Polens Außenminister Radosław Sikorski kritisiert die weitgehend ausgebliebene neue US-Finanzierung der Ukraine.
Von Stefanie S. Klief
Seit Januar 2025 hätten die Vereinigten Staaten keinen Cent mehr für die Verteidigung der Ukraine ausgegeben, erklärt Polens Außenminister Radosław Sikorski. Die Aussage ist zugespitzt, beschreibt aber eine grundlegende Verschiebung: Europa übernimmt zunehmend die Finanzierung, während amerikanische Rüstungsunternehmen weiterhin unverzichtbare Waffen liefern. Besonders deutlich wird diese Abhängigkeit bei Patriot-Abfangraketen, deren weltweite Bestände inzwischen stark geschrumpft sind.
Polens Außenminister widerspricht Trumps Darstellung
Polens Außenminister Radosław Sikorski hat mit einer ungewöhnlich deutlichen Aussage über die Finanzierung der ukrainischen Verteidigung für Aufmerksamkeit gesorgt. In einem Interview mit dem arabischen Nachrichtensender Al Jazeera erklärte er, die Vereinigten Staaten hätten seit Januar 2025 keinen Cent mehr zur Verteidigung der Ukraine und zur Finanzierung des ukrainischen Staates beigetragen. Diese Aufgaben übernehme inzwischen Europa.
Damit widerspricht Sikorski der Darstellung von US-Präsident Donald Trump, der wiederholt auf die umfangreichen amerikanischen Milliardenhilfen für die Ukraine verweist. Beide Aussagen beziehen sich allerdings auf unterschiedliche Zeiträume und Finanzierungsformen.
Tatsächlich haben die Vereinigten Staaten seit Beginn des russischen Angriffskrieges erhebliche Summen zur Unterstützung der Ukraine bereitgestellt. Der Großteil dieser Hilfen wurde jedoch während der Präsidentschaft von Joe Biden bewilligt. Seit Trumps erneuter Amtsübernahme im Januar 2025 hat sich die amerikanische Finanzierungspolitik grundlegend verändert.
Sikorskis Aussage, seit Januar 2025 sei überhaupt kein amerikanisches Geld mehr geflossen, ist in dieser Absolutheit nicht durch die öffentlich verfügbaren Statistiken belegt. Neue Hilfszusagen, Ausgaben aus früheren Bewilligungen und von europäischen Staaten finanzierte amerikanische Waffenlieferungen müssen voneinander unterschieden werden.
An der grundlegenden Verschiebung der finanziellen Lasten besteht hingegen kaum Zweifel.
Die letzten großen Zusagen kamen unter Biden
Am 9. Januar 2025 kündigte das amerikanische Verteidigungsministerium ein weiteres Militärhilfepaket im Wert von rund 500 Millionen Dollar an. Dazu gehörten unter anderem Luftabwehrraketen, Munition für Luft-Boden-Einsätze sowie Ausrüstung für ukrainische F-16-Kampfflugzeuge.
Das Paket wurde noch unter Präsident Joe Biden beschlossen, elf Tage bevor Donald Trump erneut ins Weiße Haus einzog. Seitdem wurden die direkten amerikanischen Hilfszusagen weitgehend eingestellt.
Das Kiel Institut für Weltwirtschaft dokumentierte bereits im Frühjahr 2025, dass seit Trumps Amtsübernahme keine neuen amerikanischen Militär-, Finanz- oder humanitären Hilfen mehr erfasst worden waren.
Für das Gesamtjahr 2025 stellte das Institut einen praktisch vollständigen Rückzug der USA als neuer Geldgeber fest. Zugleich erhöhten europäische Staaten ihre Unterstützung erheblich.
Die europäischen Militärhilfen lagen 2025 nach Berechnungen der Kieler Forscher um 67 Prozent über dem Jahresdurchschnitt von 2022 bis 2024. Die nichtmilitärischen Hilfen stiegen um 59 Prozent.
