Börse

Friedenshoffnung reicht plötzlich, um Rüstungsaktien fallen zu lassen

Rheinmetall, Renk und Hensoldt verlieren deutlich – obwohl sich an Europas Aufrüstung zunächst wenig geändert hat

6 Min.

25.09.2026

Rüstungsaktien waren über Jahre eine der direktesten Börsenwetten auf steigende Verteidigungsausgaben. Inzwischen funktioniert dieser Mechanismus auch in die andere Richtung. Am Donnerstag verloren Rheinmetall, Renk und Hensoldt deutlich, während aus New York neue Signale für Gespräche zwischen den USA und Russland kamen. Einen belegten unmittelbaren Zusammenhang zwischen diesen Nachrichten und den Kursverlusten gibt es nicht. Auffällig ist dennoch, wie empfindlich der gesamte Sektor inzwischen auf jede Aussicht auf geopolitische Entspannung reagiert.

Rheinmetall fällt unter die Marke von 1.000 Euro

Rheinmetall beendete den Xetra-Handel am Donnerstag mit einem Minus von 3,41 Prozent bei 990 Euro. Renk verlor 3,99 Prozent auf 40,23 Euro, Hensoldt 4,16 Prozent auf 76 Euro. Auch andere europäische Rüstungstitel standen unter Druck.

Damit setzt sich eine Entwicklung fort, die bereits seit Wochen zu beobachten ist.

Noch vor wenigen Monaten wurden Nachrichten über steigende Verteidigungsbudgets, neue Großaufträge und zusätzliche Produktionskapazitäten von Anlegern beinahe automatisch mit höheren Kursen beantwortet. Inzwischen reichen starke operative Nachrichten häufig nicht mehr aus, um die Aktien nachhaltig nach oben zu treiben.

Rheinmetall notiert inzwischen rund zur Hälfte unter seinem 52-Wochen-Hoch von knapp 1.990 Euro.

Das allein zeigt, wie stark sich die Erwartungen verändert haben.

Putin bekommt eine Einladung nach Miami

Der aktuelle politische Impuls kam von US-Außenminister Marco Rubio.

Nach einem Treffen mit Russlands Außenminister Sergej Lawrow am Rande der UN-Generalversammlung erklärte Rubio, die USA hätten Russlands Präsidenten Wladimir Putin zum G20-Gipfel im Dezember in Miami eingeladen. Washington hoffe, dass Putin die Einladung annehme. Nach Angaben Rubios solle der Gipfel Gelegenheit zu Gesprächen mit Donald Trump und anderen Staats- und Regierungschefs bieten.

Zusätzlich erklärte Rubio, Russland und die Ukraine hätten Interesse an einer begrenzten Waffenruhe signalisiert, die Angriffe auf Energieanlagen und den Getreidehandel betreffen könnte. Russland stellte eine baldige umfassende Waffenruhe allerdings keineswegs in Aussicht; Lawrow widersprach der Darstellung, Moskau strebe lediglich eine kurzfristige Feuerpause an.

Von einem unmittelbar bevorstehenden Ende des Krieges kann damit keine Rede sein. An der Börse genügt aber manchmal bereits die veränderte Wahrscheinlichkeit eines Szenarios.

Für Rüstungsaktien wird Frieden zum Bewertungsrisiko

Das klingt zunächst paradox.

Selbst bei einem Waffenstillstand in der Ukraine würden Deutschlands und Europas Verteidigungsbudgets nicht automatisch auf das Niveau vor 2022 zurückfallen. Viele Staaten haben langfristige Beschaffungsprogramme gestartet, Produktionskapazitäten werden erweitert und bestehende Munitions- und Materialbestände müssen aufgefüllt werden.

Bei Rheinmetall zeigt sich das unmittelbar in den Geschäftszahlen.

Im ersten Halbjahr 2026 steigerte der Konzern Umsatz und Profitabilität kräftig. Für das Gesamtjahr erwartet Rheinmetall trotz einer Prognoseanpassung weiterhin 13,7 bis 14,2 Milliarden Euro Umsatz, entsprechend einem organischen Wachstum von 28 bis 31 Prozent. Die operative Marge soll bei rund 19 Prozent liegen. Der Konzern verweist zugleich auf einen weiterhin sehr hohen Auftragsbestand.

Die fundamentale Nachfrage ist also keineswegs verschwunden.

Was sich verändert, ist die Bewertung dessen, was Anleger künftig noch zusätzlich erwarten können.

