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Produktion auf Abruf statt Fast Fashion: Modebranche neu gedacht

3 Min.

02.06.2026

Die Modebranche steht seit Jahren unter Druck: Überproduktion, hohe Retourenquoten und permanente Rabattaktionen belasten Margen und Lieferketten. Der Pariser Maßhemdenanbieter lechemiseur.fr geht bewusst einen anderen Weg und produziert ausschließlich auf Bestellung – ohne Lager, ohne klassische Saisondenke. Gründer Jan Schütte erklärt im Gespräch wie dieses Modell funktioniert, wo die wirtschaftlichen Hebel liegen und warum weniger Produktion nicht zwangsläufig weniger Wachstum bedeutet.

Jan, viele Modemarken kämpfen mit Überbeständen und Rabatten. Wie ist das bei euch?

Bei uns gibt es keine klassischen Lagerbestände. Wir produzieren erst, wenn eine Bestellung eingeht. Das reduziert das Risiko von Überproduktion und macht Rabattaktionen weitgehend überflüssig. Das klingt simpel, aber in der Modebranche ist es radikal: Die Industrie produziert jedes Jahr Milliarden Kleidungsstücke, von denen ein großer Teil verramscht oder vernichtet wird. Mit unserer Methode wollen wir dem entgegenwirken – und das mit Erfolg. Unsere Retourenquote liegt im Durchschnitt bei etwa fünf Prozent.

Du kommst ursprünglich aus der Automobilbranche, unter anderem warst du bei Toyota tätig: Wie hat dich das geprägt?

Sehr stark. Prinzipien wie Just-in-time oder kontinuierliche Verbesserung haben meinen Blick auf Prozesse verändert. In der Automobilindustrie wird nur produziert, wenn tatsächlich Bedarf besteht. Ich habe mich gefragt: Warum geht das bei einem Auto mit 30.000 Einzelteilen, aber nicht bei einem Hemd mit 30? Die Antwort: Es ist möglich, man muss nur den Prozess neu denken. Unsere Hemden werden deshalb nur dann produziert, wenn sie auch bestellt werden.

Ihr seid B-Corp-zertifiziert. Was steckt dahinter?

Die Zertifizierung bewertet Unternehmen in Bereichen wie Umwelt, Mitarbeiter oder Unternehmensführung. Man muss eine Mindestpunktzahl erreichen, um zertifiziert zu werden. Für uns spielen vor allem Themen wie bedarfsorientierte Produktion, Lieferkettenstruktur und Materialwahl eine Rolle.

Wie funktioniert das Modell wirtschaftlich? Einzelanfertigung gilt ja oft als teuer.

Die Herstellungskosten pro Stück sind tendenziell höher, das stimmt. Gleichzeitig entfallen aber andere Kostenblöcke – etwa Lagerhaltung, Abschreibungen auf unverkaufte Ware oder ein großer Teil der Retourenlogistik. Insgesamt ergibt sich daraus ein anderes Kostenprofil als bei klassischen Modemarken. Eine zentrale Rolle spielt unsere KI: Sie berechnet die Passform anhand von drei Angaben – Größe, Gewicht und Alter –, ohne dass eine manuelle Vermessung erforderlich ist. Ergänzt wird das durch einen Passform-Schlüssel, einen individuellen Code im Hemd, der Nachbestellungen vereinfacht.

Wo steht das Unternehmen aktuell und wohin soll die Reise gehen?

Wir sind 2026 im DACH-Markt gestartet – für mich als Deutscher ist das auch ein Heimkommen. Perspektivisch wollen wir unsere Position in Europa weiter ausbauen. Dabei geht es weniger um maximale Größe, sondern darum, Prozesse stabil und in gleichbleibender Qualität weiterzuentwickeln.

Unser Gesprächspartner:

Jan Schütte ist Gründer des Maßhemdenanbieters LE CHEMISEUR.

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