Diese Zahlen erfassen neu zugewiesene Unterstützung, nicht sämtliche tatsächlichen Zahlungen oder Lieferungen eines Kalenderjahres. Bei militärischen Hilfen können zwischen einer politischen Zusage, der Bestellung entsprechender Ausrüstung und ihrer tatsächlichen Übergabe Monate oder Jahre liegen. Deshalb ist es möglich, dass weiterhin amerikanische Waffen aus früher finanzierten Programmen geliefert werden, obwohl Washington keine vergleichbaren neuen Hilfspakete mehr beschließt.
Europa bezahlt, Amerika liefert
Besonders sichtbar wird die veränderte Finanzierung am sogenannten PURL-Mechanismus der NATO. Die Abkürzung steht für Prioritised Ukraine Requirements List. Über dieses Verfahren werden besonders dringende militärische Bedürfnisse der Ukraine ermittelt und mit verfügbaren amerikanischen Waffensystemen abgeglichen.
Anschließend finanzieren europäische NATO-Staaten, Kanada und weitere beteiligte Partner entsprechende Beschaffungen. Die Vereinigten Staaten stellen die Waffen bereit, während die NATO die Abwicklung und Lieferung koordiniert.
Der Mechanismus ist eine Antwort auf eine grundlegende Lücke in der europäischen Verteidigungsindustrie: Bestimmte amerikanische Waffensysteme sind kurzfristig nicht in ausreichender Menge durch europäische Produkte ersetzbar.
Am 8. September erklärte NATO-Generalsekretär Mark Rutte, die Verbündeten hätten innerhalb eines Jahres mehr als zehn Milliarden Dollar für PURL und weitere amerikanische Rüstungsgeschäfte zugunsten der Ukraine bereitgestellt. Darin enthalten seien auch 3,5 Milliarden Dollar aus dem europäischen Ukraine-Unterstützungsdarlehen.
Diese Summe beschreibt die Finanzierungszusagen für beide Beschaffungswege zusammen. Sie ist nicht mit dem Wert bereits ausgelieferter Waffen oder dem unmittelbaren Umsatz einzelner Hersteller gleichzusetzen.
Die Konstruktion verdeutlicht dennoch eine bemerkenswerte wirtschaftliche Entwicklung: Europa trägt zunehmend die Rechnung, während ein wesentlicher Teil der bestellten militärischen Güter weiterhin aus amerikanischer Produktion stammt.
Damit fließen europäische Verteidigungsausgaben zugleich in die amerikanische Rüstungsindustrie.
Patriot-Raketen werden zum entscheidenden Engpass
Die Grenzen dieses Modells zeigen sich besonders deutlich beim amerikanischen Luftabwehrsystem Patriot.
Die Ukraine benötigt dessen Abfangraketen vor allem zur Verteidigung gegen russische ballistische Raketen. Solche Angriffe lassen sich wegen ihrer hohen Geschwindigkeit und Flugbahn nicht mit jeder gewöhnlichen Flugabwehrwaffe bekämpfen. Doch die weltweit verfügbaren Patriot-Bestände sind durch den Krieg in der Ukraine und die militärischen Auseinandersetzungen im Nahen Osten stark geschrumpft.
Die Washington Post berichtete am 15. Oktober unter Berufung auf ukrainische Regierungsvertreter, dass die ukrainischen Bestände an Patriot-Abfangraketen inzwischen nahezu aufgebraucht seien.
Ein Beamter erklärte anonym, Anfang Oktober seien nur noch zehn entsprechende Raketen vorhanden gewesen. Diese seien während späterer Angriffe weitgehend eingesetzt worden. Eine zweite informierte Person beschrieb die Vorräte sogar als erschöpft.
Die Angaben lassen sich wegen der Geheimhaltung militärischer Lagerbestände nicht unabhängig bestätigen.
Ein hochrangiger NATO-Vertreter erklärte der Zeitung hingegen, der PURL-Mechanismus funktioniere weiterhin und Patriot-Munition werde nach wie vor geliefert.
