Rheinmetall-Chef Armin Papperger: Bereits 2024 berichteten westliche Geheimdienstquellen über einen mutmaßlichen russischen Anschlagsplan gegen den Rüstungsmanager.
Russische Sabotage, Cyberangriffe und Spionage bedrohen nach Einschätzung deutscher Sicherheitsbehörden zunehmend auch die Wirtschaft. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) fordert deshalb eine bessere Zusammenarbeit zwischen Staat und Unternehmen. Sein Vorwurf: Zwar warnen die Nachrichtendienste inzwischen häufiger und gezielter vor Gefahren, doch es fehlen eingespielte Verfahren, um daraus rechtzeitig wirksame Schutzmaßnahmen abzuleiten. Die Sorge reicht bis zu möglichen Anschlägen auf Führungskräfte der Rüstungsindustrie. Damit wird Unternehmenssicherheit immer stärker zu einer Frage der nationalen Sicherheit.
BDI sieht deutsche Industrie im Visier
Der Bundesverband der Deutschen Industrie warnt vor einer anhaltenden Bedrohung durch russische Sabotage- und Einflussaktivitäten. Deutsche Unternehmen müssten damit rechnen, dass sich die Angriffsmethoden weiterentwickeln und die Gefahren langfristig bestehen bleiben.
Besonders betroffen seien Unternehmen, kritische Infrastrukturen und Lieferketten mit Bedeutung für die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands.
Der stellvertretende BDI-Hauptgeschäftsführer Holger Lösch erklärte gegenüber dem Handelsblatt, eine leistungsfähige Industrie sei eine wesentliche Voraussetzung für die Versorgungssicherheit und Handlungsfähigkeit des Staates. Der Schutz der Wirtschaft müsse deshalb zu einem Grundbaustein der nationalen Sicherheit werden.
Dabei richtet sich die Kritik des Industrieverbands nicht ausschließlich gegen unzureichende Sicherheitsvorkehrungen in den Unternehmen. Der BDI sieht vor allem Defizite bei der Zusammenarbeit mit den staatlichen Sicherheitsbehörden. Zwar habe sich der Informationsaustausch verbessert. Allerdings fehlten weiterhin gemeinsame Abläufe, um behördliche Erkenntnisse möglichst schnell in konkrete Schutzmaßnahmen umzusetzen.
Damit benennt der Verband ein Problem, das über einzelne Betriebe hinausreicht: Wer eine Bedrohung erkennt, muss nicht nur wissen, dass Gefahr besteht, sondern auch, welche Maßnahmen notwendig sind und wer dafür verantwortlich ist.
Geheimdienste warnen vor einer neuen Bedrohungslage
Die Forderungen des BDI folgen auf eindringliche Warnungen der deutschen Nachrichtendienste.
Bei einer öffentlichen Anhörung des Parlamentarischen Kontrollgremiums am 5. Oktober bezeichneten die Präsidenten der drei deutschen Nachrichtendienste Russland als größte aktuelle sicherheitspolitische Herausforderung.
Die Einschätzungen zeigen, weshalb der Schutz industrieller Einrichtungen zunehmend über traditionelle Fragen der Betriebssicherheit hinausgeht.
Warum gerade Unternehmen gefährdet sind
Die industrielle Infrastruktur Deutschlands besitzt nicht nur wirtschaftliche Bedeutung. Zahlreiche Unternehmen sind unmittelbar oder mittelbar für die staatliche Sicherheits- und Verteidigungsfähigkeit wichtig.
Rüstungsunternehmen produzieren Waffen, Munition und technische Ausrüstung. Maschinenbauer, Elektronikhersteller und spezialisierte Zulieferer stellen Komponenten bereit, ohne die viele dieser Produkte nicht gefertigt werden könnten.
Auch Energieversorger, Telekommunikationsunternehmen und Logistikdienstleister übernehmen Aufgaben, von denen zahlreiche andere Wirtschaftsbereiche abhängig sind.
Ein Angriff muss deshalb nicht zwangsläufig ein großes Rüstungswerk treffen, um erhebliche Auswirkungen zu verursachen. Schon die Beschädigung einer wichtigen technischen Anlage oder die Unterbrechung einer Lieferkette kann Produktionsabläufe beeinträchtigen. Besonders problematisch wird dies, wenn ein Unternehmen kurzfristig keine Ersatzlieferanten oder alternativen Transportmöglichkeiten besitzt.
Hinzu kommen Angriffe auf digitale Systeme. Werden Produktionsdaten verschlüsselt, Kommunikationsverbindungen unterbrochen oder wichtige Informationen ausgespäht, können wirtschaftliche Schäden entstehen, ohne dass physische Anlagen zerstört werden.
