Eine gemeinsame Zeitbasis verbindet die Finanzmärkte rund um den Globus. Die Abschaffung der Schaltsekunden ab Mai 2027 soll technische Risiken für Börsen, Banken und den internationalen Zahlungsverkehr verringern.
Von Stefanie S. Klief
Eine Sekunde ist für Menschen kaum der Rede wert. An den internationalen Finanzmärkten kann sie jedoch erhebliche Bedeutung haben. Börsenaufträge werden im Bruchteil einer Sekunde ausgeführt, Zahlungen elektronisch abgewickelt und Transaktionen mit präzisen Zeitstempeln dokumentiert. Mit der Abschaffung der Schaltsekunde zum 20. Mai 2027 beseitigt die internationale Gemeinschaft eine technische Fehlerquelle, die Börsen und Banken seit Jahrzehnten beschäftigt. Welche wirtschaftliche Bedeutung dahintersteht, zeigt ein Blick auf frühere Computerstörungen und die strengen europäischen Vorgaben für den Wertpapierhandel.
Warum eine Sekunde die Finanzmärkte beschäftigt
Die Generalkonferenz für Maß und Gewicht hat am 15. Oktober 2026 beschlossen, die internationale Zeitmessung grundlegend zu vereinfachen. Ab dem 20. Mai 2027 soll die koordinierte Weltzeit UTC ohne zusätzliche oder wegfallende Schaltsekunden auskommen.
Die Entscheidung ist keine gewöhnliche Zeitumstellung. Weder verändert sie die Handelszeiten der Börsen noch führt sie zu einer neuen Zeitzone.
Vielmehr beendet sie ein seit 1972 verwendetes Verfahren, mit dem die auf Atomuhren beruhende Weltzeit an die unregelmäßige Drehung der Erde angepasst wurde. Bislang konnten einzelne Minuten dadurch ausnahmsweise 61 Sekunden dauern. Künftig soll die Weltzeit ohne derartige Sprünge verlaufen.
Für die Finanzwirtschaft ist das eine wichtige technische Veränderung.
Denn elektronische Handelssysteme, Clearingstellen und Banken müssen sicherstellen, dass ihre Transaktionen korrekt zeitlich eingeordnet werden können. Je stärker diese Prozesse automatisiert sind, desto größer wird die Bedeutung einer überall einheitlichen Zeitbasis.
An der Börse zählen Mikrosekunden
Besonders deutlich wird das im Hochfrequenzhandel.
Hier entscheiden Computerprogramme innerhalb kürzester Zeit über den Kauf und Verkauf von Wertpapieren. Eine große Zahl von Aufträgen kann in Bruchteilen einer Sekunde verarbeitet werden. Damit die zeitliche Reihenfolge der Geschäfte nachvollziehbar bleibt, müssen die beteiligten Systeme ihre Uhren äußerst genau synchronisieren.
Die Europäische Union hat dafür konkrete Anforderungen festgelegt.
Nach der Delegierten Verordnung (EU) 2017/574 dürfen die für hochfrequente algorithmische Handelstechniken verwendeten Geschäftsuhren höchstens 100 Mikrosekunden von der koordinierten Weltzeit abweichen. Die Zeitstempel müssen dabei eine Auflösung von mindestens einer Mikrosekunde ermöglichen.
Eine Mikrosekunde entspricht einem Millionstel einer Sekunde.
Die regulatorische Genauigkeitsanforderung ist damit zehntausendmal kleiner als eine ganze Sekunde. Das bedeutet nicht, dass jede Schaltsekunde automatisch zu falschen Börsengeschäften führt. Moderne Handelssysteme verfügen über Mechanismen, um Zeitkorrekturen zu verarbeiten.
Das Risiko entsteht vielmehr dann, wenn unterschiedliche Rechner dieselbe Korrektur auf verschiedene Weise behandeln oder ihre Uhren kurzfristig voneinander abweichen. In einem hochautomatisierten Markt können solche Unterschiede die Nachvollziehbarkeit von Aufträgen, Handelsbestätigungen und Kontrollprotokollen beeinträchtigen.
2015 musste sich die Börsenwelt vorbereiten
Wie ernst die Branche das Problem nimmt, zeigte sich bereits bei der Schaltsekunde am 30. Juni 2015.
Damals koordinierte die internationale Branchenvereinigung Futures Industry Association, kurz FIA, umfangreiche Vorbereitungen für Börsen, Clearinghäuser, Broker und andere Marktteilnehmer.
Der Zeitpunkt war besonders ungünstig.
Während die zusätzliche Sekunde um Mitternacht nach UTC eingefügt wurde, fand in mehreren asiatischen Märkten bereits regulärer Handel statt. Auch amerikanische Terminmärkte waren betroffen.
Die FIA sammelte deshalb Informationen darüber, wie einzelne Handelsplätze und Dienstleister die ungewöhnliche Zeitkorrektur behandeln wollten. Zudem veröffentlichte der Verband Empfehlungen und organisierte den Austausch zwischen Unternehmen und Aufsichtsbehörden.