Diese Aussagen müssen sich nicht vollständig widersprechen. Auch fortgesetzte Lieferungen können unzureichend sein, wenn die Ukraine bei der Abwehr russischer Angriffe mehr Raketen verbraucht, als kurzfristig nachgeliefert werden.
Hinzu kommt, dass die Bestände vieler NATO-Staaten selbst begrenzt sind und sie ihre eigene Verteidigungsfähigkeit aufrechterhalten müssen.
Eine einzige Abfangrakete kostet mehrere Millionen Dollar
Patriot ist nicht nur militärisch anspruchsvoll, sondern auch ausgesprochen teuer.
Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters und Berechnungen des amerikanischen Center for Strategic and International Studies kostet eine neu produzierte Patriot-Batterie einschließlich der zugehörigen Raketen mehr als eine Milliarde Dollar.
Für einen modernen PAC-3-Abfangflugkörper werden Kosten zwischen vier und fünf Millionen Dollar veranschlagt. Die genauen Preise hängen von Ausführung, Vertragsumfang und Beschaffungsbedingungen ab.
Das System selbst wird von RTX beziehungsweise dessen Tochterunternehmen Raytheon hergestellt. Die besonders leistungsfähigen PAC-3-MSE-Abfangraketen stammen von Lockheed Martin.
Beide Konzerne gehören zu den bedeutenden amerikanischen Rüstungsunternehmen. Der hohe Preis bedeutet jedoch nicht, dass sich der Bedarf beliebig über zusätzliche Finanzmittel decken ließe.
Eine Abfangrakete muss zunächst produziert werden. Dafür benötigt der Hersteller unter anderem hoch spezialisierte Komponenten, elektronische Steuerungssysteme, Triebwerke und geeignete Produktionsanlagen.
Der Aufbau neuer Fertigungskapazitäten erfordert hohe Investitionen und Zeit. Nach Angaben der Washington Post kann die Herstellung neuer Patriot-Abfangraketen je nach Beschaffung und Produktionsablauf bis zu 36 Monate beanspruchen.
Für die Ukraine entsteht dadurch ein Problem, das sich kurzfristig selbst mit ausreichend europäischen Milliarden nicht vollständig lösen lässt. Geld kann neue Waffen finanzieren. Es kann jedoch nicht garantieren, dass die benötigten Waffen bereits vorhanden sind.
Der Rüstungsmarkt wächst – die Lieferfähigkeit hinkt hinterher
Die amerikanische Rüstungsindustrie arbeitet daran, ihre Produktionskapazitäten erheblich auszuweiten. Lockheed Martin erhielt im Sommer einen langfristig angelegten Auftrag mit einem möglichen Gesamtvolumen von bis zu 58,6 Milliarden Dollar für Patriot-Abfangraketen.
Das Vertragsvolumen ist allerdings nicht mit bereits realisierten Umsätzen gleichzusetzen. Auch sagt die Höhe eines solchen Auftrags allein noch nichts darüber aus, wie viele Raketen kurzfristig tatsächlich zur Verfügung stehen.
Die Nachfrage nach moderner Luftverteidigung wächst gleichzeitig in mehreren Weltregionen. Neben der Ukraine benötigen die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten im Nahen Osten große Mengen an Abfangmunition. Europäische NATO-Staaten verstärken zudem ihre eigenen Luftverteidigungssysteme.
Die Nachfrage konkurriert damit um begrenzte industrielle Produktionskapazitäten. Für Rüstungsunternehmen können sich daraus langfristig hohe Auftragseingänge ergeben. Für die Streitkräfte entstehen dagegen Wartezeiten, die sich gerade während laufender militärischer Angriffe als problematisch erweisen.
Auch die NATO fordert deshalb ihre Mitgliedstaaten dazu auf, vorhandene Abfangraketen aus nationalen Beständen abzugeben und die Hersteller beim Ausbau ihrer Produktion zu unterstützen.
Die Entscheidung, welche Bestände für die eigene Verteidigung benötigt und welche an die Ukraine abgegeben werden können, bleibt dabei eine politische und militärische Abwägung.
