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Was ein Wahlsieg der AfD wirtschaftlich bedeuten würde

Eine AfD-geführte Landesregierung könnte die Standortpolitik deutlich verändern. Ökonomen warnen vor Milliardenlücken.

6 Min.

10.08.2026

Vier Wochen vor der Landtagswahl liegt die AfD in Sachsen-Anhalt bei 42 Prozent und damit fast doppelt so hoch wie die CDU. Ein solches Ergebnis wäre politisch historisch. Wirtschaftlich stellt sich vor allem die Frage, welche Folgen eine AfD-geführte Landesregierung für einen Standort hätte, der bereits mit schwachen Investitionen, Fachkräftemangel und industriellem Strukturwandel kämpft.

AfD baut Vorsprung auf CDU deutlich aus

Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. Nach der jüngsten INSA-Umfrage kommt die AfD um Spitzenkandidat Ulrich Siegmund auf 42 Prozent, die CDU von Ministerpräsident Sven Schulze auf 22 Prozent. Die Linke erreicht 13 Prozent, die SPD sechs Prozent und das BSW fünf Prozent. Grüne und FDP lägen mit jeweils vier Prozent unter der Fünfprozenthürde. Eine absolute Mehrheit der AfD ergibt sich daraus allerdings nicht automatisch. Zudem sind Wahlumfragen Momentaufnahmen und keine Prognosen für den Wahltag.

Aus wirtschaftlicher Sicht fällt die Wahl in eine ohnehin schwierige Phase. Sachsen-Anhalts Wirtschaftsleistung sank 2025 preisbereinigt um 0,2 Prozent, während Deutschland insgesamt um 0,2 Prozent wuchs. Besonders schwach entwickelte sich das Produzierende Gewerbe ohne Bau mit einem Minus von 2,7 Prozent; im Verarbeitenden Gewerbe betrug der Rückgang 1,8 Prozent. Das nominale Bruttoinlandsprodukt des Landes lag bei 81,8 Milliarden Euro und damit bei 1,8 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung.

Auch im Mittelstand ist die Zurückhaltung groß. Nach einer Erhebung des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle wollen lediglich 46 Prozent der befragten Unternehmen investieren – der niedrigste Wert der vergangenen zehn Jahre. Eine neue Landesregierung träfe damit nicht auf eine boomende Wirtschaft, sondern auf einen Standort, dessen Unternehmen bereits jetzt vorsichtig agieren.

2,2 Milliarden Euro – die offene Rechnung im AfD-Programm

Besonders konkret wird die wirtschaftliche Debatte beim Landeshaushalt. Das IWH hat das Regierungsprogramm der AfD analysiert und kommt für die bezifferbaren Vorhaben auf zusätzliche jährliche Ausgaben von rund 2,5 Milliarden Euro. Geplante Einsparungen würden davon nach Berechnung des Instituts lediglich rund 243 Millionen Euro ausgleichen. Unter dem Strich bliebe eine Finanzierungslücke von mindestens 2,2 Milliarden Euro pro Jahr. Dabei konnten nur 28 von insgesamt 136 untersuchten Maßnahmen überhaupt verlässlich beziffert werden.

Die AfD widerspricht der Schlussfolgerung, ihr Programm sei wirtschaftlich nicht tragfähig. Siegmund hat eingeräumt, dass einzelne Vorhaben kurzfristig nicht finanzierbar seien, verweist jedoch auf eine längerfristige Umsetzung. Wirtschaftspolitisch setzt die Partei unter anderem auf Bürokratieabbau, steuerliche Entlastungen, niedrigere Energiekosten und eine stärkere Unterstützung des Mittelstands. Diese Schwerpunkte nennt sie auch in ihren Antworten auf die Wahlprüfsteine der IHK Magdeburg.

Energiepolitik könnte zum ersten wirtschaftlichen Konfliktfeld werden

Deutlich unterscheiden sich die wirtschaftspolitischen Vorstellungen bei der Energieversorgung. Die AfD will den weiteren Ausbau der Windkraft begrenzen, Subventionen für die Energiewende streichen, die Braunkohleverstromung erhalten und sich im Bundesrat unter anderem für ein Ende der Energiesanktionen gegen Russland einsetzen. Das eigene Regierungsprogramm verbindet diesen Kurs mit der Erwartung sinkender Energiepreise und einer Reindustrialisierung des Landes.

Für Sachsen-Anhalt ist das keine theoretische Debatte. Gerade die Verfügbarkeit erneuerbarer Energie gilt inzwischen als ein Argument bei der Ansiedlung energieintensiver und klimaneutral produzierender Unternehmen. IWH-Präsident Reint Gropp warnt deshalb davor, dass ein Zurückfahren des Ausbaus erneuerbarer Energien Investitionen gefährden könnte.