Einige Börsen passten ihre Abläufe vorsorglich an.
Der Vorgang verdeutlicht einen häufig unterschätzten Kostenfaktor der Finanzwirtschaft: Die eigentliche Veränderung der Uhrzeit dauert nur eine Sekunde. Die Vorbereitung darauf kann dagegen zahlreiche Unternehmen, technische Abteilungen und Aufsichtsstellen über Monate beschäftigen.
Dabei geht es um Softwaretests, Abstimmung zwischen Handelssystemen und Dienstleistern, Notfallpläne und die Sicherstellung korrekter Transaktionsdaten. Die finanzielle Belastung solcher Maßnahmen ist nicht mit der Dauer des Ereignisses vergleichbar.
Wenn eine zusätzliche Sekunde Computer lahmlegt
Dass Schaltsekunden nicht nur ein theoretisches Risiko darstellen, wurde bereits 2012 deutlich.
Damals führte eine zusätzliche Sekunde zu technischen Problemen bei mehreren großen Internetdiensten. Unter anderem kam es bei Reddit zu Störungen. Auch das Buchungssystem Amadeus, das von Fluggesellschaften verwendet wird, war betroffen.
Ursache waren Fehler in der Verarbeitung der Zeitkorrektur durch bestimmte Computersysteme. Die Vorfälle zeigen, dass selbst sorgfältig entwickelte Software an ungewöhnlichen Zeitkonstellationen scheitern kann.
Für Banken und Börsen ist ein solcher Ausfall besonders kritisch.
Wenn ein Internetforum vorübergehend nicht erreichbar ist, entsteht ein Problem für Nutzer und Betreiber. Fallen dagegen Handels- oder Zahlungssysteme aus, können wirtschaftliche Verpflichtungen nicht wie vorgesehen erfüllt werden.
Das heißt nicht, dass die damaligen Störungen unmittelbar zu einer vergleichbaren Finanzmarktkrise führten. Eine solche Folge ist nicht belegt.
Die Beispiele verdeutlichen jedoch, warum die Finanzbranche technische Zeitabweichungen als operationelles Risiko behandelt.
Die EZB bewegt täglich Billionen Euro
Wie groß die Bedeutung verlässlicher IT-Infrastruktur für den Zahlungsverkehr ist, zeigen Zahlen der Europäischen Zentralbank. Über das europäische Großbetragszahlungssystem T2 werden täglich im Durchschnitt rund 431.000 Zahlungen abgewickelt.
Ihr Gesamtwert liegt nach den von der EZB veröffentlichten Kennzahlen bei etwa 1,93 Billionen Euro pro Tag. Das System dient unter anderem dazu, Zahlungen zwischen Zentralbanken und Geschäftsbanken in Echtzeit abzuwickeln. Die genannten Billionenbeträge sind selbstverständlich keine Summe, die durch eine Schaltsekunde unmittelbar gefährdet wäre.
Sie machen aber die wirtschaftliche Größenordnung jener Infrastruktur deutlich, für deren zuverlässigen Betrieb präzise abgestimmte Prozesse wichtig sind.
Bei elektronischen Zahlungen geht es nicht nur darum, wann ein Betrag übertragen wird. Auch Fristen, die zeitliche Reihenfolge von Verarbeitungsschritten und die Dokumentation der Vorgänge müssen eindeutig sein. Einheitliche Zeitstandards erleichtern deshalb sowohl den laufenden Betrieb als auch die nachträgliche Kontrolle von Transaktionen.
Im internationalen Zahlungsverkehr, in dem mehrere Banken und technische Dienstleister zusammenarbeiten, sind widerspruchsfreie Zeitangaben ein wesentlicher Bestandteil der Infrastruktur.
Warum Google die Zeit schon heute anders behandelt
Die technische Unsicherheit wird dadurch verstärkt, dass Unternehmen unterschiedliche Verfahren zur Verarbeitung von Schaltsekunden entwickelt haben.
Google verwendet beispielsweise seit Jahren ein Verfahren namens »Leap Smear« - ein Verfahren über 24 Stunden. Dabei wird eine zusätzlich erforderliche Sekunde nicht abrupt eingefügt. Stattdessen verlangsamt das Unternehmen seine Systemuhren über einen längeren Zeitraum geringfügig und verteilt so die Korrektur.
Das vermeidet plötzliche Zeitsprünge, führt während der Anpassung allerdings zu geringfügigen Abweichungen von Systemen, die eine Schaltsekunde unmittelbar einfügen. Solange alle beteiligten Rechner dieselbe Methode verwenden, lässt sich das beherrschen.
Problematisch können dagegen technische Umgebungen sein, in denen unterschiedliche Zeitdienste und Synchronisationsverfahren ohne entsprechende Abstimmung kombiniert werden.
