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Bundeskanzler Merz attackiert hohen Krankenstand

Debatte über Arbeitsbereitschaft entflammt

2 Min.

19.01.2026

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) hat den hohen Krankenstand in Deutschland öffentlich kritisiert und damit eine politische Debatte über Arbeitszeiten, Arbeitsbereitschaft und Anreize zur Erwerbstätigkeit ausgelöst. Bei einer Wahlkampfveranstaltung in Bad Rappenau betonte Merz, dass die durchschnittlichen 14,5 Krankentage pro Beschäftigtem und Jahr, was fast drei Arbeitswochen entspreche, aus seiner Sicht zu hoch seien. »Das sind fast drei Wochen, in denen die Menschen in Deutschland aus Krankheitsgründen nicht arbeiten. Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?« sagte er laut RND.

Merz nahm insbesondere die seit 2021 geltende Möglichkeit der telefonischen Krankschreibung ins Visier, die seiner Ansicht nach heute nicht mehr zeitgemäß sei: »Während der Coronazeit begründet richtig, heute immer noch?«, fragte der Kanzler und kündigte Gespräche mit dem Koalitionspartner SPD über mögliche Änderungen an. Die Union fordert bereits seit längerem eine Abschaffung dieser Regelung, um Missbrauch zu vermeiden und die Arbeitsleistung zu erhöhen.

Die Äußerungen stießen auf kritische Reaktionen aus der politischen Opposition und von Sozialpolitikern: Die Vorsitzende des Gesundheitsausschusses im Bundestag wies Merz’ Vorwürfe zurück und verwies darauf, dass viele Beschäftigte bis an ihre Belastungsgrenzen arbeiteten, bevor sie ausfielen, insbesondere in Sektoren mit hoher körperlicher und psychischer Beanspruchung. Sie forderte stattdessen mehr präventive Maßnahmen und betonte, dass die Ursachen für Fehlzeiten häufig in Arbeitsbedingungen und nicht im persönlichen Verhalten liegen.

Zahlen des Statistischen Bundesamts und verschiedener Krankenkassen zeigen, dass der Krankenstand seit den 2000er-Jahren tendenziell gestiegen ist und 2024 bei rund 14,8 Tagen pro Beschäftigtem lag, teils beeinflusst durch verbesserte Erfassungsmethoden wie die elektronische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung. Eine Studie der AOK ergab zudem, dass die telefonische Krankschreibung keinen belegten Anstieg von Fehlzeiten verursacht, sondern eher zu einer höheren Datengenauigkeit geführt habe.

Merz’ Kritik reiht sich ein in eine breitere Diskussion über Produktivität, Arbeitsleistung und Demografie in Deutschland, die seit seinem Amtsantritt verstärkt geführt wird. Wirtschaftsverbände und Unternehmen monieren seit längerem, dass relative Arbeitszeitniveaus und Fehlzeiten die Wettbewerbsfähigkeit dämpfen könnten. Gleichzeitig betonen Gewerkschaften und Sozialverbände, dass Arbeitsbedingungen, Prävention und Gesundheitsschutz zentrale Ansatzpunkte für eine nachhaltige Senkung des Krankenstands sein sollten.

SK

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