnung der US-Börsen zeitweise zwischen 7 und 8 Prozent. Rechnerisch standen damit mehr als 350 Milliarden US-Dollar Börsenwert auf dem Spiel. Amazon legte dagegen vorbörslich um rund 11 bis 13 Prozent zu und könnte bei einem entsprechenden Börsenstart etwa 300 Milliarden US-Dollar an Marktkapitalisierung gewinnen. Die Kurse können sich im regulären Handel noch deutlich verändern.

Die gegensätzliche Reaktion ist nicht das Ergebnis eines guten und eines schlechten Quartals. Beide Konzerne übertrafen wichtige Erwartungen. Der Unterschied liegt darin, welche Zweifel sie ausräumen konnten – und welche neuen sie erzeugten.

Apple meldet sein stärkstes Juni-Quartal

Apples Umsatz stieg im 3. Quartal des Geschäftsjahres 2026 um 16 Prozent auf 109,4 Milliarden US-Dollar. Der Gewinn je Aktie nahm um 29 Prozent auf 2,02 US-Dollar zu. Das Unternehmen erreichte damit neue Juni-Quartalsrekorde bei Umsatz, Gewinn je Aktie sowie den Erlösen mit iPhone, Mac und Services.

Vor allem das iPhone übertraf die Erwartungen. Der Umsatz mit den Smartphones erhöhte sich um 21,7 Prozent auf 54,25 Milliarden US-Dollar. Noch nie hatte Apple in einem Juni-Quartal mehr mit dem iPhone umgesetzt. Auch das Mac-Geschäft legte mit einem Plus von 28,7 Prozent auf 10,35 Milliarden US-Dollar kräftig zu.

Selbst in China, wo Apple unter dem Druck heimischer Wettbewerber wie Huawei und Xiaomi steht, stiegen die Erlöse um 22,4 Prozent auf 18,82 Milliarden US-Dollar. Das war allerdings weniger, als Analysten erwartet hatten. Beim iPad sank der Umsatz um 5,9 Prozent auf 6,19 Milliarden US-Dollar.

Ein operativer Einbruch sieht anders aus. Trotzdem reagierten Anleger enttäuscht.

Die Börse handelt den Ausblick – nicht den Rückspiegel

Apple erwartet für das laufende September-Quartal ein Umsatzwachstum zwischen 9 und 11 Prozent. Analysten hatten im Durchschnitt mit rund 12 Prozent gerechnet. Beim iPhone stellt das Unternehmen ein Wachstum im mittleren Zehnprozentbereich in Aussicht, während die Markterwartung bei 17,6 Prozent lag.

Die Differenz wirkt auf den ersten Blick überschaubar. Bei einem Konzern mit einem Börsenwert von annähernd 5 Billionen US-Dollar und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von rund 40 ist die Erwartungshaltung jedoch entsprechend hoch. Apple war vor den Zahlen bereits um mehr als 22 Prozent seit Jahresbeginn gestiegen und hatte Nvidia zwischenzeitlich wieder als wertvollstes börsennotiertes Unternehmen der Welt abgelöst.

Der Kursrückgang bedeutet deshalb nicht, dass Anleger das abgelaufene Quartal für schlecht halten. Sie zweifeln daran, ob sich dessen außergewöhnliches Wachstum in gleichem Tempo fortsetzen lässt.

Apple kann offenbar nicht genug produzieren

Bemerkenswert ist, dass Apple seine vorsichtige Prognose nicht mit einer schwächeren Nachfrage begründet. Konzernchef Tim Cook verwies vielmehr auf »sehr erhebliche« Engpässe in der Lieferkette.

Besonders knapp sind fortschrittliche Fertigungskapazitäten für Prozessoren sowie Speicherchips. Apple prüft nach eigenen Angaben alternative Lieferanten, verfügt kurzfristig jedoch nur über begrenzte Möglichkeiten, zusätzliche Bauteile zu beschaffen. Die Engpässe betreffen unter anderem die hauseigenen Apple-Silicon-Chips, die in iPhones, Macs und weiteren Geräten eingesetzt werden.

