Empfang mit militärischen Ehren in der Londoner Downing Street: Großbritannien demonstriert seine Unterstützung für den Präsidenten der Ukraine.
Militärische Ehrenwache in der Downing Street, eine Audienz bei König Charles III. und neue Zusagen für die Luftverteidigung: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj wurde in London demonstrativ unterstützt. Doch hinter dem diplomatischen Empfang steht eine ernste strategische Frage. Während US-Präsident Donald Trump wirtschaftliche Vereinbarungen mit Russland trifft und Selenskyj offen kritisiert, muss die Ukraine ihre Verteidigung gegen immer neue russische Angriffe sichern. Großbritannien verspricht zusätzliche Hilfe – kann die Vereinigten Staaten aber nur begrenzt ersetzen.
Empfang in London nach einer weiteren Nacht russischer Angriffe
Als Wolodymyr Selenskyj am Mittwoch, dem 14. Oktober, in London eintraf, lag erneut eine Nacht schwerer russischer Angriffe hinter der Ukraine. Raketen und Drohnen hatten Energieanlagen und weitere Infrastruktur getroffen. Hunderttausende Menschen waren zeitweise ohne Strom.
In Großbritannien erwartete den ukrainischen Präsidenten ein ganz anderes Bild. Zunächst wurde er von König Charles III. im Buckingham-Palast empfangen. Die etwa 25-minütige Audienz war vor allem ein diplomatisches Zeichen. Das britische Königshaus hat der Ukraine seit Beginn der russischen Vollinvasion wiederholt öffentlich Solidarität bekundet.
Anschließend traf Selenskyj Premierminister Andy Burnham in der Londoner Downing Street. Vor dem Regierungssitz wurde er mit einer militärischen Ehrenwache begrüßt.
Die demonstrative Unterstützung erinnerte an einen früheren London-Besuch im Februar 2025. Damals hatte Selenskyj nach seinem öffentlichen Streit mit Donald Trump und US-Vizepräsident JD Vance im Weißen Haus ebenfalls in Großbritannien Rückhalt gesucht.
Der diesjährige Besuch fand unter anderen politischen Vorzeichen statt, doch die grundsätzliche Herausforderung ist ähnlich geblieben: Die Ukraine benötigt verlässliche militärische Hilfe, während das Verhältnis zur amerikanischen Regierung erneut schwer belastet ist.
Burnham, der das Amt des britischen Premierministers erst im Juli übernommen hatte, stellte sich demonstrativ an Selenskyjs Seite.
Die britische Unterstützung werde sich nicht ändern, versicherte er. Zugleich kündigte er an, seine Regierung werde zusätzliche Möglichkeiten prüfen, die Ukraine militärisch und finanziell zu unterstützen.
45 Millionen Pfund für die Luftverteidigung
Das wichtigste konkrete Ergebnis der Gespräche betrifft die ukrainische Flugabwehr. Großbritannien kündigte ein Raketenpaket im Wert von 45 Millionen Pfund an. Davon sollen Lieferungen im Wert von zehn Millionen Pfund beschleunigt werden, um den besonders dringenden Bedarf vor dem Winter zu decken.
Im Mittelpunkt stehen britische Lightweight Multirole Missiles, kurz LMM. Diese leichten Mehrzweckraketen können unter anderem zur Bekämpfung unbemannter Fluggeräte eingesetzt werden.
Hintergrund ist der veränderte russische Drohneneinsatz.
Neben herkömmlichen Drohnen mit Propellerantrieb verwendet Russland zunehmend schnellere Flugkörper mit Strahltriebwerken. Sie können mit höheren Geschwindigkeiten und in größeren Höhen operieren und stellen die ukrainische Luftverteidigung damit vor zusätzliche Herausforderungen.
Großbritannien hatte bereits zugesagt, über einen Zeitraum von vier Jahren mehr als 5.000 LMM-Raketen im Wert von 1,6 Milliarden Pfund bereitzustellen. Die nun angekündigte Unterstützung ist deshalb auch als Beschleunigung bestehender Lieferprogramme zu verstehen. Es wäre irreführend, sämtliche Beträge als vollständig neue Zusagen zu addieren.
Bei den Gesprächen ging es außerdem um Möglichkeiten, britische Technik in Waffensysteme anderer Partnerländer zu integrieren. London will damit unterschiedliche vorhandene Ausrüstung für die ukrainische Verteidigung nutzbar machen.
Auch die Versorgung mit weiter reichenden Raketen wurde besprochen. Eine zusätzliche konkrete Stückzahl solcher Systeme wurde nach den offiziellen Mitteilungen allerdings nicht vereinbart.
Warum der Winter über die militärische Bedeutung hinausgeht
Der Zeitpunkt des London-Besuchs ist nicht zufällig.
