Bei der Agri-Photovoltaik wachsen Äpfel unter Solarmodulen, die gleichzeitig Strom erzeugen.
Sechs Billionen Euro muss Deutschland nach einer neuen KfW-Studie bis 2045 investieren, um klimaneutral zu werden. Eine gewaltige Summe, die vor allem Unternehmen und private Haushalte aufbringen sollen. Doch die Zahl erzählt nur die halbe Geschichte. Auch ohne Energiewende müssten Autos ersetzt, Gebäude saniert und Industrieanlagen erneuert werden. Die eigentliche Zusatzbelastung fällt deshalb erheblich geringer aus. Und es gibt eine zweite Rechnung: die Kosten des Klimawandels selbst. Sie entstehen bereits heute – und könnten Deutschland bis zur Mitte des Jahrhunderts Hunderte Milliarden Euro kosten.
Sechs Billionen Euro für die Klimaneutralität
Der Weg Deutschlands zur Klimaneutralität bleibt eine gewaltige wirtschaftliche Herausforderung. Nach einer am Montag veröffentlichten Untersuchung des Forschungsinstituts Prognos im Auftrag der Förderbank KfW sind bis zum Jahr 2045 Investitionen von rund sechs Billionen Euro erforderlich.
Das entspricht durchschnittlich 290 Milliarden Euro jährlich. Damit müsste Deutschland mehr als doppelt so viel in klimafreundliche Technologien investieren wie in den Jahren 2018 bis 2023. Damals lag das jährliche Investitionsvolumen bei durchschnittlich 110 Milliarden Euro.
Den größten Bedarf sehen die Wissenschaftler im Verkehrssektor. Auf ihn entfallen 45 Prozent der gesamten Investitionen. Dahinter folgen die Energieversorgung mit 25 Prozent, der Gebäudesektor mit 22 Prozent und die Industrie mit acht Prozent.
Knapp zwölf Prozent des Investitionsbedarfs sollen auf die öffentliche Hand entfallen. Den überwiegenden Teil müssen private Unternehmen und Haushalte finanzieren.
Die Studie zeigt damit, wie umfassend die wirtschaftliche Transformation ausfallen müsste. Sie verdeutlicht allerdings auch, warum die sechs Billionen Euro nicht mit den eigentlichen Mehrkosten des Klimaschutzes verwechselt werden dürfen.
Die entscheidende Differenz: 290, 145 und 65 Milliarden Euro
Auch in einer Wirtschaft, die weiterhin auf fossile Energieträger setzt, müssen Unternehmen und Verbraucher investieren.
Autos werden ersetzt, Heizungen erneuert, Fabriken modernisiert und Stromnetze instand gehalten. Wer ein Elektroauto kauft, gibt deshalb nicht zwangsläufig den gesamten Kaufpreis zusätzlich für den Klimaschutz aus. Ohne die Umstellung wäre möglicherweise ein neuer Verbrenner angeschafft worden.
Prognos berücksichtigt solche ohnehin notwendigen Ausgaben.
Von den jährlich benötigten 290 Milliarden Euro entfallen demnach durchschnittlich etwa 145 Milliarden Euro auf Nettoinvestitionen gegenüber herkömmlichen fossilen Technologien. Doch auch diese Summe ist nicht vollständig zusätzlich aufzubringen. Denn bereits heute wird in klimafreundliche Technik investiert.
Von den durchschnittlich 110 Milliarden Euro jährlicher Klimaschutzinvestitionen der Jahre 2018 bis 2023 waren nach Berechnungen der KfW bereits rund 80 Milliarden Euro Nettoinvestitionen.
Um das erforderliche Niveau von 145 Milliarden Euro zu erreichen, müssten die Nettoinvestitionen somit um weitere 65 Milliarden Euro pro Jahr steigen. Das entspricht rund 1,5 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung des Jahres 2024.
Die Größenordnung bleibt erheblich. Sie unterscheidet sich jedoch grundlegend von der Vorstellung, Deutschland müsse sechs Billionen Euro zusätzlich zu sämtlichen ohnehin anfallenden Investitionen ausgeben.