Damit erlebt Apple ein ungewohntes Problem: Der Konzern besitzt genügend Nachfrage, kann sie aber möglicherweise nicht vollständig bedienen.

Bei einem Hersteller physischer Geräte bedeutet fehlende Kapazität zunächst verlorenen oder verschobenen Umsatz. Gleichzeitig erhöhen sich die Einkaufspreise. Apple hat deshalb bereits die Preise verschiedener Mac- und iPad-Modelle angehoben. Auch beim kommenden iPhone-Jahrgang rechnen Marktbeobachter zunehmend mit höheren Preisen.

Die starken Verkäufe könnten teilweise vorgezogen sein

Die Aussicht auf steigende Preise könnte das abgelaufene Quartal zusätzlich gestützt haben. Verbraucher könnten Geräte früher gekauft haben, um erwarteten Preisaufschlägen zuvorzukommen.

Das ist bislang keine belegte Erklärung für den gesamten Absatzanstieg. Sie zeigt aber, warum Anleger aus einem Rekordquartal nicht automatisch ein dauerhaft höheres Wachstum ableiten. Ein Teil der heutigen Nachfrage könnte in den folgenden Quartalen fehlen.

Hinzu kommt, dass Apple die hohe ausgewiesene Gewinnmarge nicht vollständig aus dem laufenden Geschäft erzielte. Rückerstattungen bereits gezahlter US-Zölle verbesserten die Bruttomarge um rund 2 Prozentpunkte und den Gewinn je Aktie um 0,11 US-Dollar. Ohne diesen Sondereffekt hätte die Marge bei etwa 48,1 statt 50,1 Prozent gelegen. Auch dann hätte Apple die Erwartungen noch erfüllt – der Abstand wäre jedoch kleiner gewesen.

Ausgerechnet das wertvollste Geschäft schwächelt

Größere Sorgen bereitet den Anlegern das Servicegeschäft. Die Erlöse aus App Store, iCloud, Apple Music, Bezahldiensten und weiteren Angeboten stiegen um 12,1 Prozent auf 30,74 Milliarden US-Dollar. Erwartet worden waren rund 31,22 Milliarden US-Dollar.

Ein Umsatzwachstum von 12 Prozent wäre für viele Unternehmen hervorragend. Bei Apple besitzen die Services jedoch eine besondere Bedeutung. Sie erzeugen wiederkehrende Einnahmen, sind deutlich profitabler als der Verkauf von Hardware und sollen die Abhängigkeit von den iPhone-Produktzyklen verringern.

Wenn das iPhone um mehr als 20 Prozent wächst, die damit verbundenen Services aber nur um 12 Prozent zulegen, entsteht die Frage, ob Apple aus seiner wachsenden Gerätebasis noch im bisherigen Tempo zusätzliche Einnahmen ziehen kann.

Unter Druck steht insbesondere das lukrative App-Store-Modell. In der Europäischen Union muss Apple alternative App-Marktplätze und Zahlungswege zulassen. In den USA dürfen Entwickler aufgrund des Rechtsstreits mit Epic Games Nutzer leichter zu externen Bezahlmöglichkeiten führen. Apple räumte ein, dass die Änderungen sowie eine schwächere Entwicklung bei mobilen Spielen das Geschäft belasteten.

Das ist für die Bewertung langfristig wichtiger als ein einzelner iPhone-Rekord. Hardware muss hergestellt, transportiert und regelmäßig neu verkauft werden. Digitale Services lassen sich dagegen mit vergleichsweise geringen zusätzlichen Kosten an eine wachsende Zahl von Nutzern vertreiben.

Amazon zeigt, wofür die KI-Milliarden ausgegeben werden

Auch Amazon investiert unter enormem Druck. Der Konzern erhöhte seine geplanten Investitionen für 2026 um weitere 10 Prozent auf rund 220 Milliarden US-Dollar. Der größte Teil fließt in Rechenzentren, Netzwerkstruktur, Speicher, Prozessoren und andere Infrastruktur für Künstliche Intelligenz.

Anders als Apple konnte Amazon den Anlegern jedoch unmittelbar zeigen, dass die Ausgaben bereits starkes Geschäft erzeugen.

