Gleiche Familie, unterschiedliche Förderung: Mit der neuen Frühstartrente will der Staat Kindern den Einstieg in die Altersvorsorge erleichtern.
Von Stefanie S. Klief
Zwei Geschwister wachsen in derselben Familie auf. Das eine wurde 2019 geboren, das andere 2020. Nach dem neuen Frühstartrentengesetz wird nur das jüngere Kind staatliche Zuschüsse für seine spätere Altersvorsorge erhalten. Der Bundestag hat die Reform heute beschlossen, um die finanzielle Chancengleichheit künftiger Generationen zu stärken. Doch neben der Altersgrenze sorgt vor allem die Möglichkeit hoher privater Zuzahlungen für Kritik. Kann eine staatliche Förderung von zehn Euro monatlich die Unterschiede zwischen armen und wohlhabenden Familien tatsächlich verringern?
Eine Rentenreform mit klarer Altersgrenze
Der Bundestag hat am Freitag die Einführung der Frühstartrente beschlossen. Mit den Stimmen von CDU/CSU und SPD verabschiedete das Parlament das Gesetz, das Kindern einen staatlich finanzierten Einstieg in die kapitalgedeckte Altersvorsorge ermöglichen soll. Grüne und Linke stimmten dagegen, die AfD enthielt sich.
Die Zustimmung des Bundesrates steht noch aus. Die Neuregelung soll Anfang 2027 in Kraft treten.
Vorgesehen sind monatliche Einzahlungen von zehn Euro aus dem Bundeshaushalt, beginnend mit dem sechsten Lebensjahr und endend mit der Volljährigkeit.
Allerdings gilt die Förderung zunächst ausschließlich für Kinder ab dem Geburtsjahrgang 2020. Für diesen Jahrgang sollen die Beiträge rückwirkend ab Januar 2026 berücksichtigt werden. Ab 2027 kommt jährlich der jeweils sechs Jahre alt werdende Jahrgang hinzu.
Ältere Kinder erhalten dagegen keinen staatlichen Zuschuss. Ihre Eltern können zwar ebenfalls Altersvorsorgedepots eröffnen, müssen diese aber aus eigenen Mitteln finanzieren.
Damit entsteht eine ungewöhnliche Grenze innerhalb derselben Generation. Während ein heute sechsjähriges Kind von staatlichen Einzahlungen profitieren kann, bleibt sein nur ein Jahr älteres Geschwisterkind ausgeschlossen.
Chancengleichheit beginnt mit dem Geburtsdatum
Die Bundesregierung begründet die Frühstartrente ausdrücklich mit dem Ziel, die Vermögensbildung weniger abhängig vom Elternhaus zu machen.
Bundesfinanzminister Lars Klingbeil argumentierte bereits bei der ersten parlamentarischen Beratung, dass die wirtschaftlichen Möglichkeiten einer Familie zu häufig über die Zukunftschancen ihrer Kinder entschieden.
Der staatliche Zuschuss soll deshalb unabhängig davon gezahlt werden, wie viel die Eltern verdienen oder bereits besitzen.
Grundsätzlich ist das ein neuer Ansatz in der deutschen Altersvorsorge. Die staatliche Unterstützung setzt nicht erst beim Eintritt ins Berufsleben ein, sondern bereits im Kindesalter.
Dass die Förderung schrittweise eingeführt wird, hat allerdings zur Folge, dass Kinder nur aufgrund ihres Geburtsjahres unterschiedlich behandelt werden. Der Grünen-Abgeordnete Stefan Schmidt kritisierte die Altersgrenze während der parlamentarischen Debatte ausdrücklich als ungerecht.
Die Regierung muss sich damit an ihrem eigenen Anspruch messen lassen: Wenn die Förderung soziale Unterschiede verringern soll, stellt sich die Frage, warum ein Teil der heutigen Kinder und Jugendlichen grundsätzlich ausgeschlossen bleibt.
Wer mehr Geld hat, kann mehr daraus machen
Noch grundsätzlicher ist die Debatte über die privaten Einzahlungen.