Was passiert, wenn Deutschland nicht investiert?
Die Gegenrechnung beginnt mit einer einfachen Feststellung: Der Verzicht auf Klimaschutz verhindert nicht die Kosten des Klimawandels.
Hitzeperioden beeinträchtigen die Gesundheit und Arbeitsfähigkeit von Beschäftigten. Dürren verursachen Ernteausfälle und schädigen Wälder. Überschwemmungen zerstören Häuser, Verkehrswege und Produktionsanlagen. Hinzu kommen Unterbrechungen von Lieferketten, steigende Versicherungsbelastungen und Ausgaben für den Wiederaufbau.
Wie hoch solche Schäden bereits ausfallen, untersuchte 2023 ein Forschungskonsortium aus dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung, der Gesellschaft für Wirtschaftliche Strukturforschung und Prognos im Auftrag der Bundesregierung.
Demnach entstanden in Deutschland zwischen 2000 und 2021 mindestens 145 Milliarden Euro an erfassten Schäden durch Extremwetterereignisse. Rund 80 Milliarden Euro davon entfielen allein auf die Jahre seit 2018.
Die Untersuchung berücksichtigt klimabezogene Schäden durch Hitze, Dürre und Überflutungen. Die einzelnen Ereignisse lassen sich allerdings nicht vollständig dem menschengemachten Klimawandel zuschreiben. Dieser erhöht bei zahlreichen Wetterextremen deren Wahrscheinlichkeit oder Intensität. Schon die dokumentierten Schäden zeigen, dass Klimarisiken längst kein ausschließlich zukünftiges Problem mehr sind.
Bis zu 900 Milliarden Euro Klimaschäden
Für die kommenden Jahrzehnte haben die Forscher verschiedene Szenarien untersucht.
Je nach Entwicklung des Klimawandels könnten sich die volkswirtschaftlichen Schäden in Deutschland zwischen 2022 und 2050 auf insgesamt 280 bis 900 Milliarden Euro summieren. Dabei handelt es sich um modellbasierte Szenariowerte, nicht um eine sichere Prognose. Ihre Höhe hängt unter anderem vom Ausmaß der Erwärmung und den zugrunde gelegten Annahmen ab.
Außerdem erfassen solche Berechnungen nicht sämtliche gesellschaftlichen Folgen. Verlorene Menschenleben, gesundheitliche Langzeitschäden, zerstörte Ökosysteme und der Rückgang biologischer Vielfalt lassen sich nur eingeschränkt in Geld ausdrücken.
Die Schätzungen bilden daher nicht sämtliche möglichen Schäden ab. Für den Vergleich mit den KfW-Zahlen ist zugleich eine methodische Grenze entscheidend: Die Studie über Klimaschäden betrachtet andere Zeiträume, Szenarien und wirtschaftliche Größen als die aktuelle Investitionsrechnung.
Die prognostizierten Schäden können deshalb nicht einfach von den sechs Billionen Euro Investitionsbedarf abgezogen oder mit den jährlich zusätzlich benötigten 65 Milliarden Euro verrechnet werden. Sie zeigen vielmehr die wirtschaftliche Dimension eines Risikos, das auch dann bestehen bleibt, wenn Investitionen in klimafreundliche Technologien ausbleiben.
Auch der Verzicht auf Klimaschutz hat einen Preis
Das Umweltbundesamt verwendet einen weiteren Ansatz, um die langfristigen Folgen von Treibhausgasemissionen wirtschaftlich zu bewerten.
Nach seiner im Juli 2026 aktualisierten Berechnung verursachen allein die im Jahr 2024 in Deutschland ausgestoßenen Treibhausgase während ihrer Verweildauer in der Atmosphäre modellierte weltweite Wohlfahrtsverluste von 647 Milliarden Euro. Dabei werden die Schäden für heutige und künftige Generationen gleich gewichtet.
Dieser Betrag ist keine jährliche Rechnung für den deutschen Staatshaushalt. Er bezeichnet die über längere Zeiträume und weltweit entstehenden Schäden eines einzelnen Emissionsjahres, bewertet nach einer bestimmten wissenschaftlichen Methode.