Solche Gefahren sind nicht ausschließlich auf staatlich gesteuerte Angriffe beschränkt. Auch gewöhnliche Cyberkriminalität, interne Sicherheitsmängel oder technische Störungen können vergleichbare Auswirkungen haben. Deshalb ist eine sorgfältige Unterscheidung wichtig: Nicht jeder Zwischenfall in einem Unternehmen ist Sabotage, und nicht jede Sabotage lässt sich Russland zuschreiben.
Warnungen reichen bis zu möglichen Anschlägen auf Manager
Wie weit die Bedrohung nach Einschätzung europäischer Sicherheitsbehörden reichen könnte, zeigt eine aktuelle Recherche der Financial Times.
Unter Berufung auf Vertreter von fünf europäischen Nachrichtendiensten berichtet die Zeitung, Russland intensiviere mutmaßlich seine Bemühungen, Führungskräfte europäischer Rüstungsunternehmen anzugreifen. Besonders gefährdet seien demnach Unternehmen, deren Produkte unmittelbar für die militärische Unterstützung der Ukraine wichtig sind.
Die Berichte betreffen auch mögliche gezielte Tötungsdelikte. Sie beschreiben geheimdienstliche Erkenntnisse und Gefahreneinschätzungen, nicht den Nachweis, dass sämtliche vermuteten Anschlagspläne bereits umgesetzt wurden. Schon 2024 hatten Berichte über einen mutmaßlichen russischen Anschlagsplan gegen Rheinmetall-Chef Armin Papperger internationale Aufmerksamkeit ausgelöst.
Inzwischen sollen europäische Sicherheitsbehörden einzelne Unternehmen zu verstärkten Schutzmaßnahmen aufgefordert haben.
Für die betroffenen Betriebe entsteht damit eine zusätzliche Belastung. Neben Produktionsanlagen, IT-Systemen und Geschäftsgeheimnissen müssen möglicherweise auch einzelne Mitarbeiter besonders geschützt werden. Vor allem kleinere Technologie- und Rüstungsunternehmen können dadurch vor erhebliche finanzielle und organisatorische Herausforderungen gestellt werden.
Europa beobachtet gezielte Sabotagevorbereitungen
Dass die Warnungen nicht auf Deutschland beschränkt sind, zeigen Erkenntnisse des dänischen Inlandsnachrichtendienstes PET. Die Behörde erklärte bereits im September, konkrete Vorbereitungen möglicher russischer Sabotageaktivitäten in Dänemark beobachtet zu haben.
Im Mittelpunkt stünden Unternehmen aus der Verteidigungsindustrie und Betriebe, die an der militärischen Unterstützung der Ukraine beteiligt sind. Nach Angaben des Dienstes werden mögliche Helfer auch über soziale Medien und Messenger-Dienste angeworben. Sie sollen beispielsweise Informationen über Unternehmen, Transportwege oder Zugangsmöglichkeiten beschaffen.
Die dänischen Erkenntnisse verdeutlichen, dass für Spionage und Sabotage nicht ausschließlich professionell ausgebildete Agenten eingesetzt werden müssen. Die eigentlichen Auftraggeber können versuchen, andere Personen mit begrenztem Wissen über den Gesamtzusammenhang einzusetzen.
Wie groß die Bedrohung für ein bestimmtes deutsches Unternehmen tatsächlich ist, lässt sich daraus allerdings nicht unmittelbar ableiten. Die Beobachtungen stützen jedoch die Einschätzung, dass die Sicherheitsbehörden ihre Zusammenarbeit mit gefährdeten Wirtschaftsbereichen verstärken müssen.
Unternehmen investieren bereits in ihre Widerstandsfähigkeit
Die Industrie beschäftigt sich schon länger mit möglichen Störungen ihrer Geschäftsabläufe. Eine im Juni veröffentlichte Untersuchung des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag des BDI zeigt, dass große deutsche Industrieunternehmen bereits erhebliche Anstrengungen zur Verbesserung ihrer Widerstandsfähigkeit unternehmen.
Allerdings hat die Vorsorge ihren Preis. Rund 58 Prozent der befragten Unternehmen bezeichneten die damit verbundenen finanziellen oder organisatorischen Belastungen als hoch oder sehr hoch.
Für die Untersuchung wurden Führungskräfte aus 154 größeren Unternehmen des produzierenden Gewerbes befragt. Die Ergebnisse sind deshalb nicht ohne Weiteres auf sämtliche deutschen Betriebe übertragbar. Zudem ging es in der Befragung um die allgemeine wirtschaftliche Widerstandsfähigkeit gegenüber unterschiedlichen Krisen, nicht ausschließlich um russische Sabotage.
Die Zahlen zeigen dennoch, dass Sicherheits- und Vorsorgeinvestitionen längst eine betriebswirtschaftliche Bedeutung besitzen.