Russland greift seit Beginn des Krieges wiederholt ukrainische Kraftwerke, Umspannwerke, Stromleitungen und andere Versorgungsanlagen an. Mit sinkenden Temperaturen gewinnt deren Funktionsfähigkeit zusätzlich an Bedeutung.
Nach britischen Regierungsangaben wurden zwischen dem 5. und 11. Oktober mehr als 200 Angriffe auf ukrainische Stromversorgungsanlagen sowie weitere 17 Angriffe auf Öl- und Gaseinrichtungen registriert.
Die jüngsten massiven Attacken führten dazu, dass rund 600.000 Menschen zeitweise ohne Strom auskommen mussten. Eine beschädigte Energieversorgung betrifft nicht nur private Haushalte. Krankenhäuser, Wasserwerke, Industrieanlagen, Telekommunikation und das Verkehrssystem benötigen ebenfalls zuverlässige Elektrizität.
Für Unternehmen entstehen Produktionsausfälle und zusätzliche Kosten durch Notstromversorgung. Reparaturen erfordern Materialien, qualifizierte Arbeitskräfte und finanzielle Mittel, die unter Kriegsbedingungen ohnehin knapp sind.
Großbritannien hat deshalb auch die Unterstützung für die ukrainische Energieinfrastruktur verstärkt. Heute kündigte die britische Regierung weitere 17 Millionen Pfund für Reparaturen an der Schutzhülle des stillgelegten Kernkraftwerks Tschernobyl an. Die Konstruktion war im vergangenen Jahr durch einen russischen Drohnenangriff beschädigt worden.
Die Mittel sollen im Rahmen eines internationalen Programms bereitgestellt werden, das von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung koordiniert wird. Bereits in der Vorwoche hatte London weitere 54 Millionen Pfund Winterhilfe angekündigt, darunter 20 Millionen Pfund zur Unterstützung der Energieversorgung.
Damit geht die britische Hilfe über die Lieferung von Waffen hinaus. Es geht zugleich darum, die wirtschaftliche und zivile Funktionsfähigkeit des Landes unter fortgesetzten Angriffen zu erhalten.
Starlink offenbart eine besonders gefährliche Abhängigkeit
Während London neue Unterstützung zusagte, beschäftigte Selenskyj ein Problem, das Großbritannien nicht kurzfristig lösen kann: die Abhängigkeit der Ukraine von amerikanischer Satellitenkommunikation.
Kurz vor seiner London-Reise berichteten ukrainische Stellen über Einschränkungen bei Starlink-Diensten des Unternehmens SpaceX.
Betroffen waren nach übereinstimmenden Berichten insbesondere militärisch genutzte Kommunikationsmöglichkeiten, darunter Systeme für die Steuerung von Drohnen.
In der modernen Kriegsführung sind solche Verbindungen weit mehr als eine technische Ergänzung. Unbemannte Fluggeräte können über Satellitenkommunikation gesteuert, mit Lageinformationen versorgt oder in koordinierte Einsätze eingebunden werden.
Fallen entsprechende Verbindungen aus oder werden sie eingeschränkt, kann das militärische Operationen unmittelbar beeinträchtigen. Die Ukraine berichtete insbesondere über Schwierigkeiten bei Drohneneinsätzen zur Aufklärung und Abwehr russischer Flugkörper.
Nach Angaben aus dem ukrainischen Militärumfeld waren Geschwindigkeitsbeschränkungen bei der militärisch genutzten Starshield-Technik eingeführt worden. Die genauen Hintergründe dieser Maßnahmen sind nicht vollständig geklärt.
Elon Musk verwies darauf, dass die militärische Nutzung entsprechender Systeme unter amerikanischer staatlicher Kontrolle stehe. Ukrainische Vertreter vermuten einen politischen Zusammenhang mit den jüngsten Spannungen zwischen Washington und Kiew. Ein solcher Zusammenhang ist allerdings bislang nicht unabhängig nachgewiesen.
Das Problem reicht über den konkreten Streit hinaus.
Die Ukraine hat während des Krieges erhebliche militärische Fähigkeiten aufgebaut, ist bei einzelnen entscheidenden Technologien aber weiterhin auf ausländische Unternehmen und Regierungen angewiesen.
Diese Abhängigkeit lässt sich nicht allein durch zusätzliche europäische Finanzhilfen beseitigen.
Auch beim Austausch von Geheimdienstinformationen wachsen die Zweifel
Ähnliche Unsicherheit herrscht über die amerikanische Unterstützung durch Geheimdienstinformationen.
Selenskyj kritisierte, dass die Ukraine vor jüngsten russischen Raketenangriffen nicht rechtzeitig entsprechende Warnungen von ihren Partnern erhalten habe.
