Beim Weltwirtschaftsforum in Davos haben sich die Debatten an den ersten beiden Tagen vor allem um geopolitische Spannungen, die Zukunft der transatlantischen Zusammenarbeit und die Rolle Europas in einer sich wandelnden Weltordnung gedreht.
Den Auftakt bildeten Reden europäischer Spitzenpolitiker, die in Reaktion auf die jüngsten politischen Kontroversen klare Signale setzten. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen rief in ihrer Ansprache dazu auf, die aktuellen globalen Herausforderungen als Chance zu begreifen und die strategische Autonomie Europas zu stärken. Sie betonte, dass die Souveränität und territoriale Unversehrtheit Dänemarks und Grönlands nicht verhandelbar sei und kündigte ein Paket zur Unterstützung der Arktissicherheit sowie umfangreiche Investitionen in Infrastruktur und Wirtschaft in der Region an. Zugleich warnte sie, dass ein drohender Konflikt zwischen langjährigen Partnern nur den geopolitischen Rivalen nutzen könne.
Frankreichs Präsident Emmanuel Macron nutzte seinen Auftritt, um die EU zur Einheit und Entschlossenheit aufzurufen. Er kritisierte die jüngsten US-Zolldrohungen und die expansive Handelspolitik als Druckmittel, das den Grundsätzen des internationalen Rechts widerspreche. Macron sprach sich dafür aus, das EU-Instrument zur Abwehr wirtschaftlicher Nötigung (»Handels-Bazooka«) auch gegen die USA in Erwägung zu ziehen, sollte weiterer wirtschaftlicher Druck ausgeübt werden.
In einer weiteren vielbeachteten Rede zeigte sich Kanadas Premierminister Mark Carney überzeugt davon, dass die alte, regelbasierte Weltordnung in einer Phase tiefgreifender Umwälzungen sei. Er warnte vor einer Rückkehr zu unilateralen Machtverhältnissen und rief mittelgroße Staaten zu verstärkter Zusammenarbeit auf, statt sich in Isolation zu begeben. Carneys Worte stießen in Davos auf breite Resonanz und unterstrichen die Sorge über ein Auseinanderdriften traditioneller Allianzen.
Am Nachmittag folgte die Rede von US-Präsident Donald Trump, die inhaltlich stark von seiner Forderung nach Verhandlungen über Grönland geprägt war. Trump erklärte, die USA hätten ein »strategisches Interesse« an der Insel, und forderte eine sofortige Verhandlungsrunde mit europäischen Partnern — gleichzeitig betonte er, seine Regierung wolle keine Gewalt anwenden. Kritische Passagen zu NATO-Verbündeten und wiederholte Warnungen vor Konsequenzen, falls seine Forderungen nicht aufgenommen würden, dominierten seine Ansprache. Trumps Darstellung stieß in der internationalen Gemeinschaft auf kritische Reaktionen, viele europäische Delegierte bewerteten sie als Bruch mit dem multilateralen Ansatz, den das Forum traditionell vertritt.
Die politische Debatte hatte auch wirtschaftliche Auswirkungen: Die globalen Aktienmärkte reagierten in den vorangegangenen Tagen mit Verlusten, da Sorgen über mögliche Zollkonflikte und geopolitische Spannungen zunahmen. Zwar stabilisierte sich der Markt nach der Rede leicht, doch das Rahmenklima bleibt volatil, da der kommende Dialog zwischen den Staats- und Regierungschefs weiterhin offen ist.
Insgesamt zeigte der zweite Tag in Davos ein tieferes Ringen um die Zukunft des internationalen Systems: Europa versucht, seine Autonomie und handlungsfähige Rolle zu stärken, Kanada mahnt zur Zusammenarbeit gegen wachsende Machtkonkurrenz, und die USA liefern mit einer polarisierten Rede Stoff für Unsicherheit und Debatte. Das Forum entwickelt sich damit zunehmend zu einem Brennpunkt geopolitischer Weichenstellungen für 2026.
SK