Deutschland hat bereits neue Gesetze beschlossen
Auf die veränderte Bedrohungslage hat die Bundesregierung mit mehreren Maßnahmen reagiert. Seit dem 17. März 2026 ist das KRITIS-Dachgesetz in Kraft. Es soll die physische Widerstandsfähigkeit besonders wichtiger Infrastrukturen stärken, darunter Einrichtungen der Energie- und Wasserversorgung sowie des Verkehrs.
Vorgesehen sind unter anderem Risikoanalysen, Resilienzmaßnahmen und Meldepflichten für bestimmte Vorfälle. Allerdings sind noch nicht sämtliche Ausführungsbestimmungen abschließend umgesetzt. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe weist darauf hin, dass wesentliche Rechtsverordnungen und praktische Vorgaben weiterhin erarbeitet werden.
Bereits einen Tag nach Inkrafttreten des KRITIS-Dachgesetzes beschloss die Bundesregierung zudem eine Nationale Wirtschaftsschutzstrategie. Sie soll den Schutz von Unternehmen, Forschung und Lieferketten gegenüber physischen, digitalen und hybriden Bedrohungen verbessern.
Damit existiert bereits ein politischer und gesetzlicher Rahmen für eine engere Zusammenarbeit zwischen Staat und Wirtschaft. Die aktuelle Kritik des BDI richtet sich deshalb nicht gegen das völlige Fehlen staatlicher Maßnahmen. Entscheidend ist vielmehr, ob die vorhandenen Regelungen und Strategien im konkreten Gefahrenfall schnell genug funktionieren.
Die größte Herausforderung liegt in der Umsetzung
Für Unternehmen lässt sich das Problem auf eine praktische Frage reduzieren: Was geschieht, wenn eine Sicherheitsbehörde vor einer konkreten Gefahr warnt?
Möglicherweise müssen Zufahrten gesichert, besonders empfindliche Anlagen geschützt, Lieferwege verändert oder Mitarbeiter über neue Verhaltensregeln informiert werden. In anderen Fällen könnten technische Systeme überprüft, Zugriffsrechte eingeschränkt oder alternative Produktionsabläufe vorbereitet werden. Welche Maßnahmen sinnvoll sind, hängt von der jeweiligen Bedrohung ab. Eine allgemeine Warnung allein gibt darüber nicht immer ausreichend Auskunft.
Gleichzeitig können Sicherheitsbehörden ihre Erkenntnisse nicht uneingeschränkt offenlegen. Nachrichtendienstliche Informationen sind häufig vertraulich, weil ihre Veröffentlichung laufende Ermittlungen oder Informationsquellen gefährden könnte.
Unternehmen benötigen aber hinreichend konkrete Hinweise, um wirtschaftlich vertretbare und wirksame Entscheidungen zu treffen. In diesem Spannungsverhältnis liegt die vom BDI beklagte Schutzlücke.
Gefordert sind Verfahren, die einen vertraulichen Informationsaustausch ermöglichen, Zuständigkeiten klären und gemeinsame Reaktionen vorbereiten. Dabei müssen auch Betriebe berücksichtigt werden, die nicht selbst als kritische Infrastruktur eingestuft sind, aber wichtige Teile einer industriellen Lieferkette bilden.
Wirtschaftsschutz wird zum Standortfaktor
Die Warnung des BDI zeigt, dass Sicherheit zunehmend zu einer wirtschaftlichen Standortbedingung wird.
Unternehmen benötigen nicht nur Energie, qualifizierte Mitarbeiter und funktionierende Verkehrswege. Sie müssen sich auch darauf verlassen können, dass ihre Anlagen, Informationen und Lieferbeziehungen ausreichend geschützt sind.
Steigende Sicherheitskosten können Investitionsentscheidungen beeinflussen. Wiederholte Betriebsunterbrechungen gefährden Liefertermine und Geschäftsbeziehungen. Bei besonders gefährdeten Unternehmen kann sogar der Schutz von Führungskräften zu einer zusätzlichen organisatorischen Aufgabe werden.
Wie groß die volkswirtschaftlichen Kosten russischer Sabotage in Deutschland insgesamt sind, lässt sich aus den bislang veröffentlichten Erkenntnissen nicht verlässlich beziffern. Die Risiken reichen jedoch weit über den unmittelbar betroffenen Betrieb hinaus, wenn wichtige Versorgungsleistungen oder industrielle Zulieferketten unterbrochen werden.
Deutschland hat auf die veränderte Sicherheitslage mit neuen Gesetzen und Strategien reagiert. Die Industrie verlangt nun, dass daraus ein verlässlicher Schutz im betrieblichen Alltag entsteht.
Denn eine rechtzeitig erkannte Gefahr verhindert noch keinen Schaden.
Entscheidend wird sein, ob Staat und Unternehmen schnell genug gemeinsam handeln können, bevor aus einer Warnung ein tatsächlicher Angriff wird.
Stefanie S. Klief