Europa trägt die Kosten, aber nicht alle Entscheidungen
Mit der Finanzierung amerikanischer Waffenkäufe gewinnt Europa nicht automatisch die vollständige Kontrolle über deren Verfügbarkeit.
Die Vereinigten Staaten verfügen weiterhin über wesentliche Produktionskapazitäten, staatliche Beschaffungsprogramme und die rechtlichen Entscheidungsbefugnisse für den Verkauf und die Weitergabe vieler amerikanischer Rüstungsgüter.
Nach einem Bericht der Financial Times soll die amerikanische Regierung europäischen Partnern zuletzt sogar mit Einschränkungen beim PURL-Mechanismus und bei der Weitergabe von Geheimdienstinformationen gedroht haben. Hintergrund war demnach der amerikanische Druck auf die Ukraine, Angriffe gegen russische Ölraffinerien einzustellen.
Reuters berichtete am 11. Oktober über diese Darstellung, konnte sie jedoch nicht unabhängig bestätigen. Eine offizielle Bestätigung aus dem Weißen Haus lag zunächst nicht vor.
Auch unabhängig davon ist die strukturelle Abhängigkeit erkennbar. Wenn ein Staat dringend auf bestimmte Waffensysteme angewiesen ist, deren Produktion und Ausfuhr von einem anderen Staat kontrolliert werden, genügt eine gesicherte Finanzierung allein nicht, um die Versorgung dauerhaft zu gewährleisten.
Diese Problematik betrifft nicht ausschließlich Patriot-Raketen. Sie stellt sich auch bei bestimmten Aufklärungssystemen, militärischer Satellitenkommunikation und weiteren amerikanischen Technologien.
Die aktuelle Diskussion über Einschränkungen des Satellitensystems Starshield verdeutlicht zusätzlich, wie wichtig nicht nur die Lieferung, sondern auch die dauerhafte Nutzbarkeit militärischer Infrastruktur ist.
Warum Europa seine Rüstungsproduktion ausbauen will
Für europäische Staaten entsteht aus dieser Entwicklung ein doppelter wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Handlungsdruck.
Einerseits muss die Ukraine kurzfristig mit den bereits verfügbaren amerikanischen Systemen unterstützt werden.
Andererseits soll die europäische Industrie mittelfristig mehr kritische Fähigkeiten selbst bereitstellen können.
Das betrifft nicht nur komplette Luftabwehrsysteme, sondern auch Abfangmunition, Radartechnik, elektronische Komponenten und die Fähigkeit zur Wartung und Instandsetzung.
Eine stärkere europäische Produktion würde die Abhängigkeit von amerikanischen Lieferentscheidungen verringern und könnte gleichzeitig zusätzliche industrielle Wertschöpfung in Europa schaffen.
Allerdings lassen sich entsprechende Kapazitäten nicht innerhalb weniger Monate aufbauen. Für Unternehmen sind langfristige Bestellzusagen erforderlich, bevor sich Investitionen in zusätzliche Produktionsanlagen und qualifiziertes Personal wirtschaftlich rechnen. Auch bei europäischen Herstellern sind die verfügbaren Kapazitäten begrenzt. Eine vollständige und kurzfristige Ersetzung amerikanischer Systeme ist deshalb keine realistische Lösung für die gegenwärtige Verteidigungslage der Ukraine.
Hinzu kommt, dass parallele nationale Beschaffungsprogramme die Herstellung verteuern können, wenn technische Standards, Produktionsaufträge und Zulieferketten nicht ausreichend abgestimmt werden. Die wirtschaftliche Herausforderung besteht folglich nicht allein darin, mehr Geld auszugeben, sondern die europäischen Verteidigungsausgaben so zu organisieren, dass daraus tatsächlich zusätzliche Lieferfähigkeit entsteht.
Die gegenwärtige Entwicklung macht einen grundlegenden Unterschied sichtbar: Europa kann immer größere Teile der Rechnung übernehmen. Die vollständige Kontrolle über die dafür benötigte militärische Ausstattung erhält es dadurch noch nicht.