Allerdings hätte auch eine AfD-Alleinregierung in Magdeburg hier Grenzen. Über russische Sanktionen, nationale Energiesteuern, einen deutschen Kohleausstieg oder die Nutzung von Nord Stream entscheidet nicht die Landesregierung allein. Sie könnte über Genehmigungen, Landesförderung, Flächenplanung und Initiativen im Bundesrat Einfluss nehmen – einen vollständigen energiepolitischen Kurswechsel Deutschlands aber nicht aus Sachsen-Anhalt heraus durchsetzen.

Fachkräfte sind für Sachsen-Anhalt der empfindlichste Punkt

Noch unmittelbarer könnte sich die Migrationspolitik auf den Arbeitsmarkt auswirken. Zwischen Juni 2024 und Juni 2025 stieg die Zahl sozialversicherungspflichtig beschäftigter Ausländer in Sachsen-Anhalt um 5.560 auf 68.420. Gleichzeitig sank die Zahl der deutschen Beschäftigten um 10.530. Innerhalb von 10 Jahren hat sich die Zahl der sozialversicherungspflichtig beschäftigten Ausländer damit mehr als vervierfacht.

Die Bundesagentur für Arbeit sieht qualifizierte Zuwanderung deshalb als zunehmend wichtig für den Standort an. Die AfD setzt dagegen stärker darauf, ausgewanderte deutsche Fachkräfte zurückzugewinnen, heimische Arbeitskräfte zu mobilisieren und Zuwanderung deutlich zu begrenzen. Ökonomisch entscheidet sich viel daran, ob ein solcher Kurs tatsächlich zusätzliche inländische Arbeitskräfte aktiviert – oder ob Unternehmen bei ohnehin schrumpfendem Erwerbspersonenpotenzial noch größere Schwierigkeiten bekommen, offene Stellen zu besetzen.

Und was würde ein AfD-Sieg für Deutschland bedeuten?

Rein volkswirtschaftlich ist Sachsen-Anhalt mit einem Anteil von 1,8 Prozent am deutschen Bruttoinlandsprodukt zu klein, als dass ein Regierungswechsel dort unmittelbar die gesamte deutsche Konjunktur verändern würde. Politisch und für den Wirtschaftsstandort Deutschland wäre eine erste AfD-geführte Landesregierung jedoch ein Präzedenzfall. Sachsen-Anhalt verfügt über 4 Stimmen im Bundesrat und könnte damit wirtschafts-, energie- oder migrationspolitische Initiativen auf Bundesebene mitgestalten oder selbst einbringen.

Weitergehende Modellrechnungen müssen deshalb sorgfältig eingeordnet werden. Das DIW Berlin kommt etwa zu dem Ergebnis, dass Sachsen-Anhalt bei Umsetzung eines umfassenden AfD-Politikkurses jährlich rund 1.600 Euro Einkommen je Einwohner und etwa 10.000 Arbeitsplätze verlieren könnte. In diese Berechnung fließen allerdings auch bundespolitische Forderungen wie ein Austritt aus EU und Euro, ein weitgehender Stopp der Zuwanderung und Kürzungen staatlicher Ausgaben ein. Das ist deshalb keine Prognose für die Folgen einer AfD-Landesregierung, sondern ein Szenario für einen wesentlich weiterreichenden politischen Kurswechsel.

Was bleibt

Die 42 Prozent aus der jüngsten Umfrage bedeuten zunächst nur, dass die AfD mit erheblichem Abstand als stärkste Kraft in die letzten Wochen des Wahlkampfs geht. Ob daraus eine AfD-geführte Regierung wird, ist offen. Wirtschaftlich wäre ein solcher Machtwechsel dennoch weit mehr als ein landespolitisches Experiment: Haushalt, Investitionsförderung, Genehmigungen, Energie- und Arbeitsmarktpolitik liegen zumindest teilweise in Magdeburger Hand.

Gleichzeitig wäre der Einfluss einer Landesregierung begrenzter, als manche Warnungen und manche Versprechen suggerieren. Einen EU-Austritt, russische Gaslieferungen oder grundlegende Änderungen der deutschen Steuer- und Energiepolitik kann Sachsen-Anhalt nicht allein beschließen. 

Die unmittelbarste wirtschaftliche Frage wäre daher weniger, ob eine AfD-Regierung Deutschlands Wirtschaftsordnung verändert – sondern ob Unternehmen, Fachkräfte und Investoren Sachsen-Anhalt unter veränderten politischen Rahmenbedingungen weiterhin als attraktiven Standort betrachten.

Stefanie S. Klief

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