Wirtschaft

Der Rhein trocknet – jetzt übernehmen die Autobahnen

Vier Bundesländer lockern das Lkw-Sonntagsfahrverbot, um Lieferketten trotz Niedrigwasser am Laufen zu halten

4 Min.

09.08.2026

Das extreme Niedrigwasser verändert inzwischen nicht nur den Schiffsverkehr auf dem Rhein. Seit diesem Wochenende dürfen in mehreren Bundesländern zusätzliche Lastwagen auch sonntags fahren. Die Ausnahme soll Lieferketten stabilisieren – macht aber zugleich deutlich, wie schwer sich die Transportkapazität eines Flusses auf Straße und Schiene ersetzen lässt.

Am Sonntag sind in Nordrhein-Westfalen erstmals Lastwagen unterwegs, die normalerweise unter das Sonn- und Feiertagsfahrverbot fallen würden. Das Land hat die Regelung für Transporte und Leerfahrten ausgesetzt, die unmittelbar oder mittelbar mit den Folgen des Niedrigwassers am Rhein zusammenhängen.

Die Ausnahme gilt zunächst bis zum 31. August. Auch das zusätzliche Ferienfahrverbot an Samstagen wurde in Nordrhein-Westfalen für entsprechende Transporte gelockert. Niedersachsen erlaubt vergleichbare Fahrten ebenfalls bis Ende August; Rheinland-Pfalz und das Saarland haben ihre Ausnahmen bis längstens Ende September befristet.

Nicht jeder Lastwagen darf plötzlich sonntags fahren

Die Lockerung ist keine generelle Aufhebung des Sonntagsfahrverbots.

Erlaubt sind Transporte, die mit den Folgen des Niedrigwassers zusammenhängen – beispielsweise Güter, die derzeit nicht oder nur eingeschränkt über die Wasserstraßen transportiert werden können, sowie damit verbundene Leerfahrten.

Auslöser sind die extrem niedrigen Pegelstände. Frachtschiffe können vielerorts nur noch einen Teil ihrer normalen Ladung aufnehmen. Für Unternehmen steigen dadurch Transportkosten, während gleichzeitig weniger Güter über die Wasserstraße bewegt werden können.

Der Lkw ist flexibler – aber kein Ersatz für den Rhein

Industrie- und Logistikverbände begrüßen die Ausnahmen. Lastwagen können Güter kurzfristiger und unabhängig von festen Schienen- oder Wasserwegen zu Unternehmen transportieren. Der Bundesverband der Deutschen Industrie sieht darin eine Möglichkeit, Wertschöpfungsketten während des Niedrigwassers zu stabilisieren.

Die fehlenden Kapazitäten der Binnenschifffahrt lassen sich damit jedoch nicht vollständig ersetzen. Gerade Massengüter wie Mineralöl, Chemikalien, Erze oder Baustoffe werden auf Schiffen in Mengen transportiert, für die eine sehr große Zahl zusätzlicher Lastwagen benötigt würde. Der BDI bezeichnet die Verlagerung deshalb ausdrücklich nur als Möglichkeit, die Folgen abzumildern.

Damit bestätigt sich, was bereits bei der jüngsten Niedrigwasser-Konferenz deutlich wurde: Deutschland braucht im Krisenfall nicht nur funktionierende Wasserstraßen, sondern ausreichende Reserven auf Schiene und Straße.

Mehr Transporte treffen auf ohnehin volle Straßen

Die Maßnahme hat deshalb auch eine Kehrseite.

Verdi kritisiert die Lockerung, weil sie Beschäftigte in Speditionen und Logistik zusätzlich belastet und den gesetzlich geschützten Sonn- und Feiertag als Ruhezeit infrage stellt.

Auch der BUND warnt davor, die Verlagerung auf die Straße als langfristige Lösung zu behandeln. Mehr Lkw-Verkehr könne zusätzliche Emissionen verursachen, während das Niedrigwasser selbst eine Folge zunehmender Klimaextreme sei. Der Verband fordert deshalb stärkere Investitionen in Klimaanpassung und natürliche Flusslandschaften.

Eine Notmaßnahme wird zum Infrastrukturtest

Bemerkenswert ist vor allem, wie schnell das Verkehrssystem reagieren muss.

Noch vor wenigen Tagen diskutierten Bund, Länder und Wirtschaft über tiefere Fahrrinnen, niedrigwassertaugliche Schiffe und zusätzliche Schienenkapazitäten. Nun wird bereits eine jahrzehntealte Verkehrsregel vorübergehend gelockert, damit Waren überhaupt noch zuverlässig zu ihren Empfängern gelangen.

Das ist pragmatisch – zeigt aber gleichzeitig die geringe Reserve im System.

Wenn Schiffe weniger transportieren können, stehen weder auf der Schiene noch auf der Straße beliebig viele zusätzliche Kapazitäten bereit. Jede Verlagerung erzeugt deshalb neue Engpässe an anderer Stelle.

Was bleibt

Die Lockerung des Sonntagsfahrverbots kann kurzfristig helfen, Versorgungsprobleme und Produktionsausfälle zu vermeiden.

Sie löst das eigentliche Problem jedoch nicht.

Das Niedrigwasser zeigt inzwischen sehr konkret, wie eng Deutschlands industrielle Infrastruktur miteinander verbunden ist. Fällt eine der wichtigsten Wasserstraßen als leistungsfähiger Transportweg teilweise aus, müssen Straße und Schiene kurzfristig Aufgaben übernehmen, für die sie nicht ausgelegt sind.

Dass Lastwagen nun auch sonntags rollen dürfen, ist deshalb mehr als eine außergewöhnliche Verkehrsregel.

Es ist ein weiterer Hinweis darauf, dass Klimaanpassung zunehmend zur Frage wirtschaftlicher Infrastruktur und Versorgungssicherheit wird.

Stefanie S. Klief

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