Solche Informationen können für die Verteidigung von erheblichem Wert sein. Frühzeitige Hinweise auf bevorstehende Angriffe ermöglichen es, Luftabwehrsysteme vorzubereiten, Schutzmaßnahmen einzuleiten und gefährdete Einrichtungen zu warnen.
Die ukrainische Führung befürchtet deshalb, dass Einschränkungen bei der Informationsweitergabe unmittelbar Menschenleben gefährden könnten.
Trump widersprach allerdings der Darstellung, Washington habe die Zusammenarbeit eingestellt. Die USA würden weiterhin Geheimdienstinformationen mit der Ukraine teilen, erklärte er am 13. Oktober.
Auch NATO-Generalsekretär Mark Rutte und Vertreter der Europäischen Union verwiesen darauf, dass ihnen keine Anhaltspunkte für eine vollständige Einstellung des Informationsaustauschs vorlägen.
Damit muss zwischen mehreren Fragen unterschieden werden.
Dass Kiew bei einzelnen Angriffen keine frühzeitigen Warnungen erhielt, bedeutet nicht automatisch, dass sämtliche amerikanischen Geheimdienstinformationen zurückgehalten werden. Ebenso wenig schließt eine fortgesetzte Zusammenarbeit aus, dass bestimmte Daten verspätet, eingeschränkt oder gar nicht übermittelt werden.
Der tatsächliche Umfang der amerikanischen Unterstützung lässt sich anhand öffentlich zugänglicher Informationen nicht vollständig beurteilen.
Für die Ukraine entsteht bereits durch diese Unsicherheit ein militärisches Planungsproblem.
Der Diesel-Deal mit Putin belastet das Verhältnis zusätzlich
Der politische Hintergrund des London-Besuchs liegt vor allem in einer neuen Vereinbarung zwischen Donald Trump und dem russischen Präsidenten Wladimir Putin.
Trump hatte angekündigt, Russland werde mehr als 300.000 Tonnen Diesel für den internationalen Markt bereitstellen. Dafür sollten amerikanische Sanktionen vorübergehend gelockert werden.
Washington begründet seine Bemühungen mit der Entlastung der Energiemärkte und dem Ziel, die Kraftstoffpreise zu senken.
Trump stellte später klar, dass der Diesel nicht unmittelbar für die Vereinigten Staaten bestimmt sei, sondern dem Weltmarkt zur Verfügung gestellt werden solle.
Für Selenskyj ist die Vereinbarung dennoch ein gravierendes politisches Signal. Die Ukraine versucht gemeinsam mit ihren europäischen Partnern seit Jahren, Russlands Einnahmen aus dem Export fossiler Energieträger zu begrenzen. Diese Einnahmen tragen zur Finanzierung des russischen Staatshaushalts bei, aus dem auch die Kriegsausgaben bestritten werden.
Eine Lockerung von Sanktionen kann deshalb aus ukrainischer Sicht den wirtschaftlichen Druck auf Moskau verringern.
Wie groß dieser Effekt im konkreten Fall tatsächlich ausfällt, hängt unter anderem von den vereinbarten Mengen, Preisen und bisherigen Absatzmöglichkeiten ab. Die angekündigten 300.000 Tonnen allein erlauben noch keine belastbare Aussage über zusätzliche russische Staatseinnahmen.
Der politische Konflikt verschärfte sich, nachdem Selenskyj die Vereinbarung kritisiert hatte.
Trump erklärte daraufhin öffentlich, die Ukraine benötige einen neuen Präsidenten. Er warf Selenskyj zudem vor, Chancen zur Beendigung des Krieges nicht genutzt zu haben.
Der ukrainische Präsident reagierte ungewöhnlich deutlich.
In einem Interview mit dem britischen Journalisten Piers Morgan bestätigte er, sich durch das Verhalten der amerikanischen Führung verraten zu fühlen. Zugleich betonte er, es gehe nicht in erster Linie um persönliche Gefühle, sondern um das Überleben seines Landes.
Die Ukraine wolle ihr Land nicht verkaufen, erklärte Selenskyj. Eine neutrale Haltung Washingtons könne er akzeptieren. Eine einseitige Unterstützung russischer Interessen hingegen nicht.
London setzt auf wirtschaftlichen Druck gegen Russland
Großbritannien verfolgt in der Energiepolitik gegenüber Moskau einen anderen Ansatz als die amerikanische Regierung bei ihrem jüngsten Diesel-Abkommen.
London hält an dem Vorhaben fest, russische Flüssiggasexporte durch Einschränkungen bei maritimen Dienstleistungen zusätzlich unter Druck zu setzen.
Dabei geht es nicht nur um den direkten Import russischer Energieträger.