Der Staat stellt für jedes anspruchsberechtigte Kind denselben Betrag bereit. Eltern und Großeltern können das Depot jedoch zusätzlich mit bis zu 6.840 Euro jährlich aufstocken.
Damit unterscheiden sich die Möglichkeiten der Familien erheblich.
Während manche Eltern die zehn Euro vom Staat als willkommenen Einstieg in die Altersvorsorge ihres Kindes betrachten, können andere jedes Jahr mehrere Tausend Euro zusätzlich anlegen.
Der Verbraucherzentrale Bundesverband kritisierte diese Regelung bereits bei der Anhörung im Finanzausschuss am 5. Oktober. Die hohe Grenze für private Zuzahlungen könne bestehende Vermögensungleichheiten noch verstärken.
Der Einwand richtet sich nicht grundsätzlich gegen die Möglichkeit, Geld für Kinder anzulegen. Entscheidend ist vielmehr, ob ein staatlich gefördertes Vorsorgesystem zur Verringerung sozialer Unterschiede beiträgt oder bestehende Vorteile finanziell leistungsfähiger Familien zusätzlich ausbaut.
Befürworter halten dagegen, dass auch Kinder ohne finanzielle Unterstützung ihrer Eltern erstmals Zugang zu einer langfristigen Kapitalanlage erhalten sollen.
Das ist tatsächlich ein wichtiger Unterschied zur bisherigen Situation. Die staatlichen zehn Euro werden unabhängig von der finanziellen Leistungsfähigkeit der Eltern gewährt.
Ob damit langfristig mehr Chancengleichheit entsteht, hängt jedoch auch davon ab, wie sich die unterschiedlich hohen privaten Einzahlungen über Jahrzehnte entwickeln.
Die Banken bekommen eine neue Kundengeneration
Für die Finanzwirtschaft eröffnet die Frühstartrente ein neues Geschäftsfeld.
Eltern sollen die staatlich geförderten Depots bei privaten Anbietern abschließen können. Die Produkte müssen bestimmte Vorgaben erfüllen, unter anderem zur Kostenbegrenzung und zur Anlage in breit gestreute Aktien beziehungsweise Aktienfonds.
Die Deutsche Kreditwirtschaft begrüßte das Vorhaben bei der parlamentarischen Anhörung ausdrücklich. Sie sieht darin eine Möglichkeit, junge Menschen frühzeitig an langfristigen Vermögensaufbau heranzuführen.
Auch die Versicherungswirtschaft äußerte sich grundsätzlich positiv.
Kritiker sehen darin allerdings nicht nur ein Instrument der Altersvorsorge, sondern auch eine Möglichkeit für Finanzdienstleister, frühzeitig neue Kunden zu gewinnen.
Die Linke sprach während der Bundestagsdebatte von staatlich finanzierter Kundenakquise.
Tatsächlich könnten aus den zunächst für Kinder eröffneten Depots jahrzehntelange Kundenbeziehungen entstehen.
Ob und in welchem Umfang die Anbieter davon wirtschaftlich profitieren, hängt jedoch von den konkreten Vertragsbedingungen, Gebühren und dem späteren Verhalten der Kunden ab.
Die staatlichen Vorgaben sollen überhöhte Kosten begrenzen. Bis zur Volljährigkeit dürfen für die entsprechenden Verträge insbesondere keine Abschluss- und Vertriebskosten erhoben werden.
Was passiert mit Kindern, deren Eltern nichts unternehmen?
Ein wichtiger Bestandteil der Reform soll verhindern, dass Kinder allein deshalb leer ausgehen, weil ihre Eltern keinen Vertrag abschließen.
In diesen Fällen werden die staatlichen Förderbeträge in einer kollektiven Kapitalanlage gesammelt. Für deren Verwaltung ist ein öffentliches Sondervermögen vorgesehen.
Damit soll die Förderung grundsätzlich auch jene Familien erreichen, die sich bisher kaum oder gar nicht mit Aktien und langfristiger Geldanlage beschäftigt haben.