Die Größenordnung macht jedoch einen wesentlichen Punkt deutlich: Werden Umwelt- und Klimaschäden nicht vollständig von den Verursachern getragen, erscheinen emissionsintensive Technologien betriebswirtschaftlich günstiger, als sie es aus gesamtwirtschaftlicher Perspektive sind.
Ein Teil ihrer Folgekosten wird auf andere Regionen, die Allgemeinheit und künftige Generationen verlagert.
Klimaschäden treffen Unternehmen schon heute
Dass diese Risiken für die Wirtschaft keine theoretischen Größen mehr sind, zeigen aktuelle Unternehmensdaten der KfW.
Nach einer im April 2026 veröffentlichten Auswertung berichteten bereits 21 Prozent der deutschen Unternehmen von negativen Auswirkungen des Klimawandels. Bei Großunternehmen lag der Anteil sogar bei 74 Prozent, bei energieintensiven Betrieben bei 31 Prozent. Betroffen sind nicht ausschließlich Unternehmen, deren Gebäude unmittelbar durch Unwetter beschädigt wurden.
Auch unterbrochene Transportwege, Störungen der Energieversorgung und Probleme bei internationalen Zulieferern können die Produktion beeinträchtigen. Für ein exportorientiertes Industrieland wie Deutschland entstehen zusätzliche Risiken durch Klimaschäden in anderen Weltregionen.
Selbst wenn Produktionsstandorte hierzulande verschont bleiben, können fehlende Vorprodukte, beschädigte Hafenanlagen oder beeinträchtigte Transportverbindungen erhebliche wirtschaftliche Folgen haben.
Klimaschutz ist damit längst nicht mehr nur eine Frage staatlicher Umweltpolitik. Er betrifft auch das Risikomanagement von Unternehmen.
Was die Energiewende wirtschaftlich einsparen kann
Die neue KfW-Studie berücksichtigt neben dem Investitionsbedarf auch mögliche wirtschaftliche Vorteile der Transformation.
Deutschland importierte fossile Energieträger zuletzt im durchschnittlichen Jahreswert von rund 81 Milliarden Euro. Diese Summe fließt größtenteils ins Ausland. Zudem hängen die Kosten stark von internationalen Energiepreisen und geopolitischen Entwicklungen ab.
Ein stärker auf erneuerbare Energien gestütztes Versorgungssystem könnte diese Importabhängigkeit verringern. Allerdings dürfen die 81 Milliarden Euro nicht vollständig als künftige Einsparung verbucht werden. Auch ein klimaneutrales Energiesystem benötigt Importe, Rohstoffe, Anlagen und laufende Betriebsausgaben.
Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Elektroautos und Wärmepumpen nutzen Energie in vielen Anwendungen effizienter als Verbrennungsmotoren oder fossile Heizsysteme.
Nach den von der KfW ausgewerteten Szenarien könnte der Energieverbrauch Deutschlands bis 2045 dadurch und durch weitere Effizienzmaßnahmen um 26 bis 35 Prozent sinken. Welche finanziellen Einsparungen daraus entstehen, hängt unter anderem von künftigen Strompreisen, Investitionskosten und der Entwicklung des Energiebedarfs ab.
Wer zahlt – und wer profitiert?
Die wirtschaftlichen Belastungen der Transformation verteilen sich ungleich.
Private Haushalte müssen insbesondere bei Fahrzeugen und Gebäuden investieren. Unternehmen benötigen neue Maschinen, klimafreundliche Produktionsverfahren und veränderte Energieversorgungssysteme. Vor allem energieintensive Industriebetriebe können durch den Umbau ihrer Produktionsprozesse vor erheblichen Finanzierungsschwierigkeiten stehen.
Die KfW schätzt den Investitionsbedarf der Unternehmen bis 2045 auf knapp drei Billionen Euro. Mittelstand und Großunternehmen tragen davon jeweils ungefähr die Hälfte. Auch der Staat muss investieren, etwa in Schienenwege, Stromnetze und die Ladeinfrastruktur.