Die britische Wirtschaft besitzt eine bedeutende Stellung im internationalen Schifffahrts- und Versicherungswesen. Gerade beim Transport großer Energiemengen spielen Finanzierung, Transportversicherungen und weitere maritime Dienstleistungen eine wichtige Rolle.
Werden solche Leistungen für russische LNG-Exporte eingeschränkt, kann das den internationalen Handel verteuern und erschweren.
Die britische Regierung will ein entsprechendes Verbot vollständig umsetzen und andere Staaten dafür gewinnen, vergleichbare Maßnahmen einzuführen.
Entscheidend wird allerdings sein, wie umfassend solche Einschränkungen international durchgesetzt werden. Werden Dienstleistungen über andere Länder angeboten, können russische Exporteure versuchen, bestehende Beschränkungen zu umgehen.
Das zeigt die wirtschaftliche Dimension der europäischen Unterstützung für die Ukraine.
Während die militärische Hilfe darauf abzielt, Angriffe abzuwehren, sollen Sanktionen Russlands Möglichkeiten begrenzen, seinen Krieg langfristig zu finanzieren. Beide Instrumente entfalten ihre Wirkung jedoch unter unterschiedlichen Voraussetzungen und nicht zwangsläufig im gleichen Zeitraum.
Großbritannien will die Verbindung zu Washington erhalten
Trotz der wachsenden Differenzen zwischen der Ukraine und den USA setzt die britische Regierung nicht auf eine vollständige Abkehr von Washington.
Premierminister Burnham hat angekündigt, sich um eine Verbesserung des Verhältnisses zwischen Trump und Selenskyj bemühen zu wollen.
Dahinter steht eine nüchterne strategische Überlegung.
Die Vereinigten Staaten verfügen über Fähigkeiten, die europäische Partner bislang nicht kurzfristig im gleichen Umfang bereitstellen können. Dazu gehören bestimmte Luftverteidigungssysteme, Satelliten- und Aufklärungstechnologien sowie umfangreiche militärische Produktions- und Logistikkapazitäten.
Europa kann zusätzliche Raketen liefern, bestehende Waffensysteme modernisieren und die Finanzierung der ukrainischen Verteidigung verstärken.
Es kann dadurch einzelne amerikanische Beiträge ergänzen oder teilweise ersetzen. Eine vollständige Ablösung der USA würde jedoch deutlich weiterreichende Investitionen, neue Produktionskapazitäten und zusätzliche technologische Fähigkeiten voraussetzen.
Die Ukraine ist deshalb weiterhin darauf angewiesen, ihre europäischen Partnerschaften auszubauen, ohne die Verbindung zu Washington vollständig zu verlieren.
Für London entsteht daraus eine doppelte Aufgabe: Großbritannien will der Ukraine unmittelbar helfen und gleichzeitig den politischen Kontakt zwischen Kiew und der amerikanischen Regierung stabilisieren.
Was der Besuch tatsächlich verändert hat
Selenskyj verließ London mit erneuerten britischen Unterstützungszusagen und der Aussicht auf beschleunigte Luftabwehrlieferungen.
Auch diplomatisch war der Empfang bedeutend. Die Audienz bei König Charles III. und der demonstrative Schulterschluss mit Premierminister Burnham zeigten, dass Großbritannien seine Unterstützung trotz der Spannungen zwischen Washington und Kiew fortsetzen will.
Die schwierigsten Fragen blieben jedoch offen.
Weder wurde die Unsicherheit über die amerikanische Weitergabe von Geheimdienstinformationen ausgeräumt, noch konnten die Einschränkungen bei der militärischen Satellitenkommunikation abschließend geklärt werden.
Auch der Streit über die amerikanische Russlandpolitik besteht fort.
Damit steht der London-Besuch für eine Entwicklung, die über die aktuellen Beziehungen zwischen Trump und Selenskyj hinausreicht.
Die europäischen Staaten müssen nicht nur entscheiden, wie viel Geld und militärische Ausrüstung sie der Ukraine zusätzlich zur Verfügung stellen wollen. Sie müssen auch prüfen, welche sicherheitsrelevanten Fähigkeiten künftig stärker unter eigener Kontrolle stehen sollen.
Denn die Verlässlichkeit eines Bündnisses hängt nicht ausschließlich davon ab, welche Unterstützung politisch zugesagt wird. Ebenso wichtig ist, ob die dafür notwendigen Technologien, Lieferketten und Produktionskapazitäten tatsächlich verfügbar bleiben.
Großbritannien hat in London seine Bereitschaft bekräftigt, mehr Verantwortung zu übernehmen.
Wie weit Europa insgesamt gehen kann, entscheidet sich jedoch weniger an diplomatischen Empfängen als an der Geschwindigkeit, mit der aus politischen Zusagen dauerhaft verfügbare militärische und wirtschaftliche Fähigkeiten werden.
Stefanie S. Klief