Die Lösung hat allerdings eine Besonderheit: Das angesparte Guthaben muss später in einen individuellen Altersvorsorgevertrag übertragen werden. Dafür gilt nach den vorgesehenen Regelungen eine Frist bis zum 35. Lebensjahr. Erfolgt die Übertragung nicht rechtzeitig, verfällt der entsprechende Anspruch.
Der Bundesrat hat deshalb bereits angeregt, die betroffenen jungen Erwachsenen besonders deutlich auf diese Frist hinzuweisen. Denn ein staatlich aufgebautes Vorsorgevermögen hilft letztlich nur dann, wenn die Berechtigten später auch tatsächlich darüber verfügen können.
Macht ein Aktiendepot Kinder finanziell klüger?
Die Frühstartrente verfolgt noch ein zweites Ziel: Sie soll die Finanzbildung verbessern.
Die Bundesregierung geht davon aus, dass junge Menschen durch eigene Erfahrungen mit Kapitalmarktanlagen besser verstehen lernen, wie langfristiger Vermögensaufbau funktioniert.
Der Ansatz klingt zunächst plausibel. Wer bereits früh beobachten kann, wie sich der Wert eines Depots verändert, erhält einen praktischen Zugang zu wirtschaftlichen Zusammenhängen.
Doch Fachleute bezweifeln, dass der Besitz eines Depots allein ausreicht.
Bei der Bundestagsanhörung betonte die Wirtschaftspädagogin Anja Bonfig, dass Informationen über Finanzprodukte noch keine umfassende finanzielle Bildung darstellen.
Finanzkompetenz umfasst schließlich weit mehr als die Funktionsweise von Aktienfonds. Dazu gehören auch der Umgang mit Schulden, Haushaltsplanung, wirtschaftliche Risiken und die Fähigkeit, kommerzielle Interessen von unabhängigen Informationen zu unterscheiden.
Auch deshalb wird diskutiert, wie die Frühstartrente durch eine unabhängige Finanzbildung begleitet werden könnte.
Ein Depot kann ein praktisches Lerninstrument sein. Ob es tatsächlich zu besseren finanziellen Entscheidungen führt, wird sich erst langfristig beurteilen lassen.
Zehn Euro als Beginn einer größeren Veränderung
Die Frühstartrente ist kein Ersatz für die gesetzliche Rente. Sie soll vielmehr eine zusätzliche private Vorsorge schaffen und junge Menschen frühzeitig mit dem Kapitalmarkt vertraut machen.
Dafür nimmt der Staat erhebliche Mittel in die Hand. Die Bundesregierung kalkuliert für 2027 mit Ausgaben von 198 Millionen Euro. Bis 2030 sollen die jährlichen Kosten auf 411 Millionen Euro steigen.
Die Befürworter sehen darin eine Investition in die finanzielle Zukunft kommender Generationen. Kritiker bezweifeln dagegen, dass eine vergleichsweise geringe monatliche Förderung ausreicht, um strukturelle Unterschiede bei Einkommen und Vermögen wesentlich zu verändern.
Beide Perspektiven berühren einen wichtigen Punkt.
Die neue Frühstartrente kann Kindern eine Form der Altersvorsorge eröffnen, die ihnen ohne staatliche Unterstützung möglicherweise verschlossen geblieben wäre.
Sie kann aber nicht verhindern, dass wohlhabendere Eltern mehr Geld für ihre Kinder zurücklegen können als einkommensschwache Familien.
Und sie erreicht zunächst nicht einmal alle Kinder, die heute noch weit von ihrem Berufsleben entfernt sind.
Damit steht hinter dem Bundestagsbeschluss eine größere wirtschaftspolitische Frage: Wie viel Chancengleichheit kann der Staat mit einem gleichen Startbetrag herstellen, wenn die finanziellen Voraussetzungen der Familien höchst unterschiedlich bleiben?
Die Antwort wird nicht allein von der Rendite der neuen Depots abhängen. Sondern auch davon, ob aus dem staatlichen Zuschuss ein Vorsorgesystem entsteht, das gerade jenen Kindern langfristig hilft, deren Familien selbst nur wenig Vermögen aufbauen können.