Der Gesamtumsatz erhöhte sich im 2. Quartal um 20 Prozent auf 200,6 Milliarden US-Dollar. Das operative Ergebnis stieg um 43 Prozent auf 27,5 Milliarden US-Dollar. Alle 3 großen Bereiche – Nordamerika, internationales Geschäft und Amazon Web Services – arbeiteten profitabel.

Besonders deutlich fiel das Wachstum bei Amazon Web Services aus. Der Cloudumsatz nahm um 37 Prozent auf 42,2 Milliarden US-Dollar zu. Es war das höchste Wachstum seit 18 Quartalen und deutlich mehr als die von Analysten erwarteten rund 31 Prozent. Das operative Ergebnis von AWS stieg von 10,2 auf 16,6 Milliarden US-Dollar. Damit erwirtschaftete die Cloudsparte rund 60 Prozent des gesamten operativen Konzerngewinns.

Auch das Werbegeschäft expandierte kräftig. Die Erlöse erhöhten sich um 26 Prozent auf 19,8 Milliarden US-Dollar.

Der Gewinn von 62,6 Milliarden US-Dollar täuscht

Beim ausgewiesenen Nettogewinn ist allerdings Vorsicht notwendig. Amazon meldete für das Quartal 62,6 Milliarden US-Dollar – mehr als das Dreifache des Vorjahreswerts.

Der größte Teil dieses Sprungs stammt nicht aus dem operativen Geschäft. Amazon verbuchte einen nicht operativen Vorsteuerertrag von 53,4 Milliarden US-Dollar, überwiegend aufgrund der gestiegenen Bewertung seiner Beteiligung am KI-Unternehmen Anthropic.

Für die Beurteilung des laufenden Geschäfts ist daher das operative Ergebnis von 27,5 Milliarden US-Dollar aussagekräftiger. Auch dieses wuchs jedoch deutlich und übertraf die bisherigen Erwartungen.

Die positive Börsenreaktion beruht somit nicht hauptsächlich auf einem buchhalterisch aufgeblähten Nettogewinn. Entscheidend sind das Wachstum von AWS, der steigende operative Gewinn und die bereits vertraglich gebundene Nachfrage.

Amazon gibt das Geld aus, bevor die Umsätze kommen

Der freie Cashflow zeigt, wie teuer das Wachstum ist. In den vergangenen 12 Monaten flossen bei Amazon netto 7,6 Milliarden US-Dollar ab. Im entsprechenden Vorjahreszeitraum hatte der Konzern noch einen positiven freien Cashflow von 18,2 Milliarden US-Dollar erwirtschaftet.

Allein die Nettoinvestitionen in Sachanlagen stiegen gegenüber dem Vorjahr um 66,1 Milliarden US-Dollar. Amazon begründet den Anstieg vor allem mit dem Ausbau der KI-Infrastruktur.

Noch vor wenigen Monaten hätte ein solcher Mittelabfluss vermutlich einen Kurssturz ausgelöst. Nun nehmen Anleger ihn hin, weil Amazon einen Zusammenhang zwischen Investitionen und Nachfrage belegen kann.

Der Bestand noch nicht abgearbeiteter Cloudverträge stieg innerhalb eines Quartals von 364 auf 496 Milliarden US-Dollar. Nach Angaben von Vorstandschef Andy Jassy ist bereits der größte Teil der für 2027 geplanten AWS-Rechenkapazität reserviert. Auch für 2028 bestehen schon erhebliche Buchungen.

Amazon baut damit nicht nur auf die allgemeine Hoffnung, dass Künstliche Intelligenz irgendwann Gewinne erzeugen werde. Ein erheblicher Teil der künftigen Kapazität ist bereits durch konkrete Kundenaufträge unterlegt.

Derselbe Engpass wirkt bei beiden Konzernen gegensätzlich

Apple und Amazon leiden letztlich unter derselben Entwicklung: Die Nachfrage nach modernen Prozessoren, Speicherchips, Rechenzentren und Fertigungskapazitäten übersteigt das Angebot.

Für Apple wird diese Knappheit zum Risiko. Fehlende Komponenten begrenzen die Zahl verkaufbarer Geräte, erhöhen die Kosten und könnten Preiserhöhungen notwendig machen.