Die vergleichsweise geringe staatliche Quote am gesamten Investitionsvolumen bedeutet allerdings nicht, dass der Staat nur diese direkten Ausgaben zu finanzieren hätte. Förderung, Bürgschaften und andere Instrumente zur Mobilisierung privaten Kapitals können zusätzliche fiskalische Auswirkungen haben.
Umgekehrt entstehen aus der Transformation neue Absatzmöglichkeiten. Die KfW verweist auf die international wachsenden Märkte für klimafreundliche Technologien, auf denen deutsche Unternehmen bereits eine bedeutende Stellung besitzen. Ob sich daraus zusätzliche Gewinne und Arbeitsplätze ergeben, hängt von ihrer Wettbewerbsfähigkeit und der Entwicklung der weltweiten Nachfrage ab.
Warum Klimaschutz und Klimaanpassung zusammengehören
Eine wichtige Grenze des Vergleichs darf nicht übersehen werden: Selbst bei vollständiger Klimaneutralität Deutschlands bis 2045 verschwinden die Risiken des Klimawandels nicht.
Das Klima reagiert auf die über lange Zeit angesammelten weltweiten Treibhausgasemissionen. Auch eine schnelle Verringerung der deutschen Emissionen kann bereits entstandene Erwärmung und damit verbundene Risiken nicht rückgängig machen. Deshalb hängen die langfristig vermeidbaren Klimaschäden entscheidend davon ab, wie konsequent weltweit Emissionen reduziert werden. Zugleich braucht Deutschland Investitionen in die Anpassung an bereits unvermeidbare Veränderungen.
Dazu gehören beispielsweise Hochwasserschutz, hitzeresistente Städte, ein vorsorgender Umgang mit Wasser und widerstandsfähigere Infrastrukturen. Solche Anpassungsinvestitionen sind in den sechs Billionen Euro der neuen KfW-Berechnung nicht enthalten.
Sie stellen eine zusätzliche wirtschaftliche Aufgabe dar, können aber ebenfalls Folgekosten verringern. Klimaschutz und Klimaanpassung sind deshalb keine Alternativen. Die eine Strategie soll die weitere Erwärmung begrenzen, die andere die Schäden durch bereits eingetretene und absehbare Veränderungen reduzieren.
Die eigentliche Rechnung reicht über 2045 hinaus
Die neue KfW-Studie beziffert eine anspruchsvolle, aber grundsätzlich finanzierbare Transformation der deutschen Wirtschaft.
Sie zeigt zugleich, weshalb die häufig genannte Summe von sechs Billionen Euro nur begrenzt geeignet ist, die wirtschaftliche Belastung durch Klimaschutz zu beschreiben. Viele Investitionen wären auch ohne den Umbau des Energiesystems notwendig. Und ein erheblicher Teil der zusätzlichen klimafreundlichen Investitionen wird bereits heute getätigt.
Dem stehen Kosten gegenüber, die in einer rein auf Investitionsausgaben beschränkten Betrachtung leicht übersehen werden: zerstörte Infrastruktur, Produktionsausfälle, gesundheitliche Belastungen und langfristige Schäden durch Treibhausgasemissionen.
Eine exakte Gegenüberstellung nach dem Muster »Klimaschutz kostet sechs Billionen, Nichtstun kostet einen anderen feststehenden Betrag« wäre wissenschaftlich nicht haltbar. Die vorhandenen Untersuchungen zeigen jedoch, dass der Verzicht auf wirksamen Klimaschutz keineswegs die kostenfreie Alternative ist.
Die wirtschaftliche Frage lautet deshalb nicht nur, wie Deutschland zusätzliche Klimaschutzinvestitionen finanzieren kann. Sie lautet ebenso, welche Risiken entstehen, wenn notwendige Veränderungen verschoben werden – und wie teuer es wird, auf die Rechnung des Klimawandels erst dann zu reagieren, wenn die Schäden bereits eingetreten sind.
Stefanie S. Klief