Wirtschaft

Brexit-Bilanz: Weniger Wachstum, weniger Vertrauen

10 Jahre nach dem Referendum zeigt sich, wie teuer der Bruch mit der EU für Großbritannien wurde

3 Min.

23.06.2026

Am 23. Juni 2016 stimmte Großbritannien für den Austritt aus der Europäischen Union. 10 Jahre später fällt die Bilanz nüchtern aus: Viele Versprechen der Brexit-Kampagne haben sich nicht erfüllt. Statt neuer Stärke stehen schwächeres Wachstum, mehr Bürokratie und eine erneute Debatte über die Nähe zur EU im Mittelpunkt.
 

Ein Bruch mit Folgen

Vor 10 Jahren entschied sich eine knappe Mehrheit der britischen Wähler für den Brexit. Die Kampagne versprach mehr Kontrolle, weniger Bürokratie, mehr Geld für das Gesundheitssystem und neue wirtschaftliche Freiheit. Heute wirkt vieles davon wie politische Rhetorik aus einer anderen Zeit.

Der frühere EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker zieht eine klare Bilanz: Die EU sei auf den Austritt vorbereitet gewesen, London dagegen nicht. Tatsächlich folgten auf das Referendum jahrelange politische Auseinandersetzungen, mehrere Regierungswechsel und komplizierte Verhandlungen über Handel, Grenzfragen und den Sonderstatus Nordirlands.

Die wirtschaftliche Rechnung

Besonders schwer wiegt die ökonomische Bilanz. Studien kommen zu dem Ergebnis, dass der Brexit das britische Bruttoinlandsprodukt deutlich gedrückt hat. Eine NBER-Analyse beziffert den Rückstand der britischen Wirtschaftsleistung bis 2025 auf 6 bis 8 Prozent gegenüber einem Szenario ohne Brexit. Auch Investitionen, Beschäftigung und Produktivität entwickelten sich schwächer.

Für viele Unternehmen bedeutete der EU-Austritt nicht Befreiung, sondern neue Hürden: Zollformalitäten, regulatorische Abweichungen, zusätzliche Kosten und Unsicherheit. Besonders kleine Exporteure bekamen zu spüren, dass der wichtigste Markt nicht einfach durch neue Handelsabkommen in anderen Weltregionen ersetzt werden kann.

Die EU als verlorener Anker

Politisch ist der Brexit längst nicht abgeschlossen. Junge Briten blicken deutlich europafreundlicher auf die Zukunft als viele ältere Wähler. Laut Tagesschau wünschen sich mehr als 80 Prozent der Unter-25-Jährigen einen Weg zurück in die EU. Auch neue Umfragen zeigen, dass viele Briten inzwischen zumindest engere Beziehungen zur Europäischen Union wollen.

Damit hat sich die Erzählung verschoben. 2016 stand der Brexit für Selbstbehauptung. 2026 steht er für die Frage, wie teuer politische Abschottung in einer vernetzten Welt werden kann.

Ein Warnsignal für Europa

Für die EU ist der Brexit ebenfalls eine Lehre. Er hat gezeigt, wie verletzlich europäische Integration politisch sein kann. Zugleich hat er aber auch sichtbar gemacht, wie hoch der Preis eines Austritts ist. Großbritannien gewann formal Souveränität zurück, verlor aber wirtschaftlichen Spielraum, Einfluss und Planungssicherheit.

10 Jahre nach dem Referendum wirkt der Brexit deshalb weniger wie ein Triumph nationaler Freiheit als wie ein Experiment, dessen Kosten inzwischen offen zutage liegen.

SK

Das könnte Sie auch interessieren:

Nach oben