Für Amazon ist sie zugleich ein Geschäft. Der Konzern kauft Chips, baut Rechenzentren und verkauft die knappe Rechenleistung anschließend über AWS an andere Unternehmen. Je stärker die Nachfrage nach KI-Infrastruktur wächst, desto besser lassen sich die hohen Investitionen auslasten.

Auch Amazon kann derzeit nach eigenen Angaben nicht sämtliche Kundenwünsche bedienen. Der Unterschied liegt darin, wie der Markt diese Knappheit interpretiert: Bei Apple begrenzt sie den Absatz. Bei Amazon belegt sie, dass weitere Kapazitäten wahrscheinlich schnell zahlende Abnehmer finden.

Hohe Investitionen sind nicht automatisch ein Problem

Die Börsenreaktion korrigiert eine zu einfache Erzählung der vergangenen Monate. Danach müssten hohe KI-Ausgaben grundsätzlich negativ sein, weil sie Cashflow vernichten und ihre spätere Rendite ungewiss bleibt.

Amazon zeigt, dass Anleger auch 220 Milliarden US-Dollar Investitionen akzeptieren können – sofern Umsatz, operative Gewinne, Vertragsbestand und Auslastung entsprechend wachsen.

Umgekehrt schützt ein vergleichsweise kapitalarmes Geschäftsmodell nicht automatisch vor Kursverlusten. Apple investiert nicht annähernd so viel in eigene Rechenzentren wie Amazon, Microsoft oder Alphabet. Trotzdem wird der Konzern bestraft, weil sein künftiges Wachstum weniger klar erscheint und sein profitables Servicegeschäft hinter den Erwartungen bleibt.

Die neue Trennlinie verläuft deshalb nicht zwischen Unternehmen, die viel oder wenig für KI ausgeben. Sie verläuft zwischen Investitionen, deren wirtschaftlicher Ertrag bereits sichtbar wird, und Zukunftsversprechen, deren Monetarisierung noch nicht ausreichend belegt ist.

Amazons Risiko ist damit nicht verschwunden

Der Kurssprung bedeutet nicht, dass Amazons Investitionsstrategie bereits endgültig aufgegangen wäre.

Rechenzentren werden rund 2 Jahre vor ihrer Inbetriebnahme geplant und finanziert. Bis sie Umsätze erzeugen, fließt viel Kapital ab. Nachfragezusagen können sich verändern, technologische Generationen schneller veralten als erwartet und die Kosten für Energie, Netzanbindung und Chips weiter steigen.

Auch der Vertragsbestand von 496 Milliarden US-Dollar ist nicht mit sofortigem Umsatz gleichzusetzen. Die Leistungen werden über mehrere Jahre erbracht und entsprechend schrittweise abgerechnet.

Amazon muss daher noch beweisen, dass die enorme Infrastruktur nicht nur ausgelastet wird, sondern über den gesamten Lebenszyklus eine ausreichende Rendite erwirtschaftet. Die aktuellen Zahlen liefern dafür ein starkes Argument – aber noch keinen endgültigen Beweis.

Apple bleibt operativ außerordentlich stark

Ebenso wenig ist der Kursrückgang ein Urteil darüber, dass Apples Geschäftsmodell gescheitert sei.

Der Konzern erreichte neue Rekorde bei Umsatz, Gewinn je Aktie, operativem Cashflow und der Zahl aktiv genutzter Geräte. iPhone, Mac und Services wuchsen zweistellig, und zwar in sämtlichen geografischen Regionen.

Das Problem liegt nicht in fehlender Profitabilität. Es liegt in der Kombination aus sehr hoher Bewertung, knappen Komponenten, regulatorischem Druck auf den App Store und der Erwartung, dass Apple nach dem starken Produktzyklus auch beim Thema Künstliche Intelligenz ein neues dauerhaftes Wachstumskapitel eröffnet.

Bei einer derart hohen Bewertung genügt es nicht, außergewöhnlich viel Geld zu verdienen. Der Konzern muss zugleich glaubhaft machen, dass er künftig noch mehr verdienen kann.

SK

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