Denn in den Kursen steckte sehr viel Zukunft

Rüstungsaktien wurden nach Russlands Angriff auf die Ukraine zu einem der größten Börsentrends Europas.

Dahinter stand die Erwartung, dass Verteidigungsausgaben strukturell steigen und Unternehmen wie Rheinmetall, Hensoldt oder Renk über viele Jahre überdurchschnittlich wachsen können.

Je stärker diese Erwartung bereits im Aktienkurs enthalten ist, desto empfindlicher reagiert der Markt auf Nachrichten, die dieses langfristige Szenario auch nur ein wenig infrage stellen.

Eine diplomatische Annäherung bedeutet nicht automatisch weniger Aufträge. Sie kann aber die Bereitschaft von Anlegern reduzieren, für zukünftiges Wachstum sehr hohe Bewertungen zu bezahlen.

Der aktuelle Kursrückgang ist deshalb auch ein Bewertungsproblem.

Bei Rheinmetall kommt ein hausgemachtes Problem hinzu

Rheinmetall ist allerdings nicht nur Opfer geopolitischer Stimmung.

Der Konzern musste seine Jahresprognose im August nach unten korrigieren.

Grund war die Absage des deutschen Fregattenprogramms F126. Dadurch erwartet Rheinmetall im laufenden Jahr bis zu 300 Millionen Euro weniger Umsatz. Die ursprüngliche Umsatzprognose von 14 bis 14,5 Milliarden Euro wurde auf 13,7 bis 14,2 Milliarden Euro gesenkt.

Die langfristigen Folgen bewertet das Unternehmen selbst als begrenzt: Der geplante Umsatzbeitrag des F126-Programms zur Prognose für 2030 lag nach Rheinmetall-Angaben unter drei Prozent. Andere Aufträge sollen den Ausfall mittelfristig kompensieren.

Dennoch war die Absage für Anleger ein Warnsignal.

Sie zeigte, dass auch bei historisch hohen Verteidigungsbudgets nicht jeder erwartete Großauftrag tatsächlich im Auftragsbuch landet.

Zwischen Branche und Unternehmen

Während der ersten großen Rüstungsrally reichte häufig bereits die Zugehörigkeit zum Sektor, um von steigenden Kursen zu profitieren.

Mittlerweile schauen Anleger genauer hin.

  • Wie profitabel sind neue Aufträge? 
  • Wie viel Kapital kostet der Ausbau der Produktion? 
  • Welche Programme verzögern sich? 
  • Wie stark wächst der Umsatz tatsächlich? 
  • Wie hoch ist die Bewertung bereits?

Bei Rheinmetall kamen zuletzt zusätzlich Bedenken hinzu, dass künftig ein größerer Teil des Wachstums aus neuen Geschäftsfeldern wie Drohnen, autonomen Systemen oder Raumfahrt stammen könnte, bei denen Partnerschaften und Gemeinschaftsunternehmen eine größere Rolle spielen. JPMorgan setzte die Aktie im September deshalb auf eine sogenannte Negative Catalyst Watch.

Damit hat sich die Börsengeschichte verändert.

Aus »Europa rüstet auf, also steigen Rüstungsaktien« wird wieder klassische Unternehmensanalyse.

Friedenssignale können Kurse bewegen – die Aufträge verschwinden deshalb nicht

Die Einladung Putins nach Miami ist vorerst ein diplomatisches Signal.

Ob daraus tatsächlich eine Waffenruhe oder später sogar ein belastbares Friedensabkommen entsteht, ist offen. Ebenso offen ist, welche Folgen ein solches Szenario auf die langfristigen europäischen Verteidigungsausgaben hätte.

Die aktuelle Kursreaktion zeigt deshalb weniger, dass Anleger bereits mit einem Ende des Rüstungsbooms rechnen. Sie zeigt, wie viel geopolitische Erwartung noch immer in diesen Aktien steckt. Rheinmetall kann weiterhin zweistellig wachsen und Milliardenaufträge gewinnen.

Für die Aktie reicht das allein inzwischen offenbar nicht mehr.

Nach Jahren, in denen Rüstungswerte fast ausschließlich von immer höheren Erwartungen profitierten, erlebt der Sektor jetzt die andere Seite dieser Logik:

Schon die Aussicht darauf, dass die Welt ein wenig weniger gefährlich werden könnte, kann an der Börse Milliarden an Wert kosten.

Stefanie S. Klief

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