Für Finanzdienstleister, die mit externen Cloud-Anbietern, Börsen und Zahlungsdienstleistern verbunden sind, ist die einheitliche Zeitbasis deshalb von Bedeutung. Mit einer kontinuierlichen UTC soll die Notwendigkeit solcher unterschiedlichen Korrekturverfahren künftig entfallen.
Eine neue Zeitregel soll hohe IT-Kosten vermeiden
In ihrer Resolution warnt die Generalkonferenz für Maß und Gewicht ausdrücklich vor einer erstmals möglichen negativen Schaltsekunde. Weil sich die Erdrotation zeitweise beschleunigt hat, könnte künftig eine Sekunde nicht hinzugefügt, sondern aus der Weltzeit entfernt werden müssen.
Ein solcher Vorgang ist bislang noch nie durchgeführt worden. Die Fachleute sehen darin ein erhebliches Risiko für kritische Infrastrukturen, die auf eine lückenlose und vorhersehbare Zeitmessung angewiesen sind.
Nach einer in der Resolution wiedergegebenen wissenschaftlichen Einschätzung könnte die Wahrscheinlichkeit einer negativen Schaltsekunde bis 2035 auf etwa 30 Prozent steigen.
Die technische Vorbereitung auf einen solchen Eingriff wäre aufwendig. Die internationale Organisation zieht in diesem Zusammenhang sogar einen Vergleich mit den Investitionen, die für die Vorbereitung auf das sogenannte Jahr-2000-Problem erforderlich waren.
Damals mussten weltweit Computersysteme überprüft und angepasst werden, weil zahlreiche Programme Jahreszahlen nur zweistellig speicherten und beim Übergang von 1999 auf 2000 fehlerhaft arbeiten konnten.
Die Aussage bedeutet nicht, dass bereits konkrete Kosten der gleichen Höhe entstanden sind oder ein entsprechender Schaden unmittelbar droht. Sie verdeutlicht jedoch, weshalb die Zeitexperten eine weitere grundlegende Anpassung internationaler Computersysteme vermeiden möchten.
Die Abschaffung der Schaltsekunde soll diese besondere Fehlerquelle dauerhaft beseitigen.
Entlastung bedeutet nicht: kein Aufwand mehr
Für Banken, Börsen und andere Finanzdienstleister ist die Neuregelung allerdings keine Garantie, dass sich sämtliche Probleme der Zeitsynchronisation erledigen. Auch künftig müssen Unternehmen sicherstellen, dass ihre Systeme die korrekte Zeit verwenden und die regulatorischen Anforderungen einhalten.
Technische Störungen, falsch konfigurierte Server oder unzuverlässige Zeitdienste können weiterhin zu Abweichungen führen. Hinzu kommt, dass bestehende Systeme und Prozesse möglicherweise auf die bisherige Behandlung von Schaltsekunden ausgerichtet sind.
Die Umstellung auf eine kontinuierliche Weltzeit muss deshalb ebenfalls technisch nachvollzogen werden. Wie hoch die damit verbundenen Kosten ausfallen, ist bislang nicht allgemeingültig bezifferbar. Sie hängen von der vorhandenen Infrastruktur und dem jeweiligen Anpassungsbedarf ab.
Die wirtschaftliche Bedeutung des Beschlusses liegt vor allem darin, dass die Branche künftig keine unregelmäßigen positiven oder negativen Schaltsekunden mehr verarbeiten muss.
Damit entfällt ein spezielles, seit Jahrzehnten bekanntes Risiko.
Ein kleiner Eingriff in die Zeit, ein großer Schritt für die Infrastruktur
Die neue Weltzeit ist kein Instrument, mit dem Banken plötzlich schneller handeln oder höhere Gewinne erzielen können.
Auch für die Bewertung einzelner Börsenbetreiber oder Technologieunternehmen lässt sich aus dem Beschluss allein keine konkrete Kursprognose ableiten.
Der Nutzen liegt in der Stabilität der gemeinsamen technischen Grundlage.
In einer global vernetzten Finanzwirtschaft hängt die zuverlässige Abwicklung von Geschäften von zahlreichen unsichtbaren Standards ab. Dazu gehören Kommunikationsprotokolle, Sicherheitsverfahren, Datenformate und eben auch die Zeitmessung. Funktionieren diese Standards, werden sie von den meisten Menschen kaum wahrgenommen. Erst wenn sie versagen, zeigt sich ihre wirtschaftliche Bedeutung.
Die Abschaffung der Schaltsekunde folgt deshalb einem grundsätzlichen Prinzip moderner Infrastruktur: Je komplexer und stärker vernetzt ein System wird, desto wichtiger werden einfache, einheitliche und verlässliche technische Regeln.
Was im Alltag als unbedeutende Sekunde erscheint, kann für die Finanzwelt zu einer aufwendigen technischen Herausforderung werden.
Ab Mai 2027 soll zumindest diese Herausforderung weitgehend der Vergangenheit angehören.